Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Hans Woller

Frankreich

Zidane und 1998

Zidane, ein Fußballgott, der er eigentlich nicht sein will, der mundfaule, verschüchtert wirkende Ballzauberer, der oft aussieht, als seien ihm von der Last der Erwartungen, die eine ganze Nation an ihn hat, die Haare frühzeitig ausgefallen. Von den Franzosen wurde er letztes Jahr sogar zur populärsten Persönlichkeit im Land erkoren, der Sohn algerischer Einwanderer, aufgewachsen in den unterprivilegierten, nördlichen Vororten von Marseille. Heutiger Wohnsitz : Madrid. Geschätztes Jahreseinkommen: 15 Millionen Euros.

Der Mann mit der Nummer 10 auf dem Rücken und dem Magnet an den Fußballschuhen hat zum Ende seiner Karriere mit 34 jetzt gar noch eine mystische Dimension bekommen: nach der WM 2002 in Südkorea und dem blamablen Auftritt der Equipe Tricolore dort, hatte er sich umgehend aus der Nationalmannschaft davon gemacht, mitten im Sommerloch 2005 aber kehrte er wieder – und niemand weiß, wie es dazu kam. Zidane ließ verlauten, er habe eines Nachts Stimmen gehört, sein Bruder habe ihm eingeflüstert, er müsse wiederkommen - das klingt nach Johanna von Orleans, der man einst in ähnlicher Weise auftrug, Frankreich zu retten. Zidane sollte allerdings nicht gleich die Engländer aus dem Land werfen, sondern nur die Nationalmannschaft vor Häme bewahren – schließlich belegte der Weltmeister von 98 gegen "Fußballgrößen" wie Irland, Israel, Schweiz, die Färoer-Inseln und Zypern vor den letzten Qualifikations-Spielen im Herbst 2005 gerade mal Platz 3 in seiner Gruppe. Zidane kam zurück und die Nationalelf ergatterte sich, wenn auch immer noch mit reichlich Mühe, das WM-Ticket für Deutschland.

Die Stimmen in der Nacht jedoch, welche "Zizou" zur Rückkehr bewegt haben sollen, die dürften dann doch eher von in Panik geratenen Sponsoren, die eine wirtschaftliche Katastrophe fürchteten, gekommen sein - allen voran Addidas. Und auch bei Europas größter Fernsehanstalt, dem französischen Privatsender TF 1, zitterten vor Nervosität die Wände, bei der Vorstellung, die Nationalmannschaft könnte 2006 den Sprung über den Rhein nicht schaffen. Zweistellige Millionensummen für die Übertragungsrechte in den Sand gesetzt zu haben, fehlende Werbeeinnahmen und der Einbruch des Aktienkurses wären die Perspektiven gewesen.

Dabei war klar: seit 1998, seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft im eigenen Land, war es mit der französischen Nationalmannschaft eigentlich nur bergab gegangen - auch wenn sie danach im Jahr 2000 noch Europameister wurde. Das blinde Verständnis, das 1998 zwischen einem Lizarazu, Zidane und Dugarry herrschte, die davor jahrelang gemeinsam bei Bordeaux gespielt hatten, die Mischung zwischen alt und jung in der Mannschaft, zwischen technischer Versiertheit und athletischem Spiel - und vor allem die damals eindeutig beste Abwehrkette der Welt mit Thuram, Dessailly, Blanc und Lizarazu und einem Barthez im Tor, all dies war zur WM im eigenen Land unter dem lehrmeisterlich wirkenden Trainer Aimé Jacquet vereint und eben schlicht einmalig, nicht beliebig reproduzierbar.

Frankreich schwelgte im Sommer 1998 nach dem Gewinn der WM am 12. Juli in Hochstimmung, die Parade der Weltmeister im Doppelstockbus durch Paris vor Hunderttausenden bleibt unvergessen, zwei Tage später war dann auch noch Nationalfeiertag, Staatspräsident Chirac durfte sich bei der traditionellen Garten-Party im Elyseepalast mit frischgebackenen Weltmeistern schmücken und sich über die seitdem nie wieder erreichten Popularitätswerte von fast 70% freuen. Es hing so etwas wie Eintracht über dem Land, Hochgesänge wurden angestimmt auf "die Einheit in der Vielfalt" und das erfolgreiche Frankreich – "la France qui gagne".