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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Gunda Wienke

Mexiko

Junge Talente und erfahrene Spieler

Unter der Leitung von La Volpe bekamen junge Talente eine Chance in der Nationalmannschaft. Dagegen wurden diverse Spieler, die früher einen Stammplatz sicher hatten, nicht mehr berücksichtigt, Alter und Spielauffassung der Ausgemusterten passten nicht ins Trainer-Konzept der ständigen Bewegung und des Kurzpassspiels.

So blieben Stars wie der blasierte Cuautémoc Blanco, der von Televisa bezahlt und hofiert wird, außen vor. Ähnlich wie Jürgen Klinsmann, der in Deutschland den großen Boulevardblättern die Stirn bietet, legte sich La Volpe mit mexikanischen Medien an und ging unbeirrt seinen Weg der Umgestaltung.

Spielern wie Francisco Fonseca, Carlos Salcido, Gonzalo Pineda und Luis Pérez gelang unter seiner Regie der Durchbruch . An ihrer Seite stehen erfahrene Leute wie Rafael Márquez, der bei Barcelona eine beeindruckende Saison spielte und den Champions-League-Titel gewann. Dazu Torjäger Jared Borgetti, der in der Qualifikation 14 Tore schoss sowie Keeper und Kapitän Oswaldo Sánchez, der lange im Schatten des "Paradiesvogels" Jorge Campos stand.

Campos, der wie Chilavert und Higuita die Rolle des Torhüters neu definierte, bleibt der Mannschaft als Assistenztrainer erhalten. Seine berüchtigten bizarr-bunten Trikots bleiben im Schrank. Mit seinem schauspielerischen Talent und seiner Fähigkeit, die Auswahlspieler mit Witz und Schlagfertigkeit aufzulockern und anzuspornen, ist "El Brody" ein wichtiger psychologischer Faktor im Team.

"Ins Viertelfinale zu gelangen, wäre eine historische Leistung", erklärte La Volpe, "das ist mein Ziel, und ich werde es erreichen." Dass er ein spielstarkes Team zusammengestellt hat, dass sich auch außerhalb der CONCACAF-Zone überzeugend präsentiert, hat sich beim Konföderationen-Pokal Deutschland gezeigt, wo im vergangenen Jahr vor allem der Sieg gegen den späteren Gewinner Brasilien beeindruckte.

Skandale und Niederlagen

Skandale gehören seit jeher zum mexikanischen Fußball. Doch in den vergangenen Jahren, bedingt durch die undurchsichtige Allianz von Medien und Fußballgeschäft, die jegliche Kritik und Selbstkritik quasi abgeschafft hat, kam es zunehmend zu fragwürdigen Begebenheiten. Als beim Confed-Cup zwei Spieler gedopt waren, versuchte dies der mexikanische Verband zu vertuschen, kam aber um eine drastische Geldstrafe der Fifa nicht herum. Weitaus härter griff die Fifa bereits 1988 durch, als offenbar wurde, dass einige Jugendnationalspieler beim zentralamerikanischen U-20 Turnier älter als 23 Jahre waren. Nicht nur alle betroffenen Spieler wurden für zwei Jahre gesperrt, sondern auch das A-Nationalteam. Was zur Folge hatte, dass die Equipe an der WM 1990 in Italien nicht teilnehmen durfte. Für die disqualifizierten Mexikaner rutschten mit den USA ausgerechnet die "Gringos" nach, was den in Mexiko alltäglichen Verschwörungstheorien neue Nahrung gab.

Die mexikanische Liga und die Medien

Dass nur wenige mexikanische Spieler in Europa unter Vertrag stehen, hat nichts mit deren mangelnden Fähigkeiten zu tun, sondern hängt damit zusammen, dass Mexiko eine starke und finanzkräftige Liga hat. Die Medien sind tief verstrickt in das Geschäft mit dem Fußball. In keinem anderen Land der Welt gibt es eine derart symbiotische Beziehung zwischen Sportlern und Berichterstattern. Seit den 1980er-Jahren existiert ein ausgemachtes Oligopol. Die beiden lateinamerikanischen Medienimperien Televisa und TV Azteca teilen sich den Fußball-Markt. Sie besitzen nicht nur die Übertragungsrechte für den durch Werbeeinnahmen äußerst lukrativen Spielbetrieb, sondern bestimmen praktischerweise auch noch über einige der großen Vereine.

Televisa zum Beispiel besitzt seit den 1960er-Jahren den Club "América" und hat seitdem direkten Einfluss in den Gremien des Fußballverbands. In den Achtzigern erwarb das Medienunternehmen "Nexaca", und in den Neunzigerjahren kam "Atlante" hinzu. Alle drei Clubs spielen im Azteken-Stadion in Mexiko-Stadt, das ebenfalls Televisa gehört. In England, wo die Clubs seit jeher in Privatbesitz sind, gibt es die Klausel, dass eine Person oder ein Unternehmen nicht mehr als einen Verein besitzen darf, um Interessenkonflikte zu vermeiden. In Mexiko sind die Clubs lizenzierte Franchise-Unternehmen. Einschränkungen sind nicht üblich. Der Wechsel von Spielern innerhalb der Teams ist ebenso Praxis, wie das aus den USA übernommene Prinzip des "Draft". Zu Saisonbeginn treffen sich die Vereinsbosse hinter verschlossenen Türen und beraten, welcher Spieler zu welchem Verein geht. Das Ergebnis der Absprachen und die Zusammensetzung der Mannschaften wird dann den Spielern und Medien mitgeteilt.