Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Schlachtenbummler

Die Fans der 30er, 40er und 50er Jahre

In den 30er bis weit in die 50er Jahre war das Verhältnis von Zuschauer und Spieler durch Interaktion geprägt. Dass dabei die Anhänger als "Schlachtenbummler" bezeichnet wurden, hat seine Ursache in der militärischen Tradition des Fußballsports. Es war das Militär, das in Deutschland am gesellschaftlichen Aufstieg des Fußballspiels wesentlich beteiligt war.

In den 30er bis weit in die 50er Jahre war das Verhältnis von Zuschauer und Spieler durch Interaktion geprägt. Dass dabei die Anhänger als "Schlachtenbummler" bezeichnet wurden, hat seine Ursache in der militärischen Tradition des Fußballsports. Es war das Militär, das in Deutschland am gesellschaftlichen Aufstieg des Fußballspiels wesentlich beteiligt war. Der Durchbruch des Fußballsports zu einem Massenphänomen in den 20er Jahren zu dem sich das Fußballspiel in den 20er Jahren entwickelte, erfolgte wie Peiffer/Tobias (1996) aufzeigen, u. a. durch die aktive Unterstützung des Militärs. "Das Persönlichkeitsbild eines idealen Fußballspielers entsprach dem des modernen Soldaten". Es wundert so denn auch nicht, dass in die Fußballsprache die Sprache des Militärs Eingang gefunden hat: Angriff, Abwehr, Flanke, Schuss, Bombe, Bomber, Granate sind heute noch gängige Begriffe im Fußballerlatein. Konsequenterweise trafen sich die gegnerischen Mannschaften zu "Schlachten" und lieferten sich auch nicht selten "Schlachten" auf dem "Schlacht"-feld. Zu diesen Schlachten "bummelten" denn auch die "Schlachtenbummler, die "Schlachtrufe", "Schlachtgesänge" anstimmten. Schlachtruf, so steht im Bundesligakurier vom 12.Februar 1966 zu lesen, ist der "Ausdruck einer begeisterten Zuschauermenge im sportlichen Geschehen, die eine ihr genehme Mannschaft durch einen periodisch wiederkehrenden, bestimmten Slogan zu Höchstleistungen beflügelt".


Die Nachbarschafts-Derbys führten bereits in den dreißiger Jahren zu einem regelrechten Fan-Tourismus. Bereits damals organisierten die Vereine für ihre Anhänger Fahrgelegenheiten zu nahe gelegenen Auswärtsspielen. Die Wurzeln vieler Fußballvereine und Fußballsparten von Sportvereinen deuten auf eine enge soziale und kulturelle Beziehung zwischen Spielern und Zuschauern hin. Das Vereinsleben war ein unschätzbares und unverzichtbares Erfahrungsfeld von Kameradschaft und Solidarität. Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidaritätsgefühl fanden dabei besonders im Bereich der Geselligkeit und im sportlichen Wettkampf ihren Ausdruck. Spiele gegen auswärtige Gegner waren meist Anlass zu regelrechten Familienausflügen. Bei gutem Wetter wanderte man früh morgens gemeinsam mit Frauen und Freundinnen, versehen mit Thermosflasche und Butterbroten, zum Spielort. Nach dem Spiel blieb man oft bis in den späten Abend hinein noch in geselliger Runde beisammen. Die räumliche Nähe der eigenen Wohnung zum Vereinslokal, zum Stadion, zur Trainingsstätte führte zusätzlich dazu, dass sich ein dichtes Netz zwischenmenschlicher Beziehungen aufbaute, das ein wenig den Mythos, der vor allem die Vereine der ersten Stunde noch heute umgibt (z.B. Schalke), verständlicher macht.

Schon in kurzer Blick in moderne Fußballstadien zeigt, wie sich die Zeiten gewandelt haben: Aus breitflächigen Stadien, in denen die Zuschauer bis unmittelbar am Spielfeldrand standen, sind Arenen mit Drahtverhauen geworden, hinter denen Zuschauer und Fans wie Raubtiere gehalten und von den Akteuren ferngehalten werden. Hinter der Zuschauerbegeisterung der 20er und 30er Jahre verbarg sich die eindeutige soziale Zuordnung der Vereine "Arbeiter"- gegen "Bonzen-Verein" - in Hannover: die "Roten" = 96er gegen die "Blauen" = Arminen , in München die Bayern gegen die 60er, womit auch Fußballspiele zu "Klassenkämpfen avancierten und vor allem die lebensgeschichtliche Verbundenheit mit dem Verein zeigten. Die konnte durchaus auch zu sozialen Klassenkämpfen führen.

Die Beziehungen zwischen den Spielern und Zuschauern und damit auch das Verhalten und die Begeisterung der Zuschauer veränderten sich in dem Maß, wie sich die Vereine und der Spielbetrieb fortentwickelten. Waren die Spieler für die Zuschauer noch "greifbare Repräsentanten", die mit der Stadt oder dem Ortsteil, dessen Verein sie angehörten, verbunden und verwurzelt waren, waren sie ihren Anhängern sozial, kulturell und bezüglich der Einkommens- und Vermögensverhältnisse noch nahe, beschränkten sich also die Interaktionen nicht nur auf Begegnungen vor und nach den Spielen, sondern fanden - aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Spielfeldrand - oft auch während des Spieles statt und wurden entsprechend diese Spielertypen, oft als "lokale Helden der Arbeiterklasse" gefeiert, so haben sie mit der Professionalisierung des Fußballsports einem neuen Typus Platz gemacht: Einem von den Medien mit geformten Star, für den die Treue zum Verein nur noch so lange gilt, wie der Verein erfolgreich ist (siehe Lindner/Breuer 1979). Dieser neue Spieler zeichnet sich durch Mobilität aus und selbst während der Saison kann er den Verein wechseln. Und er ist vor allem auch mehr auf Distanz zu seinen Anhängern bedacht.

So wundert es denn auch nicht, wenn das, was früher selbstverständlich war, der Kontakt zwischen Spielern und Anhängern, fortan einer mediengerechten Inszenierung bedurfte und von cleveren Managern den Spielern ins Pflichtenheft geschrieben werden muss. "Der Showcharakter des professionellen Fußballsports hat aber auch Folgen für die Einschätzung des Gebotenen durch die Zuschauer. Auch der Fußballanhänger von früher war enttäuscht über Niederlagen "seines" Vereins (der in einem substantielleren Sinne allerdings tatsächlich "sein" Verein war); auch er hat einen versagenden Spieler als "Krücke" oder "Flasche" bezeichnet. Heute aber herrscht zwischen Publikum und Spieler, wie Hortleder treffend beschrieben hat, "ein Verhältnis voller emotionaler Spannung, einer Emotion, bei der die Pole Verehrung und Verachtung dicht beieinander liegen... Man ist bereit, ihn begeistert zu feiern, wenn er gut ist, um ihn ebenso schnell zu verfluchen, wenn er versagt" (Hortleder 1974, S. 68). "Dieses Spannungsverhältnis, das bereits in der Ambivalenz des "Star"-Begriffs angelegt ist, diese Cäsarenhaltung des Publikums ist nur ein Zeichen dafür, dass der Zuschauer im Grunde genommen sehr genau weiß, dass der Fußballspieler als Star, wie nah er ihm auch immer durch die mediale Aufbereitung gebracht wird, was Alltagsleben und Lebensperspektive anbetrifft, entrückt ist. Übrig geblieben sind verstümmelte Formen der Identifikation, Formen gleichwohl, die einen realen Kern enthalten." (Lindner/Breuer 1979, S. 167) Der Showcharakter des Profifußballs bringt einerseits einen Zuschauertyp hervor, der mehr und mehr zum wählerischen Konsumenten wird", worauf die Vereine ja zum Teil bei besonders brisanten Spielen mit so genannten Topp-Zuschlägen reagieren, bzw. dessen Aufkommen sie durch solche Aktionen zusätzlich fördern. Andererseits bringt er aber auch die fußballzentrierten (Kutten-)Fans hervor, für die der Verein ihr Leben, der Erfolg des Vereins alles ist.