Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

24.4.2006 | Von:

Frauenfußball in Deutschland

Nachkriegszeit

Auch im konservativen Nachkriegsdeutschland der Bundesrepublik ändert sich nichts Grundsätzliches an der Einstellung der DFB-Funktionäre zum Frauenfußball. 1954 werden die Fußball-Herren Weltmeister, und nach dem "Wunder von Bern" findet der aktive Kick auch bei Frauen immer mehr Anklang. Vor allem im Ruhrgebiet gründen sich 1955 mehrere Damenfußballvereine, deren Spiele teils vor erstaunlicher Zuschauerzahl stattfinden. "Damenfußball", wie es damals hieß, wird plötzlich in der Öffentlichkeit diskutiert. Doch für den DFB ist die Sache klar. "Fußball ist kein Frauensport", erklärt DFB-Präsdient Dr. Peco Bauwens 1955 kategorisch, "wir werden uns mit dieser Angelegenheit nie ernsthaft beschäftigen."

Doch auf seinem Bundestag am 30.7.1955 in Berlin muss der DFB das Thema "Damenfußball" auf die Tagesordnung setzen. Einstimmig beschließen die Herren Funktionäre den männlichen Alleinvertretungsanspruch in Sachen Fußball. Unter anderem deshalb, so Dr. Hubert Claessen, damals Deligierter in Berlin und später DFB-Vorstandmitglied, "weil man sagte, der Körper der Frau ist für den Kampfsport Fußball weder physisch noch seelisch geeignet". Der DFB lehnt "Damenfußball" aus "ästhetischen Gründen und grundsätzlichen Erwägungen" ab und verbietet seinen Vereinen (unter Androhung von Strafe bei Zuwiderhandlung) "Damenfußballabteilungen zu gründen" und "ihre Spielplätze für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen." Außerdem untersagt der Verband seinen Schieds- und Linienrichtern, Damenfußballspiele zu leiten.

Damenfußball trotz DFB-Verbot



Doch trotz DFB-Verbot spielen immer mehr Frauen Fußball. Neue Vereine wie Rhenania Essen oder Fortuna Dortmund
Fußballerinnen von Rhenania Essen vor dem Training, 1957.Fußballerinnen von Rhenania Essen vor dem Training, 1957.
entstehen, sogar eigene Damenfußball-Verbände. Gespielt wird auf kommunalen Plätzen. Am 23.9.1956 kommt es in Essen vor 18.000 Zuschauern zum ersten "Fußball-Länderspiel der Damen zwischen Westdeutschland und Westholland". Deutschland gewinnt 2:1, und die Wochenschau kommentiert begeistert: "Die Gleichberechtigung schreitet auch in Fußballstiefeln voran.... Wie Herbergers Schützlinge zu ihren besten Zeiten, so ziehen die jungen Damen elegant und zu allem entschlossen ihre Kreise".

Titelseite des ProgrammheftsTitelseite des Programmhefts
Als im März 1957 ein zweites Länderspiel zwischen Deutschland und Holland (4:2) im Münchner Dante-Stadion vor 17.000 Zuschauern ausgetragen wird, lobt selbst der "Kicker" den "Damenfußball" als durchaus "ästhetisch und sportlich". DFB- Funktionär Dr. Georg Xandry allerdings schreibt an den Münchener Oberbürgermeister und beschwert sich über die Freigabe des kommunalen Dante-Stadions für Damenfußball: "Der Deutsche Fußballbund hat vor zwei Jahren /../ das Fußballspiel für Frauen als jeglichem sportlichen Empfinden widersprechend abgelehnt./.../ Mit der in Frage stehenden Veranstaltung sind sie uns in unserem Kampf gegen den Damenfußball gleichsam in den Rücken gefallen."

Zuweilen gibt es heftige Ressentiments am Spielfeldrand. "Da musste man sich schon mal die Backe abputzen, da wurd' man schon mal angespuckt, von oben bis unten angeguckt und gefragt: Was macht ihr Weiber auf'm Sportplatz?", erinnert sich Helga Nell, die damals unter
Helga Nell (r.) und Ans Brouwer, 1957Helga Nell (r.) und Ans Brouwer, 1957
ihrem Mädchennamen Tönnies bei Rhenania Essen spielte. Doch nach Länderspielen gibt es Blumensträuße, müssen Autogramme geschrieben werden. Die Auswahlspiele werden von Damenfußball-Verbänden in West- bzw. Süddeutschland organisiert, die sich Mitte der 1960er-Jahre wieder auflösen. Doch bis 1965 sind mehr als 150 solcher Auswahlspiele u.a. gegen Teams aus England, Österreich, Italien und den Niederlanden nachgewiesen. Mitunter kommt es auch zu unseriösen Damenfußball-Veranstaltungen. So im Herbst 1957 bei der inoffiziellen Damenfußball-Europameisterschaft in Berlin. Das Turnier wird eine Pleite, die Veranstalter werden wegen Betrugs verhaftet.

Aufhebung der DFB-Verbots – 1. Deutsche Meisterschaft



Ende der 1960er-Jahre gibt es bundesweit bereits 40.000 bis 60.000 Kickerinnen, einige davon bereits "subversiv" in DFB-Vereinen. Im Zuge der Studentenbewegung und der so genannten 68er Revolution etabliert sich auch eine neue Frauenbewegung. Unter dem Motto "mehr Demokratie wagen" setzt ein Liberalisierungs- und Umdenkungsprozess ein, das traditionelle Frauenbild verändert sich. Auch der DFB beginnt umzudenken und hebt am 31.10.1970 sein Damenfußball-Verbot auf. Trotzdem gibt es noch verbandsinterne Widerstände gegen die Fußballerinnen. Die Funktionäre verordnen den Frauen zunächst einmal ein gesondertes Regelwerk. Die Spielzeit wird auf 2x30 Minuten verkürzt, man betrachtet den kleineren Jugendball als eher frauengemäß und verbietet dem weiblichen Geschlecht das Tragen von grobem Stollenschuhwerk. "Alles Regeln, die uns mehr behindert als gefördert haben", meint Monika Koch-Emsermann, langjährige Spielerin und Trainerin beim FSV Frankfurt.

Die weibliche Fußball-Leidenschaft lässt sich nicht bremsen. 1971 verzeichnet der DFB bereits 112.000 weibliche Mitglieder. Bald gibt es einen bundesweiten Spielbetrieb, und im September 1974 wird die erste deutsche Frauenfußball-Meisterschaft ausgespielt. Im Finale gewinnt TuS Wörrstadt mit 4:0 gegen DJK Eintracht Erle aus Gelsenkirchen.