Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

Fußballkulturen und Gewalt

Vom Kuttenfan und Hooligan zum postmodernen Ultra und Hooltra


24.4.2006
Die Fußballfanszene ist ein sich ständig weiter entwickelndes Phänomen, wobei die Heterogenität der Fanszenen zuzunehmen scheint. Immer weitere Ausdifferenzierungen führen mittlerweile zu einer äußerst komplexen Zusammensetzung derer, die Woche für Woche ins Stadion pilgern.

Die Fußballfanszene ist ein sich ständig weiter entwickelndes Phänomen, wobei die Heterogenität der Fanszenen zuzunehmen scheint. Immer weitere Ausdifferenzierungen führen mittlerweile zu einer äußerst komplexen Zusammensetzung derer, die Woche für Woche ins Stadion pilgern.

Dennoch hat die von Heitmeyer/Peter (1988) und Pilz (1992) beschriebene Einteilung der Fans in konsumorientierte, fußballzentrierte und erlebnisorientierte Fans auch heute noch Gültigkeit, wobei seit Mitte bis Ende der 90er der Bereich der erlebnisorientierten Fans neben den Hooligans um die so genannten "Ultras" erweitert werden muss. Innerhalb der großen Gruppe des Ultras gibt es eine kleinere Gruppe, die sich von dem Anspruch der Ultras zur Gewaltlosigkeit zunehmend abwenden und sich offen Bekenntnis zur Gewalt bekennen. Sich einerseits weiterhin zu den Ultras und deren Zielen bekennend, andererseits aber hooliganähnliche Verhaltensweisen propagierend und auch ausübend, könnte man die neue Gruppe als "Hooltras" bezeichnen. Daneben gibt es eine weitere, vor allem durch die Vereine und - bezogen auf die Nationalmannschaft - durch den DFB geförderte, unterstützte Gruppierung, man kann auch sagen angepasste Variante der Ultras, die Supporter, die sich ebenfalls - allerdings unter Verzicht auf jedwede verbotene Aktion - der Verbesserung der Stimmung im Stadion und Unterstützung der Mannschaft verschrieben haben. Im Gegensatz zu den Ultras, die sich der Kommerz- und Eventfeindlichkeit verpflichtet fühlen, für Pyrotechnik schwärmen und ihre Unabhängigkeit von Fußballverband und -verein hochhalten, werden die Supporter, die sich mit notariell beglaubigter Satzung als Verein organisieren, von den Vereinen als offizielle Supporterklubs der Vereine finanziell unterstützt, in dem sie Fanutensilien vermarkten dürfen, mit Freikarten bzw. verbilligten Eintrittskarten versehen werden.

Zur Geschichte der Gewalt im Umfeld von Fußballspielen



Die Gewalt im Umfeld von Fußballspielen gehört neben dem Doping zu den in den letzten Jahren am häufigsten diskutierten Problemfeldern des Sports. Zuschauerausschreitungen werden dabei zumeist als ein völlig neues Problem betrachtet, das sich vor allem seit 1985 nach den Ereignissen um das Europapokalendspiel zwischen Liverpool und Turin in Brüssel, als 39 Fußballfans bei Ausschreitungen ums Leben kamen, zu einem gravierenden sozialen Problem entwickelte. Nun sind uns aber bereits von den Wettkämpfen der Antike Zuschauerausschreitungen überliefert.

Die Analysen und Ratschläge des Militärschriftstellers Tacitus in seinem Buch über die Verteidigung befestigter Plätze und über die Sicherheitsmaßnahmen bei den Dionysien in Chios lesen sich "wie der Einsatzplan eines heutige Polizeipräsidenten für sportliche Großveranstaltungen" (Lämmer 1986,80). In Olympia gab es beispielsweise besondere Einheiten, die für die Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung bei Sportfesten sorgten. Diese "Stock- und Peitschenträger" genannten Beamten (Vorläufer der modernen Bereitschaftspolizei?) sorgten bei diesen Festen für Ordnung und hatten das ausdrückliche Recht körperlicher Züchtigung. In den Schriften der damaligen Zeit wird empfohlen, bei Fackelläufen, Wettkämpfen und anderen öffentlichen Veranstaltungen auf der Hut zu sein und durch überlegte Postierung von Sicherheitskräften an strategisch wichtigen Punkten jede Möglichkeit zum Aufruhr im Keim zu ersticken. Um 450 vor Christus sah sich die Heiligtumverwaltung des Stadions von Delphi genötigt, nachdem wiederholt betrunkene Zuschauer bei Wettkämpfen randalierten, die Mitnahme von Wein in den inneren Bereich des Stadions zu untersagen, wobei Denunzianten die Hälfte des Strafgeldes in Aussicht gestellt wurde, um diese unpopulären Maßnahme zum Erfolg zu verhelfen.

Die Alkoholverbote in bundesdeutschen Fußballstadien hatten also bereits berühmte antike Vorbilder. Auch aus dem Mittelalter sind uns gewalttätige Auseinandersetzungen im Umfeld von Sportwettkämpfen überliefert und Ende des 19. Jahrhunderts sorgte man sich in England "um die steigende Zahl unkontrollierter Fans" (Dunning1984, 124). Und bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs in England bei Adel und Bürgertum die Furcht, dass durch Massenveranstaltungen wie große Fußballspiele die öffentliche Ordnung bedroht sei: "Die Massen regten sich in einer sehr offenen Weise. Dieser Aspekt der Veranstaltungen war bedrohlich für die oberen und mittleren Klassen. (...) zwanzigtausend Menschen ergriffen von Wut und Freude, fluchend und applaudierend, machen ein alarmierendes Spektakel" Im Jahre 1908 wendet sich ganz offensichtlich aus ähnlichen Beweggründen der Fußballverein SV Werder Bremen an die Polizeidirektion Bremen zur Bereitstellung von zwei Beamten, um vor herumpöbelnden Zuschauern geschützt zu werden. "Der Grund unseres Gesuches ist unsere Schutzlosigkeit gegenüber dem pöbelhaften und auch schädigenden Benehmen ganzer Truppen halbwüchsiger und auch älterer Burschen".

Der Sozialdemokrat Helmut Wagner warnte schließlich 1931 vor der Gefahr einer "Fußballpsychose": Massensport, das heißt heute: zweiundzwanzig spielen Fußball, Tausende und Zehntausende sehen zu. Sie stehen um das Spielfeld herum, kritisieren, johlen, pfeifen, geben ihr sachverständiges Urteil ab, feuern die Spieler an, bejubeln ihre Lieblinge, beklatschen einzelne Leistungen, reißen den Schiedsrichter herunter, fanatisieren sich, spielen innerlich mit. (...) Sie verfallen der Fußballpsychose, und sie benehmen sich auf dem Sportplatz, als hinge nicht nur ihr eigenes Wohl und Wehe, sondern das Wohl und Wehe der ganzen Welt von dem Ausgang dieses lumpigen Fußballspiels ab".

Waren die Zuschauerausschreitungen in der Antike und im Mittelalter noch weitestgehend im Kontext mit der gesellschaftlich erheblich höheren Gewalttoleranz und Akzeptanz individueller körperlicher Gewalt zu sehen, und die Pöbeleien, der Vandalismus, die Gewalt Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts noch sehr viel stärker im Zusammenhang mit dem eigentlichen Spielgeschehen zu sehen, so hat sich heute die Gewalt der Fans und vor allem der Hooligans weitestgehend vom Zusammenhang mit dem Spielgeschehen gelöst und eine Eigendynamik, Verselbständigung erfahren.

Das Mitglied der 54-Meistermannschaft von Hannover 96 Heinz Bothe hierzu: "Das waren natürlich gefürchtete Spiele. Da stand mal einer mit dem Spazierstock - wenn man da, oder er (Wewetzer) war so ein schneller Linksaußen, da konnte es schon mal passieren, dass er mit dem Spazierstock angehalten wurde. Weil die Zuschauer direkt am Platz waren. (...) Aber ja, trotzdem nicht so ´ne Ausschreitungen, wie wir sie heute haben. (...) Krawall kam immer vor. Ich kann mich gut erinnern, dass meine Frau - ich glaube, da spielten wir gegen Göttingen - einem was mit dem Regenschirm übergehauen hat, weil er über mich gemeckert hat. So was kam schon immer mal vor. (...) Aber doch nicht in den Ausmaßen, dass es da Massenschlägereien gab, und Polizei da war. Kannten wir überhaupt Polizei?"