Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Ultras und Supporter

Seit den 1990er-Jahren bilden sich bundesweit in den Stadien Ultraszenen. Mit Choreografien, Kurvenshows, Spruchbändern, Fahnen und Gesängen bringen sie eine besondere Stimmung in die Fußballarenen. Vorreiter in Deutschland waren die Ultras in Frankfurt.

Bewahrer der atmosphärischen Seele des Fußballs

FUSSBALL 1. BUNDESLIGA SAISON 2011/2012 10. Spieltag 1 FC Nuernberg - VfB Stuttgart 22.10.2011 Stuttgart Fans mit Bengalischen Feuer FOTO: Pressefoto ULMER/Claus Cremer xxNOxMODELxRELEASExxBeim Spiel 1. FC Nürnberg gegen den VfB Stuttgart am 22.10.11 haben Ultras im Block der Stuttgarter ein bengalisches Feuer gezündet. (© picture alliance / Pressefoto Ulmer )
Seit Mitte/Ende der 90er Jahre bilden sich bundesweit so genannte Ultraszenen. Angelehnt an die Ultraszenen in Italien, Frankreich und Spanien ist es Ziel dieser Fans eine neue Art der Atmosphäre in die Stadien zu bringen. Zu ihrem Repertoire gehören Choreografien, Kurvenshows, Spruchbänder, Schwenkfahnen, Doppelhalter, neue Gesänge und andere Stimmungsrituale. Die erste und auch heute größte Ultra-Gruppierung bildete sich in Frankfurt.


Die Frankfurter Szene, die enge Kontakte zu italienischen Ultras pflegt, gilt in anderen deutschen Szenen bei individuellen Nuancen daher auch als Vorbild und Trendsetter. Ultras distanzieren sich strikt von den ebenfalls sehr vereinsbezogenen Kuttenfans. Beliebt (wie bei den Hooligans) ist teure Markenkleidung der 'Szeneausstatter' Hooligan, PitBull, Umbro, Troublemaker sowie Nike und New Balance Turnschuhe.

Zu der beschriebenen Kleidung wird aber, im Gegensatz zu den Hooligans, immer noch ein Fan-Schal (Balkenschal) getragen, der das Fußballinteresse dieser Gruppe unterstreicht. Des weiteren werden häufig Polo-Shirts und Sweat-Shirts mit szeneeigenen Schriftzügen und Emblemen in Auftrag gegeben. Der Altersdurchschnitt der "Ultras" liegt bei 17-18 Jahren. Ihre Anfänge haben fast alle Angehörige noch im Fan-Block erlebt. In ihrer frühen Jugendzeit trugen die meisten von ihnen selber noch die mit Aufnähern übersäten Jeanswesten.

Daniel Reith (in Gehrmann/Schneider 1998, S. 181 ff.) beschreibt die 'Ultras' als Fans, die sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs und der Fanszene wehren. 'Groundhopper', die in Spanien und Italien unterwegs waren, haben ihre Erfahrungen in die deutsche Fanszene mitgebracht. Diese Mischung aus Kuttenfans und Hooligans hat es "satt mit anzusehen, wie die Fanszene nach und nach ihr Niveau verliert, wie diese Leute jeden Trend gutgläubig mitmachen, den die Merchandising-Fachkräfte in die Welt setzen und damit die Kreativität der Fanszene nach und nach immer mehr untergraben".

Selbstverständnis der Ultras und erste Folgerungen

Auf der Homepage von den Ultras Frankfurt steht entsprechend über das Selbstverständnis der ULTRAS zu lesen:
Ultrá ist für uns eine Geisteshaltung, eine grundsätzliche Einstellung zum Fandasein. Wir verstehen uns nicht als bloße in sich hineinen konsumierende Masse, die bierselig im Block steht und alles, was auf dem Platz und drumherum vorgeht, kommentarlos hinnimmt. Ganz im Gegenteil! Wir sind kritische und vor allem mündige Menschen, denen niemand das Denken und das Anprangern herrschender Missstände verbieten kann und wird. Wir verwehren uns ausdrücklich dagegen, ein ungeliebter Teil dieses "Events" Fußball zu sein ... Wir sind die Hauptsache! WIR sind das Spiel und der Verein (bzw. dessen Reste). Wir sind der Grund, warum Fußball nach wie vor eine große Faszination auf Menschen jeder Altersklasse ausübt. Es ist zwar allgemein bekannt, dass ohne die treuen Fans in den Stadien nicht mehr viel los wäre, dennoch muss man es immer wieder in aller Deutlichkeit hervorheben, damit auch der Letzte begreift, was er an uns hat. ....
Ultrá zu leben bedeutet mehr als nur Fahnenschwenken und Choreografien zu inszenieren... Klas ist es unbeschreiblich geil, gigantische Fahnenmeere zu erschaffen, und die Mannschaft mit abwechslungsreichen Gesängen bedingungslos zu unterstützen, aber es gibt noch eine andere Seite der man mindestens, wenn nicht noch mehr Bedeutung zumessen sollte: die geistige" Seite des Ganzen. Es ist wichtig, eine starke Gruppe zu schaffen, die aus ähnlich denkenden und fühlenden Menschen besteht, die gegen alle äußeren Einflüsse zusammenhält, und die ihre Ideale und Träume versucht zu leben und zu verwirklichen. Eine Gruppe, die noch Werte hat und die auf diese achtet, während in der heutigen Gesellschaft Schlagwörter wie Freundschaft, Treue und Ehrlichkeit von Wörtern wie Gewinnoptimierung und Effizienz verdrängt werden. ...
Es sollte darum gehen, sich eine Gegenwelt zu schaffen, in der man selbst die Regeln bestimmt! Gesellschaftliche Konventionen können dort außer Acht gelassen werden, und man kann einfach so leben wie man es sich vorstellt, ohne allerdings den Blick über den Tellerrand hinaus zu verlieren. Einen eigenen erkämpften, erarbeiteten Freiraum, in dem man der immer uniformer werdenden Gesellschaft entgegen steuern kann und sich kreativ ausleben kann!"
Die Leute sollen einfach verstehen, dass das bei all den anderen Sachen, die in Bezug auf Ultrá durch den Raum schwirren, das einzige ist, was bei einer guten Gruppe wirklich zählt: Freundschaft und Liebe! Diese beiden Faktoren sind existentiell und unabdingbar, wenn eine Ultrá Gruppe funktionieren soll. Diese Freundschaft untereinander, Liebe zu Ultrá und dieser Einstellung, dessen Lebensgefühl und natürlich zu seinem Verein. Dieses Lebensgefühl, diesen Lifestyle kann man eigentlich auch nicht wirklich in Worten beschreiben, man muss es einfach fühlen. Wenn erwachsene Menschen sich gegenseitig in den Arm nehmen, weinen, lachen und sich auch ohne große Worte verstehen, muss schon mehr dahinter stecken als bloße Liebe zum Verein. Manche mögen das als unnötige Gefühlsduselei abtun, aber für uns ist der Umgang untereinander sehr wichtig, denn wenn dieser nicht stimmt, überträgt sich das automatisch auf die gesamte Gruppe. Eine Gruppe sollte einem Halt geben, idealerweise als Ersatzfamilie dienen"
Lesen Sie mehr unter ultras-frankfurt.de ...

Eine bemerkenswerte Beschreibung des Selbstverständnisses der Ultras, das die große Bedeutung die diese Gruppierungen für junge Menschen auch im Sinne des Aufbaus einer positiven Identität haben, verdeutlicht.

Dahinter verbergen sich wie Lindner/Breuer (1979) schreiben, vor allem die Wandlungen der Erwartungshaltungen und Wahrnehmungsweisen des Publikums und vor allem die Interaktionsformen zwischen Spielern und Zuschauern sowie das Verhältnis von Verein, Spieler und Zuschauer. Die Mannschaft, die das Viertel repräsentiert, deren Spieler man kennt und zuweilen, und sei es nur an der Theke des Vereinslokals, trifft, hat kaum mehr etwas mit der zusammengekauften Profitruppe zu tun, die man mit einigem Glück gerade noch, bevor sie in ihren Porsche, Mercedes oder Maserati steigen, zum Autogrammgeben erwischt. "Die Veränderung dieser Rahmenbedingungen, des Fußballsports, droht dem Fußball seine kulturelle, soziale und geschichtliche Dimension zu rauben und ihn zu einem, wenn auch aufgrund seiner spezifischen Faszination nicht beliebig aus-tauschbaren Segment der Unterhaltungsbranche" zu machen.

Mit der hier beschriebenen zunehmenden sportlichen, sozialen und wirtschaftlichen Distanz zwischen Spielern und Zuschauern geht auch ein weiterer, von dem Publizist Nutt (1988) beschriebener Trend einher: Die mit der wachsenden Professionalisierung des Sports einsetzende immer klarere Trennung zwischen Zuschauer und Sportler, die wachsende Distanz zwischen beiden, führt dazu, dass die Zuschauer eine immer größer werdende Sensibilität für ihre eigene Anwesenheit entwickeln. Die immer häufiger zu beobachtende Stadionwelle und mehr noch: die vielen äußerst geistreichen, kreativen und oft auch sentimentalen, manchmal auch etwas geschmacklosen Choreografien der Ultras und Supporter zu Beginn des Spiels, die mit Megafon versehenen Capos und Vorsänger sind ein schönes Beispiel dafür, dass sich die Zuschauer heute mehr und mehr mit sich selbst befassen, da ihnen die Sportler selbst zu weit entrückt sind. Dies kann sogar soweit gehen, dass Zuschauer und Sportler die Rollen tauschen. Diese ästhetische Form des Sich-Befassens mit sich selbst kann jedoch auch in andere, z.B. gewalttätige Formen münden. Es ist somit nicht auszuschließen, dass die geringe Beachtung der Fans durch Spieler wie Verein auch dazu führt, dass die Fans ihre eigene "Aktion" im Stadion suchen und realisieren. Treffend auf den Punkt bringt dies ein Fan: "Sollen sie doch spielen, wie sie wollen, darum geht´s doch längst nicht mehr. Wir feiern jetzt uns selbst". Oder wie es in dem Selbstverständnis der Ultras Frankfurt heißt: "Wir sind das Spiel", wohinter sich aber auch die zu Recht die Gewissheit steht, dass Fußball ohne die Fans, ohne die Stimmung in der Kurven, ein Spiel ohne Seele, ein "totes" Spiel wäre. In dieses Bild und als weiteres Zeugnis der gewachsenen Distanz passt ein anderes Phänomen. In Ermangelung der Möglichkeit der direkten Interaktion mit Spielern, Trainern und Vereinsfunktionären, nutzen die Fans das Stadion und -der heutigen Zeit und Bedeutung elektronischer Medien angepasst - das Internet immer mehr auch als Sprachrohr für ihre Kritiken, Meinungen, Wünsche und Forderungen (Pilz/Wölki 2003) (siehe weiter unten).

Vor allem die extrovertierte Art der Vereinsunterstützung und die Selbstdarstellung der Ultras mit Hilfe von aufwendigen Blockchoreographien, Bewegungen, Spruchbändern, Papptafeln, Schwenkfahnen, Doppelhalten, großen Überziehfahnen, Trommeln, Dauergesängen, Einpeitschern mit Megaphonen und der enge Zusammenhalt der Gruppe fasziniert jugendliche Fußballanhänger. Für sie ist "Ultra" mehr als nur eine Art neuer Fan-Club. Ultra sein bedeutet eine neue Lebenseinstellung besitzen, Teil einer eigenständigen neuen Fußballfan- und Jugendkultur zu sein, d.h. dass sie im Gegensatz zu den Hooligans nur eine Identität besitzen - ihre Ultra-Identität - die sie eben auch innerhalb der Woche praktizieren. Alles andere, wie die Schule, der Beruf, die Freundin oder die Familie muss sich dabei dem Fußball unterordnen. Die Mitglieder verstehen sich als extreme Fans, oder auch so genannte "Allesfahrer", die ihre Mannschaft, ihren Verein überall hin begleiten: zu Freundschaftsspielen, ins Trainingslager oder auch zu Amateurmeisterschaften. Für sie zählt nicht nur das Ergebnis oder die Liga, in der ihr Verein spielt, sondern mehr die Unterstützung, die Aktion vor, während und nach einem Spiel. Dafür treffen sie sich regelmäßig innerhalb der Woche in Kneipen, Fan-Projekten oder anderen Räumlichkeiten und überlegen, wie sie ihren Verein das nächste Mal bestmöglich 90 Minuten lang unterstützen können. Für die Vorbereitung einer Intro-Choreografie, die vielleicht maximal 20 Sekunden bei einem Spiel zu sehen ist, arbeiten die Ultras meist mehrere Wochen und geben dafür knapp 4500 Euro aus. Die Bedeutung der Ultra-Fankultur für ihre Mitglieder lassen sich gut mit den folgenden Aussagen verdeutlichen (Vgl. Wölki, 2003):
"Als Fußballfan ist der Fußball ja dein Leben, alles andere wie `ne Freundin, dein Leben quasi leidet da ja drunter, wenn du ein Hardcore-Supporter bis. Wir wollen für die jungen und für alle, die die Idee der Ultras gut finden, ein Auffangbecken sein. Zu uns kommen Leute, weil sie ihren Spaß haben wollen. Sie sehen, die Jungs da gehen ab, da wird gefeiert."
"Privat? Habe ich noch ein Privatleben? Es verschmilzt in meinem Denken und Handeln im Bezug auf unsere Gruppe. Eigentlich habe ich schon seit 1997 kein Privatleben mehr, denn die Umsetzung der ganzen Ideen verschlingt die freie Zeit recht großzügig. Beruflich wollte ich eigentlich in die Richtung Kommunikationsgrafik, was aber den Rückzug aus der Fanszene bedeutet hätte...Seit 1998 bin ich fester Mitarbeiter von B-Wear bzw. Hooligan Streetwear."
"Ich bin Fan des 1. FC Nürnberg. Die Gruppe ist dafür geschaffen worden, um den 1. FCN zu unterstützen. Und deshalb sind für mich die Ultras Nürnberg im Leben das Wichtigste. Das bedeutet, dass im Alltag die Prioritäten klar verteilt sind, und bei meiner Funktion bleibt da fast keine Zeit mehr für Aktivitäten außerhalb der Gruppe. Dadurch sind natürlich alle Kontakte zu Menschen, die nicht zum Fußball fahren komplett abgebrochen. Meine gesamten Freunde sind bei den Ultras Nürnberg. Ich lebe ultra, den ganzen tag denke ich nur an die Ultras, an den FCN, an die Kurve."
"Wenn ich eine Freundin aus einer anderen Stadt habe, muss die hier herkommen, wenn ich einen Job woanders angeboten bekomme, hat der Job Pech gehabt. Manche sind sogar so krass, dass sie ihre Ausbildung abbrechen, weil sie für ein bestimmtes Auswärtsspiel keinen Urlaub bekamen."
Das Fußballstadion , die Ultragemeinschaft wird zu einem wichtigen Ort des Ausgleichs des Seelenhaushaltes der Menschen moderner Industriegesellschaften. In einer Gesellschaft, wo die Menschen nur noch daran gemessen werden, was sie haben und nicht danach, was sie sind, steigt auch das Bedürfnis selbst kreativ zu sein, etwas schaffen, nach eigenen Vorstellungen aufbauen und verändern zu können, etwas zu bewegen, auf etwas Einfluss zu haben, wie uns Negt (1998) gezeigt hat. Dieses ganz normale Bedürfnis - zusätzlich durch die Zurückdrängung der Affekte und Emotionen, den Zwang zur Selbstdisziplin und -kontrolle genährt - stößt aber permanent an seine Grenzen.

Wo die meisten Menschen hinkommen, ist meist schon alles fertig, organisiert, wirklich nicht mehr beeinflussbar, sind sie von Vorschriften, Verordnungen oder gesetzlichen Normen umgeben, die ihre Handlungsmöglichkeiten, ihren Spielraum erheblich einengen. Genau diese Gefahr droht den Ultras nun auch im Stadion. Daraus entstehen Enttäuschungen, Gefühle der Ohnmacht und Einflusslosigkeit, die in Resignation, Flucht oder in Vandalismus und Gewalt enden können. Dem Fußballstadion kommt deshalb eine wichtige Rolle im Sinne der Kompensation zu. Hier wird es deshalb in Zukunft sehr entscheidend sein, wie weit es gelingt, den Ultras Räume zur (Selbst-)Inszenierung zu geben, zu belassen, das heißt den (überwiegenden) Teil der Ultras, der sich vorwiegend der Stimmungsmache und dem Herstellen einer fußballspezifischen Atmosphäre verschrieben hat, zu stärken.

Dies ist um so wichtiger, als zu beobachten ist, dass die Inszenierungs- und Choreografiebedürfnissen der Ultras immer stärker mit ordnungspolitischen und sicherheitstechnischen Bestimmungen und Regelungen in den Stadionordnungen in Konflikt geraten (bengalische Feuer, Rauchbomben, Papierschnipsel, Konfetti u.ä.). Große Fahnen, Doppelhalter, Lärminstrumente, Konfetti, Wunderkerzen, sie alle sorgen für die unvergleichliche - in den Medien als südländische, gut zu vermarktende und hochgelobte Begeisterung- Stimmung und Atmosphäre im Stadion. Werden diese Dinge verboten, wird dem Fußball nicht nur seine atmosphärische Seele genommen, sondern es besteht auch die Gefahr, dass die Bedürfnisse nach Atmosphäre, Stimmung, Emotionalität anders und dann auch problematischer und gefährlicher ausgelebt werden.

Das Gewaltgutachten der Bundesregierung

Zu Recht fordern deshalb auch im Gewaltgutachten der Bundesregierung die Kriminologen:
"Bei der Bewältigung des gesellschaftlichen Phänomens gewalttätiger Fanausschreitungen muss vor einem rigorosen Vorgehen gewarnt werden. Aus der Sicht der Fans in einer auf Passivität ausgerichteten Konsumgesellschaft bietet die Fanszene jedoch eine hoch einzuschätzende kompensatorische Möglichkeit, um Alltagsfrustrationen zu verarbeiten und 'Urlaub' vom gewöhnlichen und zumeist langweiligen Tagesrhythmus zu machen. Wenn die Erwachsenenwelt dann nur mit Verbot und Bestrafung reagiert, kann sich das Gewaltpotential andere 'Freiräume' suchen, die noch schwerer zu beeinflussen sind. Insofern käme es darauf an, verstärkt über positive Wege der Kanalisierung von Aktivitätsbedürfnissen nachzudenken." (Kerner u.a. 1990, S. 550)
Weshalb also nicht auch das Stadion als Ort des Auslebens von Bedürfnissen nach Abenteuer, Spannung, nach dem Erleben von Affekten und Emotionen erhalten, ja sogar ausbauen? Zu Recht haben Weis / Alt / Gingeleit (1990, S. 652 ff) auf das Problem der fortschreitenden Verengung gesellschaftlicher Räume, der Zerstörung der Räume und Lebenswelt Fußball hingewiesen und für deren Erhalt plädiert. Die Forderung nach reinen Sitzplatzstadien, ist deshalb auch kein Beitrag zur Besänftigung der Gewalttätigkeit. Nicht nur dass in den Stehplatzbereichen aufgrund der dort noch möglichen Mobilität, Kommunikation zwischen sozialen Schichten und Generationen möglich ist, nur im Stehen kann richtig Stimmung gemacht werden. Sehr schön hat dies Rittner (1986, S. 145) einmal beschrieben:
"Die Sprechchöre, die ritualisierten Beschimpfungen, die Inszenierungen des Körpers beim Marschieren zeigen gleichsam die Maschinerie bei der Arbeit, einer Maschine mit Kehlen, Füßen, Oberkörpern, die auf ihre Besitzer durch Suggestion einwirken und den Gruppengeist in die Physis transportieren."... Atmosphäre ist dabei die Währung, mit der die Institutionen ihre Fans entlohnen, gleichsam klingend mit einer Verdichtung der Realität. Die Luft wird buchstäblich dick und in dieser Qualität genossen".
Es waren im Übrigen die ULTRAS die sich vehement gegen die Zersplitterung des Fußballspielplanes zur Wehr setzten. Mit ihrer Aktion pro 15:30 erreichten sie, dass wenigstens die Spiele der 1. Bundesliga wieder auf den Samstag konzentriert wurden und die Zersplitterung von Freitag- bis Sonntagspielen in der 1. Liga rückgängig gemacht wurde. Der Grund für diese Aktion lag darin, dass Fahrten zu Auswärtsspielen immer beschwerlicher wurden und die Begleitung der eigenen Mannschaft aus beruflichen oder schulischen Gründen oft nicht mehr möglich war, wenn Freitagabends oder Sonntags, geschweige den Montag Fußball gespielt wurde. Dies hatte im übrigen auch zur Folge, dass immer mehr traditionelle Fanfreundschaften in die Brüche gingen.

Früher wurde freitags angereist, am Samstag gespielt, und abends die Sause gemacht. Am Sonntag fuhren dann alle glücklich nach Hause. Da gab es viele gut funktionierende Fanfreundschaften, die heute fasst alle kaputt gegangen sind. Ein Problem, das sich in der zweiten Liga immer noch und zum Teil viel dramatischer stellt: Da wird kaum mehr samstags gespielt, Freitag und Montagspiele verhindern oft aufwändige Auswärtsfahrten. Ein Blick in die Homepage der Ultragruppierung "Red Supporter" möge zum Verständnis der Ultras beitragen. Dort steht zu lesen:
"Die Red Supporters Hannover sind eine Ultragruppierung in Hannover. Wir haben uns zusammen gefunden, weil alle den Verein HANNOVER 96 von ganzem Herzen unterstützen. Unser Interesse liegt darin, den Verein mit voller Kraft zu unterstützen und immer beiseite zu stehen. Die Red Supporters Hannover sind im I-Block vertreten und ordnet sich der Dachorganisation Ultras Hannover voll und ganz unter. Im Vordergrund steht nämlich immer der Verein, und für dessen Unterstützung tun wir alles. Unter den Mitgliedern der Red Supporters herrscht ein freundschaftliches Verhältnis, das auch sehr gepflegt wird, damit wir als Gruppe immer nach außen hin unseren Zusammenhalt zeigen können. Wir arbeiten grundsätzlich als Gruppe, Einzelgänger gibt es bei uns nicht."

Das Ultramanifest

Das Ultramanifest das die deutschen Ultras von der Homepage des AS Roma übernommen und "nur unwesentlich verändert, bzw. an die Verhältnisse in Deutschland angepasst" haben, verweist zusätzlich auf die sehr bewusste und sensible Wahrnehmung der Entwicklung, Wandlungen des (Profi-)fußballsports seitens der Ultras hin. Unter der Überschrift "Zukunftsvisionen" steht dort zu lesen:
"Es wird Zeit, dass alle Fußballfans verstehen, was die UEFA, die FIFA und die Fernsehanstalten unter tatkräftiger Mithilfe der nationalen Verbände mit unserem Fußballsport veranstalten. Die Bestrebungen der Spitzenclubs gehen dahin, eine Europaliga einzurichten, die im Endeffekt nur für die finanzstarken Vereine der einzelnen Verbände gedacht ist. Dies würde diesen Vereinen auf Grund der Vermarktung der TV-Rechte enorme Einnahmen sichern, die kleineren Vereine würden aber ausgeschlossen und auf lange Sicht in den Ruin getrieben. Die Anzahl der Fernsehzuschauer würde sicherlich steigen, während der Stadionfußball in seiner ursprünglichen Form nach und nach verschwinden wird. In ein paar Jahren wird selbst der Rasen in den Stadien mit Sponsorenwerbung verunstaltet werden und Choreographien werden verboten, weil sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer am Bildschirm von den Werbetafeln abziehen. Es werden hunderte Ordner in den Blöcken stehen, die Fans werden im ganzen Stadionbereich von Videokameras aufgenommen, um zu verhindern, dass große Fahnen, Transparente oder Feuerwerkskörper ins Stadion gelangen können. Und in ein paar Jahren werden selbst die Leibchen unserer Spieler aussehen, wie die Anzüge von Formel-1 Piloten, jeder Fleck von Werbung besetzt. In den Köpfen der Funktionäre nimmt die Zukunft bereits Gestalt an: Es wird der gezähmte Fan erwünscht, der moderate Stimmung verbreitet, aber nur soviel, wie als Hintergrundeinspielung für die Fernsehübertragung notwendig ist, der brav applaudiert, wenn man es verlangt und ansonsten still auf seinem Platz sitzt. Es wird keinen Platz mehr für Ultras geben. Es gibt eine UEFA-Richtlinie, die besagt, dass die Fans sitzen müssen, man will keine Fans, die aktiv am Spiel teilhaben, man will die Art von Zuschauer, die man in einem Kino oder einem Theater antrifft. Diese Menschen verstehen nicht, dass Fußball unser Leben ist, dass wir für unseren Verein leben, dass wir unsere Schals und unsere Kleidung tragen, die unsere Stadt oder Region repräsentiert. All die "Kurven" dieser Welt sollten in diesem Fall zusammenhalten und eine mächtige Einheit gegen die Fußball-Fabrik bilden."
Entsprechend wurde folgendes Ultramanifest verfasst:

Echte Fans wollen diese Fußballregeln:
  1. Spielertransfers sollten in den Saisonpausen abgewickelt werden, nicht während der Saison
  2. Die Freiheit für die Spieler, ihre Freude nach einem Tor auszudrücken. Es ist möglich, diese Zeit nachspielen zu lassen.
  3. Eine Sperre von einem Jahr von Spielern, die ihren Vertrag nicht erfüllt haben, weil ein anderer Verein mehr Geld geboten hat.
  4. Die Beschränkung, dass Funktionäre eines Vereines nicht in einem zweiten Verein tätig sein dürfen, um "Farm Teams" zu verhindern
  5. Die Wiederherstellung des alten Landesmeisterpokals mit einem automatisch qualifizierten Meister aus jedem Verband, anstelle einer Liga, in der der Ligavierte eines Landes "Champions-League-Sieger" werden kann.
  6. Das Verbot, dass Clubs oder Verbände Karten für Auswärtsspiele exklusiv an Reiseveranstalter weitergeben dürfen.
Ultras sollten:
  1. Jeden unnötigen Kontakt oder Hilfe durch die Vereine oder die Polizei verweigern.
  2. Untereinander besser zusammenarbeiten.
  3. In Eigenorganisation zu Auswärtsspielen reisen.
  4. Mit den Ultras anderer Vereine zusammenarbeiten, und die "Ware TV-Fußball" unattraktiver zu machen.
  5. Sich nicht von den Autoritäten unterdrücken lassen und bei Spielen unbedingt Präsenz zeigen."
Das Ultramanifest scheint mir dabei genau von der Sorge bestimmt zu sein, die Paris bereits 1983 (S.162) wie folgt zusammenfasste: "Das grundlegende Problem dieser zukünftigen Entwicklung sehe ich darin, ob und wieweit es gelingt, die das Spiel paralysierenden Mechanismen der Kommerzialisierung und Professionalisierung, die sich aus der Durchkapitalisierung der Rahmenbedingungen des Fußballsports heraus ergeben, zumindest in dem Maße zurückzudrängen und einzudämmen, dass die spezifische Eigendynamik und die Spannung des Spiels als solche erhalten bleibt, dass also im Endeffekt die hier angesprochene Hierarchie der verschiedenen Situationsdefinitionen im Stadion nicht nur ad hoc,, sondern auch strukturell gesichert werden kann. Mit anderen Worten: Entweder es gelingt, das Spiel gegen seine schleichende Aushöhlung und Pervertierung durch seine kommerziellen Apologeten dauerhaft zu verteidigen - dann hat es nicht zuletzt auch kommerziell eine Zukunft; oder aber dies gelingt nicht - dann wird die Faszination und die Freude am Spiel über kurz oder lang abbröckeln und der Fußball wird seine Vorzugsstellung als sportliches Massenvergnügen nach und nach einbüßen."

Ähnlich wie sich die Ultras gegen herkömmlich zu kaufende Fan-Utensilien wehren, lehnen sie auch allgemein die allzu große Vermarktung des Fußballs ab und sind gegen Kommerzialisierung.

Im Zeitalter der "Eventisierung" des Fußballs verstehen sie sich als einen kritischen Gegenpol, kämpfen für den Erhalt der traditionellen Fankultur, gegen Stadionverbote und gegen reine Sitzplatzstadien in Deutschland.

Einige Aktionen richten sich auch gegen die eigenen Spieler, die eigene Mannschaft, wenn die Leistungen in den Augen der Ultras nicht stimmen. Rufe wie "Scheiß Millionäre" oder "Wir sind Rote, und ihr nicht" werden laut, teilweise bleiben so gar bis zur Pause ganze Fan-Blöcke leer, als Protest gegen die vermeintlich geringe Kampfbereitschaft der Mannschaft oder die Busse der Spieler werden boykottiert.

Das durch Distanz gekennzeichnete Verhältnis von Spieler und Fan, versuchen die Ultras damit zu überwinden. Sie suchen nach Nähe, versuchen Einfluss zu nehmen auf einen Spielertypen, dem der Verein nur so lange wichtig ist, wie er das meiste Geld bezahlt.

Sexistische, rassistische und Gewaltverherrlichende Parolen werden von Ultras häufig dazu genutzt, die gegnerischen Fans zu provozieren, indem sie deren Spieler z.B. auf Doppelhaltern in eindeutigen Positionen als Homosexuelle darstellen. Ähnlich problematisch ist ihre Vorliebe und Faszination für die italienische Pyrotechnik. Vor allem bei Derbys oder Abendspielen benutzen Ultras gerne bengalische Feuer oder bunte Rauchbomben im Rahmen ihrer Choreografien. Da der Gebrauch von Pyrotechnik in allen Bundesliga-Stadien allerdings verboten ist, besuchen sie alternativ auch Spiele der Amateurmannschaften ihres Vereins, zündeln dort nach Belieben, fotografieren und filmen sich dabei und veröffentlichen die schönsten Pyrobilder dann anschließend auf ihren eigenen Internetseiten oder in ihren selbst gestalteten Fanzines einer breiten Öffentlichkeit.

Ultras und die Politik in der Kurve

Gerade jüngere Fans (14-16 Jahre) sind fasziniert von der extrovertierten Außendarstellung und dem starken Gruppenzusammenhalt der Ultras. Immer mehr Jugendliche kommen von außerhalb des Sozialisationsraums Stadion hinzu; ihnen sind also die Regeln und Rituale innerhalb der Szene nicht vertraut. Sie versuchen dann oft mit extremen Aktionen Anerkennung zu erheischen, was in vielen Szenen verstärkt zu Problemen führt. So haben sich die Ultras Bielefeld aufgelöst, weil sich zunehmend in ihre Reihen gewaltbereite und "rechte" Fans mischten und den "guten Ruf der Ultras beschmutzten".

In der jüngsten Sinus-Studie wird darauf verwiesen, dass die Ultraszene quasi als Auffangbecken für Aussteiger aus dem organisierten Rechtsradikalismus dienen. Dabei haben sich ihr Verhalten und ihr Lebensstil gewandelt, das heißt rechte Gewalt wird verpönt, die Aussteiger sind nicht mehr im rechtsradikalen Spektrum aktiv und haben sich auch davon losgesagt, bewahren sich aber ihr rechtes Gedankengut, d.h. im Denken und Fühlen haben sie sich (noch) nicht von rechten Ideen verabschiedet.
"Das fanatisch -exzentrische Interesse für den Verein ist das neue Band der Solidarität. Die rechten Jugendlichen...basteln Fahnen und entwickeln und proben Choreografien, die sie während eines Spiels im Stadion aufführen. Der primäre Gegner sind für die rechten Jugendlichen nicht mehr "die Ausländen" sondern extreme Fans anderer Vereine. Durch den anderen thematischen Fokus der Szene werden ausländerfeindliche Attitüden bei den rechten Jugendlichen zwar nicht vollständig abgebaut, aber die Ausländerfeindlichkeit rückt in den Hintergrund und ist nicht mehr die treibende Kraft. Diese Jugendlichen sind damit aber nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie leben bewusst im Grenzbereich von Erlaubtem und Verbotenem. In der Gewalt gegen extreme Fanclubs gegnerischer Mannschaften erfahren sie weiterhin Lust. Dabei ist es ihnen wichtig, sich nicht strafbar zu machen., Sie haben Angst, bei der Polizei registriert zu werden und dadurch auf Verdacht schnell verhaftet zu werden" (Wippermann/Zarcos-Lamolda/Krafeld 2002, S. 156)
Wörtlich äußerst sich ein vom organisierten Rechtsextremismus losgesagter und sich den Ultras angeschlossener:
"Als ich jünger war, hatte ich wesentlich mehr Ärger als jetzt. Jetzt ist es relativ selten, ich hatte jetzt schon länger keine Ärger mehr. Früher war das anders, als ich zwischen 16 und 18 war, da hatte ich fast wöchentlich eine größere Schlägerei und auch öfter mal eine Nacht im Gefängnis verbracht. In letzter Zeit geht es. Früher war ich anders darauf, ganz kahl rasiert und Springerstiefel und so. Jetzt ist man schon ein bisschen älter und reifer. Die Denkweise ist noch vorhanden, aber man ist nicht mehr so hohl wie früher." (Wippermann/Zarcos-Lamolda/Krafeld 2002, S. 156)
Wippermann/Zarcos-Lamolda/Krafeld (2002, S. 157) weisen entsprechend darauf hin, dass es fahrlässig wäre:
"einfach darauf zu vertrauen, dass die rechte Orientierung bei den "Abgewanderten" durch die Distanz zur rechten Organisation und die Dominanz anderer Themen (Fußball) automatisch abgebaut wird. Abgewanderte tragen ihre rechte Haltung in diese Gruppen auch hinein. Fazit: Diese Gruppen (die Ultras und Hooligans G.A.P.) dienen für einige Aussteiger sicher als Brücke zum Ausstieg aus der rechten Szene. Aber sie sind auch Multiplikatoren von rechten Haltungen, rezipieren und reproduzieren neo-nationalistische Einstellungen und Gewaltmotive."
Diese Annahmen werden belegt durch Artikel in Fanzines, Musikvorlieben (Störkraft, Landser etc.) oder durch Einträge in Gästebücher. Rechtes Gedankengut wird hier nicht, wie beispielsweise von rechten Parteien, plump und plakativ verbreitet, sondern viel subtiler und auch cleverer in die Szene getragen (siehe Pilz/Wölki 2003; Wölki 2003). In ihrer Homepage schreiben die Ultras Frankfurt zur Frage der Politik in der Kurve u.a., dass die Mitglieder der Ultras Frankfurt zu 80 Prozent außerhalb von Frankfurt kommen. "Gerade auf den ländlichen Gebieten kommen mehr wie aus den Städten Eintrachtfans mit einer eher national/patriotischen Einstellung. Das ist bundesweit eine vollkommen normale Begebenheit und man kann dies bei jedem Verein beobachten." Mehr auf ultras-frankfurt.de ...

In unserer Studie zu Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball konnten wir feststellen, dass rechte Gesinnungen so aktuell wie je sind:
" Bloß die Leute werden nicht mehr so schwachsinnig rumlaufen und blöd rumkrakeelen, sondern die engagieren sich anders. Eben auf dem politischen Weg." (Mitarbeiter der Fanbetreuung eines Vereins)
"Seine Meinung hat ja jeder irgendwo, aber die wird nicht laut vertreten. Die Leute, die rechtsnational eingestellt sind, die wissen, es gibt Ärger, die halten im Stadion ihre Klappe." (Langjähriger Fan) (Pilz,G.A.u.a. 2004)
Offenes rassistisches/fremdenfeindliches und rechtsextremistisches Verhalten scheint in den von uns untersuchten Vereinen in den vergangenen Jahren zumindest in den Alten Bundesländern zurückgegangen zu sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein solches Verhalten nicht mehr beobachtbar ist; es sind jedoch eher Einzelpersonen oder kleinere Gruppen, die sich auffällig verhalten. Gleichzeitig scheint sich offen inszenierte Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus eher vom Stadion weg auf die An- und Abfahrtswege zu verlagern. Wichtig ist, zwischen rassistischem/fremdenfeindlichem Zuschauerverhalten (wie z.B. Affenrufe, fremdenfeindliche Fangesänge etc.) und rechtsextremem Verhalten (wie z.B. Verteilen von NPD-Aufklebern in der Fankurve) zu differenzieren, da es sich um unterschiedliche Akteure handeln kann, die aus unterschiedlichen Beweggründen agieren können. Einem rassistischen Verhalten muss keine gefestigte rechtsextreme Einstellung zu Grunde liegen; auf der anderen Seite konnte beobachtet werden, dass Fans, die deutlich im Stadion als Rechtsextreme in Erscheinung traten, sich nicht an rassistischen Äußerungen beteiligten.

Handlungen und Einstellungen müssen nicht übereinstimmen. Wie oben bereits dargelegt, bedeutet der Rückgang von offenem rassistischem/fremdenfeindlichem und rechtsextremem Verhalten nicht unbedingt einen Rückgang der jeweiligen Einstellungsmuster. Anders herum lässt sich nicht zwangsläufig - zumindest was rechtsextreme Handlungen betrifft - von rechtsextremem Zuschauerverhalten auf die entsprechenden Einstellungsmuster schließen. Es gibt Handlungen, die aufgrund ihrer semantischen Struktur als rechtsextrem zu bezeichnen sind (wie z.B. das in der Fanszene verbreitete U-Bahn-Lied), weil sie nach außen hin rechtsextreme Bilder transportieren. Dieser rechtsextreme Inhalt wird unter Umständen von jugendlichen Fans bewusst eingesetzt, um Erwachsene, die Polizei oder gegnerische Fans zu provozieren, Tabus zu überschreiten und sich selbst außerhalb des gesamtgesellschaftlichen Mainstreams in Szene zu setzen. Andere rechts bzw. fremdenfeindliche/rassistische kulturelle Praktiken sind weitgehend ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt; die rechte Konnotation hat sich "abgeschliffen". So wird beispielsweise bei Liedern, in denen die "Reichshauptstadt" vorkommt, nicht unbedingt ein Bezug zum "Dritten Reich" hergestellt.

Außerdem ist eine Vermischung von rechter Symbolik und Fußballsymbolik festzustellen, die zum Teil an einen Wertekanon anknüpft, in dem sich Fußballkultur und rechte Ideologie treffen (Stichworte: Kampfkraft, Ehre, Treue). Dies betrifft vereinzelt auch strafrechtlich verbotene Symbole und Losungen im Rahmen von Merchandising-Artikeln, die sowohl vor dem Stadion verkauft als auch im Stadion getragen werden. Strafrechtliche relevante Verhaltensweisen in Verbindung mit Fußballspielen, die unter den Begriff "Hatecrime" fallen, konnten bislang nicht beobachtet werden.

Jenseits des pauschal formulierten Rückgangs von rechtsextremem und rassistischem/fremdenfeindlichem Zuschauerverhalten kann festgestellt werden, dass sowohl der Grad dieses Zuschauerverhaltens als auch der Umgang bzw. die Form der Auseinandersetzung damit von Verein zu Verein variiert. Wichtig ist in jedem Fall, dass der Verein sich rechtzeitig eindeutig positioniert und rassistisches Verhalten öffentlich zur Diskussion stellt bzw. sanktioniert. Wenn dies nicht passiert, kann es zu einer Sogwirkung kommen - rechte Fans werden von einem bestimmten Verein angezogen, politisch Andersdenkende werden eher abgestoßen und bleiben fern, was das Problem noch verschärft.

Mit ein Grund für diese Entwicklung ist - wie bereits beschrieben - die Erkenntnis, dass fremdenfeindliche Gewalt oft einer gefährlichen Mischung aus Ideologie und Erlebnishunger entspringt. Diese Erlebnissehnsucht macht das Fußballstadion für die Rassisten so attraktiv und deren Aktionen für manche Fans, Ultras und Hooligans im Sinne des "Sensationseeking" so verlockend.

Eine politisch heterogen zusammengesetzte Fanszene, die von innen heraus fremdenfeindliches und rechtsextremes Verhalten nicht duldet bzw. sanktioniert, ist dabei enorm wichtig, um eine interne Auseinandersetzung zu fördern. Diese "Selbsterziehung" innerhalb der Fanszene funktioniert in manchen Vereinen; in anderen wird die antirassistische Arbeit eher in antirassistischen Faninitiativen "ausgelagert", die kontinuierlich dafür sorgen, dass die Problematik in der Fanszene diskutiert wird. In vielen von uns untersuchten Vereinen konnten wir einen - je nach Verein unterschiedlich wirkmächtigen - "Politik gehört nicht ins Stadion"-Diskurs feststellen, der von Einzelpersonen und einflussreichen Fangruppierungen vertreten wird und aufgrund dessen politische Äußerungen im Stadion nicht geduldet werden. Dieser Diskurs gilt zum Teil auch für rechte bzw. rechtsextreme Fans. Was jedoch als politisch definiert wird und was nicht, kann sich von Verein zu Verein, von Fangruppierung zu Fangruppierung unterscheiden.

Es muss hier auch sehr deutlich hervorgehoben werden, dass sich innerhalb der Ultraszene verstärkt aktive Bündnisse gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Arbeitsgruppen und Initiativen bilden, die im Sinne der Selbstregulierung aktiv und überaus engagiert und erfolgreich gegen rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen in ihren Reihen vorgehen.

Ergänzend kann noch eine weitere kulturelle Logik der Fanszene beschrieben werden, die kollektive Fanidentität nivelliert politische Differenzen; der gemeinsame Bezug zu einer imaginären und realen Fangemeinschaft lässt unterschiedliche politische Anschauungen in den Hintergrund treten. Für viele Fans gehört Fußball nicht zum Privatleben - das Privatleben findet im Gegenteil jenseits des Fußballs statt. Langjährige Fußballbekanntschaften wissen oft wenig voneinander: Der soziale und berufliche Kontext und die politische Weltanschauung bleiben weitgehend ausgeklammert. Dies mag ein Grund dafür sein, dass politische Äußerungen tendenziell erst dann sanktioniert werden, wenn sie allzu offensichtlich ins Stadion getragen werden und dem Image des Vereins schaden.

Während Rassismus und Rechtsextremismus unter Umständen als nicht politisch korrekt reflektiert werden, werden Sexismus und Schwulenfeindlichkeit unseren Erkenntnissen nach nicht in Frage gestellt. Sexistische Fanschals und Aufnäher finden sich bundesweit als Merchandising-Produkte vor den Stadien, "Schwule!" gehört als Beschimpfung der gegnerischen Fans oder Spieler immer noch zum Standardrepertoire in den Kurven, was keinerlei Diskussionen auslöst. Auffällig ist gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen offen artikulierter, oft in ihrer Bedeutung schon abgeschliffener Homophobie und der emotionalen, ritualisierten Körperlichkeit unter (männlichen) Zuschauern auf den Rängen. Dies darf angesichts der Forschungen von Heitmeyer (2006) nicht unterschätzt werden, in dessen Konstrukt der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit die enge Verzahnung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit mit Antisemitismus, Islamophobie, Abwertung von Obdachlosen , Homosexuellen und Behinderten, Sexismus und Demonstration von Etabliertenrechten nachgewiesen hat.

Nicht alle Ultras bekennen sich zur Gewaltlosigkeit

Ein weiteres Problem stellen die Gewaltbereitschaft, das offene Bekenntnis zur Gewalt, dar. Die Beteiligung an Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans und auch der Polizei haben dazu geführt, dass z.B. in Hannover die Ultraszene von der Polizei der Kategorie C (= Gewalttäter) zugeordnet wird. Diese Maßnahme wird ergriffen, da es den Polizeibeamten unmöglich scheint, die Szene genau zu differenzieren. Als negative Folgeerscheinung resultiert daraus eine Radikalisierung des weitaus größeren, unproblematischen Teils der Szene, der sich mit repressiven Maßnahmen konfrontiert sieht, die sonst eigentlich nur Hooligans erfahren. Ein Teil der Ultras ist auf dem Weg sich von der Gewaltfreiheit zu verabschieden bzw. war schon immer gewaltfasziniert und -geneigt und zeigt hooliganähnliches Verhalten, gepaart mit ultraspezifischen Aktionen zu zeigen, so dass ich um den überwiegend gewaltlosen Teil der Ultras eindeutig davon abzugrenzen und Ultras nicht generell mit Gewaltbereitschaft zu identifizieren Ausdifferenzierung der Ultras in nicht gewalttätige, kreative Ultras und gewaltbereite Hooltras spreche.

In der bereits zitierten Internetseite der Ultras Frankfurt steht hierzu unmissverständlich:
"Wenn man von der Verteidigung und Erhaltung seiner Freiräume spricht, muss man zwangsläufig etwas zum Thema Gewalt sagen. Es ist oft heuchlerisch von anderen Gruppen, wenn sie sich in Texten von Gewalt grundsätzlich distanzieren, dann aber im Endeffekt gegensätzlich handeln. Andererseits kann es aber auch nicht sein, dass einige Leute im Stadion den Dicken markieren um dann draußen auf der Straße von dem ganzen Hass nichts mehr wissen zu wollen. Für uns bedeutet Ultrá auch, sich nicht nur auf die Hassgesänge während der 90 Minuten im Stadion zu beschränken, sondern dieses Leben 24 Stunden am Tag / 7 Tage in der Woche zu leben. .... Wir distanzieren uns nicht grundsätzlich von Gewalt (Hervorhebungen G.A. Pilz)
...sicherlich mag für einige Menschen Gewalt der falsche Weg sein, um Probleme zu lösen, wir merken hier lediglich an, dass es in unserer Gruppe verschiedene Strömungen gibt und motivierte Leute in allen Bereichen vorhanden sind, sei es im kreativen, optischen Sektor oder eben im Sektor der "sportlichen Betätigung" auf der Strasse."
Mit diesem offenen Bekenntnis zur Gewalt werden auch die Spott- und Hassgesänge ihres vermeintlichen harmlosen und spielerischen Rituals enthoben und für einen kleinen Teil der Ultras, eben die Hooltras als ernst gemeinte Lebensphilosophie gepriesen. Es verwundert so besehen auch nicht, dass Kenner der Szene auf Grund der Tatsache, dass sich die Ultras offen zu Gewalt bekennen und diese auch leben und sich Hooligans mehr und mehr auch in den Ultrablöcken aufhalten, davon ausgehen, dass Ultras und Hooligans sich verbünden und noch stärker gemeinsame Sache machen. Dies ist vor allem im Hinblick auf die WM 2006 eine nicht zu unterschätzenden problematische Entwicklung.

Doch das Bekenntnis zu Gewalt geht noch einen Schritt weiter und endet in einer Verherrlichung der Graffitikultur:
"Ein relativ neuer Weg, die Gruppe urban nach außen zu repräsentieren, sind Aufkleber, Sticker und Graffitis, wobei man ehrlich sagen muss, dass wir diesen Stickerwahn auch nur übernommen haben, es aber mittlerweile sehr stylische Ergebnisse an diversen Punkten der Stadt und auch außerhalb zu bewundern gibt. Eine sehr großstädtische Art, sich kreativ zu betätigen. Dieser Trend ist aus unserer Sicht generell sehr zu befürworten, da so in den Innenstädten nicht mehr nur die große Propaganda der Werbeindustrie regiert, sondern Kreativität von der Straße. Holt euch euere Stadt zurück!" (Hervorhebungen G.A. Pilz).
Hooltragewalt ist in erster Linie reaktive Gewalt (Reaktion auf als Willkür empfundene Repression, auf Provokation "feindlicher" Ultras) undinstrumentelle Gewalt (z.B. Revierverteidigung").

Dabei wird schon die Anwesenheit von Polizei wird als Provokation empfunden. Friedliche Ultras solidarisieren sich bei Polizeieinsätzen mit den Gewaltbereiten gegen die Polizei. Hier ist vor allem dann Gefahr im Verzug, wenn sich Hooligans und Ultras vermischen.
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