Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Fan-Projekte

Fanprojekte waren zu Beginn sehr umstritten, sowohl der DFB, als auch die Vereine wollten mit den problematischen Fans nicht zu tun haben. In den vergangenen Jahren ist diese negative Haltung einer engagierten Zusammenarbeit gewichen. Fanbetreuer und Sozialarbeiter haben ihren festen Platz im Fußball gefunden.

Von der Repression zur Prävention - Entstehungsgeschichte, Entwicklung und Perspektiven der Sozialen Arbeit mit Fußballfans und der Fan-Projekte

In dem 1979 vom Bundesministerium des Innern in Auftrag gegebenen und 1982 veröffentlichten Gutachten "Sport und Gewalt" haben wir erstmals einen zielgruppenorientierten Einsatz von Sozialarbeitern in der Fanszene gefordert: "Wenn die Lösung der vielfältigen Probleme der Fans auch zur Reduktion von Gewalthandlungen führt, dann ist ein zielgruppenorientierter Einsatz von Sozialarbeitern und -pädagogen erforderlich. Dieser Einsatz könnte dazu beitragen, dass die Jugendlichen in ihrer Freizeit, insbesondere das Bedürfnis nach Erlebnis, Aktivität, Spannung, eigener Wirksamkeit sozial angemessen (gegebenenfalls auch in anderen Feldern) realisieren, alternative Interessen aufbauen, Vorurteile abbauen u.a." (Pilz u.a. 1982, S. 20). In der Folge dieses Gutachtens entstanden die ersten Fanprojekte in Bremen, Hamburg, Hannover, Frankfurt und Berlin.


Dabei mussten die Initiatoren dieser Projekte sehr schnell erfahren, dass es nicht die Probleme der Jugendlichen selbst waren, die Ernst genommen und bearbeitet werden sollten. Erst folgenschwere Ereignisse wie die 39 Tote während der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen britischen und italienischen Fußballfans anlässlich des Europacup-Endspiels 1985 zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion mit der entsprechenden Medienaufmerksamkeit führten zu Diskussionen über adäquate Maßnahmen und lösten hektische Betriebsamkeit aus.

Dies hatte Konsequenzen für die Erwartungen der fördernden Institutionen an die Projektarbeit: Es ging zumindest nicht primär darum, den Jugendlichen tatsächlich zu helfen, sondern darum, die Probleme mit den Jugendlichen aus dem Medieninteresse herauszubekommen. Konsequenterweise wurden auch eher solche Aktivitäten als Erfolg verbucht und entsprechend unterstützt, die das Engagement der Institutionen betonten und öffentliche Aufmerksamkeit auf positiv eingeschätzte Aktionen umlenkten. Die Problembearbeitung selbst tastet immer auch das gesellschaftliche Selbstverständnis an und wurde daher eher misstrauisch beäugt.

Vor allem der DFB und die Vereine zeichneten sich in der Anfangsphase der Fanprojekte durch eine große Distanz, starke Abwehrhaltung, ja z.T. sogar feindseilige Einstellung gegenüber den Fanprojekten aus. Einhelliger Tenor: Fans, die Randale machen, gehörten nicht zum Fußball, das seien Chaoten, die auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hätten; es handele sich hier nicht um ein Problem des Fußballs, sondern um ein Problem der Gesellschaft, dessen sich deshalb auch die Gesellschaft anzunehmen habe. Nicht zuletzt aufgrund des unermüdlichen Einsatzes und - dies sei nicht verschwiegen - diplomatischerer Vorgehensweisen und Argumentationen der Fan-Projekte, deren beharrlichem Einklagen der Übernahme von Verantwortlichkeiten sowohl seitens der politischen als auch der sportlichen Institutionen, hat sich vieles zum Besseren gewendet.

Die Fan-Projekte und ihre Arbeit wurden mehr und mehr in der Öffentlichkeit aber auch von den Vereinen und dem DFB anerkannt. Ein Prozess, der mit der Verabschiedung des "Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit" im Jahre 1993 zur festen Einbindung der Fanprojekte in ein Sicherheitsgesamtpaket führte, in dem Bund, Länder, Kommunen, der DFB und seine Vereine sich zu ihrer Verantwortung bezüglich der Bekämpfung des Hooliganproblems und der Gewaltprävention im Umfeld großer Fußballspiele bekannt haben. Das im "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" entwickelte System aufeinander abgestimmter präventiver wie repressiver Maßnahmen ist seitdem nunmehr fester und verbindlicher Bestandteil der Arbeit der Polizei, der Ordnungskräfte der Vereine, der Sicherheitsbestimmungen der Kommunen und der Arbeit der Fanprojekte. Dabei ruht das "Nationale Konzept Sport und Sicherheit" - und dies kann angesichts der aktuellen Diskussionen und Maßnahmen zur Verhinderung von gewalttätigen Ausschreitungen während der WM 2006 in Deutschland nicht deutlich genug hervorgehoben werden - auf zwei gleichberechtigten Säulen, den ordnungspolitischen und den sozialpädagogischen Maßnahmen und Aufgabenfeldern.

Dabei stellt sich zunächst die Frage, was leisten, was vermögen Fanprojekte zu leisten?