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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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5.12.2005 | Von:
Andrij Bondar

Ukraine

Das Team von Trainer Oleg Blochin qualifizierte sich als erste europäische Mannschaft für die Weltmeisterschaft. Nach zwei erfolglosen Versuchen war beim dritten Mal der Jubel groß. Mit Topfußballern wie Andriy Schewtschenko vom AC Mailand sind die Osteuropäer noch für die eine oder andere Überraschung gut.

Die Star-Mannschaft

Landesflagge UkraineLandesflagge Ukraine
Die Wortverbindung "ukrainischer Fußball" gehört zu jenen nicht sehr zahlreichen Komposita mit dem Adjektiv "ukrainisch", die überall in der Welt sofort verstanden werden. Unser Fußball zählt zu den wenigen Errungenschaften des ukrainischen Genies, die in allen Erdteilen bekannt und verständlich sind. Drei fast sakrale Namen ermöglichen es, eine gemeinsame Sprache mit allen zu finden, die den Fußball mögen, ihm neutral gegenüberstehen, etwas für ihn empfinden oder ihn auch hassen.


Es sind die Namen jener drei Asse, auf denen der ukrainische Fußball ruht: Lobanowskij – Blochin – Schewtschenko. Der letzte Name funktioniert wie eine Art Passwort. Irgendwann kommt es vielleicht soweit, dass man alle Ukrainer im Westen einfach "Schewtschenko" nennen wird. "Where are you from?", fragt man mich oft. Und ich antworte: "I am from Ukraine!" Damit ernte ich in sieben von zehn Fällen ein breites Lächeln: "Andrij Schewtschenko!". In drei von zehn Fällen heißt die Antwort auf jeden Fall: "Klitschko!", ebenfalls begleitet von einem Lächeln. Die Ukraine wird in den meisten Fällen mit Fußball und Boxen in Verbindung gebracht. Wir sind hart im Austeilen: mit dem Fuß gegen den Ball, mit den Fäusten gegen das Kinn.

Ich bin in einer Familie geboren, in der Fußball Religion war. Alles andere musste immer zurücktreten. Man kann sagen, ich bin mit dem Ball geboren und aufgewachsen. Der ukrainische Fußball bildete einen von zwei Bestandteilen unseres kleinen privaten Nationalismus. Der andere war natürlich die ukrainische Sprache. Irgendwann verbot meine Mutter mir, die Fußballsektion zu besuchen, weil meine Schulnoten sich verschlechtert hatten. Einzig und allein diesem Schritt von ihr verdanke ich wahrscheinlich alles, was ich heute habe. Mein Bruder versteckte das Fußballhandbuch unter dem Algebra-Lehrbuch. Wenn unsere Eltern ins Zimmer kamen, tat er so, als paukte er gerade Mathe. Mein Vater fuhr uns 500 Kilometer weit nach Kiew zum Spiel von "Dynamo Kiew". Von ihm lernte ich, wie verrückt aufzuspringen und zu brüllen, wenn unsere Mannschaft zum Angriff überging; und mit traurigem Kopfschütteln in die Küche zu gehen, wenn sie ein Tor einstecken musste. Ich erinnere mich, was für ein begeisterter Fan meine Mutter war. So leidenschaftlich sind sonst wohl nur die brasilianischen oder italienischen Frauen. Mein Bruder und ich wären vermutlich gute Außenverteidiger geworden. Es hat nicht sollen sein – leider, oder zum Glück.

Der Fußball war unser Staat, die Nische, in der wir hemmungslos unseren eigenen Leuten zujubeln, und die anderen, die Fremden aus dem Süden, mit ihrem Akzent und ihren roten Trikots, aktiv verabscheuen durften. In Ermangelung eines ukrainischen Staates, somit auch einer ukrainischen Nationalmannschaft, konzentrierten die Ukrainer all ihre Liebe auf den Fußballverein "Dynamo Kiew".

Walerij Lobanowskij

Der ärgste Feind und Gegner war immer Moskau, genauer gesagt, der Moskauer Fußball, noch genauer – Spartak Moskau, in jeder Hinsicht das krasse Gegenteil von Dynamo Kiew. Während wir weißblaue Trikots trugen, trugen sie rot-weiße. Waren sie berühmt für ihr Dribbling, die kurzen Pässe und das Flankenspiel, so kannte man uns für die langen Pässe, das Druckspiel (pressing) und die Austauschbarkeit unserer Spieler. Erhoben sie Anspruch darauf, als "Nationalmannschaft" von der ganzen Sowjetunion verehrt zu werden, so pflegten wir die heilige – und insgesamt nicht ganz grundlose – Überzeugung, dass wir nicht nur in der Sowjetunion, sondern in ganz Osteuropa die Besten seien. Schließlich hatten wir, nicht sie, zwei Europapokale der Pokalsieger und einen Europäischen Supercup gewonnen. Mit uns, nicht mit ihnen, wurde die UdSSR-Mannschaft 1988 unter Führung des großen Lobanowskij und mit zehn Spielern von Dynamo Kiew Vize-Europameister. Wir hatten drei Goldene Bälle für Oleh Blochin, Igor Bjelanow und Andrij Schewtschenko, sie keinen einzigen...

Verständlich, dass die kolonialisierte Ukraine in Sowjetzeiten alles unternahm, um sich nicht aufzulösen und nicht ihr eigenes Gesicht zu verlieren. Einerseits war der Fußball eines jener vom Imperium erlaubten Ventile, durch das die potenziell gefährliche Provinz den Dampf der Unzufriedenheit ablassen durfte. Darum kümmerte man sich hier sogar auf höchster Ebene – zuständig war der Erste Sekretär des Republikskomitees der Kommunistischen Partei, Wolodymyr Schtscherbickij, der so gut wie kein Heimspiel seiner Lieblingsmannschaft ausließ. Aber andererseits war es doch seltsam, dass die Kommunisten, die uns die russische Sprache aufzwingen und unsere nationale Kultur ausmerzen wollten, gleichzeitig den Verein Dynamo Kiew nach Kräften unterstützten. Am Fußball bildete sich eine neue ukrainische Identität heraus. Auf dem Rasen, wo die wahren Leidenschaften entfesselt wurden, entschied sich, wer der Bessere war. Und die Besseren waren meistens wir. Denn wir hatten Walerij Lobanowskij. Er war es, der Mitte der 1970er-Jahre die russische Vorherrschaft im sowjetischen Fußball brach, indem er den ukrainischen Fußball schuf.

Er war ein unermüdlicher Europäisierer dieses Spiels und brachte ihm Züge wie Rationalität und Pragmatismus bei, die im Allgemeinen untypisch für den ukrainischen Charakter sind. Zwei Begriffe waren für ihn unumstößlich – das "Endergebnis", und die "Motivation". Dafür musste er beispiellos harte Kritik vom Moskauer Fußball-Establishment einstecken. "Vollständig befriedigend ist das Spiel erst dann, wenn das beabsichtigte Ergebnis auch wirklich erreicht wird." Eigentlich waren es Selbstverständlichkeiten, die Lobanowskij verbalisierte. Aber für den slawischen Raum bedeuteten sie eine Reformation des Fußballs, eine Reinigung des Spiels von Sentimentalität und Dandytum. Den Bruch mit der in der UdSSR bis dato vorherrschenden amateurhaften Einstellung zum Fußball, seine Professionalisierung.
Der Trainer hatte verstanden, dass Ergebnisse nur zu erreichen waren, wenn sich die Einstellung zum Spiel änderte und eine fortschrittliche Strategie und Taktik entwickelt wurde. Dabei ging Lobanowskij von der holländischen Fußballschule des Rinus Michels und seinem "Totalen Fußball" aus und füllte sie mit neuer Bedeutung. Im Grunde hat die von Lobanowskij gepredigte Art des Fußballs viel mit Totalitarismus zu tun. Legendär wurde das von ihm verordnete Training: Viele Fußballer sprangen schon deshalb ab, weil sie den körperlichen Belastungen nicht gewachsen waren. Deshalb warf man ihm oft ein diktatorisches Gebaren vor. Lobanowskij schmiedete eine "Star-Mannschaft", in der jeder Spieler universell einsetzbar und technisch versiert sein sollte. Ist das nicht der Grund, dass ukrainische Spieler, wenn sie in ausländischen Vereinen spielen, in ihren neuen Mannschaften sehr oft untergehen? Von allen Zöglingen Lobanowskijs spielte einzig der "Mailänder" Andrij Schewtschenko später auf Weltniveau.

Lobanowskij zufolge muss der technische Spieler, unabhängig von seinem Einsatzbereich, eine Reihe von taktisch-technischen Leistungen, anders gesagt, ein Pflichtprogramm erfüllen: Den Pass nach einer einzigen Ballberührung ohne Tänzelei, präzise mittlere und weite Pässe, Teilnahme an der kollektiven Abwehr, Schüsse aufs Tor. Man warf dem Trainer vor, den Spielern Improvisationstalent und individuelle Meisterschaft auszutreiben, sie zu Automaten zu machen, die den Trainerwillen blind erfüllten. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass aus seinen Star-Mannschaften von 1975-76, 1985-86 und 1998-99 beeindruckend kreative Einzelpersönlichkeiten hervorgegangen sind: Leonid Burjak, Oleh Blochin, Wiktor Kolotow, Oleksij Michajlitschenko, Oleksandr Zawarow, Iwan Jaremtschuk, Pawlo Jakowenko, Igor Bjelanow, Walentin Beljkewitsch, Sergij Rebrow, Andrij Schewtschenko...

Lobanowskij hat die Grundlagen des modernen ukrainischen Fußballs geschaffen. Seine größte Errungenschaft auf der Ebene der Nationalmannschaft ist der Einzug in die Endrunde der Weltmeisterschaft in Deutschland. Die von Oleh Blochin aufgebaute Mannschaft ging siegreich aus einer Gruppe hervor, in der Europameister Griechenland, die Türkei als die WM-Dritten von 2002 und die traditionell starken Dänen favorisiert waren. Blochin nahm sich die wichtigsten Prinzipien Lobanowskij zu Herzen, vor allem legte er größten Wert darauf, dass die Mannschaft Ergebnisse erzielte. Ich erinnere mich an die Worte des dänischen Spielers Gravesen, der den Ukrainern nach dem Remis in Kopenhagen vorwarf, sie praktizierten eine Art Anti-Fußball. Nach dem Spiel in Athen gegen die von Otto Rehagel trainierten Griechen, das unsere Mannschaft 1:0 gewann, zweifelt niemand mehr daran, dass der ukrainische Fußball nach einer Reihe von Niederlagen in den Play-Off-Runden der letzten Jahre eine Belohnung verdient hat.

Vielleicht wird die Ukraine die Rolle eine Art "dunklen Pferdes" spielen, das in der Lage ist, die Vorherrschaft der Autoritäten zu durchbrechen, so wie das seinerzeit die Mannschaften Bulgariens, Kroatiens und der Türkei getan haben. Die Ukrainer haben Glück mit ihrer Gruppe – Spanien, Tunesien und Saudi-Arabien. Weder müssen wir gegen die Brasilianer antreten, noch gegen die deutschen Gastgeber, noch gegen die Engländer. Auch wenn Lobanowskij immer warnte: Bei einer Weltmeisterschaft spielen keine schwachen Mannschaften. Wir haben Blochin, der bewiesen hat, dass er als Trainer die Mannschaft aus einer Todesgruppe herausführen kann. Wir haben Andrij Schewtschenko, der die Ukraine bis ins Finale bringen kann. Warum denn nicht?

Aus dem Ukrainischen ins Deutsche von Olaf Kühl.
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