Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Ultras und Supporter

Das Gewaltgutachten der Bundesregierung

Zu Recht fordern deshalb auch im Gewaltgutachten der Bundesregierung die Kriminologen:
"Bei der Bewältigung des gesellschaftlichen Phänomens gewalttätiger Fanausschreitungen muss vor einem rigorosen Vorgehen gewarnt werden. Aus der Sicht der Fans in einer auf Passivität ausgerichteten Konsumgesellschaft bietet die Fanszene jedoch eine hoch einzuschätzende kompensatorische Möglichkeit, um Alltagsfrustrationen zu verarbeiten und 'Urlaub' vom gewöhnlichen und zumeist langweiligen Tagesrhythmus zu machen. Wenn die Erwachsenenwelt dann nur mit Verbot und Bestrafung reagiert, kann sich das Gewaltpotential andere 'Freiräume' suchen, die noch schwerer zu beeinflussen sind. Insofern käme es darauf an, verstärkt über positive Wege der Kanalisierung von Aktivitätsbedürfnissen nachzudenken." (Kerner u.a. 1990, S. 550)
Weshalb also nicht auch das Stadion als Ort des Auslebens von Bedürfnissen nach Abenteuer, Spannung, nach dem Erleben von Affekten und Emotionen erhalten, ja sogar ausbauen? Zu Recht haben Weis / Alt / Gingeleit (1990, S. 652 ff) auf das Problem der fortschreitenden Verengung gesellschaftlicher Räume, der Zerstörung der Räume und Lebenswelt Fußball hingewiesen und für deren Erhalt plädiert. Die Forderung nach reinen Sitzplatzstadien, ist deshalb auch kein Beitrag zur Besänftigung der Gewalttätigkeit. Nicht nur dass in den Stehplatzbereichen aufgrund der dort noch möglichen Mobilität, Kommunikation zwischen sozialen Schichten und Generationen möglich ist, nur im Stehen kann richtig Stimmung gemacht werden. Sehr schön hat dies Rittner (1986, S. 145) einmal beschrieben:
"Die Sprechchöre, die ritualisierten Beschimpfungen, die Inszenierungen des Körpers beim Marschieren zeigen gleichsam die Maschinerie bei der Arbeit, einer Maschine mit Kehlen, Füßen, Oberkörpern, die auf ihre Besitzer durch Suggestion einwirken und den Gruppengeist in die Physis transportieren."... Atmosphäre ist dabei die Währung, mit der die Institutionen ihre Fans entlohnen, gleichsam klingend mit einer Verdichtung der Realität. Die Luft wird buchstäblich dick und in dieser Qualität genossen".
Es waren im Übrigen die ULTRAS die sich vehement gegen die Zersplitterung des Fußballspielplanes zur Wehr setzten. Mit ihrer Aktion pro 15:30 erreichten sie, dass wenigstens die Spiele der 1. Bundesliga wieder auf den Samstag konzentriert wurden und die Zersplitterung von Freitag- bis Sonntagspielen in der 1. Liga rückgängig gemacht wurde. Der Grund für diese Aktion lag darin, dass Fahrten zu Auswärtsspielen immer beschwerlicher wurden und die Begleitung der eigenen Mannschaft aus beruflichen oder schulischen Gründen oft nicht mehr möglich war, wenn Freitagabends oder Sonntags, geschweige den Montag Fußball gespielt wurde. Dies hatte im übrigen auch zur Folge, dass immer mehr traditionelle Fanfreundschaften in die Brüche gingen.

Früher wurde freitags angereist, am Samstag gespielt, und abends die Sause gemacht. Am Sonntag fuhren dann alle glücklich nach Hause. Da gab es viele gut funktionierende Fanfreundschaften, die heute fasst alle kaputt gegangen sind. Ein Problem, das sich in der zweiten Liga immer noch und zum Teil viel dramatischer stellt: Da wird kaum mehr samstags gespielt, Freitag und Montagspiele verhindern oft aufwändige Auswärtsfahrten. Ein Blick in die Homepage der Ultragruppierung "Red Supporter" möge zum Verständnis der Ultras beitragen. Dort steht zu lesen:
"Die Red Supporters Hannover sind eine Ultragruppierung in Hannover. Wir haben uns zusammen gefunden, weil alle den Verein HANNOVER 96 von ganzem Herzen unterstützen. Unser Interesse liegt darin, den Verein mit voller Kraft zu unterstützen und immer beiseite zu stehen. Die Red Supporters Hannover sind im I-Block vertreten und ordnet sich der Dachorganisation Ultras Hannover voll und ganz unter. Im Vordergrund steht nämlich immer der Verein, und für dessen Unterstützung tun wir alles. Unter den Mitgliedern der Red Supporters herrscht ein freundschaftliches Verhältnis, das auch sehr gepflegt wird, damit wir als Gruppe immer nach außen hin unseren Zusammenhalt zeigen können. Wir arbeiten grundsätzlich als Gruppe, Einzelgänger gibt es bei uns nicht."