Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Gunter A. Pilz

Fan-Projekte

Plädoyer für eine Ausbalancierung von Sozialer Arbeit und Ordnungspolitischer Maßnahmen am Beispiel der Hooligan- und Ultragewalt

Gerade die Diskussion bezüglich der Sozialen Arbeit mit Hooligans aber auch mit gewaltbereiten Ultras macht deutlich, wie wichtig es ist, sehr genau unterschiedliche Gewaltmotive zu erfassen und erforderliche Handlungsstrategien hierauf auszurichten.

Hooligangewalt ist einerseits eine affektive und expressive Gewaltform, die keinem anderen Ziel dient als der eigenen Lustbefriedigung. Gewalt wirkt hier wie eine Droge, gewaltförmige Auseinandersetzungen sind in den Augen der Hooligans quasi sportliche Auseinandersetzungen und die Polizei wird als gleichwertiger Gegner und nicht als Feind angesehen. Für Hooligans ist die Abwesenheit von Polizei geradezu eine Einladung zum Ausleben ihrer Gewaltbedürfnisse und -fantasien, bzw. bedeutet die Anwesenheit von Polizei und SEK´s zunächst einmal eine Aufwertung und dann auch eine Herausforderung. Man sieht in der Polizei schließlich sogar so etwas wie einen sportlichen Gegner mit dem man sich misst getreu dem Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn"

So meinte ein Hooligan zur Faszination des Hooliganismus:
"Es ist ein unheimlich spannendes Gefühl, wenn man in so einer riesigen Gruppe von 100 bis 120 Leuten mitläuft und man muss wirklich aufpassen, ob jetzt links oder rechts aber irgend welcherlei - jetzt wirklich in Anführungszeichen - feindliche Hooligans kommen. Das erinnert mich irgendwie immer so an diese Geländespiele, die man früher immer gemacht hat mit Jugendgruppen. Das ist wirklich so wie wenn man Räuber und Gendarm spielt. Und was das ganze manchmal noch spannender macht, ist dass höchst überflüssiger Weise die Polizei dann auch noch mitmischt, weil das macht die Sache dann interessanter, weil es schwieriger ist, weil man dann auf zwei Gegner achten muss und nicht nur auf einen."
Und ein anderer Hooligan, dem ich aus einer bedrohlichen Situation geholfen habe, es er von vier SEK´s in einer nach meiner Meinung nicht angemessenen Form angegriffen und geschlagen wurde, auf dem anschließenden Heimfahrt im Sonderzug zu mir:
"Du Arschloch, warum mischst du dich da ein? Wenn ich Scheiße baue, dürfen die dies auch!"
Polizisten, die in Gewaltsituationen nicht konsequent einschreiten, werden entsprechend als "Lutscher" tituliert und wenn es bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei ordentlich "auf den Frack gab" wird bewundernd festgestellt: Die Bullen waren heute gut drauf"! Hooligans erwarten von der Polizei also, dass sie konsequent einschreitet und "Null-Toleranz" zeigt. "Wenn die Polizei anwesend ist, ist die Schuld, wenn es Tote gibt, ist Polizei nicht anwesend, sind wir verantwortlich für das was da geschieht" bringt ein Hooligan diese Einstellung auf den Punkt.

Mit anderen Worten: Hooligans verhalten sich bei der Anwesenheit von Polizei wie Fußballspieler bei der Anwesenheit eines Schiedsrichters. Sobald Fußballspieler den Platz betreten, lassen sie die Verantwortung für ihr Verhalten in der Kabine bzw. übergeben sie der Trillerpfeife des Schiedsrichters: Erlaubt ist nicht nur das, was das Regelwerk vorgibt, sondern alles, was der Schiedsrichter nicht sieht bzw. nicht pfeift und Hooligans übergeben die Verantwortung für ihr Verhalten dem Schlagstock der Polizei. Die viel diskutierten Selbstregulierungsmechanismen der Hooligans greifen, wenn es sie überhaupt jemals gab, bei verabredeten Auseinandersetzungen ohne Polizeipräsenz.

Andererseits ist Hooligangewalt auch Kompensation für soziale Deprivation, gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein und dient entsprechend dem Aufbau von positiver Identität und Selbstwertgefühl. Aus diesem Grunde verschließen sich vor allem Hooligans der ersten Kategorie in aller Regel auch sozialpädagogischen oder erlebnispädagogischen Maßnahmen. Wer einmal der Faszination von Gewalt anheim gefallen ist, zeigt sich erlebnispädagogischen Verführungskünsten der Sozialen Arbeit gegenüber immun. Hier ist unter Umständen nur noch staatliche Repression im Sinne von deutlicher Präsenz und "Null-Toleranz", d.h. kompromissloses, konsequentes Eingreifen der Polizei möglich. Entsprechend könnte man hier flapsig die eingangs gestellte Frage: "Soziale Arbeit statt Knüppel?" mit "Soziale Arbeit und Knüppel!" beantworten oder etwas weniger drastisch mit Prävention und Repression.

Die Gewalt der Hooltras ist im Unterschied hierzu in aller Regel reaktive Gewalt, Gewalt als Antwort auf als Willkür empfundene Repressionen oder Provokationen gegnerischer Ultras. Sie ist aber auch instrumentelle Gewalt im Sinne der Revierverteidigung. Hier wird auch die Polizei nicht als sportlicher Gegner, sondern als Feind gesehen mit der Folge, dass sich bei Polizeieinsätzen die friedlichen Ultras mit den gewaltbereiten Hooltras gegen die Polizei verbünden und solidarisieren. Hier bieten sich Sozialer Arbeit viele Möglichkeiten der Intervention durch sozialpädagogische Aufklärungs- und Lobbyarbeit, die abzielen auf den Abbau von individuellen Feindbildern und die Vermeidung von Solidarisierungsprozessen und auf der institutionellen Ebene die Schaffung bzw. der Erhalt von für die Ultrakultur erforderlichen Freiräumen. Entsprechend ergeben sich im Spannungsfeld von Prävention und Repression drei Pfeiler der Gewaltprävention:

  1. Selbstregulierung: Die Fans dazu zu befähigen, zu ermutigen und zu unterstützen, selbst bestimmt Grenzen zu setzen und die eigene Szene zu befrieden (im Sinne des "self policing").
  2. Prävention: Schaffung und Erhalt von Fanprojekten gemäß dem "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit": Soziale Arbeit mit Fans und Einsetzen von Fanbeauftragten bei den Vereinen und Verbänden: Fan-Betreuungsarbeit.
  3. Repression: Durchsetzen von ordnungspolitischen Regularien durch Polizei und Ordnungsdienste der Vereine: Grenzen setzen und bewahren.


Das Prinzip der Deeskalation, dies wird hier sehr schön deutlich, setzt je nach Fangruppierungen sehr unterschiedliche Maßnahmen voraus. Ist bei Kuttenfans, und Ultras im Besonderen eher auf Selbstregulierung zu setzen ist ein verdeckter Polizeieinsatz geboten (Polizei präsent aber nicht sichtbar) und sind polizeiliche Maßnahmen zum Vermeiden von Willkürvermutungen transparent und nachvollziehbar zu gestalten, sowie vor einem Einsatz erst einmal der Einsatz von Konfliktbeamten geboten, sind bei Hooligans aber auch Hooltras eher eine deutliche Präsenz, Null-Toleranz, der Einsatz von SEK´s und ein kompromissloses, konsequentes Vergehen erwartet und gefragt. Um Gewalt und Eskalationsprozesse von Gewalt zu vermeiden bzw. zu verringern, müssen entsprechend zunächst Selbstregulierungen innerhalb der Fanszenen gefördert werden. Dies umso mehr, als es sich bei der neuen Generation der Fans, den Ultras, um eine zunehmend selbstbewusster auftretende, und auch (vereins)politisch engagiertere, ihre Belange selbst in die Hand nehmende, Fangruppierung handelt. Die ordnungspolitischen Institutionen aber auch und gerade die Fanprojekte müssen möglichst an diese Selbstregulierungen anschließen, sie einfordern und unterstützen, um Solidarisierungsprozesse der Fans gegen die Polizei zu verhindern.

Die gemeinsame Erklärung der Fanbetreuung des FC Bayern München, des Fanprojekts München, des Club Nr. 12, der Schickeria München, von Red United 98 und der Münchner Polizei bezüglich eines gemeinsamen Verhaltenskodexes für die Fußballsaison 2005/06 scheint mir dabei geradezu ein Muster-, ja Paradebeispiel nicht nur einer gelungenen Zusammenarbeit, sondern einer wegweisenden Form der Selbstverpflichtung und Selbstregulierung in der Fanszene zu sein. Wenn dann Polizei dennoch einmal einschreiten muss, ist einerseits von nicht gewaltbereiten Fans ein Verzicht auf Solidarisierungen mit den Gewaltbereiten abzuverlangen, andererseits zum Beispiel durch den Einsatz so genannte Konfliktbeamter (Gremmler 2006) polizeiliches Handelns transparent zu machen.