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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

5.12.2005 | Von:
Andrij Bondar

Ukraine

Der Trainer hatte verstanden, dass Ergebnisse nur zu erreichen waren, wenn sich die Einstellung zum Spiel änderte und eine fortschrittliche Strategie und Taktik entwickelt wurde. Dabei ging Lobanowskij von der holländischen Fußballschule des Rinus Michels und seinem "Totalen Fußball" aus und füllte sie mit neuer Bedeutung. Im Grunde hat die von Lobanowskij gepredigte Art des Fußballs viel mit Totalitarismus zu tun. Legendär wurde das von ihm verordnete Training: Viele Fußballer sprangen schon deshalb ab, weil sie den körperlichen Belastungen nicht gewachsen waren. Deshalb warf man ihm oft ein diktatorisches Gebaren vor. Lobanowskij schmiedete eine "Star-Mannschaft", in der jeder Spieler universell einsetzbar und technisch versiert sein sollte. Ist das nicht der Grund, dass ukrainische Spieler, wenn sie in ausländischen Vereinen spielen, in ihren neuen Mannschaften sehr oft untergehen? Von allen Zöglingen Lobanowskijs spielte einzig der "Mailänder" Andrij Schewtschenko später auf Weltniveau.

Lobanowskij zufolge muss der technische Spieler, unabhängig von seinem Einsatzbereich, eine Reihe von taktisch-technischen Leistungen, anders gesagt, ein Pflichtprogramm erfüllen: Den Pass nach einer einzigen Ballberührung ohne Tänzelei, präzise mittlere und weite Pässe, Teilnahme an der kollektiven Abwehr, Schüsse aufs Tor. Man warf dem Trainer vor, den Spielern Improvisationstalent und individuelle Meisterschaft auszutreiben, sie zu Automaten zu machen, die den Trainerwillen blind erfüllten. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass aus seinen Star-Mannschaften von 1975-76, 1985-86 und 1998-99 beeindruckend kreative Einzelpersönlichkeiten hervorgegangen sind: Leonid Burjak, Oleh Blochin, Wiktor Kolotow, Oleksij Michajlitschenko, Oleksandr Zawarow, Iwan Jaremtschuk, Pawlo Jakowenko, Igor Bjelanow, Walentin Beljkewitsch, Sergij Rebrow, Andrij Schewtschenko...

Lobanowskij hat die Grundlagen des modernen ukrainischen Fußballs geschaffen. Seine größte Errungenschaft auf der Ebene der Nationalmannschaft ist der Einzug in die Endrunde der Weltmeisterschaft in Deutschland. Die von Oleh Blochin aufgebaute Mannschaft ging siegreich aus einer Gruppe hervor, in der Europameister Griechenland, die Türkei als die WM-Dritten von 2002 und die traditionell starken Dänen favorisiert waren. Blochin nahm sich die wichtigsten Prinzipien Lobanowskij zu Herzen, vor allem legte er größten Wert darauf, dass die Mannschaft Ergebnisse erzielte. Ich erinnere mich an die Worte des dänischen Spielers Gravesen, der den Ukrainern nach dem Remis in Kopenhagen vorwarf, sie praktizierten eine Art Anti-Fußball. Nach dem Spiel in Athen gegen die von Otto Rehagel trainierten Griechen, das unsere Mannschaft 1:0 gewann, zweifelt niemand mehr daran, dass der ukrainische Fußball nach einer Reihe von Niederlagen in den Play-Off-Runden der letzten Jahre eine Belohnung verdient hat.

Vielleicht wird die Ukraine die Rolle eine Art "dunklen Pferdes" spielen, das in der Lage ist, die Vorherrschaft der Autoritäten zu durchbrechen, so wie das seinerzeit die Mannschaften Bulgariens, Kroatiens und der Türkei getan haben. Die Ukrainer haben Glück mit ihrer Gruppe – Spanien, Tunesien und Saudi-Arabien. Weder müssen wir gegen die Brasilianer antreten, noch gegen die deutschen Gastgeber, noch gegen die Engländer. Auch wenn Lobanowskij immer warnte: Bei einer Weltmeisterschaft spielen keine schwachen Mannschaften. Wir haben Blochin, der bewiesen hat, dass er als Trainer die Mannschaft aus einer Todesgruppe herausführen kann. Wir haben Andrij Schewtschenko, der die Ukraine bis ins Finale bringen kann. Warum denn nicht?

Aus dem Ukrainischen ins Deutsche von Olaf Kühl.