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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Andreas Stummer

Steilpass aus dem Abseits

Australiens Weg zur Fußball-WM

Rote Laterne für den Fußball

Selbst im eigenen Land, im so sportverrückten Australien, hatte der Fußball die rote Laterne. Weit abgeschlagen hinter Cricket und drei anderen Football-Codes. Selbst Golf, Tennis und sogar Schwimmen hatten mehr Zuschauer. Dazu kam ein Image-Problem: Fußball galt als windelweicher Mädchensport. Echte Kerle versuchten erst gar nicht das Runde ins Eckige zu befördern, sie jagten beim Rugby oder Australian Rules Football einem eiförmigen Ball hinterher. In Clubs, deren Namen allein schon die Konkurrenz einschüchtern: Die "Tigers", "Broncos" oder "Lions" spielen gegen die "Bulldogs", "Sharks" oder die "Warriors". Verglichen mit Rugby oder Australian Rules Football wirkt der härteste Bundesliga-Fußball wie Damenballett. Es gibt keine Helme oder Schulterpolster wie beim American Football, kaum Regeln, keine Schwalben und kein Zeitverzögern. Verletzungen werden gleich auf dem Spielfeld behandelt und Platzwunden noch auf der Ersatzbank genäht. Sport ist ein wenig wie Krieg in Australien und jedes Wochenende pilgern in Sydney, Melbourne, Perth, Adelaide und Brisbane hunderttausende auf die Schlachtfelder. "Das ist ein kulturelles Phänomen, das fast 200 Jahre zurückgeht", erklärt ein Rugby-Fan, "Jeder - ob groß, ob klein - geht im Sport auf. Es geht nicht unbedingt nur ums Gewinnen, sondern darum alles zu geben. Für uns ist Sport mehr als nur ein Spiel. Er ist Teil unserer Kultur."

Australiens Sportanhänger sind leidenschaftliche Fans aber keine Fanatiker. Es gibt weder Randale noch Hooligans. Nicht einmal getrennte Fanblocks (Außer beim Fußball). Sonst wird während des Spiels friedlich nebeneinander gesessen, hinterher geht man zusammen in den Pub. Nicht die Mondlandung oder das Begräbnis von Prinzessin Diana - eine Sportübertragung ist das meistgesehene Fernseh-Ereignis aller Zeiten. Die höchstdotierten Werbeverträge bekommen nicht Filmstars, sondern Schwimmer, Cricket-, Rugby- oder Aussie Rules-Football-Spieler. Die Regierung steckt fast dreimal so viel Geld in die Sportförderung wie in den Kuturbetrieb. Soziologe Barry Spurns schüttelt darüber den Kopf. Er glaubt, dass Sport nur das Salz in der Suppe sein sollte, nicht aber das Hauptgericht. "Die Sportstars sind bis auf die Titelseiten der Zeitungen vorgedrungen und sind oft die Haupt-Nachrichten. Das Problem dabei ist, dass Wissenschaftler oder Künstler kaum einen Fuß in die Tür bekommen." Die Aborigine-Leichtathletin Cathy Freeman, die in Sydney Olympiasiegerin über 400 Meter wurde und der frühere Tennis-Profi Pat Rafter waren Australier des Jahres. Der größte Cricketer, den das Land je hervorgebracht hat, bekam ein Staatsbegräbnis. Kein Wunder, dass für sein Land zu spielen der Höhepunkt in der Karriere jedes australischen Sportlers ist. "20% der Australier meinen Sport sei nicht wichtig und dass wir es mit unserer Sport-Leidenschaft ein wenig übertreiben", sagt der Ex-Tennis-Profi John Newcombe, ein früherer Wimbledonsieger, "Aber wenn du für Australien antrittst, dann gibst du alles. Und solltest du verlieren, dann nur, wenn du blutüberströmt vom Platz kommst." Wenn Australien gewinnt, dann feiert die ganze Nation. Der Konsum steigt und die Wirtschaft boomt. Das Motto dabei "fair" zu bleiben steht schon im Text der Nationalhymne.

Sportverrücktes Australien

Im Jahr 2000 veranstaltete Sydney "die besten olympischen Spiele aller Zeiten" (IOC-Präsident Juan-Antonio Samaranch). Die Athleten feierten ein Sportfest, Zuschauer und Touristen eine Nonstop-Party. 16 Tage lang rückte Australien vom Ende der Welt in den Mittelpunkt. Nach der Gameshow von Atlanta 1996 verhinderte der Erfolg der Jahrtausendspiele von Sydney, dass der olympische Geist endgültig zum Schreckgespenst wurde. Und wer jemals miterlebt hat, wie jeden ersten Dienstag im November ganz Australien wegen des Pferderennens um den Melbourne-Cup für drei Minuten zu einem völligen Stillstand kommt, der weiß, dass Sport tatsächlich eine Religion sein kann.

Fußball aber galt bisher als der Sport der Ungläubigen in Australien. Als harmloser Zeitvertreib für Weicheier und Einwanderer. Obwohl Fußball der beliebteste Freizeitsport des Landes ist. ast eineinhalb Millionen Australier spielen regelmäßig in Clubs oder Hobby-Mannschaften. Dazu kommen Trainer, Schiedsrichter, Fußball-Eltern und Gelegenheits-Kicker, die in der Mittagspause oder am Wochenende in Parks und am Strand herumbolzen. "Der Fußball vereint Familien, beide Geschlechter und alle Kulturen", meint John O´Neill, der Geschäftsführer des australischen Fußball-Verbandes, "Rugby oder Australian Rules Football sind harte, körperbetonte Sportarten. Viele Eltern fürchten um die Gesundheit ihrer Kinder. Nicht so beim Fußball."

Seit der WM-Qualifikation hat sich das Image des Fußballs in Australien grundlegend geändert. Den Kickern liegt auf einmal die ganze Welt zu Füßen. Sponsoren inklusive. Früher wollten Unternehmen Fußball-Teams nicht einmal mit der Kneifzange anfassen, jetzt stehen sie Schlange, um ihr Logo auf den Trainingsanzug oder den Mannschaftsbus der Nationalelf zu bekommen. Marketing-Experte Damien Stenmark schätzt, dass der Fußballverband im WM-Jahr allein an Merchandise eine zweistellige Millionensumme verdienen könnte. Nach einem guten Abschneiden bei der WM ist der Himmel die Grenze. Das letzte und bisher einzige Mal konnte sich Australien 1974 für die Endrunde einer Fußball-WM qalifizieren. Damals war dabeisein schon alles. Die Australier verloren zwei ihrer Gruppenspiele gegen die DDR und den späteren Weltmeister Deutschland. Gegen Chile gelang der Feierabend-Truppe ein torloses 0:0. Bis heute Australiens einziger WM-Punkt.

Demographischer Wandel

Seit 1974 hat sich die Gesellschaft des Landes tiefgehend verändert. Damals lebten knapp 14 Millionen Menschen in Australien, davon gaben 93% bei der Volkszählung ihre Herkunft als "Britisch" an. Heute ist die Bevölkerung auf 21 Millionen angewachsen und Australien gilt als die multikulturellste Nation der Welt. Ein Wandel, der freiwillig, friedlich und in nur einer Generation vollzogen wurde. Schwarzer, Bresciano, Popovic, Emerton - selbst die Fußballer der WM-Elf repräsentieren die Einwanderungsgeschichte des Kontinents. Inzwischen ist jeder vierte Einwohner im Ausland geboren, Australien international das Vorzeigebeispiel für eine post-industrielle, post-ethnische Gesellschaft. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich seit den 70iger Jahren mehr als verdoppelt, Australiens Wirtschaft ist seit 15 Jahren beständig im Aufschwung. Vor allem dank eines anhaltenden Rohstoff-Booms. Erst waren es Kohle und Naturgas, jetzt kann die übrige Welt nicht genug australisches Eisenerz, Zink, Kupfer und Uran bekommen. Die Arbeitslosenquote liegt auf dem historischen Tiefstand von fünf Prozent, die Lebenserwartung der Bevölkerung so hoch wie nie.

Politisch spielt Australien auf internationaler Bühne nur eine Nebenrolle, aber im Sport ist es eine Weltmacht. Bei den letzten drei olympischen Sommerspielen belegte das australische Team Rang vier im Medaillenspiegel. Direkt hinter den USA, Russland und China. Jetzt ist Australien auch im Fußball Weltklasse. Der schlafende Riese des australischen Sports ist erwacht. Die Clubs melden Rekord-Mitgliedschaften, Kinder gehen in Fußball-Shirts auf den Spielplatz und am Wasserkühler im Büro wird immer öfter über Vierer-Abwehrketten, Bananenflanken und Freistoßgurken diskutiert. Die WM-Spiele aus Deutschland werden durch die Zeitverschiebung nur spät nachts oder am frühen Morgen zu sehen sein. Trotzdem werden Millionen mitfiebern. Niemand kann derzeit das Potential des Fußball-Phänomens in Australien abschätzen. Frank Lowy und sein Managerteam aber sind schon einen Schritt weiter. Sie wollen sich um das Ausrichten der WM-Endrunde in Australien bewerben. Schon für das Jahr 2018. Seit John Aloisi die Nationalmannschaft zur WM in Deutschland geschossen hat scheint im australischen Fußball nichts unmöglich. Die Zeit der Eigentore ist jedenfalls vorbei.