Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006

Geld und Spiele

Gemeinnützigkeit oder Berufsfußball

Dabei hatte sich schon sehr früh gezeigt, dass Fußball nicht nur ein Sport, sondern auch ein Geschäft war. Die Einnahmen durch Eintrittsgelder erreichten in England bald einen derartigen Umfang, dass die Football Association (FA) bereits 1885 Berufsspieler zuließ. C.A. Alcock, der damalige Vorsitzende der FA, entgegnete Kritikern, es sei nichts unmoralisch daran, den eigenen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen und dies gegebenenfalls auch, indem man Fußball spiele.
In Deutschland fanden vergleichbare Debatten in den 1920er Jahren statt. Die Befürworter des Berufsfußballs versprachen sich von den höheren Einnahmen größere Stadien, bessere Spieler und höhere Leistungen, insbesondere bei Begegnungen mit europäischen Mannschaften, die ihre Spieler bereits bezahlten. Die Gegenseite beharrte auf dem Amateurideal und beklagte eine Herrschaft des Profits. Sie verteidigte das Prinzip der Gemeinnützigkeit aber auch deshalb, um weiterhin öffentliche Förderung zu erhalten. Doch diese Argumente hat die reale Entwicklung entkräftet: Die Einnahmen stiegen und die Vereine konkurrierten um die guten Spieler, denen sie Geld und andere Vergünstigungen boten, wovon unter anderem Sepp Herberger und die Schalker Mannschaft profitierten. Einer der Schalker Spieler, Ernst Kuzorra, arbeitete offiziell als Bergmann, machte aber keinen Hehl daraus, dass es sich hierbei um eine Scheintätigkeit handelte. Von ihm ist die Aussage überliefert, dass er als Bergmann nicht genug Kohle gefördert habe, um das Licht einer einzigen Kerze zu ersetzen.

Einführung der Vertragsspieler

Die Zahlungen an Fußballer hielten an, auch unter den Nationalsozialisten, doch legalisiert wurden sie erst 1948 als die Oberligen den Status des Vertragsspielers einführten. Dieser durfte ein monatliches Gehalt von 150 bis 320 DM erhalten, was nicht genügte, um vom Fußball allein zu leben, jedoch ein attraktives zusätzliches Einkommen bot. Damit war ein Kompromiss, aber keine Lösung gefunden, denn Zuschauerzahlen und Einnahmen stiegen weiter an, und die alte Kombination von offiziell verbotenen Zuwendungen und fiktiven beruflichen Tätigkeiten blieb bestehen. So verdiente Helmut Rahn, der die entscheidenden Tore beim Endspiel von 1954 schoss, zusätzliches Geld als Fahrer für einen Zechendirektor; andere Spieler aus der Weltmeister-Elf betrieben Tankstellen, Lottogeschäfte oder Wäschereien. Fritz Walter machte von sich reden, als er 1951 ein Angebot von Atletico Madrid ablehnte, wo er für einen Zweijahres-Vertrag 500.000 DM Handgeld, zusätzlich 10.000 DM Gehalt, Prämien, eine Wohnung und ein Auto erhalten sollte. Er blieb in Kaiserslautern, bekam allerdings als Ausgleich einen Bauplatz nebst Haus, betrieb eine Großwäscherei und hat vermutlich auch andere Zuwendungen erhalten. Für damalige Verhältnisse waren dies erhebliche Summen, die kein anderer Spieler auch nur annähernd erreichte. Doch Fritz Walter war weltweit einer der besten Fußballer, während heute selbst durchschnittliche Bundesligaspieler bedeutend mehr verdienen.
Abgesehen von prinzipiellen Einwänden hat vor allem die Aufsplitterung des Ligabetriebes die Einführung des Berufsfußballs verhindert. Nach 1945 gab es fünf Oberligen mit zusammen mehr als siebzig Vereinen, von denen nur wenige genügend Zuschauer fanden, um höhere Spielergehälter zahlen zu können. Deshalb wurde, wie bereits in den 1920er Jahren, die Einführung einer nationalen Liga gefordert, für die sich schon damals und erneut nach dem Krieg Nationaltrainer Sepp Herberger stark machte. Er beklagte, dass die Nationalspieler im Ligabetrieb zu wenig gefordert würden und daher international nicht mithalten könnten, da die Unterschiede zwischen den kleinen und großen Vereinen zu erheblich waren. Zur Vorbereitung auf die WM von 1954 setzte er deshalb zusätzliche Trainingseinheiten an und konnte seine Spieler dazu motivieren, auch wenn sie in ihren Heimatvereinen manchen Spott ertragen mussten.

Durchbruch des Profifußballs

Erst die Einführung der Bundesliga 1963 verhalf dem Profifußball zum Durchbruch - allerdings in bescheidenem Ausmaß. Denn die Gehälter wurden zwar deutlich angehoben, sollten aber 1.200 DM im Monat nicht übersteigen. Illegale Zahlungen waren daher weiterhin üblich, bis sie 1972 zum so genannten Bundesligaskandal führten. Ähnliche Praktiken gab es auch in der DDR, wo ebenfalls Vereine um die besten Spieler konkurrierten und trotz offiziellen Verbots Geldsummen zahlten, die teilweise höher ausfielen als bei den besonders geförderten Olympiasiegern.
Gegen die am Bundesligaskandal beteiligten Spieler verhängte der DFB mehrere Strafen und hob zugleich die bisherigen Gehaltsbegrenzungen auf, was die Gehälter weiter steigen ließ. Explosionsartig entwickelten sie sich aber dann durch das so genannte Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahre 1995. Es ist nach einem Spieler benannt, der nach Auslaufen seines Vertrages keinen neuen Verein fand, weil der bisherige eine überhöhte Ablösesumme forderte. Das Urteil verbot diese Praxis und erleichterte die Vereinswechsel. Rasch ansteigende Verdienste waren die Folge, welche die Vereine jedoch nur deshalb zahlen konnten, weil die Fernseheinnahmen steil anstiegen.
Karikatur: FußballspielerKarikatur: Fußballspieler


Quellentext

Macht der Spieler

[...] Bosman-Urteil, Bosman-Transfer oder einfach "einen Bosman" machen (ablösefrei nach Vertragsende wechseln) - das sind gängige Begriffe im Fußballgeschäft, seit vor zehn Jahren der Europäische Gerichtshof der Klage eines Profis gegen die Verhinderung seines Wechsels vom FC Lüttich nach Dünkirchen stattgab. Das Urteil vom 15. Dezember 1995 beendete das bis dahin gängige Transfersystem und bedeutete den Anfang vom Ende der Ausländerbeschränkungen. Es veränderte Europas Fußball wie keine andere Entscheidung. [...]

Nach EU-Recht können Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz innerhalb der Union frei wählen. Bis zum Bosman-Urteil hatten die Vereine aber die Möglichkeit, einen freien Wechsel auch nach Ablauf des Arbeitsvertrages zu verhindern. Sie mußten dem Spieler nur eine Verlängerung um ein Jahr anbieten und durften dann eine Ablöse verlangen. Lüttich zum Beispiel bot Bosman einen neuen Vertrag mit nicht mal der Hälfte der alten Bezüge und blockierte dessen Wechsel nach Frankreich mit überzogenen Ablöseforderungen. Mit solchen Schikanen war es vorbei nach dem Bosman-Urteil. Aber nicht nur damit.
Welche Folgen hatte Bosman? Die Spieler wurden freier, letztlich reicher. Das Geld, das zuvor im Transfer-Kreislauf der Vereine blieb, wandert seitdem in die Taschen gefragter Spieler, als höheres Gehalt oder als "Handgeld". Die Zahl der "Spielerberater", die dabei mitverdienen, explodierte. Die Macht der kleineren und mittleren Klubs schwand; die der großen stieg, weil sie mit ihren finanziellen Möglichkeiten abwarten können, was der Markt so hervorbringt. Die Klubs, die gute Nachwuchsarbeit machten, konnten die Früchte nicht mehr ernten - allen voran Ajax Amsterdam, das 1995 mit einer jungen Mannschaft die Champions League gewonnen hatte. Sechs Monate nach dem Bosman-Urteil begann sie sich in alle Winde zu zerstreuen, vor allem nach Italien und Spanien, wohin diese Ajax-Talente mit hohen Gehältern gelockt wurden.
So betonierte das Urteil ein Kastensystem im europäischen Fußball, angeführt durch die Organisation G 14 der mächtigsten Klubs, dahinter andere Vereine im atemlosen Versuch, mit hohem Risiko und Wahnsinnsgehältern einen Platz an der Sonne zu ergattern; ein Versuch, der meist mehr Schulden als Erträge bringt. Die hohen Schulden in Europas Ligen (rund 450 Millionen in der Bundesliga, weit mehr noch in England, Spanien und vor allem Italien, wo manche Klubs bis zu 90 Prozent des Umsatzes für Gehälter ausgeben), sind das Spiegelbild des Reichtums der Spieler. [...] Die Balance zwischen Klubs und Spielern verschob sich, beide mußten neue Strategien entwickeln. Wer nicht zu den wenigen Klubs gehört, die mit Riesensummen Spieler aus Verträgen herauskaufen können (oft dank der Alimente von Gönnern), wie Chelsea oder Real Madrid, ist darauf angewiesen, Talente in Billigländern zu finden oder Profis mit auslaufenden Verträgen zu umwerben. Diese wiederum kennen ihre Marktmacht und planen Karriereschritte strategisch. [...]
Sie lassen ihre Verträge auslaufen, ignorieren Angebote ihrer bisherigen Klubs und stellen sich ins Schaufenster: mit 28, 29 Jahren auf dem Gipfel der Möglichkeiten, sportlich wie finanziell. Solche Weltstars werden seit Bosman wie ein van Gogh nicht mehr gekauft, sie werden wie in einer globalen, nicht öffentlichen Auktion ersteigert, oft zu Rekordpreisen. [...]

Christian Eichler, "Alle Macht den Spielern", in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Dezember 2005