Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Ultras und Supporter

Selbstverständnis der Ultras und erste Folgerungen

Auf der Homepage von den Ultras Frankfurt steht entsprechend über das Selbstverständnis der ULTRAS zu lesen:
Ultrá ist für uns eine Geisteshaltung, eine grundsätzliche Einstellung zum Fandasein. Wir verstehen uns nicht als bloße in sich hineinen konsumierende Masse, die bierselig im Block steht und alles, was auf dem Platz und drumherum vorgeht, kommentarlos hinnimmt. Ganz im Gegenteil! Wir sind kritische und vor allem mündige Menschen, denen niemand das Denken und das Anprangern herrschender Missstände verbieten kann und wird. Wir verwehren uns ausdrücklich dagegen, ein ungeliebter Teil dieses "Events" Fußball zu sein ... Wir sind die Hauptsache! WIR sind das Spiel und der Verein (bzw. dessen Reste). Wir sind der Grund, warum Fußball nach wie vor eine große Faszination auf Menschen jeder Altersklasse ausübt. Es ist zwar allgemein bekannt, dass ohne die treuen Fans in den Stadien nicht mehr viel los wäre, dennoch muss man es immer wieder in aller Deutlichkeit hervorheben, damit auch der Letzte begreift, was er an uns hat. ....
Ultrá zu leben bedeutet mehr als nur Fahnenschwenken und Choreografien zu inszenieren... Klas ist es unbeschreiblich geil, gigantische Fahnenmeere zu erschaffen, und die Mannschaft mit abwechslungsreichen Gesängen bedingungslos zu unterstützen, aber es gibt noch eine andere Seite der man mindestens, wenn nicht noch mehr Bedeutung zumessen sollte: die geistige" Seite des Ganzen. Es ist wichtig, eine starke Gruppe zu schaffen, die aus ähnlich denkenden und fühlenden Menschen besteht, die gegen alle äußeren Einflüsse zusammenhält, und die ihre Ideale und Träume versucht zu leben und zu verwirklichen. Eine Gruppe, die noch Werte hat und die auf diese achtet, während in der heutigen Gesellschaft Schlagwörter wie Freundschaft, Treue und Ehrlichkeit von Wörtern wie Gewinnoptimierung und Effizienz verdrängt werden. ...
Es sollte darum gehen, sich eine Gegenwelt zu schaffen, in der man selbst die Regeln bestimmt! Gesellschaftliche Konventionen können dort außer Acht gelassen werden, und man kann einfach so leben wie man es sich vorstellt, ohne allerdings den Blick über den Tellerrand hinaus zu verlieren. Einen eigenen erkämpften, erarbeiteten Freiraum, in dem man der immer uniformer werdenden Gesellschaft entgegen steuern kann und sich kreativ ausleben kann!"
Die Leute sollen einfach verstehen, dass das bei all den anderen Sachen, die in Bezug auf Ultrá durch den Raum schwirren, das einzige ist, was bei einer guten Gruppe wirklich zählt: Freundschaft und Liebe! Diese beiden Faktoren sind existentiell und unabdingbar, wenn eine Ultrá Gruppe funktionieren soll. Diese Freundschaft untereinander, Liebe zu Ultrá und dieser Einstellung, dessen Lebensgefühl und natürlich zu seinem Verein. Dieses Lebensgefühl, diesen Lifestyle kann man eigentlich auch nicht wirklich in Worten beschreiben, man muss es einfach fühlen. Wenn erwachsene Menschen sich gegenseitig in den Arm nehmen, weinen, lachen und sich auch ohne große Worte verstehen, muss schon mehr dahinter stecken als bloße Liebe zum Verein. Manche mögen das als unnötige Gefühlsduselei abtun, aber für uns ist der Umgang untereinander sehr wichtig, denn wenn dieser nicht stimmt, überträgt sich das automatisch auf die gesamte Gruppe. Eine Gruppe sollte einem Halt geben, idealerweise als Ersatzfamilie dienen"
Lesen Sie mehr unter ultras-frankfurt.de ...

Eine bemerkenswerte Beschreibung des Selbstverständnisses der Ultras, das die große Bedeutung die diese Gruppierungen für junge Menschen auch im Sinne des Aufbaus einer positiven Identität haben, verdeutlicht.

Dahinter verbergen sich wie Lindner/Breuer (1979) schreiben, vor allem die Wandlungen der Erwartungshaltungen und Wahrnehmungsweisen des Publikums und vor allem die Interaktionsformen zwischen Spielern und Zuschauern sowie das Verhältnis von Verein, Spieler und Zuschauer. Die Mannschaft, die das Viertel repräsentiert, deren Spieler man kennt und zuweilen, und sei es nur an der Theke des Vereinslokals, trifft, hat kaum mehr etwas mit der zusammengekauften Profitruppe zu tun, die man mit einigem Glück gerade noch, bevor sie in ihren Porsche, Mercedes oder Maserati steigen, zum Autogrammgeben erwischt. "Die Veränderung dieser Rahmenbedingungen, des Fußballsports, droht dem Fußball seine kulturelle, soziale und geschichtliche Dimension zu rauben und ihn zu einem, wenn auch aufgrund seiner spezifischen Faszination nicht beliebig aus-tauschbaren Segment der Unterhaltungsbranche" zu machen.

Mit der hier beschriebenen zunehmenden sportlichen, sozialen und wirtschaftlichen Distanz zwischen Spielern und Zuschauern geht auch ein weiterer, von dem Publizist Nutt (1988) beschriebener Trend einher: Die mit der wachsenden Professionalisierung des Sports einsetzende immer klarere Trennung zwischen Zuschauer und Sportler, die wachsende Distanz zwischen beiden, führt dazu, dass die Zuschauer eine immer größer werdende Sensibilität für ihre eigene Anwesenheit entwickeln. Die immer häufiger zu beobachtende Stadionwelle und mehr noch: die vielen äußerst geistreichen, kreativen und oft auch sentimentalen, manchmal auch etwas geschmacklosen Choreografien der Ultras und Supporter zu Beginn des Spiels, die mit Megafon versehenen Capos und Vorsänger sind ein schönes Beispiel dafür, dass sich die Zuschauer heute mehr und mehr mit sich selbst befassen, da ihnen die Sportler selbst zu weit entrückt sind. Dies kann sogar soweit gehen, dass Zuschauer und Sportler die Rollen tauschen. Diese ästhetische Form des Sich-Befassens mit sich selbst kann jedoch auch in andere, z.B. gewalttätige Formen münden. Es ist somit nicht auszuschließen, dass die geringe Beachtung der Fans durch Spieler wie Verein auch dazu führt, dass die Fans ihre eigene "Aktion" im Stadion suchen und realisieren. Treffend auf den Punkt bringt dies ein Fan: "Sollen sie doch spielen, wie sie wollen, darum geht´s doch längst nicht mehr. Wir feiern jetzt uns selbst". Oder wie es in dem Selbstverständnis der Ultras Frankfurt heißt: "Wir sind das Spiel", wohinter sich aber auch die zu Recht die Gewissheit steht, dass Fußball ohne die Fans, ohne die Stimmung in der Kurven, ein Spiel ohne Seele, ein "totes" Spiel wäre. In dieses Bild und als weiteres Zeugnis der gewachsenen Distanz passt ein anderes Phänomen. In Ermangelung der Möglichkeit der direkten Interaktion mit Spielern, Trainern und Vereinsfunktionären, nutzen die Fans das Stadion und -der heutigen Zeit und Bedeutung elektronischer Medien angepasst - das Internet immer mehr auch als Sprachrohr für ihre Kritiken, Meinungen, Wünsche und Forderungen (Pilz/Wölki 2003) (siehe weiter unten).

Vor allem die extrovertierte Art der Vereinsunterstützung und die Selbstdarstellung der Ultras mit Hilfe von aufwendigen Blockchoreographien, Bewegungen, Spruchbändern, Papptafeln, Schwenkfahnen, Doppelhalten, großen Überziehfahnen, Trommeln, Dauergesängen, Einpeitschern mit Megaphonen und der enge Zusammenhalt der Gruppe fasziniert jugendliche Fußballanhänger. Für sie ist "Ultra" mehr als nur eine Art neuer Fan-Club. Ultra sein bedeutet eine neue Lebenseinstellung besitzen, Teil einer eigenständigen neuen Fußballfan- und Jugendkultur zu sein, d.h. dass sie im Gegensatz zu den Hooligans nur eine Identität besitzen - ihre Ultra-Identität - die sie eben auch innerhalb der Woche praktizieren. Alles andere, wie die Schule, der Beruf, die Freundin oder die Familie muss sich dabei dem Fußball unterordnen. Die Mitglieder verstehen sich als extreme Fans, oder auch so genannte "Allesfahrer", die ihre Mannschaft, ihren Verein überall hin begleiten: zu Freundschaftsspielen, ins Trainingslager oder auch zu Amateurmeisterschaften. Für sie zählt nicht nur das Ergebnis oder die Liga, in der ihr Verein spielt, sondern mehr die Unterstützung, die Aktion vor, während und nach einem Spiel. Dafür treffen sie sich regelmäßig innerhalb der Woche in Kneipen, Fan-Projekten oder anderen Räumlichkeiten und überlegen, wie sie ihren Verein das nächste Mal bestmöglich 90 Minuten lang unterstützen können. Für die Vorbereitung einer Intro-Choreografie, die vielleicht maximal 20 Sekunden bei einem Spiel zu sehen ist, arbeiten die Ultras meist mehrere Wochen und geben dafür knapp 4500 Euro aus. Die Bedeutung der Ultra-Fankultur für ihre Mitglieder lassen sich gut mit den folgenden Aussagen verdeutlichen (Vgl. Wölki, 2003):
"Als Fußballfan ist der Fußball ja dein Leben, alles andere wie `ne Freundin, dein Leben quasi leidet da ja drunter, wenn du ein Hardcore-Supporter bis. Wir wollen für die jungen und für alle, die die Idee der Ultras gut finden, ein Auffangbecken sein. Zu uns kommen Leute, weil sie ihren Spaß haben wollen. Sie sehen, die Jungs da gehen ab, da wird gefeiert."
"Privat? Habe ich noch ein Privatleben? Es verschmilzt in meinem Denken und Handeln im Bezug auf unsere Gruppe. Eigentlich habe ich schon seit 1997 kein Privatleben mehr, denn die Umsetzung der ganzen Ideen verschlingt die freie Zeit recht großzügig. Beruflich wollte ich eigentlich in die Richtung Kommunikationsgrafik, was aber den Rückzug aus der Fanszene bedeutet hätte...Seit 1998 bin ich fester Mitarbeiter von B-Wear bzw. Hooligan Streetwear."
"Ich bin Fan des 1. FC Nürnberg. Die Gruppe ist dafür geschaffen worden, um den 1. FCN zu unterstützen. Und deshalb sind für mich die Ultras Nürnberg im Leben das Wichtigste. Das bedeutet, dass im Alltag die Prioritäten klar verteilt sind, und bei meiner Funktion bleibt da fast keine Zeit mehr für Aktivitäten außerhalb der Gruppe. Dadurch sind natürlich alle Kontakte zu Menschen, die nicht zum Fußball fahren komplett abgebrochen. Meine gesamten Freunde sind bei den Ultras Nürnberg. Ich lebe ultra, den ganzen tag denke ich nur an die Ultras, an den FCN, an die Kurve."
"Wenn ich eine Freundin aus einer anderen Stadt habe, muss die hier herkommen, wenn ich einen Job woanders angeboten bekomme, hat der Job Pech gehabt. Manche sind sogar so krass, dass sie ihre Ausbildung abbrechen, weil sie für ein bestimmtes Auswärtsspiel keinen Urlaub bekamen."
Das Fußballstadion , die Ultragemeinschaft wird zu einem wichtigen Ort des Ausgleichs des Seelenhaushaltes der Menschen moderner Industriegesellschaften. In einer Gesellschaft, wo die Menschen nur noch daran gemessen werden, was sie haben und nicht danach, was sie sind, steigt auch das Bedürfnis selbst kreativ zu sein, etwas schaffen, nach eigenen Vorstellungen aufbauen und verändern zu können, etwas zu bewegen, auf etwas Einfluss zu haben, wie uns Negt (1998) gezeigt hat. Dieses ganz normale Bedürfnis - zusätzlich durch die Zurückdrängung der Affekte und Emotionen, den Zwang zur Selbstdisziplin und -kontrolle genährt - stößt aber permanent an seine Grenzen.

Wo die meisten Menschen hinkommen, ist meist schon alles fertig, organisiert, wirklich nicht mehr beeinflussbar, sind sie von Vorschriften, Verordnungen oder gesetzlichen Normen umgeben, die ihre Handlungsmöglichkeiten, ihren Spielraum erheblich einengen. Genau diese Gefahr droht den Ultras nun auch im Stadion. Daraus entstehen Enttäuschungen, Gefühle der Ohnmacht und Einflusslosigkeit, die in Resignation, Flucht oder in Vandalismus und Gewalt enden können. Dem Fußballstadion kommt deshalb eine wichtige Rolle im Sinne der Kompensation zu. Hier wird es deshalb in Zukunft sehr entscheidend sein, wie weit es gelingt, den Ultras Räume zur (Selbst-)Inszenierung zu geben, zu belassen, das heißt den (überwiegenden) Teil der Ultras, der sich vorwiegend der Stimmungsmache und dem Herstellen einer fußballspezifischen Atmosphäre verschrieben hat, zu stärken.

Dies ist um so wichtiger, als zu beobachten ist, dass die Inszenierungs- und Choreografiebedürfnissen der Ultras immer stärker mit ordnungspolitischen und sicherheitstechnischen Bestimmungen und Regelungen in den Stadionordnungen in Konflikt geraten (bengalische Feuer, Rauchbomben, Papierschnipsel, Konfetti u.ä.). Große Fahnen, Doppelhalter, Lärminstrumente, Konfetti, Wunderkerzen, sie alle sorgen für die unvergleichliche - in den Medien als südländische, gut zu vermarktende und hochgelobte Begeisterung- Stimmung und Atmosphäre im Stadion. Werden diese Dinge verboten, wird dem Fußball nicht nur seine atmosphärische Seele genommen, sondern es besteht auch die Gefahr, dass die Bedürfnisse nach Atmosphäre, Stimmung, Emotionalität anders und dann auch problematischer und gefährlicher ausgelebt werden.