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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Roland Schulz

Der Gerechte

Der Schiedsrichter Byron Moreno

"Ich glaube an einen sauberen Fußball",

Byron Moreno, ein Mann, dessen hängende Augenlider ihn träge und tölpelhaft wirken lassen, wird zu einem Sinnbild – es ist, als bündele sich in der komischen Gestalt dieses Schiedsrichters die ganze wundersame Begeisterung der Ecuadorianer für ihren Sport, den Fußball. Byron Moreno nämlich war lange Jahre Ecuadors Stolz. Immer war er der Jüngste und immer der Beste. Als Jugendlicher schon pfiff er Partien der Liga Bellavista, der Amateurliga der Stadtviertel des Landes, mit 18 war er jüngster Schiedsrichter Ecuadors, mit 23 leitete er Spiele der Ersten Liga. Als er 26 wurde, beschlossen FEF und Fifa, dass Byron Moreno von nun an auch Länderspiele pfeifen dürfe. Sein Ruf war makellos und furchtbar zugleich. In einem Land wie Ecuador, in dem Fußball mit unerhörter Leidenschaft gespielt wird, in dem die meisten Spieler einen ebenso zärtlichen wie brutalen Spitznamen bekommen – so wird der Stürmer Darwin Caicedo "La Metralla" genannt, die Maschinenpistole –, in einem derartigen Land hatte es Moreno als Schiedsrichter zu einem eigenen Ehrennamen gebracht: Sie nennen ihn "El Justiciero" – der Gerechtigkeitsliebende. Keinen gibt es, der die Regeln besser kennt und strikter auslegt als Byron Moreno. "Ich kämpfe für das saubere Spiel", pflegt er zu sagen, so pfeift er auch – die kleinste Regelwidrigkeit wird geahndet. 1998, in der Begegnung zwischen einer mexikanischen und einer brasilianischen Mannschaft, stellt Moreno sechs Spieler vom Platz.

Den Aufruhr darüber versteht er nicht. In Ecuador hatte er schon einmal sieben Spieler des Feldes verwiesen, Rekord, worauf er erklärte: "Sie ließen mir keine andere Wahl. " Ecuadors Sportjournalisten machen sich bald einen Spaß daraus, Statistiken über Morenos rote Karten zu führen, in seiner besten Saison kommen sie auf 1, 08 Stück pro Spiel. Gleichzeitig wählen sie ihn regelmäßig zum besten Schiedsrichter des Landes. Er ist mit seiner strikten Liebe zu den Regeln der Gegenpol zu der zügellosen Liebe zum Fußball in seinem Land, die Spieler wie Fans oft ohne Rücksicht handeln lässt. Das bringt ihm so viele Freunde wie Feinde. Vor allem aber macht es ihn zum Star. Als im Januar 2002 bekannt gegeben wird, dass Moreno als zweiter Ecuadorianer in der Geschichte bei einer WM pfeifen werde, werden seine Freudentränen über die Nominierung zur Schlagzeile gemacht. "Ein Traum geht in Erfüllung", sagt Moreno und erklärt, seine Nominierung sei ein Beweis dafür, dass der Fußball und das Schiedsrichterwesen Ecuadors eine neue Qualität erreicht haben. Doch als Moreno von der WM zurückkehrt, von ganz Italien gehasst und der Welt verdächtigt, erwartet ihn ein gespaltenes Land: Die eine Hälfte verteidigt ihn weiter als den Gerechten und schreibt unzählige Briefe, er solle bitte nur nicht aufhören; die andere Hälfte klagt ihn als Betrüger an und verfolgt begierig, wie die Medien von vielen Anrufen Morenos am Tag des Achtelfinales und danach von einem neuen Haus und einem neuen Auto berichten. Moreno versucht sich zu verteidigen; er gibt Interviews und sagt, das Auto sei ein Opel, das Haus zur Miete und sein Gewissen rein, aber es hilft nichts: Er hat seine Aura des Gerechtesten der Gerechten unter den Schiedsrichtern verloren. Seine Feinde warten nur noch auf einen Fehler. Am 8. September 2002 ist es so weit. Morenos Schlusspfiff in der 102. Minute des Spiels zwischen Quito und Guayaquil wird auch zum Schlusspfiff seiner Karriere. Zwar erbringt die Untersuchung des ecuadorianischen Verbandes keine Beweise für Betrug, auch darf Moreno nach der Sperre von zwanzig Spielen wieder pfeifen, doch es ist vorbei – egal, wie er nun in einem Spiel entscheidet, am Ende wird er immer ausgepfiffen, bespuckt, verhöhnt. Er steht allein. Sechs Monate hält er aus. Dann gibt er seinen Rücktritt bekannt.

"Ich glaube an einen sauberen Fußball", sagt er, "und ich werde bis zu dem Tag, an dem ich sterbe, ein Schiedsrichter bleiben. " Er meint es ernst. Byron Moreno arbeitet inzwischen als Kommentator für den Sender Telesistema und beurteilt dabei Schiedsrichterentscheidungen. Bis heute pfeift er ehrenamtlich Spiele der Liga Bellavista, der Amateurliga der ecuadorianischen Stadtviertel. Sein letztes großes Spiel war die Meisterschaft der "Barrios", am 8. Januar 2006, Arabia Guayas gewann 5:3 gegen Aguarico Jr. Sucumbíos. Byron Moreno verteilte acht gelbe Karten.

Der Text erschien zuerst im Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung Fluter 03/06 'Spiel der Welt - Das Fußballheft'.