Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006

Geld und Spiele

Vereine und Zuschauer

In den letzten zehn Jahren haben sich viele Vereine hoch verschuldet, um durch neue (und teure) Spieler, bessere Stadien und eine moderne Infrastruktur konkurrenzfähig zu bleiben. Das schien angesichts rapide steigender Einnahmen unproblematisch zu sein. Da allerdings nahezu alle Vereine diese Politik betrieben und das Angebot an guten Spielern begrenzt blieb, stiegen die Ausgaben immer stärker an und schufen Probleme, insbesondere wenn die erhofften Einnahmen aus lukrativen europäischen Wettbewerben ausblieben. Ein Beispiel ist Borussia Dortmund, dessen Mannschaft in den 1990er Jahren sportlich sehr erfolgreich war. Die Vereinsführung gab große Summen aus, um auf Dauer mithalten zu können. Doch die Erfolge blieben aus, während zugleich durch die erwähnte Krise der Kirch-Gruppe die Fernseheinnahmen vorübergehend zurückgingen. Der Verein geriet dadurch fast in die Insolvenz, die nur ein Vergleich und neue Investoren verhinderten.
Auch andere Vereine befanden (und befinden) sich in schwierigen Situationen, und es ist nicht auszuschließen, dass ausbleibende Erfolge bei ihnen ähnliche Probleme wie bei Borussia Dortmund hervorrufen. Dafür sind die Einnahmen wohl zu rasch gestiegen und haben falsche Erwartungen eines weiteren rapiden Wachstums geweckt. Auf krisenhafte Entwicklungen waren viele Vereine nicht vorbereitet und wurden zu lange geradezu amateurhaft geführt.
Mittlerweile finden große Veränderungen statt. Aus Fußballvereinen sind Wirtschaftsbetriebe geworden, die versuchen, den Fußballsport, ökonomische Rationalität und die Begeisterung ihrer Anhänger miteinander zu verbinden. Ein wichtiges Element dafür sind die modernen Stadien die mehr bieten als "nur" ein Fußballspiel: überdachte Sitzplätze, Business- und Presseplätze, Logen; außerdem Restaurants für unterschiedliche Bedarfslagen. Hier sollen die Besucher nicht nur zum Fußball kommen, sondern bei den Spielen Erlebniswelten betreten, ihre Geburtstage und Hochzeiten feiern oder Arbeitstreffen und Konferenzen abhalten.
Parallel dazu hat sich die Zusammensetzung der Zuschauer verändert. In die Stadien kommen nicht länger fast ausschließlich männliche Arbeiter. Der Fußball ist vielmehr wieder bei den mittleren und oberen Schichten angekommen, wo er seinen Ausgang genommen hatte. Dazu hat ironischerweise gerade derjenige Faktor beigetragen, der vorher für die Trennung verantwortlich war: die zunehmende Kommerzialisierung. War sie in den 1920er Jahren der entscheidende Grund dafür, dass das Bürgertum sich abwandte, so hat die Kommerzialisierung jetzt die Wandlungen ermöglicht, die den Fußball und sein Umfeld für breite Schichten attraktiv gemacht haben. Um es zugespitzt auszudrücken: Geld hat den Fußball geadelt und ihm den Einzug ins Feuilleton ermöglicht. Dafür war ein Preis zu zahlen: Karten für Fußballspiele sind so teuer geworden, dass die traditionellen Fans aus der Arbeiterschaft kaum mithalten können. In der Bundesliga kosteten Eintrittskarten 2005 im Durchschnitt etwa 30 Euro, während ein Fan in England für heimische Spitzenspiele 45 Euro aufbringen muss, in Chelsea sogar 60 Euro.

Quellentext

Gebremster Fußballkapitalismus

[...] Zwei große Rivalen der Bundesliga, die italienische Serie A und die englische Premier League, haben Probleme, obwohl die Einnahmen aus den TV-Rechten stimmen. Dort wandert jedoch das Publikum aus den Stadien ab, besonders in Italien ist die Situation dramatisch: Schon in der siebten Saison hintereinander gehen dort die Zuschauerzahlen zurück. Der Schnitt von rund 22.000 Besuchern pro Spiel (Deutschland: 40.000) ist kaum noch höher als der in Frankreich. Am vergangenen Wochenende kamen zu sechs von zehn Punktspielen der Serie A weniger als 20.000 Zuschauer.

Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von einem desolaten Lizenzierungsverfahren, bei dem die Besetzung der Liga erst kurz vor Saisonbeginn feststeht, über Gewalt und Rassismus im Stadion, komplizierte Registrierung beim Kartenkauf bis zum Desinteresse am Fan als Kunden. "Die kümmern sich überhaupt nicht um ihre Zuschauer", sagte Uli Hoeneß neulich staunend beim Spiel des FC Bayern im Stadio delle Alpi in Turin, "hier gibt es keine Anzeigetafel, keinen Service, ja nicht mal eine Bratwurst". Von solchen Zuständen ist die Bundesliga weit entfernt. Dank der Weltmeisterschaft 2006 sind die Stadien auf dem neuesten Stand, auch der Service stimmt auf fast allen Plätzen, was ebenfalls dazu beiträgt, dass die Bundesliga die weltweit bestbesuchte Fußball-Liga ist.
Doch gerade im Moment des Booms lohnt der Blick dorthin, wo mit der Europameisterschaft 1996 ein Boom begann und nun wieder abflaut. Indikator sind auch in England die sinkenden Zuschauerzahlen der vergangenen fünf Jahre. [...] Offensichtlich sind die Zuschauer nicht mehr gewillt, die enormen Eintrittspreise zu bezahlen. Nach einer Aufstellung des "Kicker" kostet die billigste Eintrittskarte beim FC Arsenal umgerechnet 44 Euro - mehr als das teuerste Ticket bei der Hälfte aller Bundesligisten (ausgenommen VIP-Karten). Die billigste Jahreskarte beim FC Chelsea liegt mit 962 Euro mehr als 200 Euro über dem teuersten Saisonbillet in der Bundesliga.
In England wurde in den Boomjahren durch die hohen Eintrittspreise das alte, stets loyale Publikum verdrängt und durch eine zahlungskräftigere, aber weniger treue Kundschaft ausgetauscht. Die beginnt nun wegzubleiben, auch weil die Liga durch die Dominanz von Chelsea langweilig geworden ist. Auch Kinder sind nur noch selten im Publikum zu finden. Außerdem ist die Stimmung in den Stadien inzwischen so mau, dass Fans von Newcastle United eine Initiative gegründet haben, deren Name ihrer Forderung entspricht: "Bring back the noise". [...]
Dass es in der Bundesliga noch billige Plätze gibt, auf denen Stimmung gemacht wird, beruht auch darauf, dass Deutschland das einzige große Fußball-Land in Europa ist, wo man in den Stadien noch stehen darf. Der Erhalt von Stehplätzen war Erfolg einer Kampagne der Fan-Kurven ("Sitzen ist für'n Arsch"), doch dürfte es kaum einen deutschen Fußballoffiziellen geben, der darüber heute nicht froh wäre - auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die Sprechchöre der Fans und die Choreografien der Ultras gehören zu dem Fußballerlebnis, das sich gut vermarkten lässt.
Diese Dialektik ist Ausdruck einer spezifisch deutschen sozial-demokratischen Variante von Fußballkapitalismus. Zwischen den Fans und den Klubs besteht eine Art unerklärter Sozialpartnerschaft, während in Italien oder England vor allem überlegt wird, wie man das Publikum am besten abkassiert. Obwohl viele Bundesligisten inzwischen Kapitalgesellschaften sind, handeln sie doch nicht nur nach der Maxime der kurzfristigen Profitmaximierung. Den meisten Managern ist zumindest vage klar, dass sich die Klubs im kollektiven Besitz ihrer Stadt, Region oder Fans befinden. [...]
Der Egoismus der großen Klubs in Spanien oder Italien bei den Verteilungskämpfen um Fernsehgelder, der die kleinen Klubs zu Sparringspartnern degradiert, hält sich in Deutschland ebenfalls zumindest in Grenzen. Auch in Deutschland werden die Großen zwar größer und die Kleinen kleiner, nur eben noch nicht in dem Maße wie anderswo. Gebremst wird der Fußballkapitalismus in Deutschland durch einen generell skrupulösen Umgang mit Profifußball. Auch nach 42 Jahren Bundesliga ist der Zusammenhang von "Fußball und Geld" komplex. [...]

Christoph Biermann, "Kapitalisten mit Skrupeln", in: Süddeutsche Zeitung vom 1. Dezember 2005

Geld verursacht also auch Probleme, und große Geldmengen schaffen große Probleme. Das zeigte 1971/72 der Bundesligaskandal, als Vereine Gelder zahlten, um in der lukrativen ersten Liga bleiben zu können. Die Spieler scheinen heute für derartige Zahlungen nicht mehr anfällig zu sein, was wesentlich mit ihren hohen Gehältern zusammenhängt. Schiedsrichter erhalten diese nicht, und es kann deshalb nicht überraschen, dass hier die jüngsten Bestechungsfälle (2004/2005) stattfanden und zwar für Summen, die allenfalls einen Amateurspieler reizen könnten. Vergleichbare Fälle sind aus anderen Ländern überliefert, und es wird auch in Zukunft bei allen Kontrollen nicht möglich sein, sie definitiv auszuschließen.
Neben diesen Schattenseiten der Kommerzialisierung sind Ansätze dafür zu beobachten, dass die Bundesligavereine zunehmend eine Verpflichtung über den reinen Sportbetrieb und den engen Kreis der Fans hinaus sehen und ihre Angebote für Schüler und Jugendliche ausbauen. Doch diese Angebote sind rar und dienen etwa bei Schalke o4 oder Bayern München noch in erster Linie dazu, den Verein besser zu vermarkten. Hier können Entwicklungen in England einmal mehr als Vorbild dienen. Seit Jahren gibt es dort Bemühungen um einen Football in the Community (frei übersetzt: Fußball in der Gemeinschaft), und jeder der größeren Vereine verfügt über ein entsprechendes Programm. Dazu gehören Projekte gegen Rassismus, Angebote für Schulen und Behinderte oder die Unterstützung von afrikanischen Vereinen. Angesichts der durch den Fußball umgesetzten Summen muten diese Vorhaben vielfach bescheiden an, doch ein Anfang ist damit sicherlich gemacht.