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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Daniel Theweleit

Elfenbeinküste / Côte d´Ivoire

Die Elfenbeinküste wankt am Rande eines Bürgerkrieges

Ob die Erfolge auch den Zusammenhalt der fragilen Gesellschaft an der Elfenbeinküste gestärkt haben, vermag er hingegen nicht zu sagen. "Es wäre schön, wenn wir es schaffen, mit unserer Mannschaft, die unterschiedliche Volksgruppen vereint, auch ein wenig zur Einheit des Landes beitragen können", erklärt er, mehr möchte er nicht zu diesem sensiblen Thema sagen. Die politische Lage ist gespannt, das Land befindet sich in einem Bürgerkrieg, der täglich zu eskalieren droht. "Jedes Wort zu dieser Problematik kann ganz schnell gegen einen verwendet werden", erklärt Michel seine Zurückhaltung in dieser Sache. Didier Drogba musste die Sensibilität des Themas schon einmal bitter erfahren, nachdem er in einem Interview mit dem "L'Equipe-Magazin" gesagt hatte, "die Franzosen verhalten sich immer noch kolonialistisch".

Die Elfenbeinküste ist eine ehemalige Kolonie Frankreichs, und nachdem bei Luftangriffen der regierungstreuen ivorischen Streitkräfte im Bürgerkriegsgebiet 2004 neun französische Soldaten getötet wurden, ließ Staatschef Jacques Chirac die beiden beteiligten Sukhoi-Jagdbomber sowie vier Kampfhubschrauber der Luftstreitkräfte am Boden zerstören. Das war praktisch die gesamte Luftwaffe des Landes. Sowohl in Afrika als auch in Frankreich, wurde Drogba heftig für seinen Kommentar zu diesem Akt kritisiert, seither schweigt auch er zum Thema.

Beim Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland wird ausdrücklich vor Reisen an die Elfenbeinküste gewarnt. "Die Gefahr eines erneuten Ausbruchs bewaffneter Auseinandersetzungen, bei denen insbesondere auch westliche Ausländer gefährdet sein könnten, besteht im gesamten Landesgebiet, einschließlich Abidjan, fort", heißt es. Die Nordhälfte des großen Territoriums wird von oppositionellen Rebellen kontrolliert, Präsident Laurent Gbagbo kontrolliert den Süden, wo sich auch der Großteil der Kakaoplantagen befindet.

Kakao ist der wichtigste Rohstoff, den das Land hervorbringt. 40 Prozent der Weltproduktion des Schokoladengrundstoffs stammt von der Elfenbeinküste, und 2005 stellte ein UN-Komitee fest, die Kakaobehörden der Elfenbeinküste – von Vertrauten des Präsidenten geleitet – finanzierten ein Fünftel des ivorischen Militärhaushalts: zehn Milliarden CFA-Franc (15 Millionen Euro) pro Jahr.

Trotz UN-Waffenembargo rüstet das Gbagbo-Lager auf, und neben den Regierungsstreitkräften werden mit diesen Waffen so genannte "patriotische Milizen" aus dem Umfeld Gbagbos immer stärker. Sie gelten als Hauptgefahr für den Frieden, denn sie streifen schwer bewaffnet durchs Land, und stiften unkontrolliert Unruhe. Zuletzt schlugen sie 300 aus Bangladesch stammende Blauhelme in die Flucht, die Hauptstadt Abidjan wird seither nicht mehr von der UNO kontrolliert. Insgesamt sind etwa 7.000 Blauhelme im Land, vorwiegend bemühen sie sich um eine Pufferzone zwischen der Nord- und Südhälfte.

"Wir sind die Hoffnung eines geteilten Landes", sagte Kolo Toure, der sich angesichts dieser Lage nur noch sehr selten in seiner Heimat aufhält. "Unsere Aufgabe ist, den Menschen ein bisschen Freude zu schenken", erklärt er, dass die zerstrittenen Gruppen sich bald einigen, glaubt er nicht. Doch könnte es nicht helfen, wenn die Nationalmannschaft das Volk im Vorfeld der WM zur Vernunft ruft? Wenn die Spieler den Menschen vorschlagen, sich zum Wohle aller zu vertragen? "Fußballer haben nicht die Macht, politischen Einfluss zu nehmen", entgegnet Toure dieser Überlegung. Sein Gesicht ist traurig als er sagt, "wir können nur ein wenig Fröhlichkeit unter die Leute bringen".