Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Daniel Theweleit

Togo

Sieben Siege, nur eine Niederlage und zwei Unentschieden: eine mehr als beachtliche Bilanz für die Fußball-Nationalmannschaft von Togo, die in Deutschland ihre WM-Premiere feiern wird. Erheblich zum Erfolg beigetragen hat Emmanuel Adebayor. Der Stürmer erzielte insgesamt elf Tore.

Einleitung

Landesflagge TogoLandesflagge Togo
Der Erfolg der togolesischen Fußballer hat ein Geheimnis. Es ist der Geist von Bamako, der dieser bisher international niemals auffällig gewordenen Fußballnation eine Kraft verlieh, die das Unglaubliche möglich machte: die Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Deutschland. Immer wieder wird berichtet, westafrikanische Fußballmannschaften könnten mit Hilfe von Voodoozauber zu eigentlich unmöglichen Siegen verhelfen, auch zur Unterstützung von Togos Fußballern kamen derlei Methoden zur Anwendung. Der "Geist von Bamako" gehört aber nicht in diese Kategorie. Er lässt sich auch mit europäischen Glaubens- und Denkstrukturen bestens nachvollziehen.


Es war im März 2005, als die Mannschaft zum WM-Qualifikations-Spiel nach Mali reisen musste, in die Hauptstadt, die den Namen Bamako trägt. "Ab dem Augenblick unserer Ankunft wurden wir da nicht gut behandelt", erzählt Eric Akoto vom österreichischen Klub Admira Wacker. Am Flughafen und dann im Hotel waren die Angestellten ausnehmend unfreundlich, die Delegation der Gäste musste immer wieder lange warten, und als die Togolesen dann während des Spiels tatsächlich in Führung gingen, schlug die Missgunst des Publikums in Wut um. "Es war eine beängstigende Atmosphäre", erinnert sich Akoto, doch irgendwann pfiff der Schiedsrichter das Spiel ab, und der kleine Gast hatte tatsächlich 2:1 gewonnen.

"Wir rannten in die Kabine und mussten dort vier Stunden bleiben, während draußen wütende Menschen versuchten, den Raum zu stürmen", schildert Akoto die Situation, in der an Freude zunächst nicht zu denken war. Doch genau in "diesen Stunden des Eingesperrt-Seins reifte der Glaube, dass wir es zur WM schaffen können", erzählt der mittlerweile entlassene Trainer Stephen Keshi. Irgendwann erbarmten sich die örtlichen Sicherheitskräfte und befreiten die Mannschaft, die von nun an kein Spiel mehr verlieren sollte. Am Ende war Togo gar mit 23 Punkten die erfolgreichste Mannschaft der gesamten afrikanischen Qualifikation. Es war nicht Voodoo, es war schnöde Psychologie, die diesen Erfolg möglich machte.

Unglaublich stolz wirken die jungen Männer, wenn sie von ihrem Siegeszug über den Kontinent berichten. "Diese Weltmeisterschaft wird Höhepunkt meiner Karriere, und das gilt nicht nur für mich, das gilt für fast alle unsere Spieler", sagt Yao Aziawonou vom schweizerischen Klub Young Boys Bern. Das mag wie eine der vielen Fußballerfloskeln klingen, doch die Augen Aziawonous haben so gar nichts von der professionellen Gelacktheit europäischer Stars. Für dieses weitgehend unbeachtete Land bedeutet seine WM-Teilnahme weit mehr als etwa für Italien oder Tschechien. Erstmals kann sich diese kleine westafrikanische Nation auf solch einer Bühne präsentieren, fußballerisch, aber auch mit all seinen anderen Vorzügen. Nur gut fünf Millionen Menschen wohnen in dem schmalen Landstrich zwischen Benin und Ghana in Westafrika, dort, wo auch die gescheiterten Fußballgiganten Nigeria, Kamerun, und Senegal liegen. Und den Spielern bietet die WM Anlass für große Träume von einer Zukunft nach dem Vorbild des Jay-Jay Okocha, des Samuel Eto´o oder des Anthony Yeboah.

Die ersten Monate im WM-Jahr misslingen gründlich

Doch der erste Teil der WM-Vorbereitung ist den Togolesen zunächst einmal mächtig misslungen. Eigentlich sollte der Afrika-Cup im Januar und Februar das Team weiter zusammen schweißen, der Zusammenhalt sollte noch stärker werden, die Mannschaft sollte Automatismen entwickeln, sich zu einem funktionierenden Kollektiv formieren. Doch das Gegenteil geschah: Alle beklagten sich, alle meckerten offen. Das in afrikanischen Auswahlen immer bis zum Gehtnichtmehr geübte Feilschen um Prämien störte und verzögerte die Anreise zum Turnier und machte eine vernünftige Vorbereitung unmöglich. Aziawonou erzählt von "unorganisiertem Training" und "ermüdenden Flügen" nach und von Lomé, Paris, Tunesien und Ägypten.

Auch eine aufwändige Reise zu einem Turnier in Iran half wenig weiter, und in Kairo versank das Team dann endgültig im Chaos. Nach dem ersten Spiel gegen die Volksrepublik Kongo (0:2) eskalierte ein Streit zwischen Trainer Keshi und dem erst 22-jährigen Starspieler Sheyi Adebayor (früher AS Monaco, jetzt Arsenal London). Mit Gewissheit ist nicht rekonstruierbar, was genau vorgefallen war, sicher ist nur, dass Keshi seinen Star nicht aufstellen wollte, weshalb sich der Spieler und auch die Mannschaft beschwerten. Nach der Partie erzählte Adebayor dann Journalisten, Keshi habe versucht, an dessen Wechsel nach England Geld zu verdienen, und als Keshi das berichtet bekam, platzte ihm der Kragen. Vor den Augen der Berichterstatter stürzte er auf Adebayor zu, wollte auf ihn einprügeln und konnte nur mit Mühe von einigen Spielern zurück gehalten werden.

Zwar rissen sich die Kontrahenten während der verbleibenden Tage des Turniers zusammen, doch das Klima in der Mannschaft blieb verseucht. Man verlor alle Spiele, und jeder wusste, dass Keshi noch vor der WM entlassen werden würde. Es ist ein altes Phänomen, dass erfolgreiche afrikanische Trainer, die sich mit ihren Teams für eine Weltmeisterschaft qualifiziert haben, diese Krönung des eigenen Wirkens nicht mehr miterleben dürfen, weil sie zuvor beim Afrika-Cup scheitern und kurzerhand gefeuert werden.

Als Keshis Ablösung immer konkreter wurde, formierte sich ein Kern von Spielern, die sich für den Nigerianer einsetzten. "Es macht wenig Sinn, so kurz vor dem Turnier den Trainer zu wechseln", meinte Aziawonou, auch Akoto äußerte sich kritisch zum Trainerwechsel und erhielt Unterstützung von Sherif Toure, dem Exoten aus dem deutschen Bezirksligateam von Concordia Irhove. Toure gehörte in der Qualifikation und beim Afrika-Cup zum Kader, wird aber unter dem neuen Trainer Otto Pfister kaum eine Chance erhalten. Adebayor hingegen gefällt diese Front, die sich letztlich auch gegen ihn richtet, selbstverständlich überhaupt nicht. Vehement verteidigt er den Trainertausch: "Wenn man ein Spieler ist, dann sollte man auch ein Spieler bleiben, und sich nicht aufführen wie ein Verbandspräsident", sagt er, und bekräftigt noch einmal seinen Vorwurf, Keshi habe versucht, sich als sein Agent anzudienen.