Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Daniel Theweleit

Tunesien

Mit sechs Siegen, drei Unentschieden und nur einer Niederlage in der Qualifikation feierte die Fußball-Nationalmannschaft von Tunesien ihre vierte Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Zu den herausragenden Spielern von Trainer Roger Lemerre gehören Kapitän Hatem Trablesi und der junge Stürmer Haykel Guemamdia.

Einleitung

Landesflagge TunesienLandesflagge Tunesien
In Europa sind in den vorweltmeisterschaftlichen Monaten allerlei Kleidungsstücke in Mode gekommen, die Bezug nehmen auf das Großereignis im Sommer. Shirts, die aussehen wie Trikots der großen Fußballnationen, finden ebenso regen Absatz wie Mützen, Taschen oder andere Utensilien, die ästhetisch auf vergangene Höhepunkte der Fußballgeschichte anspielen. Die Marketingmaschinerie läuft auf Hochtouren, und in Tunesien ist das nicht anders. Doch in dem nordafrikanischen Land ist ein besonders skurriles Kleidungsstück zum Renner unter den Devotionalien avanciert: Ein Trainingsanzug in den Nationalfarben mit dem Emblem des tunesischen Fußballverbandes über dem Herzen, und auf dem Rücken des zugehörigen ballonseidenen Blazers prangt ein überdimensioniertes Porträt von Staatspräsident Zine el Abidine Ben Ali. Man stelle sich vor, die Kids würden in Deutschland mit Trikots der Fußballer umherlaufen, und die Rückenfläche zierte - statt einem Ballack-Schriftzug - das Bild einer weich lächelnden Angela Merkel. Die Blicke der Passanten wären dem Träger gewiss, doch in Tunesien wundert sich kaum jemand darüber.


Besonnenheit und Weitsicht, statt Drohgebärden und Korruption

Sport und Politik sind hier wie selbstverständlich ineinander verwoben, und das Konterfei des Präsidenten lächelt einem ohnehin an jeder größeren Straßenecke entgegen. Mit knapp zehn Millionen Einwohnern ist Tunesien das kleinste Land im Norden Afrikas und tut sich schwer damit, aus dem Schatten seiner Nachbarn herauszutreten, ob politisch, kulturell oder beim Fußball. Doch in letzterem Punkt ändert sich das gerade ganz gewaltig. Tunesien schaffte die dritte Weltmeisterschaftsteilnahme hintereinander nach 1998 und 2002, sie sind zum zweiten Mal aufeinanderfolgend das einzige Maghreb-Land, das zu den besten 32 Nationen zählt, und das ist wahrlich kein Zufall.

"Es gibt in Afrika keinen Fußballverband, der auch nur annähernd so klug geführt wird wie der Tunesische", sagt Claude Le Roy, ein Franzose, der gegenwärtig die Nationalmannschaft der Demokratischen Republik Kongo trainiert und schon lange durch abgelegene Winkel der Fußballwelt unterwegs ist, vorzugsweise in Afrika. Die Verbände seien überall durchsetzt von korrupten, geltungssüchtigen Funktionären, sagt der Mann, Tunesien sei da die einzige Ausnahme auf dem Kontinent. "Die Familie von Verbandschef Hamouda Ben Ammar ist eine Familie aus Künstlern und Intellektuellen, die finanziell unabhängig ist", erläutert Le Roy. Ben Ammar blicke mit großem Interesse nach Europa, er habe ein Auge für die Entwicklungen des gegenwärtigen Fußballs, ihm gehe es wirklich um den sportlichen Erfolg.

Tatsächlich sind von Ben Ammar Sätze zu hören, wie sie den meisten afrikanischen Fußballfunktionären niemals über die Lippen kämen. "Ich setze auf Beständigkeit", sagt der korpulente Mann mit dem fröhlichen Gesicht, "es war in der Vergangenheit sicher ein Manko der Ländermannschaften des Maghreb, dass alle sechs Monate der Trainer ausgetauscht oder einige Spieler zu schnell mit Sanktionen belegt wurden. Was wir brauchen, ist das Gegenteil, nämlich eine beharrliche und dauerhafte Arbeit." Das klingt fast nach Revolution, berücksichtigt man die afrikanischen Traditionen. Konstanz, statt Aktionismus, ein Rezept mit beachtlichen Ergebnissen.

Ben Ammar wirkt wie ein Visionär, wenn er von seiner Nationalmannschaft erzählt. Der Präsident hat die Arbeitsgrundlagen der wichtigsten Fußballer des Landes gründlich erneuert, und alles in Frage gestellt, was früher war. Statt sich zu Bemühen, die großen Stars in der Heimat zu halten – was durchaus auch im Interesse des Verbandes liegt, immerhin stärkt das die nationale Liga – legt Ben Ammar seinen Nationalspielern nahe, früh ins Ausland zu wechseln. "Unsere jungen Talente sollen ihre Erfahrungen im Ausland sammeln", sagt er. Früher sei das eher zögerlich geschehen, die Auswahlspieler fühlten sich in Tunesien wohl "und wurden hier liebevoll umhegt, sie waren im Inland bekannte Stars", meint Ben Ammar. Das sei für die Spieler zwar bequem gewesen, doch der Entwicklung schadete das. "Das war der entscheidende Unterschied zu den wesentlich erfolgreicheren Spielern aus Zentral- und Westafrika", erläutert der Funktionär. Er überzeugte die Spieler von einem Umdenken.

Kapitän Hatem Trabelsi etwa wechselte bereits mit Anfang 20 zu Ajax Amsterdam, Issam Jemaa ging jung nach Lens, Anis Ayari zu Samsunspor in die Türkei, und auch ältere Spieler wie Radhi Jaidi (seit 2004 bei Bolton Wanderers), oder der Nürnberger Jawhar Mnari wurden zu einem Wechsel nach Europa motiviert. Das zahlt sich aus, "diese Erfahrungen lassen die Spieler nicht nur fußballerisch reifen, sie werden so auch zu Persönlichkeiten, die im Fußball mehr Verantwortung tragen können", erklärt Trainer Roger Lemerre.

Der Franzose war es, der ein zweites wesentliches Element in den tunesischen Fußball einbrachte, und auch das kann als wesentliche Grundlage gegenwärtigen Erfolges betrachtet werden. Eine mindestens ebenso große Gruppe, wie die nach Europa gewechselten Spieler sind jene Fußballer im Team, die gar nicht in Tunesien aufgewachsen sind, sondern in Frankreich. Chawki Ben Saada (SC Bastia) und Hamed Nammouchi (Glasgow Rangers) haben gar bereits für französische Jugendnationalmannschaften gespielt, Selim BenAchour (Vitória Guimarães/Portugal) und Mehdi Nafti (Birmingham City) sind ebenfalls in Frankreich groß geworden. Man schaut konkret nach Spielern, die in Europa ausgebildet wurden und tunesische Wurzeln besitzen, um sie für das Nationalteam zu rekrutieren.