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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Daniel Theweleit

Elfenbeinküste / Côte d´Ivoire

Henri Michel auf den Spuren von Bora Milutinovic

Solch eine komplizierte Situation hat auch der weit gereiste Henri Michel noch nicht erlebt. "Meine Frau und ich sind zunächst nach Abidjan gereist, wir wollten uns ein Haus dort suchen", erzählt er, doch die Funktionäre des Verbandes rieten dem Paar davon ab. Zu gefährlich sei das, und außerdem spielten ja ohnehin alle Nationalspieler im Ausland, habe man ihm mitgeteilt, erzählt der 58-Jährige.

Der Franzose, der als aktiver Profi beim FC Nantes immerhin auf 58 Länderspiele kam und 1978 bei der WM in Argentinien dabei war, wird in Deutschland seine vierte Weltmeisterschaft als verantwortlicher Trainer erleben. 1986 in Mexiko betreute Michel Frankreich, acht Jahre später in den USA coachte er Kamerun. 1998 bei dem Turnier in Frankreich war er verantwortlich für Marokko. Und nun ist er also mit der Elfenbeinküste dabei. Damit nähert er sich dem skurrilen Rekord von Bora Milutinovic, der fünf unterschiedliche Teams bei fünf verschiedenen Weltmeisterschaften betreute.

Auch als Nationaltrainer der Vereinigten Arabischen Emirate arbeitete Michel einmal, er war als Klubtrainer dort bei Al-Nasr, später bei Aris Saloniki und Raja Casablanca. Seine Wahlheimat allerdings ist der Libanon, wo seine Frau herkommt. Ein zweites Domizil besitzt er noch in Paris, und von dort beobachtet und besucht er seine ivorischen Kandidaten für den WM-Kader.

Der Kern des Teams steht allerdings bereits. Neben Drogba und Toure gilt Didier Zokora (AS St. Etienne), der in der Akademie die Spitznamen "Maestro" und "Beckenbauer" erhielt, weil er sowohl vor als auch hinter der Abwehr gleich gut agiert, als Führungspersönlichkeit. Aber auch Verteidiger Aruna Dindane (RC Lens), der während des Afrika-Cups eine Tochter verlor und deshalb frühzeitig von dort abreiste, oder Stürmer Arouna Koune (PSV Eindhoven) sind tragende Säulen des jungen Teams. Dazu kommt ein Spiel entscheidender Techniker wie Bonaventure Kalou (Paris St. Germain) oder "Flügelflitzer" Kanga Akalé (AJ Auxerre).

Dieser Kreis von Spielern setzt mit Michel einen Weg fort, den schon der vormalige Trainer Robert Nouzaret eingeschlagen hat. Nouzaret hatte die Mannschaft 2002 übernommen. Gemeinsam mit dem charismatischen Verbandschef Jacques Anouma initiierte er damals einen personellen Umbruch, kündigte dann aber überraschend seinen Job, um in seine Wahlheimat nach Montpellier zurückzukehren. Dem gewünschten Trainerprofil kam der erfahrene Henri Michel am nächsten. Er variiert zwar immer wieder das von dem Nouzaret präferierte 4-4-2-System, um Kalou alle Freiheiten hinter den Spitzen einzuräumen, doch ansonsten übernahm er viele Errungenschaften seines Vorgängers.

Das Ende eines Fluches soll Flügel verleihen

Wirklich vieles schiefgehen kann indes bei der Weltmeisterschaft ohnehin nicht, egal mit welchem System gespielt wird, und auch die Prominenz der Gegner dürfte keine große Rolle spielen. Denn nach Jahren des Misserfolges hat man endlich das alte Übel beseitigt, das großen Erfolgen lange im Wege stand. Die Elfenbeinküste war 1992 einmal Afrikameister, das war der größte Erfolg in der Geschichte der Fußballnation. Ohne Gegentor gewann das Team damals, und herausragend spielte während des Turniers Torhüter Alain Gouamene, der im Elfmeterschießen des Finales den entscheidenden Schuss des Deutsch-Ghanaers Anthony Baffoe hielt. Viele Ivorer sahen aber als Urheber des Sieges eine Gruppe von Hexenmeistern aus einer Vorstadt von Abidjan, was durchaus üblich ist in Westafrika, wo die bizarrsten Rituale abgehalten werden rund um wichtige Fußballspiele.

Die angeblichen Magier behaupteten nach dem Titelgewinn, dass der Sportminister sie engagiert, aber später nie bezahlt habe. Deshalb verfluchten sie nach dem Turnier die Nationalelf, und zehn Jahre später, nach zahlreichen Misserfolgen entschuldigte sich der Verteidigungsminister öffentlich für "die Versprechen, die 1992 nach dem Afrika-Cup nicht gehalten wurden". Er bot den Hexenmeistern 2.000 Dollar an und bat sie um Wiederaufnahme ihrer Dienste: "Für die Republik und den Sportminister". Und prompt gelang die erstmalige Qualifikation für das Turnier der besten Fußballnationen der Welt. Mal sehen, was die Zauberer noch alles möglich machen.