Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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5.12.2005 | Von:
Gunda Wienke

Mexiko

Nach dem hervorragenden Abschneiden beim Konföderationen-Pokal 2005 (Halbfinale), könnte sich die Mannschaft von Trainer Ricardo Antonio Lavolpe zu einem Geheimtipp entwickeln. Die Qualifikation überstand das Team zumindest ohne größere Schwierigkeiten.

"El juego del hombre" – das Spiel des Menschen/Mannes

Landesflagge MexikoLandesflagge Mexiko
Amerikanische Teamsports wie Basketball und Baseball sind sehr beliebt, am populärsten ist natürlich Fußball, in Mexiko auch "El juego del hombre" genannt. Die wirklich großen sportlichen Erfolge des Landes gehen jedoch auf das Konto von anderen Sportarten. Allen voran Turmspringen, gefolgt von Gehen und Boxen.


Der Musiker und Autor Benjamín Anaja vermutet, dass gute Teamarbeit durch die instabile Arbeitssituation, die ein getreues Abbild der wirtschaftlichen Struktur des Landes ist, erschwert wird. Zudem fehlt es schlicht an Infrastruktur. Der Fußballverband zählt 560.000 aktive Amateure und liegt damit zwar deutlich vor anderen Sportarten, im Vergleich zu Verbänden anderer Länder ist der Anteil an organisierten Spielern verhältnismäßig klein. Der DFB etwa umfasst sechs Millionen Mitglieder. Gekickt wird dennoch überall, meist improvisiert, auf der Straße, in Hinterhöfen, in Parks oder am Strand. Die Kinder der Reichen spielen eher in privaten Familienklubs oder im eigenen Garten.

Nationaltrainer auf dem heißen Stuhl

Mexikos Nationaltrainer Ricardo La Volpe bezeichnete die mexikanischen Journalisten vor dem Testspiel gegen die Niederlande (das Mexiko mit 1:2 verlor) als "Klatschmäuler, die nichts vom Fußball verstehen". Daraufhin wurden in Mexiko Rücktrittsforderungen gegen den 54-Jährigen laut. Solche Forderungen sind nichts Neues für den ehemaligen argentinischen Nationalspieler. Seitdem er 2002 im Amt ist, steht er in der Kritik. Erzfeind und "Chefankläger" ist Hugo Sánchez, der prominenteste mexikanische Spieler aller Zeiten. "Hugol", auch Goldjunge (Niño del Oro) genannt, glänzte in den 1980er-Jahren bei Real Madrid und ist bis heute der erfolgreichste nichtspanische Goalgetter (234 Tore in 347 Spielen) der Primera Division. Der selbstgefällige Sánchez hat Ambitionen, Nationaltrainer zu werden und lässt daher keine Chance aus, La Volpe bloß zu stellen. Doch der jähzornige Kettenraucher La Volpe hat keinerlei Scheu zurückzuschlagen. Die Fehde wird von den Medien am Laufen gehalten. Sollte La Volpe nicht erfolgreich sein, nach eigener Aussage ist das Viertelfinale Minimalziel, sind seine Tage als Nationaltrainer gezählt.

Qualifikation ohne Probleme

Mit 67 Treffern erzielte keine Mannschaft mehr Tore in der WM-Qualifikation als die "Tri" (Tricolores), wie die mexikanische Nationalmannschaft in Anlehnung an ihre dreifarbigen Trikots - grün, weiß, rot - genannt wird. In der vergleichsweise schwach besetzen CONCACAF-Zone, die Nord-, Mittelamerika und die Karibik umfasst, erreichte Mexiko in der dritten Gruppenphase problemlos den zweiten Platz hinter den Punktgleichen USA. Überraschend waren das Remis gegen Panama und die Niederlage gegen Trinidad und Tobago. Die längst qualifizierte "Tri" verlor 2:1 gegen die "Soca Warriors", die sich mit diesem Sieg für das Play-off gegen Bahrain und damit letztlich für die WM qualifizierten.

Der 13. WM-Auftritt: "grüne Mäuschen" oder siegreiche "Tri"?

Mexiko nimmt zum 13. Mal an einer WM teil und gehört damit zu einem exklusiven Club von fünf Ländern (mit dabei: Argentinien, Brasilien, Deutschland, Italien), die sich mehr als zwölf Mal qualifiziert haben. Allerdings ist die "Tri" das einzige Team dieses Clubs, das noch nie als Sieger aus dem Turnier ging. In den Siebzigerjahren hatten die Mexikaner den Spitznamen: "grüne Mäuschen". Den verdankten sie unter anderem ihrem Auftritt bei der 1:6-Niederlage gegen die Deutschen bei der WM 1978. 1970 und 1986, vor heimischem Publikum, wurde immerhin das Viertelfinale erreicht.

Junge Talente und erfahrene Spieler

Unter der Leitung von La Volpe bekamen junge Talente eine Chance in der Nationalmannschaft. Dagegen wurden diverse Spieler, die früher einen Stammplatz sicher hatten, nicht mehr berücksichtigt, Alter und Spielauffassung der Ausgemusterten passten nicht ins Trainer-Konzept der ständigen Bewegung und des Kurzpassspiels.

So blieben Stars wie der blasierte Cuautémoc Blanco, der von Televisa bezahlt und hofiert wird, außen vor. Ähnlich wie Jürgen Klinsmann, der in Deutschland den großen Boulevardblättern die Stirn bietet, legte sich La Volpe mit mexikanischen Medien an und ging unbeirrt seinen Weg der Umgestaltung.

Spielern wie Francisco Fonseca, Carlos Salcido, Gonzalo Pineda und Luis Pérez gelang unter seiner Regie der Durchbruch . An ihrer Seite stehen erfahrene Leute wie Rafael Márquez, der bei Barcelona eine beeindruckende Saison spielte und den Champions-League-Titel gewann. Dazu Torjäger Jared Borgetti, der in der Qualifikation 14 Tore schoss sowie Keeper und Kapitän Oswaldo Sánchez, der lange im Schatten des "Paradiesvogels" Jorge Campos stand.

Campos, der wie Chilavert und Higuita die Rolle des Torhüters neu definierte, bleibt der Mannschaft als Assistenztrainer erhalten. Seine berüchtigten bizarr-bunten Trikots bleiben im Schrank. Mit seinem schauspielerischen Talent und seiner Fähigkeit, die Auswahlspieler mit Witz und Schlagfertigkeit aufzulockern und anzuspornen, ist "El Brody" ein wichtiger psychologischer Faktor im Team.

"Ins Viertelfinale zu gelangen, wäre eine historische Leistung", erklärte La Volpe, "das ist mein Ziel, und ich werde es erreichen." Dass er ein spielstarkes Team zusammengestellt hat, dass sich auch außerhalb der CONCACAF-Zone überzeugend präsentiert, hat sich beim Konföderationen-Pokal Deutschland gezeigt, wo im vergangenen Jahr vor allem der Sieg gegen den späteren Gewinner Brasilien beeindruckte.

Skandale und Niederlagen

Skandale gehören seit jeher zum mexikanischen Fußball. Doch in den vergangenen Jahren, bedingt durch die undurchsichtige Allianz von Medien und Fußballgeschäft, die jegliche Kritik und Selbstkritik quasi abgeschafft hat, kam es zunehmend zu fragwürdigen Begebenheiten. Als beim Confed-Cup zwei Spieler gedopt waren, versuchte dies der mexikanische Verband zu vertuschen, kam aber um eine drastische Geldstrafe der Fifa nicht herum. Weitaus härter griff die Fifa bereits 1988 durch, als offenbar wurde, dass einige Jugendnationalspieler beim zentralamerikanischen U-20 Turnier älter als 23 Jahre waren. Nicht nur alle betroffenen Spieler wurden für zwei Jahre gesperrt, sondern auch das A-Nationalteam. Was zur Folge hatte, dass die Equipe an der WM 1990 in Italien nicht teilnehmen durfte. Für die disqualifizierten Mexikaner rutschten mit den USA ausgerechnet die "Gringos" nach, was den in Mexiko alltäglichen Verschwörungstheorien neue Nahrung gab.

Die mexikanische Liga und die Medien

Dass nur wenige mexikanische Spieler in Europa unter Vertrag stehen, hat nichts mit deren mangelnden Fähigkeiten zu tun, sondern hängt damit zusammen, dass Mexiko eine starke und finanzkräftige Liga hat. Die Medien sind tief verstrickt in das Geschäft mit dem Fußball. In keinem anderen Land der Welt gibt es eine derart symbiotische Beziehung zwischen Sportlern und Berichterstattern. Seit den 1980er-Jahren existiert ein ausgemachtes Oligopol. Die beiden lateinamerikanischen Medienimperien Televisa und TV Azteca teilen sich den Fußball-Markt. Sie besitzen nicht nur die Übertragungsrechte für den durch Werbeeinnahmen äußerst lukrativen Spielbetrieb, sondern bestimmen praktischerweise auch noch über einige der großen Vereine.

Televisa zum Beispiel besitzt seit den 1960er-Jahren den Club "América" und hat seitdem direkten Einfluss in den Gremien des Fußballverbands. In den Achtzigern erwarb das Medienunternehmen "Nexaca", und in den Neunzigerjahren kam "Atlante" hinzu. Alle drei Clubs spielen im Azteken-Stadion in Mexiko-Stadt, das ebenfalls Televisa gehört. In England, wo die Clubs seit jeher in Privatbesitz sind, gibt es die Klausel, dass eine Person oder ein Unternehmen nicht mehr als einen Verein besitzen darf, um Interessenkonflikte zu vermeiden. In Mexiko sind die Clubs lizenzierte Franchise-Unternehmen. Einschränkungen sind nicht üblich. Der Wechsel von Spielern innerhalb der Teams ist ebenso Praxis, wie das aus den USA übernommene Prinzip des "Draft". Zu Saisonbeginn treffen sich die Vereinsbosse hinter verschlossenen Türen und beraten, welcher Spieler zu welchem Verein geht. Das Ergebnis der Absprachen und die Zusammensetzung der Mannschaften wird dann den Spielern und Medien mitgeteilt.

Die legendären "Pumas"

Die "Pumas" sind das einzige Team, das nicht in Unternehmerhand ist. Die Truppe spielt für die UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México), der mit 270.000 Studierenden größten Universität Lateinamerikas. Diese gilt als Hort der kritischen Wissenschaften, politischen Bewusstseinsbildung und der linken Opposition. Einige der besten mexikanischen Spieler starteten ihre Karriere bei den Pumas, etwa Jorge Campos, Luis García Postigo oder Hugo Sanchez, der 2004 als Trainer der Pumas zweimal die Meisterschaft gewann. Diese Möglichkeit der Doppelmeisterschaft ist eine Besonderheit südamerikanischer Ligen, wo mit der Apertura im Frühjahr und der Clausura im Herbst zwei Durchgänge gespielt werden

La Ola auf den Rängen

Die meisten Liga-Spiele sind gut besucht. Auf dem Spielfeld läuft die Show, während vor und im Stadion in jeder Form rege "gehandelt" wird. Der Gegner wird erfinderisch geschmäht und Schiedsrichterbeschimpfungen sind selbstverständlich. Die allerletzte Minute, die der Kommentator Angel Fernández treffend mit "auch die ist sechzig Sekunden lang" verewigte, wird von den Rängen mit Sprüchen wie "die Hoffnung stirbt zuletzt" oder "ja, wir schaffen es" begleitet. Ist das Spiel erst vorbei, dann wird gefeiert, egal ob gewonnen oder verloren. Siege werden mit "a huevos, cabrones!" (entschärft ungefähr: Na logisch, ihr Säcke), Niederlagen mit "Wir ließen sie gewinnen" feucht-fröhlich begangen.

Bei der WM 1986 machte die La-Ola-Welle die Runde. Die mittlerweile weltweit bekannte, vom Stadionpublikum ausgeführte Massenperformance heißt im englischsprachigen Raum bezeichnender Weise "mexican wave". Ausgedacht hat sie sich jedoch fünf Jahre zuvor der amerikanische Cheerleader Krazy George Henderson aus Oakland, Ohio.
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