Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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Portugal


5.12.2005
Nur Liechtenstein brachte Portugal kurzfristig zum stolpern. Die WM-Qualifikation war ansonsten ungefährdet. Mit der vierten Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft können die Südeuropäer ihr schlechtes Abschneiden beim vorangegangenen Turnier vergessen machen: dort schieden sie bereits in der Vorrunde aus.

Portugal kommt mit dem Rückenwind einer souveränen Qualifikation



Landesflagge PortugalLandesflagge Portugal
1. März 2006, 20 Uhr 45. Dafür sind sogar Kölner nach Düsseldorf gekommen! Portugal spielt gegen Saudi-Arabien eine der letzten Vorbereitungspartien vor der Weltmeisterschaft. 8.000 Zuschauer füllen die Arena nicht, aber dennoch erlebt Düsseldorf eine der größten Versammlungen von Portugiesen auf deutschem Boden. Einige von ihnen haben deutsche Freunde mitgebracht und denen erklären sie vor dem Anpfiff noch schnell das Nötigste. Also, die Nationalmannschaft nennt man Selecção, ein "c" mehr als bei der brasilianischen Seleção, oder auch "Selecção/Equipa das Quinas". Quinas, das sind die Ritterschilde auf dem portugiesischen Wappen. Die Spieler treten neuerdings ganz in Bordeauxrot an. Das ist daheim umstritten. Denn Grün, die zweite Farbe der Nationalflagge, ist bis auf ein paar Streifen verschwunden.

Jetzt läuft die Nationalhymne und wird gleich mit erklärt. "Heróis do Mar" schmettern Spieler und Fans, "Helden des Meeres". Das erinnert an die Großtaten der Entdecker im 15. und 16. Jahrhundert. Der schmissige Refrain "Às armas, às armas!" war schon Thema im Parlament in Lissabon, denn der Ruf "zu den Waffen" klingt nicht mehr politisch korrekt. Nicht ganz fair, aber bei der saudischen Hymne lässt die Konzentration nach. Zeit für den Hinweis, wie souverän sich die Portugiesen für die WM qualifiziert haben. In der europäischen Gruppe 3 ließen sie die Slowakei, Rußland, Estland, Lettland, Liechtenstein und Luxemburg in dieser Reihenfolge hinter sich. Die zwölf Gruppenspiele brachten neun Siege und drei Unentschieden. Mit 35 Toren in der Qualifikation waren die Portugiesen treffsicherer als jede andere europäische Mannschaft.

Figo, Deco, Cristiano Ronaldo und Co. - Mannschaft voller Stars



Portugals Top-Spieler Luis Figo, Foto: Francisco Paraíso / FPFPortugals Top-Spieler Luis Figo, Foto: Francisco Paraíso / FPF
An diesem kalten Abend stehen in Düsseldorf schon weitgehend die Spieler auf dem Rasen, auf denen im Sommer die WM-Hoffnungen ruhen. Die meisten spielen nicht mehr in Portugal, sondern holen sich Härte und Erfahrung bei Topclubs in Europa. Luís Figo [1] ist zurück in der Nationalelf. Er ist nicht mehr so schnell wie früher? Egal, jeder Schritt strahlt Weltklasse aus. Der in Brasilien geborene Spielmacher Deco [2] ist für viele schon jetzt einer der Stars der WM. Auch Costinha [3], Maniche [4] und Cristiano Ronaldo [5] stehen für ein Mittelfeld, das vor Technik sprüht und Druck nach vorne macht. Der junge Cristiano Ronaldo, der in Düsseldorf zwei Tore zum 3:0 gegen Saudi-Arabien beisteuert, ist vielleicht der weltweit beste Spieler seines Alters. Pauleta [6], seit Jahren einer der erfolgreichsten Stürmer in Europa, hat für Portugal inzwischen öfter getroffen als der legendäre Eusébio. Die Abwehr muss bei der WM ohne den verletzten Jorge Andrade auskommen, sieht aber immer noch stark aus, unter anderem mit Ricardo Carvalho [7], Paulo Ferreira [8], Nuno Valente [9] und dem Stuttgarter Fernando Meira [10]. Dazu kommen Torwart Ricardo [11] und noch viele andere Namen mit gutem Klang wie Nuno Gomes, Miguel, Tiago, Simão Sabrosa, Quaresma, Hugo Viana oder Petit.

Der Mitfavorit kommt mit "Titelverteidiger" Scolari



Luiz Felipe Scolari, Photo: Francisco Paraíso / FPFLuiz Felipe Scolari, Photo: Francisco Paraíso / FPF
Dass Portugal bei der WM als Mitfavorit an den Start geht, liegt auch an Luiz Felipe Scolari [12], dem amtierenden Weltmeistertrainer. Felipão, wie er daheim genannt wird, der große Philipp, hat Brasilien vor vier Jahren zum Endspielsieg gegen Deutschland geführt und danach in Portugal ganze Arbeit geleistet. Der Disziplinfanatiker hat klassische Schwächen abgestellt: die Schönspieler stehen jetzt auch hinten gut und behalten in kritischen Momenten die Nerven. Die Vize-Europameisterschaft war der erste Lohn für diese neue Spielergeneration. Mitgeprägt hat sie José Mourinho. Der Exzentriker auf der Trainerbank hat der halben Nationalelf in Porto seinen erfolgsorientierten Stil eingebleut und formt einige von ihnen in London weiter.


Fußnoten

1.
Luís Filipe Madeira Caeiro Figo (33), Weltfußballer des Jahres 2001, wurde in Barcelona zum Star, wechselte als erster "Galaktischer" zu Real Madrid und ist inzwischen bei Inter Mailand angekommen. Den Abschied von der Nationalelf nach dem EM-Finale 2004 machte der Rekordnationalspieler zur WM-Qualifikation rückgängig. Figo stammt aus einfachen Verhältnissen und hat das nicht vergessen. Als UNICEF-Botschafter und mit einer eigenen Stiftung fördert der Mann, der gerne Psychologe geworden wäre, benachteiligte Kinder.
2.
Deco (28) ist einer der besten Spielmacher der Welt. Der Mittelfeldregisseur war Garant der Europapokaltriumphe von Mourinhos F.C. Porto und zieht heute die Fäden in Barcelona. Geboren wurde er als Anderson Luíz de Sousa in Brasilien. Als Fußballgastarbeiter kam Deco 1997 ohne große Begeisterung nach Portugal. Er blieb, setzte sich durch, wurde eingebürgert und avancierte zu einem der Stars der EM 2004. Die meisten Portugiesen haben ihn ins Herz geschlossen. Ein paar Unverbesserliche sehen in ihm immer noch einen Fremden und lassen ihn das spüren.
3.
Costinha (32) hat turbulente Monate hinter sich. Er war mit Maniche von Porto nach Moskau gewechselt, überwarf sich dort aber mit der Vereinsführung. Ergebnis: Francisco José Rodrigues Costa drückte monatelang die Bank und spielte nur in der Nationalelf. Dort aber als Kapitän, oder besser gesagt: als einer von ihnen. Denn Scolari setzt auf drei Kapitäne: Costinha, Pauleta und Figo. Der Trainer benennt vor jedem Spiel denjenigen, der ihm am besten zu Gegner, Ort und Schiedsrichter zu passen scheint.
4.
Maniche (28) ist bei Chelsea als vorerst letzter portugiesischer Spieler angekommen. Der Mittelfeldstar wechselte nach den goldenen Jahren in Porto erst einmal für 16 Mio. Euro zu Dynamo Moskau. Das war russischer Ablöserekord. In diesem Januar wurde er nach London ausgeliehen. Eigentlich heißt er Nuno Ricardo Oliveira Ribeiro. Sein Spitzname Maniche erinnert an einen früheren dänischen Star von Benfica. Maniches unglaublicher Weitschuss beim Halbfinalerfolg gegen die Niederlande wurde zum besten Tor der EM 2004 gewählt.
5.
Cristiano Ronaldo Santos Aveiro (21) kommt aus Madeira. Die Inselgruppe ist eine autonome Region Portugals. Die Eltern gaben ihm den zweiten Vornamen aus Verehrung für US-Präsident Ronald Reagan. Der Vater war Platzwart bei einem kleinen Verein, und dort lernte Cristiano das Laufen auf dem Spielfeld. Bei Sporting Lissabon kam er groß heraus und ging dann 2003 zu Manchester United. In Portugal gilt er als der Superstar nach Figo. Im vergangenen Jahr wurde Ronaldo nach Vergewaltigungsvorwürfen von der britischen Polizei verhört. Der Verdacht zerschlug sich und sein guter Name war wieder hergestellt.
6.
Pauleta (33) hat als einziger in Scolaris Kader nie in der ersten portugiesischen Liga gespielt. Stationen seiner Karriere sind Salamanca, La Coruña, Bordeaux und Paris Saint-Germain. Er war in der WM-Qualifkation mit elf Treffern bester Schütze in Europa. Pedro Miguel Barreiro Resendes, genannt Pauleta, kommt aus Ponta Delgada, der Hauptstadt der Azoren. In der Nationalelf ist er der besondere Stolz des fernen Archipels, wo man ihn den "Adler der Azoren" nennt.
7.
Ricardo Carvalho (28) ist mit Mourinho zu Chelsea gewechselt. Der Innenverteidiger ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere in der Weltklasse angekommen. Dabei setzte er sich in Porto erst nach mehreren Anläufen durch, noch rechtzeitig für die beiden europäischen Titel 2003/04. Anschließend spielte Carvalho eine glänzende EM, und inzwischen ist er maßgeblich daran beteiligt, dass Chelsea meist zu Null spielt. Carvalho ist kein Holzer. Er zieht die intelligente Defensive vor: bei der EM in Portugal musste er sich in 480 Minuten auf dem Platz nur fünf Mal mit einem Foul behelfen.
8.
Auch Paulo Ferreira (27) ging von Porto nach London. Nach einem guten ersten Jahr sitzt er jetzt öfter auf der Bank, als ihm lieb ist. Noch ist nicht sicher, ob Scolari ihn mit nach Deutschland nimmt. Wenn Ferreira sich wieder fängt, wird aber auch er bei der WM den gegnerischen Stürmern das Leben sehr schwer machen.
9.
Nuno Valente (31), durchlief wie so viele die Schule Mourinhos in Porto. Auch der Verteidiger verließ Porto in Richtung England. Valtene ging aber nicht zu Chelsea, sondern nach Everton.
10.
Fernando Meira (28) vertritt die Bundesliga in der portugiesischen Nationalmannschaft. Im Januar 2002 holte Felix Magath den jungen Kapitän von Benfica nach Stuttgart. Meiras Anfang beim VfB war durchwachsen. Verletzungspech kam hinzu. Doch inzwischen hat sich Meira als Leistungsträger bei den Schwaben durchgesetzt. Bei der WM 2002 und der EM 2004 wurde er noch übergangen. Nun will er bei seinem ersten großen Turnier, ausgerechnet in der Wahlheimat Deutschland, alles geben.
11.
Ricardo Martins Soares Pereira (30) ist nicht unumstritten. Scolari handelte sich schon 2004 viel Ärger ein, als er bei der EM das Torwart-Denkmal Vítor Baía auf die Bank setzte. Ricardo wurde im Viertelfinale zum Helden: Im Elfmeterschießen hielt er erst den letzten Elfer der Engländer - ohne Handschuhe! Anschließend verwandelte er selbst den entscheidenden Strafstoß für Portugal. Im Finale sah er beim Tor der Griechen dann eher unglücklich aus.
12.
Der 58-jährige Scolari arbeitet souverän. Gelassen hält er dem Ränkespiel im Verband und den Angriffen der Presse stand, die normalerweise zu einer raschen Rotation der Nationaltrainer führen. Seine Devise: Das Spiel ist dazu da, gewonnen zu werden. Dem muss sich jeder unterordnen, selbst ein Ronaldo oder Figo. Manchem passt es nach wie vor nicht, dass der Trainer Ausländer ist - und ausgerechnet Brasilianer. Portugal unterhält zu der großen ehemaligen Kolonie eine leicht pathologische Hassliebe. Scolari deutet inzwischen an, dass seine Zeit in Portugal nach der WM zu Ende gehen könnte.