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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Regina König

Schweden

Wirtschaft und Bildungssystem

Ende der 1980er-Jahre hatte sich Schweden selbst in eine schwere Wirtschaftskrise manövriert. Die Ursachen: falsche Strukturen, ein absurdes Steuersystem, eine Geldpolitik, die wechselweise die Konjunktur bremste und überhitzte, ein vorbildlich ausgebautes Sozialsystem, das allerdings auf Vollbeschäftigung angelegt war und nicht auf eine krisengeschüttelte Gesellschaft mit zwölf Prozent Arbeitslosen. Die Inflation war damals zeitweise auf mehr als zehn Prozent angestiegen, die Krone hatte enorm an Wert verloren, Zinsen kletterten auf bis zu 500 Prozent.

Die Veränderungen und Einschnitte waren hart. Die Bürger schluckten das bittere Gebräu aus steigenden Steuern und sinkenden Ausgaben für Schulen, Kinderbetreuung, Krankenhäuser und Sozialhilfe, weil jeder spürte, dass es so nicht weitergehen konnte. Aber: Wenn man von sehr hohem Niveau aus einspart, bleibt immer noch eine Menge übrig – der Wohlfahrtsstaat Schweden ist, zahlreichen Kritikern zum Trotz, nicht ins Gegenteil umgeschlagen. Die Grundrente von rund 600 Euro im Monat und die Gesundheitsversorgung werden nach wie vor aus Steuermitteln finanziert, die Familien- und Bildungspolitik ist vorbildlich. Die Euro-Einführung wurde 2003 mit knapper Mehrheit abgelehnt, der Wirtschaft geht es vergleichsweise gut. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei rund fünf; das Wachstum bei zwei Prozent. In dem ehemals bitterarmen Bauernland arbeiten nur noch drei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Schweden ist eine Dienstleistungsgesellschaft; in der Industrie sind rund 30 Prozent der Arbeitnehmer beschäftigt, meist in Großunternehmen der Telekommunikation, Informationstechnologie, Metall-, Elektro- und Autoindustrie (Ericsson, ABB, Electrolux, Volvo, Saab).

In der Familien- und Bildungspolitik ist Schweden Deutschland ungefähr 50 Jahre voraus. Acht von zehn Schwedinnen sind berufstätig, doch dank der vorbildlichen Kinderbetreuung geht die Geburtenrate nicht zurück. Ehegattensplitting gibt es nicht, und Unterhaltszahlungen an die geschiedene Ehefrau nach der Scheidung sind in Schweden unbekannt! Vater oder Mutter können nach der Geburt ihres Kindes 390 Tage bei 80 Prozent des letzten Gehaltes zu Hause bleiben, danach kommen die Kleinen in den "Dagis", den ganztägigen Kindergarten, der in das Schulsystem integriert ist. Zwei Monate der Elternzeit muss der besser verdienende, auch in Schweden in der Regel der Vater, zu Hause bleiben, sonst entfällt diese Zeit. Und dass alle Väter mindestens acht Wochen bei ihrem Kleinkind bleiben müssen, zivilisiert eine Gesellschaft ungemein.

Alle Kinder besuchen neun Jahre die Grundschule, erst danach entscheiden die Jugendlichen selbst, wie es mit ihrer Ausbildung weiter geht. Ob Leichtathletik, Schwimmen, Eishockey, Fußball, Theater- und Museumsbesuche – all das ist im so genannten Fritids, also der Betreung nach Ende des Unterrichts selbstverständlich. Die Schweden zahlen die höchsten Steuern der Welt und lassen sich vor allem Elternzeit und Kinderbetreuung, Schulsystem und Ausbildung einiges kosten.

Öffentlichkeitsprinzip

Seit 1776 herrscht im Königreich Schweden das in der Verfassung verankerte so genannte Öffentlichkeitsprinzip, das den Bürgern bis heute Zugang und Einsicht in Verwaltungsdokumente und –vorgänge ermöglicht. Offenheit ist die Grundregel, Geheimhaltung die Ausnahme. Und seit mehr als 80 Jahren gibt es ein "Institut gegen Bestechung", eine ideelle Organisation der Wirtschaft, die für gute Sitten sorgen soll. Der Preis für die Offenheit ist, das Datenschutz praktisch nicht existiert. Jeder Schwede weiß, was der andere verdient, die Daten jedes Einzelnen sind in Zentralcomputern gespeichert. Jede Schwedin, jeder Schwede hat eine Personenkennziffer, die sich u.a. aus dem Geburtsdatum zusammen setzt. Wer die weiß, weiß alles! Die Steuererklärung, die vom Finanzamt fix und fertig ausgefüllt wird, kann man per SMS, E-Mail oder Anruf bestätigen.