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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Daniel Theweleit

Tunesien

Weltoffene Fassade, autoritäres Innenleben

Das Überstehen der Vorrunde wäre ein Fest für das Land und damit natürlich auch ein Erfolg für den Staatschef Ben Ali, dessen Nähe zum Sport durchaus als groß angelegte Propaganda betrachtet werden kann. Sport ist ein Thema, mit dem der Präsident die Sympathien der Bevölkerung für sich gewinnt. 2001 richtete Tunesien die Mittelmeerspiele aus, 2004 den Afrika-Cup, und 2005 veranstaltete man die Handball-WM. Vor den Toren der Hauptstadt Tunis hat Ben Ali eine beeindruckende Sportstadt errichten lassen, mit olympischem Dorf, großer Schwimmhalle, Leichtathletikarena, dem hochmodernen Fußballstadion für 65.000 Zuschauer, und einer Handballhalle für 15.000 Besucher. Der Präsident persönlich führte den ersten Spatenstich aus, die großen Arenen heißen beide "7. November". An jenem Tag des Jahres 1987 übernahm Ben Ali die Macht.

Finanziert wird dieser olympische Luxus ausschließlich aus Regierungsmitteln, allein die Handballhalle kostete 40 Millionen Dollar, insgesamt wurden an die 170 Millionen Dollar in die "Cité Olympique" investiert. Ein kostspieliges Projekt für ein Schwellenland, über das Helga Lindenmaier von Amnesty International sagt, es sei "ein rechter Polizeistaat mit diktatorischen Zügen, und die Menschenrechte werden hier mit Füßen getreten". Die Medien sind gleichgeschaltet, oppositionelle Zeitungen werden verboten, und die Wahlen gewinnt Ben Ali alle vier Jahre mit 99-Prozent-Ergebnissen. "Viele Leute hier finden das nicht gut, aber die Bevölkerung ist jung, mit Sport kann man sie begeistern", sagt ein tunesischer Journalist, der anonym bleiben möchte. Statt in repräsentative Prunkbauten investiert der Staat in Arenen und Bewerbungen um internationale Sportereignisse. Es ist eine geschickte Politik, die der Präsident betreibt.

Mit einer für ein islamisches Land bemerkenswert amerika- und europafreundlichen Haltung gelingt es dem besonders in Deutschland beliebten Reiseland zudem, nach außen ein Bild von Stränden, Palmen und aufgeschlossener Gesellschaft zu vermitteln. Und auf den erfolgreichen Kampf gegen islamischen Fundamentalismus weist man auch immer gerne hin. Jahr für Jahr werden an die tausend europäische Journalisten auf Staatskosten eingeladen, um diesen Eindruck zu multiplizieren. Dass Ben Ali gleichzeitig die demokratischen Strukturen zugunsten seiner eigenen Macht schwächt, bleibt den Besuchern dabei meist verborgen.

Ein knorriger Fußballdenker zum richtigen Zeit am richtigen Ort

Trainer Lemerre wurde von Staatspräsident Zine El Abidine Ben Ali 2004 zum "Großoffizier des nationalen Verdienstordens" und gehört für die Imageproduzenten Tunesiens mittlerweile zur Außendarstellung wie weiße Strände und bunte Basars. Er ist der einzige Trainer, der die Kontinentalmeisterschaften zweier unterschiedlicher Erdteile gewinnen konnte, 2000 wurde er mit Frankreich Europameister, und zum Welt-Trainer des Jahres gewählt, 2004 gewann er mit Tunesien den Titel des Afrikameisters. Zwischendurch jedoch erlebte er seine bitterste Niederlage.

Bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Japan und Korea hatte er die Aufgabe, Frankreich zu einer erfolgreichen Titelverteidigung zu verhelfen, doch sein Team schied in der Vorrunde sieg-, ja sogar torlos aus – das war in der Fußballgeschichte noch keinem Weltmeister widerfahren. Lemerre wurde postwendend entlassen

Der 65-jährige Franzose, stammt aus der Normandie. Sein größter Erfolg als Profi war das Erreichen des französischen Pokal-Endspiels 1965 mit dem AS Sedan. Der Abwehrspieler bestritt sechs Länderspiele für Frankreich, als Trainer wechselte Lemerre nach Engagements bei verschiedenen Klubs 1986 zum französischen Fußball-Verband, gewann 1995 die Militärweltmeisterschaft mit den Franzosen, und 1998 war er Assistent von Aime Jacquet bei der gewonnenen Weltmeisterschaft im eigenen Land. Anschließend wurde er dessen Nachfolger.

Als Spieler im Trikot des kleinen CS Sedan war Lemerre dreimal Frankreichs Fußballer des Jahres gewesen, wurde aber nur sechsmal ins Nationalteam berufen. Er spielte später für den FC Nantes, AS Nancy und den RC Lens. Nun wird Lemerre bei der Weltmeisterschaft nicht nur Tunesien vertreten, sondern die Maghreb-Staaten in ihrer Gesamtheit, die sich stets etwas abheben wollen von den schwarzafrikanischen Fußballnationen. Sie halten ihren Fußball für fortschrittlicher, europäischer, doch die großen Erfolge bei Weltmeisterschaften waren bisher den Westafrikanern vorbehalten, Kameruns Einzug ins Viertelfinale 1990, Nigerias Erreichen des Achteilfinals (1994 und 1998) und Senegals Erfolge bei der WM 2002, als die Nation unter den besten acht Teams stand. Ins Halbfinale ist allerdings noch kein einziges afrikanisches Land gekommen – ein Erfolg, von dem sie ganz heimlich träumen in Tunesien. Schließlich wird es langsam Zeit, das Mal eine Mannschaft vom Schwarzen Kontinent unter die besten vier Teams der Welt vorstößt.