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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Daniel Theweleit

Tunesien

Francilueido dos Santos: Verworrene Wege eines Nationalhelden

Anders liegt der Fall indes beim einzigen echten Star der tunesischen Mannschaft. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kaltstart, mit dem die wundersame Laufbahn von Francileudo Silva dos Santos als Fußballprofi begann. 1996 hatte Standard Lüttich das 16-jährige Talent aus Maranhao, dem nördlichsten Bundesstaat Brasiliens, unter Vertrag genommen. Vom fernen Belgien wusste Santos nicht viel. Er reiste mitten im Winter nur mit einem Koffer voller Bermudashorts an. Die Akklimatisierungsprobleme waren schwer zu überwinden. In Lüttich kam der Angreifer nicht über das Reserveteam hinaus. Als Standard beschloss, Santos nach Tunesien abzuschieben, war es für ihn wie eine Befreiung. "Die Stadt Sousse hat mich wenigstens ein bisschen an Brasilien erinnert. Da habe ich zugesagt", sagt er heute.

Zwei Jahre lang, bis 2000, ging er für Etoile du Sahel Sousse auf Torjagd und wurde dort Publikumsliebling. Seitdem verbindet den 1,72 m kleinen Santos eine große Liebe mit dem nordafrikanischen Land. Kurz vor dem Afrika-Cup 2004 erhielt Santos – wie zuvor schon sein Landsmann José Clayton (Esperance Tunis) – die tunesische Staatsbürgerschaft, auch wenn er mittlerweile über den FC Sochaux beim FC Toulouse in Frankreich gelandet ist. Er schoss die entscheidenden Tore zum Titelgewinn beim Afrika-Cup 2004, und verhalf seiner neuen Heimat zum größten Sieg in der Fußballgeschichte des Landes. Seitdem ist Santos ein gefeierter Volksheld in Tunesien, und das Toreschießen hat er bislang nicht eingestellt. "Er ist ein leuchtendes Beispiel für alle jungen Spieler in Tunesien und Frankreich", sagt Lemerre, und die Tatsache, dass die einzige Niederlage im Verlauf der WM-Qualifikation in Guinea (1:2) ausgerechnet ein Spiel ohne Santos war, hat seinen Kultstatus noch untermauert. Er fehlte dort, weil er seine unter Heimweh leidende Frau nach Brasilien begleiten musste.

"Die Abhängigkeit von ihm ist schon sehr groß, ich würde sagen, sie macht 50 Prozent unseres Erfolges aus. Aber das ist nicht unbedingt ein Problem, denn Dos Santos hat verstanden, dass Fußball ein Geben und Nehmen ist", sagt Lemerre, der sich nicht fürchtet vor einer verklärten Sicht der Fans auf einen ganz normalen Fußballer, der mit seinem Klub FC Toulouse irgendwo im Mittelmaß der ersten französischen Liga spielt. Solche Worte der Ehrfurcht, wie sie Lemerre äußert, sind von einem Trainer nur sehr selten über einen seiner Spieler zu vernehmen, doch Dos Santos hatte bis zum April 2006 in 19 Länderspielen 17 Tore erzielt. Eine Quote, die kaum einen anderen Schluss zulässt.

Europäischer Rationalisten Fußball statt Zauber nach dem afrikanischen Klischee

Mit der enormen Effizienz und den Erfolgen, die Santos und Lemerre nach Tunesien brachten, haben sie auch so manch anderem Spieler auf die Sprünge geholfen. "Nachdem wir 2004 den Afrika-Cup gewonnen hatten, fingen europäische Klubs verstärkt an, sich für unsere Leute zu interessieren, da bekam unser Bemühen, tunesische Spieler bei europäischen Klubs zu etablieren, einen enormen Schub", erinnert sich Lemerre zufrieden. Auch der Wechsel von Adel Chedli und Jawhar Mnari nach Nürnberg hänge an diesen Erfolgen, erläutert der knorrige Trainer. Das sei natürlich mit vielfältigen Umstellungsproblemen verbunden, viele seiner Spieler hätten sich noch nicht richtig akklimatisiert meint er. "Im Moment sind viele unserer Spieler noch in einer Phase, ihre neue Lebenssituation zu verdauen. Ich hoffe, dass sie in einer besseren Verfassung sind als zuletzt, wenn wir sie im Juni wieder zusammen haben", sagt Lemerre, der die enge Verbindung von Tunesiens Fußball mit Europa derart auf die Spitze treibt, dass im Spiel seiner Mannschaft eigentlich keine afrikanischen Elemente mehr erkennbar sind.

Defensiv gut organisiert, strategisch durchdacht und wenig kreativ nach vorne spielend, traten die Tunesier beim Afrika-Cup 2006 auf, und das gefiel den meisten Beobachtern gar nicht. "Es ist eine Mannschaft, die feste Grundsätze hat, an die man sich hält. Und wenn Sie mich kennen, wissen Sie, dass Grundsätze für mich unumstößlich sind. Das ist der Schlüssel zum Erfolg", erläutert Lemerre. Unter den Journalisten machte beim Afrika-Cup der Begriff vom "tunesischen Langweiler-Fußball" die Runde. Doch erfolgreich war das Team auch dort, es erreichte zumindest das Viertelfinale, wo es unglücklich im Elfmeterschießen an Nigeria scheiterte.

Bei der Weltmeisterschaft im Sommer werden die Tunesier vielleicht nicht das stärkste Team aus Afrika sein, die Elfenbeinküste und vielleicht auch Ghana sind wohl personell etwas ausgeglichener besetzt, die besten Aussichten auf ein Überstehen der Vorrunde haben sie aber allemal. Denn die Duelle mit Spanien, Saudi Arabien und der Ukraine sind wohl eher zu überstehen, als die Gruppen der anderen Afrikaner. "Ich glaube, wir sind nicht einfach zu spielen", meint Lemerre, "wir haben nicht die herausragenden Einzelkönner, aber solide Spieler, die stark engagiert sind. Und damit kann man schon weit kommen." Das Erreichen des Achtelfinales wäre dann der größte Erfolg in der Historie der Fußballnation, die drei Weltmeisterschaftsteilnahmen 1978, 1998, und 2002 endeten jeweils in der Vorrunde. Überdies hat man seit 1978 kein Spiel bei einer WM gewonnen.

Das soll sich diesmal ändern, die Substanz scheint so groß wie nie zuvor zu sein, was sich auch in der Qualifikation zeigte. Diese bewältigten die Tunesier mit einer Gelassenheit, die beeindruckte. Bis auf das Spiel ohne Santos in Guinea blieb man in den Qualifikations-Duellen mit Kenia, Malawi, Botswana und Marokko ungeschlagen und benötigte in der abschließenden Partie gegen Marokko mindestens ein Unentschieden. Zwei Mal lagen die Tunesier in diesem Spiel zurück, Marokko hätte seinerseits nach Deutschland reisen dürfen, ehe der Nürnberger Adel Chedli nach 70 Minuten das erlösende 2:2 erzielte.