Japan's Homare SAWA (JPN) (M) and teammates celebrate the win of the world cup during the final match of the Women's Soccer World Cup between USA and Japan, Commerzbank-Arena in Frankfurt on July 17., 2011. Pressefoto Mika Finale der Fussball Frauen-Weltmeisterschaft zwischen USA und Japan am 17. Juli 2011 in der Commerzbank-Arena in Frankfurt. Pressefoto Mika
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Frauenfußball - zurück aus dem Abseits


18.4.2011
Die Geschichte des Frauenfußballs zeigt, dass Spielerinnen mit unterschiedlichsten Klischees konfrontiert wurden. Gleich geblieben ist nur die Folie, vor der die Zuschreibung erfolgt: die Folie der Männerperspektive auf Männerfußball.

Es war ein langer Weg von den ersten Frauenfußballspielen bis zur Weltmeisterschaft in Deutschland. Hier im Bild die deutsche Spielerin Simone Laudehr im Zweikampf mit der Norwegerin Nora Holstad Berge bei einem Vorbereitungsspiel in Mainz.Es war ein langer Weg von den ersten Frauenfußballspielen bis zur Weltmeisterschaft in Deutschland. Hier im Bild die deutsche Spielerin Simone Laudehr im Zweikampf mit der Norwegerin Nora Holstad Berge bei einem Vorbereitungsspiel in Mainz. (© AP)

Unter dem Slogan "20Elf von seiner schönsten Seite" findet vom 26. Juni bis zum 17. Juli 2011 die "FIFA Frauen-Weltmeisterschaft" in Deutschland statt.[1] Seit 2008 wird das sportliche Weltereignis vom Organisationskomitee des Deutschen Fußballbundes (DFB) unter Leitung der ehemaligen Nationalspielerin Steffi Jones vorbereitet, und die Werbung für Event, Sportart und Spielerinnen läuft auf Hochtouren. Welches Bild des Frauenfußballs ist es nun, das seit einigen Jahren von Veranstaltern und Medien in der Öffentlichkeit lanciert wird? Jones sagte dazu bei der Präsentation des Slogans: "Die Emotionen des Fußballs generell, die besondere Ästhetik und Dynamik des Frauenfußballs und die einzigartige Atmosphäre einer WM - all' diese Aspekte vereint unser Leitspruch. (...) Jeder soll dabei sein, wenn im Jahr 2011 die besten Frauen der Welt die schönste (Neben)Sache der Welt zelebrieren. In der für Frauen typischen Art und Weise: elegant, dynamisch, technisch versiert, leicht und locker ... kurzum: schön."[2]

Hier scheint sich in den vergangenen Jahren ein fundamentaler Wahrnehmungswandel vollzogen zu haben: Das lange gepflegte Klischee der Ball tretenden "Suffragetten", "Mannweiber" oder "Kampflesben" scheint ausgedient zu haben zugunsten eines neuen Klischees der "emotionalen und schönen" Frauen, die ebensolchen Fußball spielen. Was gleich geblieben ist, ist die Folie, vor der die Zuschreibung erfolgt: die Folie der Männerperspektive auf Männerfußball.

Nach zahlreichen internationalen Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft - sieben Europa- und zwei Weltmeistertitel, sowie dreimal olympisches Bronze in knapp 30 Jahren - bietet die Frauen-WM einen geeigneten Anlass, einen bilanzierenden Blick auf den Frauenfußball zu richten und dabei über das reine Spiel hinaus zu sehen.[3] Dabei ist auszuloten, inwieweit sich Fußball als "eines der letzten Reservate von Männlichkeit",[4] das seismografisch auf die Auflösung von klassischen Rollenbildern oder Geschlechtszuschreibungen reagiert, dazu eignet, die Frage nach Emanzipation anhand der Kriterien Ausgrenzung und Teilhabe, Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Wahrnehmung zu erörtern. Zudem soll nach der emanzipatorischen Wirkkraft speziell des Frauenfußballs gefragt werden. Denn die zurückliegenden Jahrzehnte der mehr oder minder friedlichen Koexistenz von Fußball und Frauenfußball haben gezeigt, dass diese Unterscheidung notwendig zu sein scheint, um beiden Phänomenen gerecht zu werden.

Spielstand 1900



Fußball schien lange Zeit mit unhinterfragter Selbstverständlichkeit nur ein Sport für Männer zu sein. Fußball spielende Frauen wurden als Abweichung von der Norm wahrgenommen, sie hatten sich für ihr Fußballspiel zu rechtfertigen und mit Behinderungen und Verboten auseinanderzusetzen. Das war aber nicht immer so. In Handbuchartikeln zur Entstehungsgeschichte des Fußballs ist nachzulesen, dass Frauen an den frühesten Spielformen im Mittelalter beteiligt waren.[5] Und noch im 18. Jahrhundert wurde der vormoderne Fußball zum Vergnügen auf kirchlichen Festen von Frauen und Männern gespielt. Dabei sind sowohl Spiele von gemischten Teams überliefert als auch Spiele, bei denen Frauen gegen Männer oder Frauenteams aus unterschiedlichen Dörfern gegeneinander antraten.[6] Im Gegensatz zu heute war das Geschlecht noch kein trennendes Kriterium für die Mannschaftsbildung.[7]

Der moderne Fußball entwickelte sich zwischen 1750 und 1850 aus dem unregulierten Volksfußballspiel. Das Spiel wurde in England von Schulen aufgegriffen und dort durch die Festschreibung von Regeln formalisiert. Die Pädagogen sahen in ihm eine Möglichkeit, die Persönlichkeitsentwicklung von Schülern zu fördern und es auf der Basis von überregional verbindlichen Regeln auch mit der Wettkampfidee des modernen Sports zu verbinden.[8] Frauen und Mädchen wurden zu dieser Zeit zwar noch in geringem Umfang beteiligt,[9] Fußball war aber sowohl in England als auch später in Deutschland das Spiel, das in erster Linie für Jungen etabliert und ausgebaut wurde. Die geringe Beteiligung von Mädchen und Frauen wurde mit der Zeit immer weiter eingeschränkt, und ausgehend von der Geschlechterdifferenzierung wurden sie schließlich ganz vom Fußballspiel ausgeschlossen.

Zunächst hatte die Zahl der Fußball spielenden Frauen jedoch zugenommen. In England gründete 1894 Nettie Honeyball das erste Frauenfußballteam, und am 23. März 1895 fand ein Spiel zwischen einer nord- und einer südenglischen Frauenauswahl vor rund 10000 Zuschauern statt. Auch für den Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich durchaus eine Beteiligung von Frauen am Fußballspiel feststellen. Sie traten gegeneinander an, spielten in gemischten Teams oder auch gegen Männermannschaften.[10] Dagegen war im Kampf um gleiche bürgerliche Rechte, den Nettie Honeyball als Frauenrechtlerin und Lady Florence Dixi, Präsidentin des Frauenfußballclubs und aktives Mitglied der Frauenstimmrechtsvereinigung, vermutlich auch führten, noch keine Lösung in Sicht.[11] Erst 1918/19 wurde der Forderung der Frauenwahlrechtsbewegung in Deutschland, England und Frankreich mit der Einführung des Wahlrechts für Frauen nachgegeben.

Erster Weltkrieg - Stunde der Fußballerinnen?



Während des Ersten Weltkriegs kam der Ligaspielbetrieb der Männer fast vollständig zum Erliegen; vor allem in England entwickelte sich der Frauenfußball nun unter sehr günstigen Rahmenbedingen weiter. Es gründeten sich viele neue Frauenfußballmannschaften, und die Football Association (FA) stellte den Frauen wegen der großen Zuschauernachfrage Plätze und Infrastruktur zur Verfügung. Die Eintrittsgelder der Spiele wurden ausschließlich für wohltätige Zwecke verwendet. Das bekannteste Frauenteam dieser Zeit waren die "Dick Kerr's Ladies", die 1917 von den Arbeiterinnen einer Munitionsfabrik in Preston gegründet worden war. Sie spielten am 26. Dezember 1920 in Everton vor 50000 Zuschauern gegen die "St. Helen Ladies", im selben Jahr in Paris vor 20000 Zuschauern gegen eine französische Frauenfußballauswahl und gewannen 1922 auf einer Tour durch die USA und Kanada gegen Männerteams. Ende 1921 hatte fast jede größere Stadt in England ein eigenes Frauenfußballteam; durch den regelmäßigen Spielbetrieb kam es zu Leistungssteigerungen und Professionalisierungstendenzen.[12]

Parallel zu dieser Entwicklung im Frauenfußball wurden Frauen verstärkt für die Erwerbsarbeit mobilisiert, um die im Krieg dienenden Männer zu ersetzen. Viele Frauen machten durch die Aufwertung der Frauenarbeit und die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit die Erfahrung von Freiheit.[13] Doch die Vermutung, der Erste Weltkrieg habe die Beziehung zwischen den Geschlechtern von Grund auf umgewälzt und eine emanzipatorische Wirkung gehabt, haben Historikerinnen widerlegt.[14]

Nach dem Krieg verwiesen die zurückgekehrten Männer die Frauen in vielen Gesellschaftsbereichen wieder auf ihren ursprünglichen Platz in der Familie zurück. Sowohl in Deutschland als auch in England fehlte es an Akzeptanz für die Erwerbsarbeit von Frauen, lediglich in Frankreich schien eine tolerantere Haltung gegenüber berufstätigen Frauen möglich zu sein.[15] Ob dies auch den unterschiedlichen Umgang in Frankreich und England mit dem Frauenfußball erklärt, wäre zu überprüfen.

In England schuf die FA 1921 für den Frauenfußball unüberwindbare Hindernisse, indem sie ihren Mitgliedsverbänden verbot, auf ihren Plätzen Frauenfußballspiele auszutragen. Als offizielle Begründung für diese Entscheidung wurden angebliche Unregelmäßigkeiten bei den für wohltätige Zwecke bestimmten Eintrittsgeldern angegeben.[16] In Frankreich konnten die Frauen dagegen zunächst ungehindert von Verboten Fußball spielen, gesellschaftlich stießen sie aber auch hier auf eher ablehnende Reaktionen. Im Wettbewerb um die französische Frauenfußballmeisterschaft, der bis Anfang der 1930er Jahre ausgetragen wurde, war vor allem das 1917/1918 gegründete Team von Fémina Sport Paris erfolgreich, das den Titel mehrmals gewann und auch regelmäßig eine große Anzahl Spielerinnen für die Auswahl bei internationalen Begegnungen stellte. Ende der 1920er Jahre fehlte es den Frauenfußballvereinen jedoch an Nachwuchs, das Interesse der Zuschauer ließ nach und im Zuge der Weltwirtschaftskrise stellten die Sportdachverbände die staatlichen Zuschüsse ein, die den Spielbetrieb außerhalb Paris ermöglicht hatten.[17]



 

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1955 verbietet der Deutsche Fußball-Bund seinen Mitgliedsvereinen den Frauenfußball. In den Augen des Verbands gilt der Fußballsport als "unweiblich" und "nichtfraugemäß". Erst 1970 ändert sich die Einschätzung, am 31. Oktober wird das Verbot aufgehoben. Weiter...