Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Fankultur im Internet

Das Internet ist für die Fußballfanszene zu einem unverzichtbaren Medium der Selbstdarstellung und der kritischen Auseinandersetzung mit Erscheinungen im Fußball, den Vereinen und mit der Bundesliga geworden. So bleibt heute kein Fanclub ohne eigenen Online-Auftritt, kein Verein ohne Homepage.

Das Internet ist für die Fußballfanszene zu einem wichtigen, unverzichtbaren Medium der Selbstdarstellung aber auch der kritischen Auseinandersetzung mit Erscheinungen rund um den Fußballsport, den Verein, den Verband, die Bundesliga ganz allgemein geworden. Es erweitert, wie Schwier/Fritsch (2003, S. 1) treffend schreiben, die "Handlungsspielräume des Fantums. Die eigene Leidenschaft für einen Verein und die Wahrnehmung bestimmter Ereignisse oder Prozesse im kommerzialisierten Fußballsport kann nun prinzipiell mit hoher Verbreitungs- und Veränderungsgeschwindigkeit mit einer weltweiten Gemeinschaft geteilt werden". Ja mehr noch: die Vernetzung von den verschiedenen Fußballfangruppierungen kann "als Symptom und Motor für Wandlungstendenzen der Fankultur" interpretiert werden.


Dies alles macht die Internetseiten zu einem wichtigen, ja wertvollen und unverzichtbaren Informationsmedium für Sozialarbeiter und Fanbeauftragte von Fußballvereinen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nicht wenige Fangruppierungen mit ihren Internetseiten den Entfremdungstendenzen zwischen Anhängern und Vereinen bzw. Spielern zu entgegentreten, und "die aktuell gegebene Kräftekonstellation im professionellen Fußball" herausfordern und "über den Aufbau einer eigenen "Pressure Group" zumindest einen Teil des verloren gegangenen Einflusses der Fans" wieder zurückgewinnen wollen (Schwier/Fritsch 2003, S. 2).

Neben diesen durchaus positiv zu bewertenden Aspekten der Internetpräsentationen von Fangruppierungen gibt es aber auch negative Begleiterscheinungen, die nicht einfach übergangen werden dürfen, sondern denen sich die Vereine, die Verbände aber auch die Fans, Ultras selbst stellen und denen sie aktiv gegen wirken müssen. Die größte Problematik geht von den Foren und Gästebüchern aus, in die offensichtlich unkontrolliert zum Teil höchst problematisches und auch verbotenes Material eingespeist werden kann und wird. Schwier/Fritsch (2003) sprechen in diesem Zusammenhang in Anlehnung an Goffmann (1983) von "Hinterbühnen", in die sich die Fans zurückziehen, um dort nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Informationen auszutauschen.

Darüber hinaus zeichnet sich die Gesamtheit aller gesichteten Fanseiten im Web durch eine intensive Vernetzung aus. Genau diese Vernetzung stellt in unseren Augen die besondere Problematik des Internets in der Fußballfanszene dar. Klar zu erkennen ist auf jeden Fall, dass die "Kontakthöfe" der offenen Bereiche einer Webseite nicht nur von Fußballfans genutzt werden, sondern auch von außenstehenden Rechtsextremen, Musikern, oder Sexanbietern, die versuchen, die Szene zu unterwandern und dort neue Mitglieder und Interessenten für eigene Zwecke zu finden. Die Bandbreite von Pornografie, Sexismus, Rassismus und Gewaltverherrlichung, die wir bei unserer Auswertung gefunden haben, ist beachtlich. Das Internet dient den Fußballfans offensichtlich als ideale Plattform zu zeigen, wer sie sind, was sie wollen, worüber sie sich ärgern, wen sie mögen und wen eher nicht. Für die Vereine kann es sicher nicht wünschenswert sein, dass sich ihre Fans in zum Teil pornografischer, sexistischer, Gewalt verherrlichender und rechtsextremer Weise im Internet präsentieren, schon gar nicht, wenn sie dabei auch deren Embleme und Namen verwenden, oder die Homepages sogar miteinander verknüpft werden.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Fans rechtsextreme oder pornografische Bilder und Links auf ihren Seiten platzieren, muss jedenfalls nachdenklich stimmen. Das Netz liefert jedenfalls auch im Hinblick auf ihre Einstellung zu Gewalt mögliche Einblicke in die Fan-Kultur der Ultras, denn viele Homepages bieten Downloads oder zumindest Links zu Bands mit äußerst brutalen Songtexten wie "Skrupellos und abgestumpft, spalt ich sie an ihrem Rumpf" oder "Ich schlag dich tot" an.

Es geht mir nun nicht darum, einzelne Fußballfangruppen als Rechtsradikale, Sexisten oder Gewalttäter zu stigmatisieren. Viel mehr soll auf die Problematik des Internets mit seinen vielen interaktiven Möglichkeiten aufmerksam gemacht und zu einem bewussteren, sensibleren Umgang mit dem neuen Medium angeregt und ermutigt werden. In der Arbeit mit Fußballfans muss das Thema Internet eine wichtigere Rolle spielen - nicht nur, wie eingangs bereits betont, im negativen Sinne. Denn Fußballfans sind heute auch Mediensportfans und Teil der vermeintlich ersten Multimedia-Generation. Das World Wide Web erweitert dabei grundsätzlich die Handlungsspielräume des Fantums, die traditionellen Gesellungs- und Kommunikationsformen. (Vgl. Schwier/Fritsch 2003, S. 1 und S. 123f). Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass die Webseiten der Fans häufig als "Vorderbühnen" [...] für die Bewegung werben, während Eingeweihte sich auf "Hinterbühnen" (hier: Foren im Internet) zurückziehen und dort Wissen austauschen, das nicht öffentlich werden soll" (Schwier/Fritsch 2003, S. 139).

Deshalb ist es wichtig, kontinuierlich die Seiten der Fans zu beobachten und öfter mal in die gesetzten Links zu schauen, um zu verhindern, dass sie in indizierte Bereiche führen. Hier stellt sich den Fan-Beauftragten und mehr noch, den Web-Mastern der Vereine und Verbände eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe. Die "Hinterbühnen", bzw. offenen Strukturen, in denen man sich interaktiv miteinander austauschen und für seine eigene Internetseite Werbung machen kann, sind meist auch die "Orte" einer Fanpage, in denen es zu verstecktem oder gar offen geäußertem Rassismus, Sexismus oder Gewaltandrohung kommt. Präsentationen, die gegen die Gesetze verstoßen, müssen verfolgt und beseitigt werden. Zweifelhafte Angebote sollten immer den zuständigen Behörden wie dem Verfassungsschutz, Szenekontaktbeamten oder anti-rassistischen Hotlines gemeldet werden, damit dort geprüft werden kann, ob eine Strafverfolgung möglich ist oder andere Maßnahmen eingeleitet werden können. Es müssen medienpädagogische Konzepte entwickelt und in der Praxis erprobt werden, die Jugendliche auf die Konfrontation mit derartigen Angeboten vorbereiten und ihnen aufzeigen, wie man auch im Netz Flagge zeigen kann.

Hier stellt sich vor allem den Fan-Projekten eine wichtige Aufgabe und eröffnet sich den Sozialpädagogen und -pädagoginnen eine große Chance sozialpädagogischer, medienpädagogischer Intervention, die es künftig stärker zu nutzen gilt. Nicht ausgrenzen sondern einbinden und zu argumentativen Auseinandersetzungen zwingen, muss die Losung sein. Das Internet kann somit nicht nur für rassistische, sexistische, pornografische und Gewalt verherrlichende Botschaften missbraucht werden, sondern auch, indem wir uns aktiv in diesen Prozess einbringen und Gegenargumente und -botschaften einspeisen, als ausgezeichnetes Massenmedium zur Gewaltprävention und zur Förderung von Toleranz genutzt werden.

Es kann entsprechend nicht darum gehen, das Internet zu verteufeln, sondern seine Auswüchse sensibel wahrzunehmen und zu bekämpfen und umgekehrt Foren, Gästebücher und eigene Homepages zum Transport von Botschaften für Toleranz und Respekt zu nutzen. Außerdem können die Internetseiten der Fußballfans zusätzlich als Informationsquelle genutzt werden, um mehr über die Einstellungen, Probleme und Wünsche der Szenemitglieder zu erfahren.

Die Online-Aktivitäten von Fangruppen thematisieren wie zuvor gedruckte Nischen-Magazine den Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Fußballsports, den Einsatz für den Erhalt der Stehplätze und eine kritische Auseinandersetzung mit Entwicklungen innerhalb der Fanszene - mit dem Vorteil des neue Mediums und den dadurch gegebenen Optionen der Aktualisierbarkeit, Hypertextualität und Interaktivität. "Im Vergleich zu den Print-Fanzines verbessern dabei Audio, Video und Hypertext zweifelsohne die narrativen Selbstdarstellungen der Fanszene. Eine regelmäßige - mitunter nahezu tägliche - Aktualisierung der Inhalte sowie vor allem die interaktiven Online-Foren versprechen darüber hinaus eine größere Nähe zu den Nutzern." (Schwier/Fritsch 2003, S.140). Die Fan-Beauftragten und die Web-Master der Vereine und Verbände sind genauso wie die Sozialarbeiter der Fan-Projekte entsprechend gefordert, die positiven Seiten der Internetpräsentationen der Fangruppierungen wahrzunehmen, zu verstärken und deren Botschaften im Sinne der Verbesserung bzw. Stabilisierung der Beziehungen zwischen Verbänden, Vereinen und Spielern ernst zu nehmen und zu nutzen und den negativen Begleiterscheinungen aktiv entgegenzuwirken.

Die Tatsache, dass fast alle Spieler mittlerweile über eine eigene Homepage verfügen, sollte Anlass sein, zusätzlich darüber nachzudenken, in wieweit sich die Spieler, mit ihrer Idolfunktion und -wirkung nicht auch stärker mit Botschaften gegen Rassismus, Gewalt und Sexismus an die Fans wenden. Gerade weil das Internet Kontakte, Austausche, Verbrüderungen wie auch Provokationen und Anfeindungen zwischen Fans in der ganzen Welt problem- und grenzenlos ermöglicht, ist auch hier ein internationaler Austausch zur präventiven Nutzung des Internets und zum Kampf gegen seine Auswüchse dringend geboten.