Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

9.5.2006 | Von:
Jochen Voß

Fußballsprache

Kampfrhetorik im Strafraum

Wie entwickelt sich die Fußballsprache? Nachdem lange mit Kriegsvokabular über das Lieblingsspiel der Deutschen berichtet wurde, hat inzwischen eine neue Sprache Eingang in den Sportjournalismus gefunden.

Eigentlich ist es doch immer das gleiche, was da auf dem Platz passiert. 22 Spieler, eine handvoll Schiedsrichter und ein Ball, der abwechselnd auf zwei Tore gespielt wird – je nach Taktik, Wetter oder Tagesform. Neunzig Minuten dauert das Spiel, allseits bekannt ist auch, dass wer am Ende die meisten Tore geschossen hat, gewonnen hat. Dennoch lohnt es sich immer wieder reinzuschauen. Doch was sich da hören lässt, ist nicht immer so überraschend, wie so mancher Ausgleich in der 78. Minute. Immer wieder ist von baumlangen Kerlen die Rede, da gibt es ominöse Punkte und Leder, die im Kasten klingeln. So kamen bei den Marler Tagen der Medienkultur auch die sprachlichen Sitten der Menschen hinter den Mikrofonen zur Diskussion.


"Die Fußballsprache strotzt vor Floskeln", bekennt selbst Monica Lierhaus, Moderatroin der Sportschau in der ARD. Doch was spricht eigentlich dagegen, bei jeder Übertragung ein Kästchen mit vorgefertigten Textbausteinen aufzumachen. Thomas Hermann, Moderator im DSF sieht es gelassen und fürchtet sich nicht vor dem Phrasenschwein: "Die Menschen haben sich an die Floskeln gewöhnt, die verstehen sie", lautet sein Bekenntnis zum sprachlichen Einerlei in der Berichterstattung. Ganz anders geht es da wohl bei Premiere zu. Fast schon mit eingezogenem Kopf berichtet Sebastian Hellmann, Kommentator beim Bezahl-Sender Premiere, von Eruptionen Marcel Reifs, wenn er seine Mannschaft antreten lässt, um ihre Reporter-Leistungen beim letzten Spiel auseinander zu nehmen. Fast flögen in solchen Sitzungen die Videokassetten, so sehr könne man den Großmeister des Fußball-Kommentars mit den wieder und wieder bemühten Sätzen aus der Fassung bringen.

Fachsprache Fußballsprache

Doch wer nun meint, es gäbe lediglich ein paar hundert Begriffe und Kombinationsmöglichkeiten von Ball, Tor, Löwen und Buden, der irrt. Als "die verbreitetste und bekannteste Sondersprache des Sports" bezeichnet Marek Nepomucky in seiner linguisitischen Examensarbeit die Fußballsprache. Eine sich bis heute entwickelnde und nicht abgeschlossene Fachsprache sei sie. Und wer weiß, welche Kriterien Linguisten ansetzen, der kann erahnen, welche Adelung dem Fußball-Sprech hier zu Teil wird, wenn ihm bereits Qualitäten einer eigene Sprache zugebilligt werden. So unterliegt auch dieser Teil des Sports Moden. Während die Kommentatoren heute emotional bei der Sache sind und Unterhaltung beim Sport allenthalben groß geschrieben wird, so war in den siebziger Jahren noch Sachlichkeit Trumpf. "Da entschuldigte sich der Kommentator noch für jeden Gefühlsausbruch", berichtet Manfred Breuckmann, die Stimme des Westens bei WDR 2. Als sehr martialisch und vom Kampf geprägt empfindet Monica Lierhaus, eine der wenigen Damen des Sportkommentars, die Sprache rund um den Ball. Manfred Breuckmann wundert´s nicht: "Ist ja auch ein Kampfspiel", wirft er ein. Dass auf dem Feld von Volltreffern und Granaten die Rede ist, ist für Werner Hansch hingegen nicht einer übertriebenen Männlichkeit geschuldet, sondern kommt für ihn aus der Geschichte des Sports. Schließlich sei der Fußball erst nach dem zweiten Weltkrieg richtig populär geworden – das Wunder von Bern trug das seinige dazu bei. Metaphern aus kriegerischen Zusammenhängen, die seien den Menschen damals bekannt gewesen, ein paar davon, seien eben erhalten geblieben. Der "Volltreffer" und die "Granate" seien solche Relikte. Heute hingegen beherrscht den Kommentar ein neoliberales "Tüchtigkeits- und Tauglichkeitsvokabular, das sportliche Leistungen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt wirtschaflticher Effizienz betrachtet", wie der Journalist Torsten Körner feststellt.

Geringe Originalitätsanteile

Doch so vorbildlich die Suche nach neuen Sprachbildern, abseits von Zählern und Kästen auch sein mag, in der Praxis halten die Profis das kaum für machbar. "Bei einer Live-Reportage hat man mit etwas Glück Originalitätsanteile von fünf Prozent drin", konstatiert Breuckmann. So schnell müsse der Reporter reden, das mache das Gehirn nicht mit. Eines allerdings beherrscht Breuckmann jederzeit und sei das Spieltempo noch so hoch: Die Namen der neuen Stadien, die inzwischen nicht mehr nach dem Sport, seinen Helden oder der landschaftlichen Umgebung, sondern vielmehr nach finanzkräftigen Parntern benannt sind, meidet er. Da ist das, was früher mal das Westfalenstadion war nicht die Arena eines großen Versicherers, sondern das "Dormtunder Stadion". Immerhin hat der Weltfußballverband Fifa inzwischen seine Richtlinien für die kommende WM angepasst, so dass Journalisten das Großereignis nennen dürfen, wie sie wollen. In einer vorherigen Richtlinie hatte der Verband die Medien noch verpflichten wollen, nur bestimmte Wortkombination zu verwenden. Inzwischen aber wurden die Richtlininien wieder geändert und das Turnier darf sogar ungestraft Fußball-WM genannt werden. Selbst hier verlangte die Fifa zunächst, auf die korrekte deutsche Schreibweise mit scharfem "S" zu verzichten, zu Gunsten der international lesbaren Variante mit "ss". Auch wenn derartige Spitzfindigkeiten des Veranstalters am Publikum vorbeigehen dürften, der Kommentar tut es nicht. Auch wenn sich alle über den Kommentat beschweren, so "wird er doch gehört. Lediglich geschätzte fünf Prozent der Zuschauer bei Premiere entledigen sich per Optionstaste des Geredes erklärt Premiere-Kommentator Hellmann. Allerdings sollte, wem die gewonnene Erkenntnis aus dem Gehörten nicht tief genug geht, genau eruieren, mit wem er es zu tun hat. Denn der Reporter, weiß Werner Hansch zu unterscheiden, "berichtet, was er sieht. Der Kommentator analysiert das Spiel." Überhaupt ist Hansch der festen Überzeugung, so genau komme nicht drauf an. "Der ganze Blödsinn, den Radio und Fernsehen verbreitet haben ist im Orkus versendet. Das interessiert morgen keinen mehr." Was beim Zuschauer hängen bleibe, sei die Stimme. Und auf die legten die Sender leider viel zu wenig Wert. ""Viele junge Sprecher sprechen, wie Anna Netrebko singt: Wie eine glatt polierte Oberfläche." Ein Makel, den auch die übrigen Diskutanten anerkennen. Und egal was am Mikrofon erzählt wird, eines geht ihnen nur schwerlich von den Lippen, wie Herrmann beteuert: "Es ist doch klar, dass sich ein Kommentator nicht freut, wenn er vier mal eine Gewinnspielfrage ansagen muss."