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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Andrij Bondar

Ukraine

Walerij Lobanowskij

Der ärgste Feind und Gegner war immer Moskau, genauer gesagt, der Moskauer Fußball, noch genauer – Spartak Moskau, in jeder Hinsicht das krasse Gegenteil von Dynamo Kiew. Während wir weißblaue Trikots trugen, trugen sie rot-weiße. Waren sie berühmt für ihr Dribbling, die kurzen Pässe und das Flankenspiel, so kannte man uns für die langen Pässe, das Druckspiel (pressing) und die Austauschbarkeit unserer Spieler. Erhoben sie Anspruch darauf, als "Nationalmannschaft" von der ganzen Sowjetunion verehrt zu werden, so pflegten wir die heilige – und insgesamt nicht ganz grundlose – Überzeugung, dass wir nicht nur in der Sowjetunion, sondern in ganz Osteuropa die Besten seien. Schließlich hatten wir, nicht sie, zwei Europapokale der Pokalsieger und einen Europäischen Supercup gewonnen. Mit uns, nicht mit ihnen, wurde die UdSSR-Mannschaft 1988 unter Führung des großen Lobanowskij und mit zehn Spielern von Dynamo Kiew Vize-Europameister. Wir hatten drei Goldene Bälle für Oleh Blochin, Igor Bjelanow und Andrij Schewtschenko, sie keinen einzigen...

Verständlich, dass die kolonialisierte Ukraine in Sowjetzeiten alles unternahm, um sich nicht aufzulösen und nicht ihr eigenes Gesicht zu verlieren. Einerseits war der Fußball eines jener vom Imperium erlaubten Ventile, durch das die potenziell gefährliche Provinz den Dampf der Unzufriedenheit ablassen durfte. Darum kümmerte man sich hier sogar auf höchster Ebene – zuständig war der Erste Sekretär des Republikskomitees der Kommunistischen Partei, Wolodymyr Schtscherbickij, der so gut wie kein Heimspiel seiner Lieblingsmannschaft ausließ. Aber andererseits war es doch seltsam, dass die Kommunisten, die uns die russische Sprache aufzwingen und unsere nationale Kultur ausmerzen wollten, gleichzeitig den Verein Dynamo Kiew nach Kräften unterstützten. Am Fußball bildete sich eine neue ukrainische Identität heraus. Auf dem Rasen, wo die wahren Leidenschaften entfesselt wurden, entschied sich, wer der Bessere war. Und die Besseren waren meistens wir. Denn wir hatten Walerij Lobanowskij. Er war es, der Mitte der 1970er-Jahre die russische Vorherrschaft im sowjetischen Fußball brach, indem er den ukrainischen Fußball schuf.

Er war ein unermüdlicher Europäisierer dieses Spiels und brachte ihm Züge wie Rationalität und Pragmatismus bei, die im Allgemeinen untypisch für den ukrainischen Charakter sind. Zwei Begriffe waren für ihn unumstößlich – das "Endergebnis", und die "Motivation". Dafür musste er beispiellos harte Kritik vom Moskauer Fußball-Establishment einstecken. "Vollständig befriedigend ist das Spiel erst dann, wenn das beabsichtigte Ergebnis auch wirklich erreicht wird." Eigentlich waren es Selbstverständlichkeiten, die Lobanowskij verbalisierte. Aber für den slawischen Raum bedeuteten sie eine Reformation des Fußballs, eine Reinigung des Spiels von Sentimentalität und Dandytum. Den Bruch mit der in der UdSSR bis dato vorherrschenden amateurhaften Einstellung zum Fußball, seine Professionalisierung.