Gladbach Fans auf der voll besetzten Tribüne des Bökelbergstadions am 2. Mai 1965
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"Die Mauer muss weg!"

Fußball-Land DDR


18.6.2014
Die Politik griff in der DDR massiv in den Spielbetrieb ein, um Vereine zu fördern oder unliebsame Sportler abzustrafen. Heute dritt- oder viertklassige Vereine errangen europäische Erfolge und eine bunte Fanszene nutzte trotz staatlicher Kontrolle die Stadien, um zu protestieren.

Dynamo feiert den letzten im DDR-Fußball vergebenen MeistertitelDie Spieler der SG Dynamo Dresden feiern mit Fans am 26.05.1990 im heimischen Dynamo-Stadion den verteidigten DDR-Fußballmeistertitel. Es ist der achte in der Klubgeschichte und zugleich der letzte vergebene im DDR-Fußball. (© picture alliance / ZB)


Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand den Menschen im zerbombten Osten Deutschlands schnell wieder der Sinn nach Sport und Spiel. Der Breitensport Fußball bot Zerstreuung und bald flogen Lumpen- und Lederbälle durch die zerstörten Städte und Dörfer. Zunächst unorganisiert, da alle bürgerlichen Sportvereine in Folge der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens des alliierten Kontrollrats als Unterorganisationen der NSDAP verboten und zum 1. Januar 1946 enteignet und aufgelöst wurden. Anstelle der Vereine entstanden lokale Sportgruppen, die bald wieder regionale Meisterschaften durchführten.

Ab 1946 betreuten die FDJ (Freie Deutsche Jugend) und der FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) patenschaftlich regionale Sportgemeinschaften (SG). In den folgenden Jahren entstanden Betriebssportgemeinschaften (BSG), die jeweils von einem Großbetrieb finanziert und organisiert wurden. Diese Trägerbetriebe sorgten für die heute oft kurios klingenden Namen der Vereine. So stand Empor für Handels- und Nahrungsgüterwirtschaft, Rotation für Druckereien und Verlage, Traktor für landwirtschaftliche Genossenschaften, Motor für Maschinenbau, Lok für die Verkehrswirtschaft, Turbine für Energiebetriebe usw. Die Ausübung von Sport in enger Bindung an die Produktions-Betriebe sollte ein Bekenntnis zur sozialistischen Gesellschaft darstellen, in Abgrenzung zum "bürgerlichen Nur-Sportlertum".

In den Jahren 1948 und 1949 wurde in der Ostzone unter der Regie des neugegründeten "Deutschen Sportausschusses" die Ostzonenmeisterschaft im K.-o.-System ausgespielt. Insgesamt zehn teilnehmende Teams kamen aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Erster Meister wurde 1948 die SG Zwickau-Planitz, ein Jahr später trug sich die ZSG Union Halle in die Annalen ein. Die sowjetische Besatzungsmacht untersagte den Ostzonenmeistern die Teilnahme an der gesamtdeutschen Meisterschaft. Wegen des besonderen Berlinstatus kickten Berliner Teams bis 1950 um die Stadtmeisterschaft in einer Ost-West Liga. Im Jahr 1949 schuf der Deutsche Sportausschuss in der Sowjetischen Besatzungszone die Fußball-Oberliga. Im Lauf der ersten Spielzeit wurde die DDR gegründet und fortan war die Rede von der ersten DDR-Meisterschaft.

Die Beteiligung an einer gesamtdeutschen Meisterschaft stand nie zur Debatte. Trotzdem entwickelte sich bereits ein munterer Reigen von Freundschaftsspielen zwischen Teams aus Ost und West, der bis 1989 Bestand haben sollte. Neben der Oberliga mit ihren 14 Mannschaften wurde innerhalb der DDR ein nationaler Pokal, FDGB-Pokal genannt und vom Einheitsgewerkschaftsverband der DDR gestiftet, ausgespielt. Den ersten Pokal holte das Team mit dem schönen Namen Waggonbau Dessau. Die SG Dynamo Dresden und der 1. FC Magdeburg sollten diesen Pokal jeweils sieben Mal heimbringen.

1974, Einlauf der DDR Nationalmannschaft in das Hamburger Volksparkstadion.1974, Einlauf der DDR Nationalmannschaft in das Hamburger Volksparkstadion. (© imago/Magic)


Die Sendung "Sportreporter" berichtet über die Rückkehr der DDR-Fußball-Nationalmannschaft von der WM 1974. (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1974)
Die größten Erfolge im Europacup feierte der DDR-Fußball in den 1970ern. Bereits 1972 stand der zweitgrößte Erfolg einer DDR-Nationalelf zu Buche. Sie wurde 1972 in München Olympiadritter. 1976 in Montreal hielt sie gar den Siegerkranz in den Händen. Bei Weltmeisterschaften durfte sie einmal dabei sein – und schaffte gleich einen historischen Triumph. Die Ostzone schlug 1974 in Hamburg die Westzone mit 1:0. Jürgen Sparwasser semmelte sein epochales 1:0 dem Meiersepp in den Kasten.

Während in der BRD früh ausländische Spieler verpflichtet wurden, spielten in der DDR ab Mitte der 1970er Jahre leihweise sowjetische Soldaten in 2.-Liga-Spielen mit. Gute Beziehungen der jeweiligen Kombinats-Direktoren oder SED-Bezirkssekretäre zu ihren Kommandanturen ermöglichten diesen Transfer. Beim SASK Elstal zum Beispiel (Sowjetischer Armeesportclub, westlich von Spandau im heutigen Landkreis Havelland gelegen) trainierten sowjetische Leistungssportler während ihres Wehrdienstes. Die Fußballabteilung des SASK bestand fast ausschließlich aus im Wehrdienst stehenden Spielern des ZSKA Moskau. Der Club trat unter anderem gegen den BFC Dynamo, Union Berlin und dem 1. FC Magdeburg als Testgegner von Oberliga- bzw. Liga-Mannschaften an. Seit den 1970er Jahren fungierte der SASK als einziger Club, welcher ausländische Spieler im größeren Stil im DDR-Fußball auslieh.

Über Nizza lacht die Sonne, über uns die ganze Welt



Der DDR-Fußball war nie frei von staatlicher Beeinflussung. In jeder Mannschaft gab es einen Mannschaftsleiter, der unter anderem für politische Agitation und Propaganda zuständig war. Im DDR-Jargon nannte man diese Form der Gehirnwäsche Rotlichtbestrahlung. Fußballaffine Fürsten von Armee, Polizei und Staatsicherheit, Kombinats-Direktoren und Funktionäre aller Blockparteien sorgten sich Zeit ihres Wirkens um "ihre" Oberligaclubs. Es wurde manipuliert und gemauschelt, was das Zeug hielt. Die Geschichte der 46 Clubs, die jemals in der DDR-Oberliga kickten, ist reich an Kuriositäten und Intrigen.

Eine nützliche Tat für den Sozialismus.Eine nützliche Tat für den Sozialismus. (© imago/ND-Archiv)


Zitat

Edgar Külow (Fußball-Kolumnist des "Eckenbrüller", Junge Welt)

Das war doch keine freie Zeitung! Alles musste abgesegnet sein, kein Redakteur traute sich doch, was zu sagen. Wir hatten leider auch diese Selbstzensur im Schädel, das heißt, wir wussten, was nicht ging. Wir Satiriker wussten, das kriegen wir nicht durch. Du hättest dich manchmal selbst in den Arsch treten können.



Minister und Bezirkssekretäre verschoben Nachwuchstalente, Spieler und Trainer quer durch die Republik. Als die "Spielkultur" zunehmend zu wünschen übrig ließ, beschlossen 1965 DTSB und DFV, die Fußballsektionen aus den Sportvereinen der Betriebe in Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Jena, Erfurt, Halle, Magdeburg, Rostock und Berlin herauszulösen und eigenständige Fußballclubs zu gründen. Man wollte schnellstens das Niveau anheben. Vereinsnamen wurden geändert, Spieler mit Westverwandtschaft rausgeworfen und stark in die Kompetenzen der Trainer eingegriffen. Wenn es drauf ankam, wurden auch ganze Mannschaften innerhalb der DDR verpflanzt. (Dynamo Dresden nach Berlin, Vorwärts Leipzig nach Berlin, später nach Frankfurt/Oder, Empor Lauter/Erzgebirge nach Rostock). Im Westen wurden die Spieler "verkauft", im Osten "delegiert". Einzelne Spezis der Schiedsrichtergilde ließen sich gern verwöhnen, die D-Mark war in der DDR der Schlüssel zum Schlaraffenland hochwertiger Güter.

Die Spitzenfußballer waren Vollprofis und privilegiert. Pro Forma waren sie entweder in Großbetrieben angestellt oder hatten Armee- und/oder Polizeiränge und Gehälter. So wurden herausragende Kicker mit Schrankwänden aus Pressspan, Haushälften, Autos und Urlaubsreisen geködert. Die Öffentlichkeit erahnte manches. An eine freie Presse, die kritisch über die Belange des Fußballs berichtete, war in der DDR selbstverständlich nicht zu denken. Die wöchentlich erscheinende Zeitung FUWO=Fußballwoche informierte über die Ereignisse des letzten Fußball-Wochenendes und krittelte höchstens mal versteckt am Rande. Mit Beginn der Saison 1965/66 wurden die Oberligaspiele vom Sonntag auf den Sonnabend verlegt und eine schnell populäre "Originalkonferenzreportage" im Radio der DDR eingeführt.

Quellentext

"Die Welt", BRD, 1976

Ein Reizentzug vom Fußball, nicht nur durch die Ferien bedingt, beeinträchtigt die Hirnfunktion derart, dass die Menschen durch ihn sogar verrückt werden können.



Dieses Zitat benutzten Autoren vom Sportverlag der DDR, um in ihrem ein Jahr später erschienenen Bildband "Fußball – Magnet für Millionen" aufzuzeigen, dass in westlichen Ländern Fußball funktionalisiert wurde: Als Ablenkungsmanöver von Arbeitslosigkeit, Alltagssorgen und sozialer Unsicherheit. Der kalte Krieg existierte auch im Lieblings-Volkssport, dem Fußball. Höhnisch kommentierten DDR-Journalisten aufkommende Probleme mit dem Fan-Verhalten in westlichen Stadien. Fußball im NSW (Nichtsozialistisches Währungsgebiet) basierte nach ihrer Einschätzung auf geschäftlichen Interessen und erzeugte systemimmanente Erscheinungen wie Hooliganismus. So etwas schien in der DDR nicht denkbar.




 

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