Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Ultras und Supporter

Das Ultramanifest

Das Ultramanifest das die deutschen Ultras von der Homepage des AS Roma übernommen und "nur unwesentlich verändert, bzw. an die Verhältnisse in Deutschland angepasst" haben, verweist zusätzlich auf die sehr bewusste und sensible Wahrnehmung der Entwicklung, Wandlungen des (Profi-)fußballsports seitens der Ultras hin. Unter der Überschrift "Zukunftsvisionen" steht dort zu lesen:
"Es wird Zeit, dass alle Fußballfans verstehen, was die UEFA, die FIFA und die Fernsehanstalten unter tatkräftiger Mithilfe der nationalen Verbände mit unserem Fußballsport veranstalten. Die Bestrebungen der Spitzenclubs gehen dahin, eine Europaliga einzurichten, die im Endeffekt nur für die finanzstarken Vereine der einzelnen Verbände gedacht ist. Dies würde diesen Vereinen auf Grund der Vermarktung der TV-Rechte enorme Einnahmen sichern, die kleineren Vereine würden aber ausgeschlossen und auf lange Sicht in den Ruin getrieben. Die Anzahl der Fernsehzuschauer würde sicherlich steigen, während der Stadionfußball in seiner ursprünglichen Form nach und nach verschwinden wird. In ein paar Jahren wird selbst der Rasen in den Stadien mit Sponsorenwerbung verunstaltet werden und Choreographien werden verboten, weil sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer am Bildschirm von den Werbetafeln abziehen. Es werden hunderte Ordner in den Blöcken stehen, die Fans werden im ganzen Stadionbereich von Videokameras aufgenommen, um zu verhindern, dass große Fahnen, Transparente oder Feuerwerkskörper ins Stadion gelangen können. Und in ein paar Jahren werden selbst die Leibchen unserer Spieler aussehen, wie die Anzüge von Formel-1 Piloten, jeder Fleck von Werbung besetzt. In den Köpfen der Funktionäre nimmt die Zukunft bereits Gestalt an: Es wird der gezähmte Fan erwünscht, der moderate Stimmung verbreitet, aber nur soviel, wie als Hintergrundeinspielung für die Fernsehübertragung notwendig ist, der brav applaudiert, wenn man es verlangt und ansonsten still auf seinem Platz sitzt. Es wird keinen Platz mehr für Ultras geben. Es gibt eine UEFA-Richtlinie, die besagt, dass die Fans sitzen müssen, man will keine Fans, die aktiv am Spiel teilhaben, man will die Art von Zuschauer, die man in einem Kino oder einem Theater antrifft. Diese Menschen verstehen nicht, dass Fußball unser Leben ist, dass wir für unseren Verein leben, dass wir unsere Schals und unsere Kleidung tragen, die unsere Stadt oder Region repräsentiert. All die "Kurven" dieser Welt sollten in diesem Fall zusammenhalten und eine mächtige Einheit gegen die Fußball-Fabrik bilden."
Entsprechend wurde folgendes Ultramanifest verfasst:

Echte Fans wollen diese Fußballregeln:
  1. Spielertransfers sollten in den Saisonpausen abgewickelt werden, nicht während der Saison
  2. Die Freiheit für die Spieler, ihre Freude nach einem Tor auszudrücken. Es ist möglich, diese Zeit nachspielen zu lassen.
  3. Eine Sperre von einem Jahr von Spielern, die ihren Vertrag nicht erfüllt haben, weil ein anderer Verein mehr Geld geboten hat.
  4. Die Beschränkung, dass Funktionäre eines Vereines nicht in einem zweiten Verein tätig sein dürfen, um "Farm Teams" zu verhindern
  5. Die Wiederherstellung des alten Landesmeisterpokals mit einem automatisch qualifizierten Meister aus jedem Verband, anstelle einer Liga, in der der Ligavierte eines Landes "Champions-League-Sieger" werden kann.
  6. Das Verbot, dass Clubs oder Verbände Karten für Auswärtsspiele exklusiv an Reiseveranstalter weitergeben dürfen.
Ultras sollten:
  1. Jeden unnötigen Kontakt oder Hilfe durch die Vereine oder die Polizei verweigern.
  2. Untereinander besser zusammenarbeiten.
  3. In Eigenorganisation zu Auswärtsspielen reisen.
  4. Mit den Ultras anderer Vereine zusammenarbeiten, und die "Ware TV-Fußball" unattraktiver zu machen.
  5. Sich nicht von den Autoritäten unterdrücken lassen und bei Spielen unbedingt Präsenz zeigen."
Das Ultramanifest scheint mir dabei genau von der Sorge bestimmt zu sein, die Paris bereits 1983 (S.162) wie folgt zusammenfasste: "Das grundlegende Problem dieser zukünftigen Entwicklung sehe ich darin, ob und wieweit es gelingt, die das Spiel paralysierenden Mechanismen der Kommerzialisierung und Professionalisierung, die sich aus der Durchkapitalisierung der Rahmenbedingungen des Fußballsports heraus ergeben, zumindest in dem Maße zurückzudrängen und einzudämmen, dass die spezifische Eigendynamik und die Spannung des Spiels als solche erhalten bleibt, dass also im Endeffekt die hier angesprochene Hierarchie der verschiedenen Situationsdefinitionen im Stadion nicht nur ad hoc,, sondern auch strukturell gesichert werden kann. Mit anderen Worten: Entweder es gelingt, das Spiel gegen seine schleichende Aushöhlung und Pervertierung durch seine kommerziellen Apologeten dauerhaft zu verteidigen - dann hat es nicht zuletzt auch kommerziell eine Zukunft; oder aber dies gelingt nicht - dann wird die Faszination und die Freude am Spiel über kurz oder lang abbröckeln und der Fußball wird seine Vorzugsstellung als sportliches Massenvergnügen nach und nach einbüßen."

Ähnlich wie sich die Ultras gegen herkömmlich zu kaufende Fan-Utensilien wehren, lehnen sie auch allgemein die allzu große Vermarktung des Fußballs ab und sind gegen Kommerzialisierung.

Im Zeitalter der "Eventisierung" des Fußballs verstehen sie sich als einen kritischen Gegenpol, kämpfen für den Erhalt der traditionellen Fankultur, gegen Stadionverbote und gegen reine Sitzplatzstadien in Deutschland.

Einige Aktionen richten sich auch gegen die eigenen Spieler, die eigene Mannschaft, wenn die Leistungen in den Augen der Ultras nicht stimmen. Rufe wie "Scheiß Millionäre" oder "Wir sind Rote, und ihr nicht" werden laut, teilweise bleiben so gar bis zur Pause ganze Fan-Blöcke leer, als Protest gegen die vermeintlich geringe Kampfbereitschaft der Mannschaft oder die Busse der Spieler werden boykottiert.

Das durch Distanz gekennzeichnete Verhältnis von Spieler und Fan, versuchen die Ultras damit zu überwinden. Sie suchen nach Nähe, versuchen Einfluss zu nehmen auf einen Spielertypen, dem der Verein nur so lange wichtig ist, wie er das meiste Geld bezahlt.

Sexistische, rassistische und Gewaltverherrlichende Parolen werden von Ultras häufig dazu genutzt, die gegnerischen Fans zu provozieren, indem sie deren Spieler z.B. auf Doppelhaltern in eindeutigen Positionen als Homosexuelle darstellen. Ähnlich problematisch ist ihre Vorliebe und Faszination für die italienische Pyrotechnik. Vor allem bei Derbys oder Abendspielen benutzen Ultras gerne bengalische Feuer oder bunte Rauchbomben im Rahmen ihrer Choreografien. Da der Gebrauch von Pyrotechnik in allen Bundesliga-Stadien allerdings verboten ist, besuchen sie alternativ auch Spiele der Amateurmannschaften ihres Vereins, zündeln dort nach Belieben, fotografieren und filmen sich dabei und veröffentlichen die schönsten Pyrobilder dann anschließend auf ihren eigenen Internetseiten oder in ihren selbst gestalteten Fanzines einer breiten Öffentlichkeit.