30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Roland Schulz

Der Gerechte

Der Schiedsrichter Byron Moreno

Ein Spiel von 102 Minuten

Von 102 Minuten Spielzeit und einem "dramatischen Triumph" des Lokalmatadors berichten die Medien der Hauptstadt Quito, die mäßigend einzugreifen bemüht sind. Nur kurz schildern sie die Ausschreitungen der "Hinchas", der fanatischen Fans, die nach der Partie mit Wut im Bauch und Steinen in der Hand ungezählte Auto- und Fensterscheiben in Scherben schlugen. Umso mehr suchen sie den Verlauf der Partie zu erklären. Wie Guayaquil schon in der dritten Minute in Führung gegangen war. Wie das Spiel dann wild wurde. Wie Schiedsrichter Moreno seine Entscheidungen traf:zwei Elfmeter, für jede Mannschaft einen, zwei rote Karten, für jede Mannschaft eine, dazu ein wegen Handspiels annulliertes Tor von Liga Quito und schließlich jenes unglückselige Ende – in der 90. Minute signalisiert Byron Moreno sechs Minuten Nachspielzeit, doch spielen lässt er zwölf. In der 99. Minute schießt Liga den Ausgleich. In der 101. Minute den Siegtreffer. In der 102. pfeift Moreno ab. Er muss das Stadion unter Polizeischutz verlassen.

Von 90 Minuten Spielzeit spricht Byron Moreno selbst. Er habe ein reines Gewissen, sagt er in einem Interview nach der Partie, denn er habe, wie stets, genau gemäß den Regeln gehandelt. Den Regeln nach dauere ein Fußballspiel immer 90 Minuten; eventuelle Verzögerungen während dieser Zeit seien direkt im Anschluss durch Nachspielzeit auszugleichen. Nichts anderes habe er gemacht, sagt Moreno, "ich habe mir nichts vorzuwerfen". Dann kommt die Nachricht, dass der ecuadorianische Fußballverband FEF den Schiedsrichter für zwanzig Spiele sperrt und eine Untersuchung anstellt. Moreno zieht sich zurück. Er wartet. Im Land ist derweil die Meinung der Öffentlichkeit wechselhaft. An einem Tag verhöhnt man Moreno, am nächsten wäscht man ihn rein, am dritten schließlich fordert man seinen Kopf – er gilt abwechselnd als Lichtgestalt oder als Witzfigur des ecuadorianischen Fußballs.