Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Mädchen und junge Frauen in gewaltbereiten Fußballszenen

Zwar ist die Fußballfanszene nach wie vor überwiegend eine "Männerkultur". Aber zunehmend engagieren sich im Umfeld dieser Fan-, Hooligan- und Ultra-/Hooltraszene auch Mädchen und junge Frauen.

Geschlechtsspezifische Auswertungen von Daten der polizeilichen Kriminalstatistik zeigen, dass zwar jugendliche und heranwachsende Tatverdächtige im Deliktbereich Körperverletzungen vor allem männlichen Geschlechts sind, der Abstand zu Mädchen hat sich jedoch bei den Gewaltdelikten schwere und gefährliche Körperverletzung seit Mitte der achtziger Jahre verringert. Derzeit liegt der Anteil von Mädchen und jungen Frauen an den Tatverdächtigen der Altersklasse unter 14 Jahren bei 18 %, bei den 14- 18jährigen Jugendlichen bei 15 % und bei den jungen Heranwachsenden im Alter von 18 bis unter 21 Jahren bei 7 % (Bruhns/Wittmann 2001, S. 45).


Auch in der gewaltbereiten und rechten Fußballfan- und Hooliganszene spielen Mädchen und junge Frauen eine nicht mehr zu vernachlässigende oder gar zu ignorierende Rolle spielen. Zwar ist die Fußballfanszene nach wie vor überwiegend eine "Männerkultur", eine männerbündnische Angelegenheit, es kann aber nicht übersehen werden, dass sich im Umfeld dieser Fan-, Hooligan- und Ultra-/Hooltraszene zunehmend auch Mädchen und junge Frauen tummeln, wenn auch in und mit durchaus sehr unterschiedlichen Rollen (siehe auch Pilz 1995):

Zum einen spielen sie eine aktiv gewalthemmende Rolle, weshalb sie von einem Großteil der gewaltbereiten Jungen und Hooligans, aber auch der Ultras auch nicht gerne im Stadion gesehen werden. "Fußball ist eine Männersache, da haben Frauen nichts zu suchen, die hindern uns doch nur bei unseren Aktionen", so ein Hooligan. Wie ähnlich doch diese Sprüche den Aussagen von Trainern, Fußballfunktionären und Spielern sind, wenn diese auf Probleme der Unfairness, Gewalt und (über-)männlichen Härte im Fußball angesprochen werden! Wie heißt es da immer so schön und stereotyp: "Fußball ist kein Spiel für ein Mädchenpensionat"? Die Vorbilder sind also gar nicht so fern. Fußball ist nicht nur Opfer der Gewalt.

Zu einem beträchtlichen Teil spielen sie eine passive und damit indirekt das Gewaltverhalten der Jungen verstärkende, zumindest nicht brechende Rolle. Nicht übersehen werden darf, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser weiblichen Fans die gewaltbereiten männlichen Fans als deren "Anhängsel" aufgrund tradierter Geschlechtsrollenmuster, sexistischer Sozialisation in ihren Gewalthandlungen bewundernd verstärken. Wenn auch die Mädchen und jungen Frauen bezüglich offener, nach außen gerichteter, Gewalt wenig(er) aktiv sind, sie akzeptieren und bewundern nicht selten ein solches Verhalten der männlichen Jugendlichen. Ja mehr noch: sie tragen zur Eskalation von Gewalt bei in dem sie dazu auffordern, sich nichts gefallen zu lassen und zuzuschlagen.

Es ist z. B. gar nicht so selten, dass die Mädchen Videoaufnahmen und Fotos von den gewalttätigen Auseinandersetzungen "ihrer Männer", ihrer Hooligans machen, die gewaltförmigen Auseinandersetzungen quasi zur späteren genuss- und ruhmvollen Nachbereitung dokumentarisch festhalten, dass sie für ihre Hooligans Busse für Auswärtsfahrten chartern, da diese wegen vieler unangenehmer Erfahrungen der Busunternehmer kaum mehr selbst einen Bus anmieten können, ja dass sie den Hooligans als Kuriere für das Schmuggeln von verbotenen Gegenständen ins Stadion wertvolle Dienste leisten. Die Mädchen lassen sich also von den männlichen Fans und Hooligans instrumentalisieren und unterstützen und verstärken sie damit in ihren Aktionen. Nicht wenige Freundinnen der Hooligans tragen deren Schulden ab. Als Gründe für diese Verhaltensweisen können zum einen die eigene Gewaltfaszination, Einstellung zur Gewalt, zum anderen die Faszination an der sportlichen Männlichkeit der Hooligans angeführt werden.

Zu einem geringen, aber langsam und stetig zunehmendem Teil sind sie schließlich selbst gewaltbereit, d.h. sie begnügen sich nicht mehr mit der passiven Rolle des Zu- oder Wegschauens, sondern mischen tatkräftig mit und dies beileibe nicht nur bei Auseinandersetzungen mit Geschlechtsgenossinnen, sondern durchaus auch in direkten Auseinandersetzungen mit männlichen Hooligans.

Dabei weisen Untersuchungen darauf hin, dass Gewalthandeln nicht ein Privileg von Angehörigen der sozialen Unterschichten, von sozial deprivierten, so genannten Modernisierungsverlieren ist, sondern auch Mädchen und Frauen aus höheren sozialen Schichten, die entsprechend weniger im Sinne traditioneller Geschlechtsrollenstereotypen erzogen wurden, verarbeiten ihre Probleme und Konflikte durchaus auch über offen gewalttätiges Verhalten (vgl. Pilz 1982, Pilz 2001). Kagan / Moss (1962) konnten sogar nachweisen, dass bei Mädchen aus höheren sozialen Schichten eher Neigungen zu Gewalt und weniger abhängiges Verhalten nachweisbar ist, als bei Mädchen aus niederen sozialen Schichten.

Den Mädchen aus höheren sozialen Schichten gelingt durch die Erziehung zur Emanzipation das Herausbrechen aus der traditionellen Frauenrolle eher, als es den Mädchen der Unterschicht möglich ist. Offensichtlich sind aber auch Eltern aus den sozial höheren Schichten eher gewillt, größere Abweichungen vom erwarteten Geschlechtsrollenverhalten - einschließlich gewaltförmigem Verhalten - zu tolerieren (Harris 1973). Der Preis der Emanzipation scheint u.a. wachsende Gewaltbereitschaft und Gewalthandeln der Frauen zu sein, oder anders ausgedrückt: Gewalt ist keine Frage des Geschlechts, sondern des jeweiligen sozialen Handlungsfeldes. Oder, wie es der amerikanische Psychologe Archer schreibt, "Männergewalt ist eine Art Voreinstellung, die in modernen säkularen Gesellschaften durch die Emanzipation der Frauen überwunden wurde" (Archer 2001, S. 13). Es wird gerade in gewaltbereiten und -faszinierten Jugendszenen, wie zum Beispiel der Ultras und Hooligans interessant sein, diesen Prozess genauer zu verfolgen!

Dabei suchen die Mädchen und jungen Frauen aber weniger Partnerschaften, sondern in erster Linie Anerkennung. Anerkennung, die auch junge Frauen und Mädchen in den gewaltbereiten rechten Szenen suchen. Bruhns/Wittmann (2001, S. 54), die Mädchen und junge Frauen in gewaltauffälligen, gemischtgeschlechtlichen und reinen Mädchengruppen untersucht haben, schreiben hierzu:"Immer wieder wird deutlich, dass die gewalterfahrenen und -bereiten Mädchen das Gefühl haben, sich gegen Herabsetzungen wehren zu müssen - auch gegen verbale Angriffe, Verleumdungen oder "schräge Blicke"- und dass sie über Gewaltanwendung und -bereitschaft Anerkennung von Freundinnen und Freunden erhalten, bzw. Beachtung, Angst oder Bewunderung von Jugendlichen, die nicht zur Gruppe gehören. Durch Gewalttätigkeit und die Demonstration von Gewaltbereitschaft erhöhen sie demnach zum einen ihr Selbstwertgefühl, wodurch sie sexistische und geschlechterstereotype sowie soziale Abwertungen, z.B. als "Ausländer", sozial Unterprivilegierte und Schulversager, kompensieren können.

Zum anderen erleben sie sich als selbstwirksam und mächtig und machen so Erfahrungen, die ihnen häufig in Schule, Familie oder Arbeit versagt bleiben. Interessant ist dabei die Feststellung von Bruhns/Wittmann (2001, S. 68), dass die Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit von weiblichen Jugendlichen in ihr Weiblichkeitsbild integriert werden. Dieses entsteht vor dem Hintergrund von Abwertungserfahrungen und angesichts von Erwartungen an weibliches Verhalten, die den eigenen Interessen und Bedürfnissen nach Autonomie und Selbstbehauptung widersprechen. Gewaltbereitschaft und Gewalthandeln werden für die weiblichen Jugendlichen zu einer Quelle der Anerkennung und Wertschätzung und damit zu einen Bestandteil ihres sozialen Verhaltensrepertoires. Sie erfahren, dass sie so ihr Interesse - nicht verletzt und abgewertet zu werden und sich als selbstwirksam zu erfahren - durchsetzen können.

Gleichwohl beugen sie sich dem "Geschlechterdiktat" wenn sie sich selbst als unattraktiv wahrnehmen und weiblichen Schönheitsidealen nacheifern oder in ihrer Lebensplanung selbstverständlich die alleinige Zuständigkeit für die Kinderbetreuung vorsehen., Die Mädchen konstruieren so ein Weiblichkeitsbild, in dem sowohl traditionelle als auch im herkömmlichen Verständnis "unweibliche" Komponenten enthalten sind. Interessant ist in diesem Kontext die Feststellung, dass der Wunsch in der Gruppe wertgeschätzt zu werden dazu führt, dass die weiblichen Gruppenmitglieder in den Gewalt betonenden Gruppentenor einstimmen, so dass innerhalb der Gruppe schließlich ein Weiblichkeitsbild entsteht, in dem Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit zu den selbstverständlichen Elementen werden. Selbst wenn nicht jedes weibliche Gruppenmitglied ein Gewaltorientiertes geschlechtliches Selbstkonzept entwickelt, so sorgt doch die Gruppenpraxis dafür, dass gewalttätige Verhaltensweisen nicht als "unweiblich" bewertet werden. In den Internetseiten der weiblichen Ultragruppierungen, z.B. der Ultra Girls Suppenhühner Oberhausen , der Crazy Girls von Nürnberg wird diese Ambivalenz immer wieder deutlich.

Die Mädchen und Frauen spielen also auch in der Fußballgewaltszene nicht mehr nur eine passive oder gar mäßigend-hemmende Rolle, sondern auch eine zum Teil stark unterstützende und zunehmend selbst-aktive Rolle. Dabei - und dies stellt - wie Bruhns/Wittmann (2001, S. 56) richtig treffend feststellen - "Tabuisierungen und Geschlechtsrollenstereotypisierungen in Frage, die verallgemeinernd am Bild des "friedlichen" Mädchens festhalten", gibt es, wenngleich auch weniger häufig als bei Jungen auch Mädchen, die sich durch besondere Brutalität und Kompromisslosigkeit auszeichnen. Der von Hooligans immer wieder zur Beschwichtigung ihres Gewalthandelns bemühte Ehrenkodex ist dabei bei den Frauen und jungen Mädchen besonders ausgeprägt.

So besteht Konsens über bestimmte Kampfregeln, die sich an Gerechtigkeitsvorstellungen orientieren /Jüngere schlägt man nicht", mehrere gegen einen ist unfair. Dieser Ehrenkodex wird aber durchaus auch hin und wieder verletzt, vor allem wenn es darum geht, sich zu rächen für Beleidigungen oder so genannte Beschützerrollen zu übernehmen. Funktionen die darauf hinweisen, dass die Gruppensolidarität eine sehr hohe Bedeutung hat. Auch wenn Gewaltbereitschaft eine wichtige Rolle spielt, so sind für einen hohen Gruppenstatus zusätzlich soziale und kommunikative Eigenschaften bei Mädchen und jungen Frauen wichtig. Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit von Mädchen und jungen Frauen können und dürfen also nicht als bloße Nachahmung eines männlichen Habitus interpretiert werden, sondern sie sind, wie Bruhns/Wittmann (2001) zeigen als integrierte Bestandteile von Weiblichkeitskonstruktionen zu verstehen, in denen sich der Wunsch nach Anerkennung, Durchsetzungsfähigkeit und Macht ausdrückt und die auf die Notwendigkeit einer Geschlechterdifferenzierenden Gewaltprävention hinweisen. Gewaltprävention in Jugendgruppen muss somit auch das Verhalten von Mädchen einbeziehen, und ein geschlechtersensibler und von gängigen Geschlechterstereotypen unabhängiger Blick für eine erfolgreiche Gewaltprävention in Mädchen- und gemischtgeschlechtlichen gewaltbereiten Jugendgruppen ist unerlässlich" (Bruns/Wittmann 2002).