Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
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Ein legendäres Spiel

Die deutsch-polnische Regenschlacht von 1974

Grzegorz Lato, der polnische Altnationalspieler war ein gefragter Gast bei der Fußballtalkschow 'Deutschland gegen Polen' im Schalker Stadion am 8.5.2006Grzegorz Lato, der polnische Altnationalspieler war ein gefragter Gast bei der Fußballtalkshow 'Deutschland gegen Polen' im Schalker Stadion am 8.Mai 2006 © bpb.de - Stefan Lampe (© bpb )
Wie ging der Spruch noch mal: Fußball ist ein Spiel, bei dem alle mitmachen und am Ende immer die Deutschen gewinnen? Jetzt geht er anders. Die Deutschen von heute heißen Ronaldinhio, Adriano, oder Juan Carlos. Diese südamerikanischen Burschen, deren Namen wie Eissorten klingen sind heute das Maß aller Dinge. Und dennoch: Irgend etwas ist seit einiger Zeit faul im Staate "Fußball". Die begnadetsten Spieler scheinen schon vor vielen Jahren zur Welt gekommen zu sein. Und die schönsten Spiele sind bereits gespielt worden.


Ich jedenfalls kann mich an keine Weltmeisterschaft erinnern, die auf mich mehr bewegt hätte, als die im Jahre 1974. Was heute nur ein trockenes Datum im Kalender ist, wird für mich und meinesgleichen immer eine magische Zahl bleiben. Ich war damals genau zehn, und die Polen hatten eine Mannschaft, wie sie noch lange nicht wieder haben werden. Sogar heute noch kennen Fußballfans in Holland oder Frankreich die Namen von Lato, Deyna oder Lubanski. Deyna, der Kapitän der polnischen Mannschaft, dessen Pässe auf den Zentimeter genau waren, kam zehn Jahre später bei einem Autounfall ums Leben. Lubanski, der Polen im Alleingang in die Weltmeisterschaftqualifikation gebracht hatte, erlitt einen irreparablen Kniebänderriß, sodaß die WM 1974 seine letzte war. Von den dreien ist heute nur Lato öffentlich präsent. Er hat inzwischen eine Glatze, aber er spricht noch heute im Fernsehen über Fußball mit der selben Begeisterung, mit der damals das gegnerische Tor stürmte. Irgendwie hat er etwas von seinem Gegenspieler Günther Netzer, dem er damals 1974 begegnet ist. Denn so gut die Polen die Vorrunden meisterten, so sehr sie die Massen begeisterten, im Halbfinale passierte das unvermeidliche. Polen traf auf den Gastgeber Deutschland. Auf eine Mannschaft, die es in sich hatte. Jeder polnische Junge konnte damals die ganze deutsche Mannschaft auswendig.

Da war zuerst Mal Beckenbauer, der auf dem Spielfeld ein Fuchs aber keineswegs hinterhältig war. Da war der riesige Tormann Sepp Mayer in seinen komischen Hosen. Im Sturm spielte ein gewisser Gerd Müller, den ganz Polen in Kürze hassen sollte. Und dann war da noch der Trainer. Der leicht lächelnde Helmut Schön mit seinem ewigen Käppchen, das er nicht mal dann abnahm, als Deutschland Weltmeister wurde. Es war vor vorn herein klar, daß hier ein Außenseiter gegen den Favoriten spielte. Aber es war ein Außenseiter, den nur ein Wunder stoppen konnte. Und das Herbeiführen der Wunder war damals eine deutsche Spezialität.

Noch nach dreißig Jahren erinnert sich jeder in Polen, der damals zugeschaut hat an den unglaublichen Regenguß, der das Stadion kurz vor dem Spiel überflutete. Es war ein regelrechter Wolkenbruch, der buchstäblich aus dem heiteren Himmel kam. Das Spielfeld war in wenigen Minuten derart mit Wasser überschwemmt, daß es bis über die Knöchel reichte. Die Bedingungen waren irregulär, aber nach einer Verschiebung entschied man sich doch das Spiel anzupfeifen. Polens Schicksal war damit besiegelt.

Ich erinnere mich noch heute an drei Szenen. An die drückende Überlegenheit der Polen und das schlaue Verteidigungsspiel der Deutschen. An den Schuß von Lato, wo der Ball statt ins leere Tor zu rollen wenige Zentimeter vor der Linie in einer Regenpfütze versackte und tot liegenblieb. Und schließlich an das Tor von Müller, der gerade noch mit dem Rücken zum polnischen Tor stand und in nächstem Moment aber schon einschoß. Dieses Tor entschied und die Deutschen waren im Finale. In Polen brach Staatstrauer aus. Es nützte nichts, daß die Polen im Spiel um Platz drei Brasilien wegfegten. Und genauso wenig, daß die Deutschen die großen Holländer in deren Mannschaft solche Leute wie Cruyff oder Rensenbrink spielten, im Finale besiegten. Jeder spürte, daß eine historische Chance dahin war. Der einzige Trost war, daß die Polen 1974 gegen die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten verloren hatte. Nicht einmal die Beckenbauerelf, die mit Völler und Co. später Weltmeister wurde, reichte an sie heran. Um 1974 mußte der Spruch geboren worden sein, von dem die Deutschen lange zehrten: "Fußball ist ein Spiel, bei dem alle mitmachen und am Ende immer die Deutschen gewinnen."

Heute nach dreißig Jahren beherrscht dieses Kunststück die deutsche Mannschaft nicht mehr. Es ist abgedroschen die Verfassung einer Fußballnationalmannschaft mit der Verfassung eines Landes zu vergleichen, andererseits aber auch sehr verlockend. Vielleicht weil die deutsche und auch die polnische Nationalmannschaft von 2006 diese Übereinstimmung erstaunlich gut verkörpern. Die deutsche Mannschaft hat ihren legendären Zug aufs Tor verloren. Wenn die Deutschen mit den Italienern spielen, dann dribbeln sie wie die Italiener, wenn sie mit den Brasilianern spielen, spielt Podolski teilweise besser als Ronaldo. Treten sie gegen einen Schwächling an, können sie noch schwächer als er sein. Die Welt schaut verblüfft zu und fragt sich: Sind die Deutschen etwa Empathen geworden, oder haben sie eine Identitätskrise?

Auf der anderen Seite sind die Polen. Unter vorgehaltener Hand als leichter Gegner eingestuft. Und völlig zurecht. Wenn es um nichts geht, können sie die Brasilianer schlagen. Sobald aber man nur einen "Zloty" auf sie setzt, brechen sie unter der Last der Verantwortung zusammen.

Das einzige, was die Mannschaft von heute mit der von 1974 gemeinsam hat, sind die weißroten Trikots und die Zahl der Spieler. Elf an der Zahl. Es hätten aber auch fünfzehn sein können. Es spielt keine Rolle. Sie sind durch Zufall in die Endrunde hineingeraten und werden durch auch einen Zufall auch eliminiert werden. Allerdings hat der selbe Zufall die deutsche und die polnische Mannschaft in die selbe Gruppe gelost. Das ist der einzige Hoffnungsschimmer: Vielleicht wird sich die eine Mannschaft die Indifferenz der anderen als warnendes Beispiel nehmen. Dann könnte sie sich auf ihre alten Qualitäten besinnen und weit kommen. Vielleicht sogar ins Finale. Wo sowieso schon Brasilien wartet.