Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Ultras und Supporter

Ultras und die Politik in der Kurve

Gerade jüngere Fans (14-16 Jahre) sind fasziniert von der extrovertierten Außendarstellung und dem starken Gruppenzusammenhalt der Ultras. Immer mehr Jugendliche kommen von außerhalb des Sozialisationsraums Stadion hinzu; ihnen sind also die Regeln und Rituale innerhalb der Szene nicht vertraut. Sie versuchen dann oft mit extremen Aktionen Anerkennung zu erheischen, was in vielen Szenen verstärkt zu Problemen führt. So haben sich die Ultras Bielefeld aufgelöst, weil sich zunehmend in ihre Reihen gewaltbereite und "rechte" Fans mischten und den "guten Ruf der Ultras beschmutzten".

In der jüngsten Sinus-Studie wird darauf verwiesen, dass die Ultraszene quasi als Auffangbecken für Aussteiger aus dem organisierten Rechtsradikalismus dienen. Dabei haben sich ihr Verhalten und ihr Lebensstil gewandelt, das heißt rechte Gewalt wird verpönt, die Aussteiger sind nicht mehr im rechtsradikalen Spektrum aktiv und haben sich auch davon losgesagt, bewahren sich aber ihr rechtes Gedankengut, d.h. im Denken und Fühlen haben sie sich (noch) nicht von rechten Ideen verabschiedet.
"Das fanatisch -exzentrische Interesse für den Verein ist das neue Band der Solidarität. Die rechten Jugendlichen...basteln Fahnen und entwickeln und proben Choreografien, die sie während eines Spiels im Stadion aufführen. Der primäre Gegner sind für die rechten Jugendlichen nicht mehr "die Ausländen" sondern extreme Fans anderer Vereine. Durch den anderen thematischen Fokus der Szene werden ausländerfeindliche Attitüden bei den rechten Jugendlichen zwar nicht vollständig abgebaut, aber die Ausländerfeindlichkeit rückt in den Hintergrund und ist nicht mehr die treibende Kraft. Diese Jugendlichen sind damit aber nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie leben bewusst im Grenzbereich von Erlaubtem und Verbotenem. In der Gewalt gegen extreme Fanclubs gegnerischer Mannschaften erfahren sie weiterhin Lust. Dabei ist es ihnen wichtig, sich nicht strafbar zu machen., Sie haben Angst, bei der Polizei registriert zu werden und dadurch auf Verdacht schnell verhaftet zu werden" (Wippermann/Zarcos-Lamolda/Krafeld 2002, S. 156)
Wörtlich äußerst sich ein vom organisierten Rechtsextremismus losgesagter und sich den Ultras angeschlossener:
"Als ich jünger war, hatte ich wesentlich mehr Ärger als jetzt. Jetzt ist es relativ selten, ich hatte jetzt schon länger keine Ärger mehr. Früher war das anders, als ich zwischen 16 und 18 war, da hatte ich fast wöchentlich eine größere Schlägerei und auch öfter mal eine Nacht im Gefängnis verbracht. In letzter Zeit geht es. Früher war ich anders darauf, ganz kahl rasiert und Springerstiefel und so. Jetzt ist man schon ein bisschen älter und reifer. Die Denkweise ist noch vorhanden, aber man ist nicht mehr so hohl wie früher." (Wippermann/Zarcos-Lamolda/Krafeld 2002, S. 156)
Wippermann/Zarcos-Lamolda/Krafeld (2002, S. 157) weisen entsprechend darauf hin, dass es fahrlässig wäre:
"einfach darauf zu vertrauen, dass die rechte Orientierung bei den "Abgewanderten" durch die Distanz zur rechten Organisation und die Dominanz anderer Themen (Fußball) automatisch abgebaut wird. Abgewanderte tragen ihre rechte Haltung in diese Gruppen auch hinein. Fazit: Diese Gruppen (die Ultras und Hooligans G.A.P.) dienen für einige Aussteiger sicher als Brücke zum Ausstieg aus der rechten Szene. Aber sie sind auch Multiplikatoren von rechten Haltungen, rezipieren und reproduzieren neo-nationalistische Einstellungen und Gewaltmotive."
Diese Annahmen werden belegt durch Artikel in Fanzines, Musikvorlieben (Störkraft, Landser etc.) oder durch Einträge in Gästebücher. Rechtes Gedankengut wird hier nicht, wie beispielsweise von rechten Parteien, plump und plakativ verbreitet, sondern viel subtiler und auch cleverer in die Szene getragen (siehe Pilz/Wölki 2003; Wölki 2003). In ihrer Homepage schreiben die Ultras Frankfurt zur Frage der Politik in der Kurve u.a., dass die Mitglieder der Ultras Frankfurt zu 80 Prozent außerhalb von Frankfurt kommen. "Gerade auf den ländlichen Gebieten kommen mehr wie aus den Städten Eintrachtfans mit einer eher national/patriotischen Einstellung. Das ist bundesweit eine vollkommen normale Begebenheit und man kann dies bei jedem Verein beobachten." Mehr auf ultras-frankfurt.de ...

In unserer Studie zu Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball konnten wir feststellen, dass rechte Gesinnungen so aktuell wie je sind:
" Bloß die Leute werden nicht mehr so schwachsinnig rumlaufen und blöd rumkrakeelen, sondern die engagieren sich anders. Eben auf dem politischen Weg." (Mitarbeiter der Fanbetreuung eines Vereins)
"Seine Meinung hat ja jeder irgendwo, aber die wird nicht laut vertreten. Die Leute, die rechtsnational eingestellt sind, die wissen, es gibt Ärger, die halten im Stadion ihre Klappe." (Langjähriger Fan) (Pilz,G.A.u.a. 2004)
Offenes rassistisches/fremdenfeindliches und rechtsextremistisches Verhalten scheint in den von uns untersuchten Vereinen in den vergangenen Jahren zumindest in den Alten Bundesländern zurückgegangen zu sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein solches Verhalten nicht mehr beobachtbar ist; es sind jedoch eher Einzelpersonen oder kleinere Gruppen, die sich auffällig verhalten. Gleichzeitig scheint sich offen inszenierte Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus eher vom Stadion weg auf die An- und Abfahrtswege zu verlagern. Wichtig ist, zwischen rassistischem/fremdenfeindlichem Zuschauerverhalten (wie z.B. Affenrufe, fremdenfeindliche Fangesänge etc.) und rechtsextremem Verhalten (wie z.B. Verteilen von NPD-Aufklebern in der Fankurve) zu differenzieren, da es sich um unterschiedliche Akteure handeln kann, die aus unterschiedlichen Beweggründen agieren können. Einem rassistischen Verhalten muss keine gefestigte rechtsextreme Einstellung zu Grunde liegen; auf der anderen Seite konnte beobachtet werden, dass Fans, die deutlich im Stadion als Rechtsextreme in Erscheinung traten, sich nicht an rassistischen Äußerungen beteiligten.

Handlungen und Einstellungen müssen nicht übereinstimmen. Wie oben bereits dargelegt, bedeutet der Rückgang von offenem rassistischem/fremdenfeindlichem und rechtsextremem Verhalten nicht unbedingt einen Rückgang der jeweiligen Einstellungsmuster. Anders herum lässt sich nicht zwangsläufig - zumindest was rechtsextreme Handlungen betrifft - von rechtsextremem Zuschauerverhalten auf die entsprechenden Einstellungsmuster schließen. Es gibt Handlungen, die aufgrund ihrer semantischen Struktur als rechtsextrem zu bezeichnen sind (wie z.B. das in der Fanszene verbreitete U-Bahn-Lied), weil sie nach außen hin rechtsextreme Bilder transportieren. Dieser rechtsextreme Inhalt wird unter Umständen von jugendlichen Fans bewusst eingesetzt, um Erwachsene, die Polizei oder gegnerische Fans zu provozieren, Tabus zu überschreiten und sich selbst außerhalb des gesamtgesellschaftlichen Mainstreams in Szene zu setzen. Andere rechts bzw. fremdenfeindliche/rassistische kulturelle Praktiken sind weitgehend ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt; die rechte Konnotation hat sich "abgeschliffen". So wird beispielsweise bei Liedern, in denen die "Reichshauptstadt" vorkommt, nicht unbedingt ein Bezug zum "Dritten Reich" hergestellt.

Außerdem ist eine Vermischung von rechter Symbolik und Fußballsymbolik festzustellen, die zum Teil an einen Wertekanon anknüpft, in dem sich Fußballkultur und rechte Ideologie treffen (Stichworte: Kampfkraft, Ehre, Treue). Dies betrifft vereinzelt auch strafrechtlich verbotene Symbole und Losungen im Rahmen von Merchandising-Artikeln, die sowohl vor dem Stadion verkauft als auch im Stadion getragen werden. Strafrechtliche relevante Verhaltensweisen in Verbindung mit Fußballspielen, die unter den Begriff "Hatecrime" fallen, konnten bislang nicht beobachtet werden.

Jenseits des pauschal formulierten Rückgangs von rechtsextremem und rassistischem/fremdenfeindlichem Zuschauerverhalten kann festgestellt werden, dass sowohl der Grad dieses Zuschauerverhaltens als auch der Umgang bzw. die Form der Auseinandersetzung damit von Verein zu Verein variiert. Wichtig ist in jedem Fall, dass der Verein sich rechtzeitig eindeutig positioniert und rassistisches Verhalten öffentlich zur Diskussion stellt bzw. sanktioniert. Wenn dies nicht passiert, kann es zu einer Sogwirkung kommen - rechte Fans werden von einem bestimmten Verein angezogen, politisch Andersdenkende werden eher abgestoßen und bleiben fern, was das Problem noch verschärft.

Mit ein Grund für diese Entwicklung ist - wie bereits beschrieben - die Erkenntnis, dass fremdenfeindliche Gewalt oft einer gefährlichen Mischung aus Ideologie und Erlebnishunger entspringt. Diese Erlebnissehnsucht macht das Fußballstadion für die Rassisten so attraktiv und deren Aktionen für manche Fans, Ultras und Hooligans im Sinne des "Sensationseeking" so verlockend.

Eine politisch heterogen zusammengesetzte Fanszene, die von innen heraus fremdenfeindliches und rechtsextremes Verhalten nicht duldet bzw. sanktioniert, ist dabei enorm wichtig, um eine interne Auseinandersetzung zu fördern. Diese "Selbsterziehung" innerhalb der Fanszene funktioniert in manchen Vereinen; in anderen wird die antirassistische Arbeit eher in antirassistischen Faninitiativen "ausgelagert", die kontinuierlich dafür sorgen, dass die Problematik in der Fanszene diskutiert wird. In vielen von uns untersuchten Vereinen konnten wir einen - je nach Verein unterschiedlich wirkmächtigen - "Politik gehört nicht ins Stadion"-Diskurs feststellen, der von Einzelpersonen und einflussreichen Fangruppierungen vertreten wird und aufgrund dessen politische Äußerungen im Stadion nicht geduldet werden. Dieser Diskurs gilt zum Teil auch für rechte bzw. rechtsextreme Fans. Was jedoch als politisch definiert wird und was nicht, kann sich von Verein zu Verein, von Fangruppierung zu Fangruppierung unterscheiden.

Es muss hier auch sehr deutlich hervorgehoben werden, dass sich innerhalb der Ultraszene verstärkt aktive Bündnisse gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Arbeitsgruppen und Initiativen bilden, die im Sinne der Selbstregulierung aktiv und überaus engagiert und erfolgreich gegen rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen in ihren Reihen vorgehen.

Ergänzend kann noch eine weitere kulturelle Logik der Fanszene beschrieben werden, die kollektive Fanidentität nivelliert politische Differenzen; der gemeinsame Bezug zu einer imaginären und realen Fangemeinschaft lässt unterschiedliche politische Anschauungen in den Hintergrund treten. Für viele Fans gehört Fußball nicht zum Privatleben - das Privatleben findet im Gegenteil jenseits des Fußballs statt. Langjährige Fußballbekanntschaften wissen oft wenig voneinander: Der soziale und berufliche Kontext und die politische Weltanschauung bleiben weitgehend ausgeklammert. Dies mag ein Grund dafür sein, dass politische Äußerungen tendenziell erst dann sanktioniert werden, wenn sie allzu offensichtlich ins Stadion getragen werden und dem Image des Vereins schaden.

Während Rassismus und Rechtsextremismus unter Umständen als nicht politisch korrekt reflektiert werden, werden Sexismus und Schwulenfeindlichkeit unseren Erkenntnissen nach nicht in Frage gestellt. Sexistische Fanschals und Aufnäher finden sich bundesweit als Merchandising-Produkte vor den Stadien, "Schwule!" gehört als Beschimpfung der gegnerischen Fans oder Spieler immer noch zum Standardrepertoire in den Kurven, was keinerlei Diskussionen auslöst. Auffällig ist gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen offen artikulierter, oft in ihrer Bedeutung schon abgeschliffener Homophobie und der emotionalen, ritualisierten Körperlichkeit unter (männlichen) Zuschauern auf den Rängen. Dies darf angesichts der Forschungen von Heitmeyer (2006) nicht unterschätzt werden, in dessen Konstrukt der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit die enge Verzahnung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit mit Antisemitismus, Islamophobie, Abwertung von Obdachlosen , Homosexuellen und Behinderten, Sexismus und Demonstration von Etabliertenrechten nachgewiesen hat.