Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

30.11.2005 | Von:
Daniel Theweleit

Angola

Teamgeist als Ersatz für große Spieler

Kompensieren wollen sie diese Schwächen mit "einer mächtigen Waffe", erklärt der kleine Mittelfeldspieler Figueiredo. "Unser Teamgeist und unsere Bodenständigkeit können viel bewegen." Zu einem großen Siegeszug bei der Weltmeisterschaft dürfte die Substanz zwar kaum ausreichen, gut möglich ist hingegen, dass die Fußballer mit diesen Mitteln weit mehr als nur fußballerische Erfolge zu Stande bringen. "Für das Land ist die WM-Teilnahme vor allem deshalb wichtig, weil Angola dadurch bekannter wird in der Welt und mit anderen Dingen in Verbindung gebracht wird als nur mit Krieg und Armut und Krankheit", sagt Mantorras. Denn eigentlich ist Angola ein reiches Land, es gibt dort Öl und Diamanten, wertvolle Mineralien, außerdem Traumstrände, wunderschöne Landschaften, Berge Wälder, Steppe, Wüste und eine beeindruckende Vielfalt afrikanischer Tiere. Und das alles auf einem Territorium, das gut drei Mal so groß ist wie Deutschland, doch leider ist diese Schönheit noch unter den Folgen des Krieges verschüttet.

Die Fußballer haben schon jetzt eine Menge dazu beigetragen, dass bald auch andere Seiten des Landes sichtbar werden. Als sie nach vollendeter Qualifikation in der Hauptstadt Luanda ankamen, soll die Hälfte der vier Millionen Einwohner auf den Straßen gewesen sein, um das Team zu feiern. "So vereint habe ich die Menschen in unserem Land nie zuvor erlebt", erinnert sich Akwa, und das ist wahrscheinlich das größte Geschenk, das man diesem Land zukommen lassen kann.

La Cidadela, ein marodes Bauwerk wird zur uneinnehmbaren Festung

Den Schlüssel für diese nationale Wohltat sieht Assistenztrainer Mabi in zwei Spielen in der Qualifikationsgruppe mit Nigeria, Simbabwe, Gabun, Algerien und Ruanda. "Das eine war die Partie in Nigeria, als wir zur Halbzeit 0:1 zurück lagen und noch ein 1:1 erreichten", erzählt er. "Und das zweite entscheidende Spiel war die letzte Partie in Ruanda. Wir haben dort gehört, dass Nigeria hoch führt, und wir mussten unbedingt gewinnen. Das hätte auch richtig schief gehen können, doch wir haben nicht die Nerven verloren, und Akwa hat in der 79. Minute den Siegtreffer geschossen." Ein bitterer Beigeschmack bleibt indes von dieser Partie, weil der Verteidiger Yamba Asha im Anschluss positiv auf Doping getestet wurde, und nun bis nach der Weltmeisterschaft gesperrt ist. Die Mannschaft wurde nicht bestraft.

Der Schlüssel zur erfolgreichen Qualifikation war allerdings die beeindruckende Heimstärke. Nicht einen einzigen Punkt konnten die Gegner in Luanda entführen, das heimische Stadion "La Cidadela" entwickelte sich zur uneinnehmbaren Festung. Und das, obwohl das alte Nationalstadion mehr als baufällig ist. Es ist ein wunderschönes Bauwerk aus der Kolonialzeit, doch mittlerweile dürfen nur noch 10.000 Fans dort hinein, und die sitzen dann auf dem Boden, weil die Tribünen gesperrt sind. Dennoch wird hier fast täglich ein Spiel ausgetragen, schließlich traktieren fünf Erstligisten das geschundene Grün.

Armut pur, in einem Land mit dem größten Wirtschaftswachstum Afrikas

Dieses Stadion ist ein Abbild der gegenwärtigen Zustände in Luanda. Die Hauptstadt ist nach wie vor ein baufälliger, unansehnlicher Schmelztiegel von Flüchtlingen. Armut pur. Angola hat 14 Millionen Einwohner, nur 40 Prozent haben Zugang zu ausreichend reinem Trinkwasser, jährlich sterben tausende Menschen an eigentlich leicht heilbaren Krankheiten wie Malaria, Durchfallerkrankungen oder Atemwegsentzündungen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist teilweise oder vollständig von ausländischen Nahrungsmittellieferungen abhängig, die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren ist die zweithöchste der Welt, und nach UN-Angaben liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Angola bei 44,6 Jahren.

Mehr als die Hälfte der Bürger ist arbeitslos, fast drei Viertel leben unterhalb der Armutsgrenze, ein Lichtblick ist jedoch, dass das Wirtschaftswachstum Angolas das größte in Afrika ist. "Das macht natürlich Hoffnung darauf, dass bald endlich auch die breite Masse der Bevölkerung von den Vorteilen des Friedens profitiert", sagt Mabi.

Doch so schnell ist der Schaden des jahrzehntelangen Krieges zwischen der Rebellenorganisation UNITA unter der Führung von Jonas Savimbi und der Regierung offenbar nicht zu beheben. Der Konflikt dominierte bis März 2002 das gesamte politische, wirtschaftliche und soziale Leben Angolas, bis Rebellenführer Savimbi am 22. Februar 2002 im Kampf in der östlichen Provinz Moxico starb. Die wenig später begonnenen Verhandlungen zwischen Militärs der UNITA und den Regierungsstreitkräften endeten mit der feierlichen Unterzeichnung des "Protokolls von Luena" und der förmlichen Verkündung des Waffenstillstands am 04. April 2002 im Parlament in Luanda.

Höhepunkt zum Auftakt: Für Angola beginnt die WM mit einem Bruderkampf gegen Portugal

Der Zusammenhalt der Nation aus unterschiedlichsten afrikanischen Volksgruppen ist dennoch weiterhin äußerst fragil, und deshalb kann die Fußballnationalmannschaft einen bedeutsamen Beitrag leisten zur Stabilität in Angola. Da ist es eine glückliche Fügung, dass das Team bei der Gruppenauslosung zur Weltmeisterschaft ausgerechnet die ehemalige Kolonialmacht Portugal in die eigene Gruppe zugelost bekam. Gleich im Auftaktspiel geht es gegen die Europäer, denen man sich besonders verbunden fühlt. "In Angola schauen wir portugiesisches Fernsehen, deshalb sind wir von Kind an vertraut mit dem portugiesischen Fußball", erzählt Akwa, viele Angolaner sind Fans portugiesischer Mannschaften und bestens vertraut mit den Nationalspielern. Eine bösartige Rivalität gibt es nicht zwischen den beiden Fußballnationen, auch wenn dieser Eindruck entstand, als Portugal und Angola 2001 in einem Freundschaftsspiel aufeinander trafen.

Diese Begegnung dauerte damals nur 70 Minuten und wurde beim Stand von 1:5 abgebrochen. Dabei waren die Angolaner schon nach 47 Sekunden in Führung gegangen, doch ihre engagierte Spielweise und ein exzentrisch pfeifender Schiedsrichter produzierten schon in den ersten 30 Minuten drei Platzverweise. Nach 63 Minuten wurde ein vierter Angolaner des Feldes verwiesen, danach war der Willen der hoch motivierten Afrikaner gebrochen. Als dann auch noch Helder Vicente mit einer Verletzung ausscheiden musste und kein Ersatz mehr eingewechselt werden konnte, verließen die verbliebenen sechs Angolaner das Feld. "Das lag aber eher am Schiedsrichter als an unserer besonderen Härte", erklärt Akwa mittlerweile gelassen. Eigentlich wünscht er den Portugiesen nur das Beste bei der WM. "Wenn ich mir aussuchen könnte, wer in unserer Gruppe weiter kommt, dann würde ich Portugal und uns selber nehmen", sagt er gelassen. Dennoch kommt dieser Partie am 11. Juni in Köln eine ganz besondere Bedeutung zu, denn eine Niederlage würde die Stimmung zu Hause und im Team wohl nachhaltig dämpfen. "Das stimmt. Die Portugiesen dürfen weiter kommen, es darf alles passieren, wir können gegen Iran und Mexiko verlieren, nur eins nicht", sagt Mabi: "Eine Niederlage gegen Portugal wäre eine Katastrophe."