Japan's Homare SAWA (JPN) (M) and teammates celebrate the win of the world cup during the final match of the Women's Soccer World Cup between USA and Japan, Commerzbank-Arena in Frankfurt on July 17., 2011. Pressefoto Mika Finale der Fussball Frauen-Weltmeisterschaft zwischen USA und Japan am 17. Juli 2011 in der Commerzbank-Arena in Frankfurt. Pressefoto Mika

Presseschau

18. Juli 2011

19.7.2011
Die WM ist zu Ende und hat mit Japan einen Weltmeister hervorgebracht, den zuvor die wenigsten auf dem Zettel hatten. Die nationale und internationale Presse legt den Fokus auf die Bedeutung des Titels für die Menschen in Japan und skizziert noch einmal im Rückblick die Entwicklung, die der Frauenfußball in den vergangenen Jahren genommen hat.

Carsten Eberts (SZ) gratuliert dem neuen Weltmeister: "Nur wenige Monate nach dem Atomunfall von Fukushima-1 und der schlimmsten Katastrophe des Landes in seiner jüngeren Geschichte sind Japans Fußballerinnen tatsächlich Weltmeister. Sie holten sich jenen Titel, der vor dem Turnier eigentlich den gastgebenden Deutschen versprochen war; und wenn nicht denen, dann bestimmt den USA oder Brasilien."

Claudio Catuogno (SZ) freut sich über eine faustdicke Überraschung: "25 Mal haben Fußballerinnen aus den USA und Japan seit 1986 bislang gegeneinander gespielt, 22 Partien gewannen die USA, drei endeten remis, und man muss kein Mathematiker sein, um auszurechnen, wie oft Japan gewann. Nie. Die Weltmacht USA hatte es also mit einem aufstrebenden Schwellenland zu tun. Diese Herausforderung hatten die Japanerinnen allerdings lustvoll angenommen. Und am Ende gestalteten sie dieses Finale so offen, dass alleine das schon die Sensation war. Ehe die tatsächliche Sensation Wirklichkeit wurde."

Christian Kamp (FAZ) fasst zusammen: "Am Ende hatten sogar die Japanerinnen, das Überraschungsteam dieses Turniers, das bessere Ende für sich. Saki Kumagai verwandelte den entscheidenden Elfmeter, der den Asiatinnen den ersten Weltmeistertitel überhaupt bescherte. Es war ein Sieg der spielstärksten, an diesem Abend aber auch zähesten Mannschaft des Turniers – etwas glücklich gegen die anfangs hochüberlegenen Amerikanerinnen, aber gewiss auch nicht unverdient."

Daniel Meuren (FAZ) freut sich über einen Negativrekord – nur 2,69 Tore fielen bei der WM 2011 pro Spiel: "Allzu krasse Leistungsunterschiede zwischen den Teilnehmern oder lächerliche Torwartfehler, wie sie in der Vergangenheit nahezu in jedem Spiel zu bestaunen waren, sind ausgeblieben. Das Kurzpassspiel der Japanerinnen hat zudem spielerisch neue Maßstäbe gesetzt, die gewiss ähnlich wie das spanische Tiki-Taka bei den Männern Vorbildfunktion haben dürften für die Konkurrenz in aller Welt."

Matti Lieske (Berliner Zeitung) resümiert: "Von den zwei großen sozialen Projekten bei dieser WM hatte sich am Ende die äußerst zähe Kampagne 'Schöner Fußball für die nationale Moral' von der Firma Hawa & Sasaki gegen das Unternehmen 'Go for Gold' von Wambach & Solo gegen durchgesetzt. Japan gewann ein gutes und spannendes Finale gegen die USA vor 48871 Zuschauern in einem Elfmeterschießen, bei dem gleich die ersten drei Amerikanerinnen patzten."

Jürgen Ahäuser (FR) zieht den unsäglichen Vergleich: "Es war für die Akteurinnen Fluch und Segen zugleich, dass ihre Sportart diesen Sommer dermaßen unter dem Brennglas stand. Werbung, Zeitungssonderseiten und unglaubliche Fernsehquoten selbst bei Spielen ohne deutsche Beteiligung machten eine erkleckliche Anzahl von Spielerinnen zu Stars. Gleichzeitig gilt aber trotz aller Begeisterung für die Frauen-WM als Naturgesetz, dass auf diesem Globus nichts so groß, bedeutend, spannend und unterhaltsam ist wie Fußball, der von Männern zelebriert wird."

"Die USA haben gegen ein motiviertes Team verloren, das aus einem Land kommt, das am 11. März dieses Jahres einen dreifachen Rückschlag erlebt hat", schreibt George Vecsey in der New York Times. Der Gewinn des WM-Titels sei der größte Moment im japanischen Frauenfußball, "vielleicht noch größer als der Sieg im World Baseball Classic und in den anderen Sportarten, in denen die Japaner erfolgreich sind." Trotz der Niederlage seien jedoch auch die unterlegenen Amerikanerinnen eine Art Gewinner: "Die USA haben hat neue Fans in der Heimat gewonnen; Fans , die die Nationalheldinnen Abby Wambach und Hope Solo gewürdigt haben; Fans, die begeistert neue Kultfiguren wie etwa die 22-jährige Alex Morgan oder Megan Rapinoe gefeiert haben."

Chico Harlan war für die Washington Post in Tokio und hat beobachtet, wie sich zum ersten Mal wieder so etwas wie eine gemeinsame nationale Freude entwickelt hat: "Für die Japaner war der Sieg so etwas wie eine Art Ablenkung von ihrer eigenen Opferrolle. Zu Tausenden sind die Menschen hier in Bars und Kneipen geströmt – und das alles wegen der Frauennationalmannschaft." Dabei hat man zunächst nicht viel mitbekommen von der WM im fernen Deutschland: "Viele Fans wussten gar nicht von dem Turnier – geschweige denn von den guten Leistungen der japanischen Fußballfrauen-, bis ihr Team vor wenigen Tagen Deutschland im Viertelfinale besiegt hatte. Erst dann begeisterte sich das Land für ihr 'Nadeshiko', wie das Team genannt wird. Der Einzug ins Finale war plötzlich Thema auf den Titelseiten der Zeitungen."

Sally Jenkins schreibt, ebenfalls in der Washington Post, über die Kraft, die der Sport einer Nation geben kann: "Klar ist: Der WM-Titel hat zwar keine magischen Fähigkeiten, die die Tsunami- und Nuklearkatastrophe ungeschehen machen können. Aber er kann trösten, aufmuntern und eine Botschaft des Zurückkämpfens in die Heimat senden. Man wäre ein schlechter Amerikaner, wenn man den Japanerinnen den Titel nicht gönnen würde."

In der Los Angeles Times sucht Grahame L. Jones Gründe für die positive sportliche Entwicklung des Frauenfußballs: "Die Qualität des Spiels hat sich erheblich verbessert. Vielleicht wegen der besseren Trainingsmethoden, vielleicht weil immer mehr Länder den Sport Ernst nehmen und viel investieren. Vielleicht weil sich immer mehr Leute für Frauenfußball interessieren, vielleicht aber auch, weil sich die Qualität der Teams immer mehr angleicht und dadurch der Wettkampf gefördert wird."

Justin McCurry erklärt im Guardian, woher der Spitzname des japanischen Teams kommt: "Während des Krieges wurden mit dem Begriff 'Yamato Nadeshiko' Frauen beschrieben, die im Sinne der Nation dazu bereit waren, ein sogenanntes stilles Opfer zu bringen – eine Etymologie, die im Gegensatz zu den furchtlosen Auftritten ihrer modernen fußballspielenden Pendants steht."

Der Frauenfußball wurde innerhalb weniger Wochen von der kleinen auf die große Bühne gehievt. Dabei habe das frühzeitige Scheitern der deutschen Mannschaft dem Sport zu mehr Glaubwürdigkeit verholfen. Christian Kamp (FAZ) trocknet die Tränen: "Am Reißbrett war diese WM als Win-win-Ereignis für alle entworfen worden. Es war dann eine etwas bittere Pointe, dass ausgerechnet jene, die doch die Hauptdarsteller sein sollen, als einzige echte Verlierer dastanden. Das Spiel der deutschen Fußballfrauen, deren dritter WM-Erfolg in Serie praktisch eingepreist war, kollabierte regelrecht unter dem Druck der Erwartungen, die sie und der DFB selbst geschürt hatten. Es war andererseits beruhigend zu sehen, dass es eine sportliche Realität gab, die sich der Vermarktungswunschwelt entzog. Dass es einen Wettkampf gibt, in dem man scheitern kann, auch wenn das Drehbuch das nicht vorgesehen hat. Auch wenn es für die Betroffenen schmerzlich war: Das war der Moment, in dem das Authentische Oberhand über das Künstliche gewann."

Christoph Ruf (Spiegel Online) resümiert die WM und entscheidet sich bei seinem Fazit für den Mittelweg: "Es ist vollbracht, die Frauenfußball-Weltmeisterschaft ist zu Ende. Schon sehr bald werden wieder die Meldungen aus dem Männerimperium die Schlagzeilen bestimmen. Doch das ändert nicht das Geringste an der Feststellung, dass diese WM viel mehr Menschen Freude bereitet hat, als selbst die optimistischsten Beobachter es für möglich gehalten hätten. Die zurückliegenden vier Wochen haben demjenigen, der bereit war, sich auf das Turnier einzulassen, schließlich vieles von dem geboten, was den Reiz großer Sportfeste ausmacht. Es gab – neben richtig schlechten – ein paar gute und einige sehr gute Spiele. Man kann den Frauenfußball auf zweierlei Arten diskriminieren. Indem man ihn ignoriert. Und indem man ihn über den grünen Klee lobt. Das wird vor allem den Spielerinnen und den Teams nicht gerecht, die sich wirklich jedes Lob verdient haben. Und von denen gab es schließlich genug."

Für Christoph Albrecht-Heider (Berliner Zeitung) entwickelte sich das "Sommermärchen" zu einem "Sommerspuk": "Eigentlich ist es ganz einfach: Momente der Unbeholfenheit, Ungelenkigkeit, Unbedarftheit waren während der WM unübersehbar, und dabei ist noch nicht einmal an Torhüterinnen und Schiedsrichterinnen gedacht. Die Zahl der 'unforced errors', der nicht auf gegnerischer Einwirkung beruhenden Fehler, ist hoch. Hingegen schmettern im Spitzenvolleyball keine unbeholfenen Spielerinnen, und ungelenke Turnerinnen schaffen es nicht aufs Siegerpodest. Wenn Ariane Friedrich über zwei Meter floppt, ist ihr Bewegungsablauf womöglich gar ausgereifter als der eines 2,30-Meter-Springers. Bei der Fußball-WM gingen viele Spielerinnen dagegen zum Kopfball, als sei ihnen dabei unbehaglich. Dies alles aber durfte in den Tagen, in denen die deutsche Mannschaft noch auf dem Weg ins Finale war, nur hinter vorgehaltener Hand gesagt werden. Eine Watte des Wohlwollens lag über der sportlichen Seite der WM. Die, die sie ausbreiteten, ahnen nicht, wie beleidigend gönnerhaftes Lob in Wirklichkeit ist."

Andreas Rüttenauer (taz) begab sich drei Wochen lang auf Reportertournee. Dabei trennt sich gleich zu Beginn des Turnieres die Spreu vom Weizen: "Nicht überall brummt es. Man hört es am lauten Kinderkreischen, dass etwas anders ist am ersten Montag des Turniers. Nach dem ausverkauften Sinsheimer Turnierauftakt und dem Stimmungswahnsinn beim offiziellen Eröffnungsspiel in Berlin zwischen Deutschland und Kanada wird schnell klar, dass nicht alles begeistert, was Frauenfußball ist. Am Nachmittag spielt Japan gegen Neuseeland in Bochum. Über 12.000 Zuschauer sollen da sein. Viele Kinder sind darunter. Die deutschen WM-Sponsoren, vor allem die Telekom, haben in großem Stil Karten gekauft und sie vor allem an junge Fußballerinnen verschenkt. Gekaufter Jubel."

Die Frauenfußball-Bundesliga erhofft sich einen Schub durch die WM. Heiko Hinrichsen (Stuttgarter Zeitung) zweifelt nach dem Verlauf der Veranstaltung an einer größeren Wahrnehmung des Liga-Alltags: "Nachdem sich der Hype um die DFB-Selektion spätestens mit dem Ende der WM gelegt hat, wird man im deutschen Frauenfußball eine Bilanz ziehen. Was hat das Turnier dem Ansehen der Frauensparte oder der Förderung junger Talente nachhaltig gebracht? Schon jetzt sind unter dem Dach des DFB 1,1 Millionen Frauen und Mädchen aktiv. In der Frauenbundesliga beginnt der Spielbetrieb am 21. August. Wird sich das WM-Publikum, das im Spitzensport immer mehr von Eventfans ohne allzu große emotionale Bindung zu den Akteuren begleitet wird, dann noch erinnern, in welcher Mannschaft etwa die Liga-Rekordtorjägerin Inka Grings spielt?"

Kaum jemand hatte zu Beginn der WM die Asiatinnen auf der Rechnung. Christoph Neidhart (SZ) beschäftigt sich mit dem Erfolgsgeheimnis der Japanerinnen: "Nur selten wachsen japanische Teams über sich hinaus wie jetzt die Fußballerinnen. Der Sieg der Volleyballerinnen bei Olympia 1964 in Tokio ist bis heute eine ähnliche Helden-Legende. Es mag stimmen, dass die dreifache Katastrophe die Japanerinnen anspornte. Coach Norio Sasaki motivierte die Spielerinnen mit Bildern aus dem Tsunami-Gebiet. Aber damit lässt sich dieser Erfolg nicht erklären. Die Japaner mögen Geschichten, in denen ihre Landsleute übermächtige Gegner besiegen. Sie machen sich und ihr Land oft kleiner, als sie sind. Nach dem Halbfinale sagten mehrere abschätzig, die Amerikanerinnen seien ja Männer, vor allem Abby Wambach mit ihren 1,81 Meter. Und der Sieg ist nun besonders süß, weil die USA die ehemalige Besatzungsmacht sind, die noch immer Militär in Japan stationiert hat, die man zugleich bewundert und verabscheut."

J. Köpp und M. Völker (taz) befassen sich kritisch mit der Medienpolitik während der WM: "Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und etliche Manager von Spielerinnen waren der Meinung, man könne der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild oktroyieren, die Presse führen und bevormunden. Das war zu einem Teil Strategie, zum anderen auch der Übervorsichtigkeit von DFB-Mitarbeitern geschuldet, die sich in der Welle der Aufmerksamkeit freischwimmen mussten. Lieber nichts falsch machen!, war die Devise. Also wurden meist alle interessanten und irgendwie knackigen Stellen in Interviews umgeschrieben oder gar gestrichen. Manchmal wurde in den Manuskripten so wild herumgefuhrwerkt, dass sich manche Zeitungen entschieden, diese Interviews lieber gar nicht zu drucken. Bei den Frauen kommt man zwar leichter an Gesprächstermine heran, aber autorisiert wird nach Steinzeitmethoden. Das gesprochene Wort wird hier nicht nur nicht respektiert, sondern verfälscht."

Die hohen TV-Einschaltquoten während der Spiele sprechen eine deutliche Sprache. Holger Gertz (SZ) macht den "Reiz des Spiels" mitverantwortlich für die Begeisterung vor den Bildschirmen: "Warum interessieren sich die Leute für Begegnungen zwischen Frauen, die vor ein paar Wochen noch niemand kannte? Der Reiz liegt im Spiel selbst. Fußball zu schauen, das bedeutet immer auch, in die Seele des Sportlers hineinzusehen. Wie geht einer um mit den eigenen Erwartungen und denen des vieltausendköpfigen Monsters namens Publikum? Gerade für Zuschauer, die sich in den taktischen Finessen nicht auskennen, liefert ein WM-Spiel – also eines, bei dem es um etwas geht – viele Gelegenheiten, mit den Fußballern und Fußballerinnen zu leiden, oder mit ihnen erleichtert zu sein."

Verfasst und zusammengestellt von Christoph Asche, Kai Butterweck und Matthias Nedoklan.



 

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