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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Andreas Stummer

Steilpass aus dem Abseits

Australiens Weg zur Fußball-WM

Der Aufstieg des australischen Fußballs

Doch in der Euphorie der erfolgreichen WM-Qualifikation wurde schnell vergessen in welch schlechtem Zustand der Sport in Australien war. Über Jahrzehnte hinweg hatten kleinkarierte Funktionäre und großspurige Geldgeber den Fußball ruiniert. Die Clubs waren ethnische Auffangbecken heimwehgeplagter Auswanderer. Italiener, Griechen, Portugiesen, Libanesen oder Jugoslawen stritten erbittert um die Kontrolle des Fußballverbandes. Es gab politische Machtkämpfe, kaum Zuschauer und Auseinandersetzungen bei den Spielen, aber keine nationale Liga. Der amateurhaften Verwaltung gelang es nicht Fußball in Australien zu einem Profisport zu machen.

Vor vier Jahren beschloß eine Handvoll leidenschaftlicher Fußball-Fans das zu ändern. Es half, dass sich die Gruppe aus einflußreichen Unternehmern zusammensetzte. Die Geschäftsleute verbanden zwei Dinge: Ihre Liebe zum Fußball und Geld. Sie schrieben an Politiker und Wirtschaftsvertreter. Das Ergebnis war eine Untersuchungskommission, die empfahl den Sport von Grund auf neu zu organisieren. Der alte Funktionärs-Filz sollte durch unabhängige, erfahrene Manager aus Industrie und Wirtschaft ersetzt werden. Was jetzt noch fehlte war der richtige Mann an der Spitze. Ein Mann wie Frank Lowy.

Frank Lowy

Der 75jährige Selfmade-Milliardär ist einer der erfolgreichsten Unternehmer des Landes. Als Sohn ost-europäischer Einwanderer nach Australien gekommen begann Lowy in den 50iger Jahren Tante Emma-Läden aufzukaufen, vergrößerte sie und baute sie zu Einkaufszentren aus. Heute ist seine "Westfield"-Gruppe das größte Shopping-Imperium der Welt. Wenn jemand Fußball, das hässliche Entlein des australischen Sports in einen Schwan verwandeln konnte, dann Frank Lowy.

Der Geschäftsmann stellte nur eine Bedingung: Wenn er Präsident des Fußballverbandes werden sollte, dann wollte er die Organisation genauso führen wie sein Unternehmen. Mit völlig freier Hand. Als erstes entfernte Lowy die alten Funktionäre, dann suchte er einen neuen Geschäftsführer. Nicht irgendeinen Ja-Sager im Anzug, sondern jemand, der internationale Erfahrung mitbrachte. Seine Wahl fiel auf John O´Neill, den früheren Chef des australischen Rugby-Verbandes. Unter seiner Führung hatte Australien nicht nur den WM-Titel geholt, sondern 2003 selbst erfolgreich die Rugby-Weltmeisterschaft veranstaltet. Die Berufung O´Neills sorgte für Mißmut in Fußball-Kreisen. Er war nicht nur von der Rugby-Konkurrenz, er ab auch offen zu nicht besonders an Fußball interessiert zu sein. Lowy aber ließ nicht mit sich reden. "Ich will, dass der Fußball genauso ernst genommen wird, wie die olympischen Sportarten in Australien", sagt der Unternehmer, "Fußball wird auf der ganzen Welt gespielt. Und wenn wir mitmischen wollen, dann brauchen wir einen Haufen Geld und eine australische Profi-Liga."

Lowy und O´Neill sorgten für beides. Sie lösten überall im Land die ethnischen Clubs auf. Aus den Trümmern des alten Fußball-Verbandes und mit Hilfe von Sponsoren wie Coca Cola, Autohersteller Hyundai und der Fluglinie Qantas schufen sie die "A-League", Australiens Version einer Bundesliga. In ihrer Premieren-Saison 2005/2006 spielten acht Teams um den Titel, eine Mannschaft pro Großstadt oder Region. Im Schnitt kamen mehr als 10.000 Zuschauer zu den Begegnungen. Zahlen von denen selbst Optimisten nicht zu träumen wagten. Neben einheimischen Talenten lockte die "A-League" auch Spitzenspieler und -trainer aus dem Ausland nach Australien. Der frühere deutsche Nationalspieler Pierre Littbarski trainiert den FC Sydney, seine prominenteste Verpflichtung ist Trinidads Star-Stürmer Dwight Yorke. Obwohl jeder der Clubs im ersten Profi-Jahr rote Zahlen geschrieben hat, garantiert der Erfolg der Nationalmannschaft auch das Überleben der "A-League".

John O´Neill hatte sich für sein erstes Jahr als Geschäfstführer des Fußballverbandes drei Ziele gesteckt. "Erstens: Die WM-Qualifikation. Das haben wir geschafft. Zweitens: Einen erfolgreichen Start für die A-League. Auch das haben wir erreicht. Drittens: Australiens Eingliederung in die asiatische Fußball-Föderation. Auch das läuft. Damit ist der Hattrick komplett." Gegner wie Neuseeland, Samoa oder die Salomonen waren nie ernstzunehmende Konkurrenz. Australiens Fußball-Nationalmanschaft ist das stärkste Team in Ozeanien. Doch der Sieger der Ozeanien-Gruppe hat keinen automatischen Startplatz bei der WM-Endrunde. Dazu war bisher ein Playoff-Spiel gegen ein - weit höher eingestuftes - Team aus Südamerika nötig. Nach der WM 2006 aber wird Australien erstmals der Asien-Konföderation zugerechnet. Das bedeutet nicht nur schwächere WM-Qualifikationsgegner, sondern vor allem mehr Matchpraxis. Und Respekt. Allein für kommendes Jahr sind bereits 23 Länderspiele angesetzt. Bisher liessen europäische oder südamerikanische Fußball-Nationen Australien links liegen. Die Anreise war zu weit und zu beschwerlich, ein Spiel gegen die Nationalelf sportlich zu unbedeutend.