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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

24.4.2006 | Von:
Anne Otto

Abschluss, aufs Tor

Eine Mädchenfußballschule will Talente groß rausbringen

In Frankfurt gibt es die erste Mädchenfußballschule. "Wir wollen auch im Frauenfußball von Anfang an die ganz jungen Talente fördern", erklärt Monika Staab, Trainerin und Gründerin der Institution.

Es regnet seit Stunden. Janitas Haare hängen in Strähnen um ihren Kopf. Aber die zwölf Jahre alte Fußballspielerin bemerkt den Regen nicht. Das Mädchen rast über den grünen Kunstrasen, dribbelt der verdutzten Gegnerin den Ball weg. Ihre weißen Fußballschuhe glänzen, sind völlig durchnässt. "Abschluss, Janita, aufs Tor", schreit Trainerin Birgit Prinz hinten am Spielfeldrand. Und Janita macht eine halbe Drehung, tritt mit voller Kraft gegen das Leder, dass es nur so klatscht – und trifft ins Tor. "Sehr gut, Janita", lobt Nationalspielerin Prinz, die bei jeder Bewegung der Spielerin mitfiebert, als würde sie selbst Richtung Tor rennen. Janita hört das Lob, um ihren Mund spielt ein kleines Lächeln, dann rast sie weiter – denn die anderen Mädchen wirbeln schon wieder dem Ball hinterher. Im Hintergrund versinkt die Frankfurter Skyline im Regendunst.

Mädchenfußball, Foto: Kevin Connors, morguefile.comMädchenfußball, Foto: Kevin Connors, morguefile.com (© Morguefile )
Entlang der weißen Linie reihen sich bunte Regenschirme. Eltern stehen am Rand des Trainingsplatzes des Frauen-Erstligisten FFC Frankfurt, schauen ihren Töchtern beim Training der Mädchenfußballschule zu. Zum Teil fahren sie hundert Kilometer, damit ihre Kinder am Talenttraining teilnehmen können. Denn das ist eine Auszeichnung. Nur ausgewählte Mädchen dürfen mitmachen. "Wir wollen auch im Frauenfußball von Anfang an die ganz jungen Talente fördern", erklärt Monika Staab, Trainerin und Gründerin der ersten Mädchenfußballschule. Staab hat viele Jahre lang erfolgreich die Bundesliga-Mannschaft des FFC trainiert. Mit ihr holten die Frankfurter Fußballfrauen mehrmals den Meistertitel und gewannen den DFB-Pokal.

Talent hat man einfach

Auf den ersten Blick wirkt Staab fast schmächtig, ihre riesige Trainingsjacke reicht ihr bis an die Knie. Mit zackiger Stimme und reichlich Tempo erzählt sie, wie sie ihre Talente entdeckt: Der Verein veranstaltet mehrmals im Jahr einen einwöchigen Kurs für Mädchen, eine Art Fußball-Ferienwoche, in der trainiert wird, man aber auch zusammen in den Zoo oder ins Theater geht. In die Trainingseinheiten sind erfolgreiche Fußballerinnen wie Birgit Prinz und Steffi Jones eingebunden. "Es kommen zum Teil Mädchen, die noch nie in einem Verein gespielt haben und sich als außergewöhnliche Talente entpuppen." Woran die Trainerin erkennen kann, dass ein Mädchen ein Talent ist? Monika Staab lächelt. "Ja, das ist ganz einfach", sagt sie laut. "Das Mädchen weiß, wo es hingehen muss, um den Ball zu bekommen. Das ist Ballgefühl, das bekommt man in die Wiege gelegt." Ein Interview mit Birgit Prinz gibt es im neuen fluter-Heft, das ihr hier bestellen könnt.

So ist es bei Celina. Die Achtjährige ist klein, hat Sommersprossen und ein rundes I-Männchengesicht. Man kann sich eher vorstellen, dass sie eine Barbiepuppe kämmt, als dass sie auf einem Fußballplatz bolzt. Aber Celina spielt Fußball, seit sie drei Jahre alt ist. Mit ihrem Bruder, mit ihrem Vater. Erst nur zum Spaß, dann in einem Verein, zusammen mit Jungen. Celina hat große Ziele: Sie will in der Nationalmannschaft spielen, wie Birgit Prinz. Sie kann sich nicht daran erinnern, wann sie zum ersten Mal in Frankfurt im Training war. Dafür kann sie genau sagen, was das Schönste am Fußballspielen ist: "Tore schießen!"

Die gleiche Begeisterung wie seine Tochter strahlt auch Celinas Vater Stefan Beuter, 37, aus. 450 Euro bezahlt er im Jahr für das Sondertraining seiner Tochter. Es lohnt sich, findet er: Die Trainer/innen seien Profis, die Ausdauer, Präzision und Technik gezielt schulen. Im normalen Verein, in dem Celina zweimal in der Woche spielt, würden dagegen vor allem Spiele gemacht. "In dem Jahr, in dem Celina hier ist, sind riesige Fortschritte passiert. Vom Geschick her hat sie mittlerweile ihren großen Bruder überholt", erzählt der stolze Vater.

Tempo, Tempo, Tempo

Auf dem Kunstrasen hat der dritte Trainer einen Parcours aus Stangen und Hütchen aufgebaut. Ein Teil der Mädchen springt hastig über die Hindernisse und schießt dann aufs Tor. Die Übung ist schwer, man muss absolut reaktionsschnell sein. Viele Bälle landen in den Büschen. Ein anderer Teil der Gruppe übt mit Monika Staab Zuspielen und Passen. "Schon bevor du den Ball annimmst, musst du wissen, wo du ihn hinschießt", sagt Monika Staab streng und mahnt: "Tempo, Tempo, Tempo." Staab will den Mädchen das Zusammenspiel beibringen, ihrer Meinung nach eine der Stärken im Fußball der Frauen.

Wenn die Mädchen dann unter der Woche mit Jungen zusammen in ihren Vereinen spielen, schulen sie eher ihre Durchsetzungsstärke in den Zweikämpfen. "Beim Fußball braucht man eben beides: Teamgeist und gewonnene Zweikämpfe", findet Staab. Sie selbst hat übrigens noch als Erwachsene in einer gemischten Mannschaft gespielt, weil es in den 1970er-Jahren noch nicht viele Frauenmannschaften gab. Wie sie in dieser Zeit als Frau überhaupt zum Fußball gekommen ist? "Wir haben immer auf der Straße gebolzt, mit den Jungen, da habe ich gemerkt, wie schön ich es finde, Fußball zu spielen", erinnert sich Monika Staab.

Auch Janita spielt fast jeden Tag mit den Jungen auf der Straße. Außerdem trainiert sie sieben Mal in der Woche: in der Hessenauswahl, im Verein, im Talenttraining. Vor ein paar Monaten war sie das erste Mal verletzt, eine gefährliche Quetschung der Hüfte. Sie musste fünf Wochen aussetzen. Zwar konnte sie in dieser Zeit öfter ihre beste Freundin treffen, die mit Fußball nichts zu tun hat, aber Janita war die ganze Zeit unruhig, wollte wieder zurück auf den Platz. "In einem Erste-Bundesliga-Verein zu spielen, das wäre schon schön", sagt sie und wirkt dabei reif und abgeklärt. Für sie gibt es keine Alternative – sie muss einfach versuchen, Fußballerin zu werden.

Dieser Artikel ist fluter.de entnommen. fluter ist das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.