Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Fan-Projekte

Was können Fan-Projekte nicht leisten?

Eine heikle und kontrovers geführte Diskussion betrifft die Frage, wie sinnvoll und wichtig es ist, dass Fanpädagogen unmittelbar auch mit Hooligans arbeiten. Die Meinungen hierzu sind und waren einem steten Wandel unterzogen und entsprechend hat die Fan-Projektarbeit immer wieder Paradigmenwechsel erfahren. Anfangs hat die Neigung von Politikern, Medienvertretern und der Öffentlichkeit generell, die Sinnhaftigkeit und den Erfolg der Fan-Projekt-Arbeit auf die Frage der Erreichbarkeit und Therapierung der Hooligans zu reduzieren, dazu geführt, dass die Hooliganarbeit in den Vordergrund gestellt und demgegenüber die Arbeit mit den traditionellen Fan-Clubs und der Kuttenszene von den Fan-Projekten vernachlässigt wurde. Im Laufe der Zeit wurde die Notwendigkeit einer Akzentverschiebung und eines Paradigmenwechsels erkannt und auch konsequent verfolgt.

Nach wie vor gilt zwar, dass keine Jugendlichen ausgegrenzt werden dürfen, aber die schlagzeilenträchtigen Hooligans (siehe Scheidle 2000 a, b) können nicht den Schwerpunkt der Arbeit ausmachen. Nach Lens ist die Frage nach den Kontakten zu und der Beeinflussbarkeit (Therapierbarkeit) von Hooligans wieder neu entbrannt und der Druck auf die Fan-Projektmitarbeiter/innen, sich wieder verstärkt den Hooligans zu widmen, stärker geworden. Dabei hat die Distanziertheit gegenüber der Hooliganszene gute Gründe. Wenn sie Hooligans auf deren Gewalttouren begleiten, laufen Sozialarbeiter/innen Gefahr, von diesen "instrumentalisiert" zu werden und nur "logistische Hilfestellung" bei deren Gewalttouren zu leisten bzw. nur dafür da zu sein, die Folgen des Gewalthandelns der Hooligans im Sinne von Schadensbegrenzung möglichst gering zu halten.

Hier gilt es, besonders behutsam und bedacht vorzugehen und genau abzuwägen. Dies umso mehr, als sich Gewalttäter und gewaltbereite Jugendliche dadurch auszeichnen, dass sie bezüglich ihrer Gewalttaten keine Schuldgefühle zu haben pflegen. Hier klare Grenzen zu setzen, ist auch Aufgabe einer aufsuchenden Sozialarbeit (siehe Deiters und Pilz 1998). Andererseits muss es aber auch Ziel einer dosierten Begleitung gewaltgeneigter Fans sein, zu verhindern, dass diese Jugendlichen kriminalisiert werden - ohne dabei die "Neutralisierungstechniken" und "Entschuldigungsversuche" junger Gewalttäter zu tolerieren. Die Jugendlichen müssen gerade von den Sozialarbeitern immer wieder erfahren und begreifen lernen, dass das, was sie tun, Unrecht ist und dass sie auch bereit sein müssen, die Konsequenzen dafür zu tragen. Akzeptierende Jugendarbeit, die nicht zur "Pädagogik der Folgenlosigkeit oder Verharmlosung, ja vielleicht sogar stillschweigenden Tolerierung jugendlichen Gewalthandelns" degenerieren will, muss also - und ich wiederhole mich hier gern - die Neutralisierungs- und Entschuldigungstechniken junger Menschen sehr ernst nehmen und durch entsprechende Bearbeitungen gezielt aufbrechen.

Dies gilt z.B. für Verharmlosung der eigenen Handlungen, Rückführung der Gewalthandlungen auf übermäßigen Alkoholkonsum aber auch das Negieren der eigenen Fremdenfeindlichkeit, der Verweis auf gruppendynamische Zwänge, Konformitätsdruck, auf die gesamtgesellschaftlichen (Miss-) Verhältnisse, auf vorangegangene Provokationen, Belästigungen oder körperliche Gewalthandlungen der anderen. Akzeptierende Jugendarbeit muss darüber hinaus die eigenen sozialpädagogischen Maßnahmen immer wieder kritisch danach hinterfragen, ob sie der Verfestigung von Neutralisierungstechniken und Entschuldigungsversuchen Vorschub leisten bzw. zum Mangel an Schuldgefühlen bei Gewalttaten und Fremdenfeindlichkeit ihrer Klientel beitragen.