Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

Presseschau

13.7.2006
Die Presseschau zur Fußball-WM. Die Website indirekter-freistoss.de hat täglich für die Bundeszentrale die besten Texte aus überregionalen Zeitungen gesammelt, sortiert und kommentiert.

In der letzten Presseschau vom 13. Juli 2006: Der Rücktritt Jürgen Klinsmanns. Außerdem wird ein Blick in die Zukunft geworfen. Schließlich übernimmt Joachim Löw alleinverantwortlich die Fußball-Nationalmannschaft.

Deutsche Elf



Klinsmanns letzte Großtat

Gestern ist ein sehr schlechter und ein sehr trauriger Tag für den deutschen Fußball gewesen. Für seinen Verdienst am deutschen Fußball und seinen Mut werden die Chronisten der Nachwelt dem zurückgetretenen Jürgen Klinsmann Kränze winden müssen: Klinsmann ist für das außerordentlich gute WM-Turnier 2006 verantwortlich. Klinsmann hat die Weichen im DFB auf Erneuerung gestellt, den Rückstand des deutschen Fußballs im internationalen Vergleich um Jahre verkürzt; sein Nachfolger Joachim Löw darf das Ziel, Europameister zu werden, als eine Selbstverständlichkeit formulieren. Klinsmann hat dem Meinungsmachtkartell Bild-Bayern-Beckenbauer die Hosen runtergezogen. Gäbe es einen Freiheitsindex für Fußballnationen, Deutschland hätte seine Position stark verbessert. Der Nationaltrainer darf nun die besten Spieler aufstellen und nicht den mit der größten Lobby.

Für seine Reform hat Klinsmann bezahlt. Wer ihm heute ins Gesicht schaut, sieht einen gealterten, verwundeten Mann. Ein Jahr DFB-Bundestrainer sind sieben Menschenjahre – zumindest wenn man seinen, den schweren, Weg geht. Die alten (und jungen) Herren des großen, lauten Fußballstammtischs haben ihn Tag für Tag ausgezählt und ihm besonders im letzten halben Jahr Arbeit und Leben schwergemacht; die Kritik an ihm war verletzend (Maier, Beckenbauer, Bild, Wörns) oder hat sich ausnahmslos als falsch erwiesen (Torwartfrage, Fitnesstraining, Quartierfrage, Wörns). Einen Großteil der seriösen Presse hat in dieser Zeit der Mut verlassen, ihn in dieser ungleichen Schlacht zu verteidigen.

Ein ghanaischer Leserbriefschreiber der Sport Bild hat den Nagel jüngst auf den Kopf getroffen: "Klinsmann ist dem Land um zehn Jahre voraus." Vielleicht sollte man genauer sagen: dem institutionellen Teil des Fußball-Landes. Denn das Fußballvolk liebt ihn, wie das seine Mannschaft auch tut. Die Presse lobt zwar sein Werk, doch oft zähneknirschend. Selbst in Lobpreisungen heißt man ihn immer noch despektierlich den "Projektleiter", den "religiösen Führer", den "Unternehmensberater", den "Sektenguru". Klar, seine missionarische Rhetorik liefert die Vorlage für diese Vokabeln, darüber darf man sich auch mal lustig machen. Aber warum nicht mal ihm die gleichen Etiketten wie die Frauen, Männer und Kinder auf der Straße anheften: Freund der Spieler, fleißiger Arbeiter, Optimist, Sportsmann, Sympathieträger, kluger Kopf, Pädagoge, Philanthrop, Trübsalmörder, Himmelsfeger ...? Muss man einen Fußballtrainer in erster Linie an seiner Wortwahl messen? Oder doch eher an seiner Menschenführung, aus der ein Bild für die Ewigkeit resultiert: Oliver Kahn umarmt Jens Lehmann freundschaftlich, welcher Fußballfreund muss dabei nicht mit den Tränen kämpfen?

Welch ein Sportsmann, dieser Klinsmann!

Die Presse wird heute, einen Tag nach seinem Rücktritt, Klinsmanns grandioser Arbeit nur stückweise gerecht, dabei wäre es der richtige Tag für Oden und Hymnen. Viele Zeitungen können sich nicht ganz von ihren Berichten in den Monaten vor der WM lösen, in denen sich ihr mangelnder Weitblick niedergeschlagen hat. Wer will schon den ganzen Weg zurückrudern? Die Hälfte tut's doch auch! Dass Klinsmann, der vor kurzem noch so stark Bezweifelte, seine Mannschaft im Stich lasse – dieser Vorwurf wird in manchen Texten heute mehr oder weniger laut. Im Fußballvolk hingegen, das ein gutes Gespür für Klinsmanns Innenleben beweist, erfährt er Verständnis von, wenn man es messen würde, mehr als 90 Prozent: "Recht hat er! Nachdem, was er sich alles anhören musste!"

Seine letzte Großtat: Klinsmann verzichtet auf die Genugtuung, den wichtigsten und offenkundigen Grund für seinen Rücktritt und sein "Ausbrennen", zu nennen: die dauerhafte Stimmungsmache gegen ihn. Das kann man ihm nicht hoch genug anrechnen. Hätte er die Populisten, den DFB, die Presse und die Alt-Stars, vergolten, hätte er die Arbeit für seinen Assistenten und Nachfolger deutlich erschwert; ein solches Nachhaken wäre auch an Löw, der ja Teil des Klinsmann-Systems ist, hängengeblieben. Dank Klinsmanns Großmut ist es aber ein harmonischer Beginn für Löw – eine wichtige Voraussetzung für einen Neuanfang. Ein guter Gewinner, der auch an die Zeit nach ihm denkt, welch angenehmer, seltener Charakterzug im Fußball! Wie generös, wie gelassen! Welch ein Sportsmann, dieser Klinsmann! Gibt es einen größeren in der deutschen Fußballhistorie? Harmonie hinterlassen, das Fußball-Land einen, Kritik ein letztes Mal auf sich ziehen – statt einer Abrechnung mit den Heuchelhanseln, Weltenschwärzern, Tugendgänsen. Er hat dem deutschen Fußball das Feld für die Zukunft bestellt, ernten müssen und dürfen andere. Vielleicht ist sein Abgang seine größte Leistung unter vielen.

Mit Joachim Löw, der Klinsmanns Erbe annehmen darf und den die deutschen Medien in der spekulativen Nachfolgediskussion vor und während der WM lange übersehen haben, gibt es natürlich allen Grund zur Zuversicht. Vielleicht wird er Klinsmann sportlich ersetzen können, menschlich ist das nicht zu stemmen. Übrigens, dass jetzt nicht ein Mal der Name Lothar Matthäus fällt, auch das haben wir Jürgen Klinsmann zu verdanken, der Mann, an dessen Verlust die deutschen Medien eine Mitschuld tragen.

Heldenhaft in dünner Luft

Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung) ehrt die Taten und den Langmut des Angegriffenen, Angefeindeten, Bespuckten und Getretenen:
"Klinsmann hat sich heldenhaft verkniffen, zum Abschied schmutzige Wäsche zu waschen oder alte Rechnungen zu begleichen. Klinsmann sagt nur, dass er sich ausgebrannt fühle. Und leer. Die Kraft ist weg. Wer oder was hat ihm die Kraft genommen? In dieser rasenden Zeit wird zu schnell vergessen. Irgendwas war immer: Die Wohnortdebatte. Die Torwartfrage. Seine E-Mail-Kommunikation. Wörns. Scholl. Der DFB-Psychologe. Der Schweizer Chefscout. Die US-Fitnesstrainer. Die Nominierung Odonkors. Und falls es doch einmal einen Tag gab, an dem er entspannt lachen konnte, wurde auch das noch gegen ihn verwendet. Er war 'Grinsi-Klinsi'. Kann sich einer von uns Flachlandtirolern vorstellen, was dieser Bundestrainer da oben in seiner dünnen Luft mitgemacht hat, umzingelt von Nörglern und Neururern, Alleswissern und Assauern, Bundesligatrainern und Bundesligamanagern? Sogar Bundestagshinterbänkler gingen mit Hilfe der Revolverpresse auf ihn los – und der große Effenberg krönte die Kampagne mit der Forderung: 'Weg mit Klinsi!' Kaum ein Tag verging, an dem nicht irgendein Exnationalspieler oder chronischer Blindgänger seine Meinung kundtat. (...) Die schreibenden Blutgrätschen und Stänkerer sind weiter unter uns, und weil Klinsmann kein Idiot ist, weiß er es. Sie warten nur auf die ersten Rückschläge in der EM-Qualifikation. Er lieber nicht."

Man kann tief fallen als deutscher Bundestrainer

Christian Gödecke (Spiegel Online) zieht die Wertlosigkeit der vielen aktuellen Gunstbeweise für Klinsmann in Betracht:
"Vor dem Turnier traf sich Klinsmann angeblich mit Springer-Chef Mathias Döpfner, um einen Burgfrieden für vier Wochen zu vereinbaren. Aber es war ein Frieden auf Zeit, kein Vertrag der Welt konnte Klinsmann garantieren, dass die Bild-Zeitung nicht irgendwann von ihrem Klinsi-Kuschelkurs abrückt. Es sind zwei lange Jahre bis zur EM in Österreich und der Schweiz, und die nächste Niederlage kommt bestimmt. Es kann sehr kräftezehrend sein, keine Lobby bei der Bild zu haben. Genervt haben Klinsmann auch die Bugschüsse aus dem eigenen Verband. Der DFB verhinderte Klinsmanns Wunschkandidaten für den Sportdirektor-Posten, Hockeytrainer Bernhard Peters. Stattdessen wurde auf Druck der greisen DFB-Hinterbänkler Matthias Sammer installiert. Das sitzt tief. Bis heute hat er diese Demütigung nicht vergessen. Man kann wieder tief fallen als deutscher Bundestrainer, nach einem solchen Turnier. Jürgen Klinsmann nimmt lieber freiwillig die Treppe."
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Nie verwunden

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) blickt zurück:
"Den Auseinandersetzungen mit den Bundesligavertretern, DFB-Funktionären und Widersachern in den Medien hat Klinsmann in den zwei Jahren gut standgehalten. Seine Durchsetzungskraft ist legendär, und seine Unabhängigkeit verschafft ihm viel Spielraum. Aber er hat auch gelitten unter Schlagzeilen wie 'Grinsi-Klinsi' (Bild) und unter den subtilen und manchmal auch offenen Sabotageakten seiner Gegner im DFB. Dass er nun Dank sagte für die 'phänomenale Unterstützung' im Verband, das war eine diplomatische Leistung. Das Geld hat er nicht verachtet, keine Frage, darin ist er Profi geblieben. Aber wenn ihm Geld so wichtig wäre, hätte er jetzt weitergemacht, einen neuen Vertrag aufsetzen und ihn mit Werbemillionen vergolden lassen. Darauf hat er verzichtet zugunsten der Wiedergewinnung seiner persönlichen Freiheit." Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau) fügt an: "Klinsmann hat einige Dinge nicht vergessen. Dass es der DFB-Vize Franz Beckenbauer war, der in den trüben Tagen im März die Anti-Klinsmann-Stimmung im Land in den Massenmedien vorangetrieben hatte; dass der wendige Geschäftsführende Präsident Theo Zwanziger seinen Favorit als Sportdirektors, Bernhard Peters, kurz zuvor abgelehnt hatte. Auch die harsche Pressekritik im Herbst nach einer 1:2-Niederlage in der Türkei und im Frühjahr nach dem 1:4 in Italien hat Klinsmann nie verwunden."

Verantwortung nicht gerecht geworden

Dietrich Menkens (Die Welt) kritisiert Klinsmanns Entschluss:
"Klinsmann war mehr als ein Trainer. Er trat wie ein Topmanager auf, der einen Konzern radikal umzubauen gedenkt. Jetzt läßt er die Firma im Stich, und sein Reformprojekt droht zu scheitern." Auch Müller (Frankfurter Rundschau) kann ihn nicht nachempfinden: "Der Manager und die Spieler haben sich mit Klinsmann gefühlt wie in einer großen Familie. Dieser Verantwortung ist das Familienoberhaupt nun nicht mehr gerecht geworden. Seine Begründung ist schwierig nachvollziehbar. Klinsmann ist 41 Jahre und keine 55 wie Ottmar Hitzfeld vor zwei Jahren." Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) fügt hinzu: "Klinsmann hat sich in seiner amerikanischen Logik von Anfang an als Projektleiter begriffen, und das Projekt ist jetzt zu Ende. Verpflichtung einem Land, gar einem Verband gegenüber? Das sind nicht die Kategorien, in denen Klinsmann denkt."
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Ausgezehrt

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) zählt Klinsmanns tiefe Falten:
"Er ist erschreckend gealtert. Er ist fast nicht wiederzuerkennen. Wer den ersten und den letzten Auftritt von Klinsmann als Bundestrainer vergleicht, der sieht, wie dieses Amt einen Menschen ändert, wie es an ihm zehrt, Tag für Tag. Sein Rücktritt ist ein konsequenter, rationaler, realistischer Schritt. (...) Für ihn war das Bundestraineramt nie eine Lebensaufgabe, sondern immer nur ein zeitlich begrenztes Projekt. Er wollte den deutschen Fußball ändern, aber er wollte sich nicht vom deutschen Fußball ändern lassen. Er hat die jungen Spieler und die Fans von seinem frischen Stil abhängig gemacht, aber er ist selbst immer unabhängig geblieben."
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Verlustgefühl

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) trauert:
Seit dem Rückzug Franz Beckenbauers nach dem Gewinn des letzten Weltmeistertitels 1990 hat kein Bundestrainer mit seinem Abschied ein solches Verlustgefühl hinterlassen. Der neunte Bundestrainer des Deutschen Fußball-Bundes war nicht einmal zwei Jahre auf diesem Posten, so kurz wie keiner seiner Vorgänger außer Erich Ribbeck. Aber niemals zuvor erlebte der deutsche Fußball eine spannendere und aufregendere Zeit als die mit dem Erneuerer aus Amerika. Sein konsequenter Weg widersetzte sich selbst am letzten Tag den üblichen Verhaltensmustern von männlichen Führungskräften nicht nur im Fußballgeschäft. Die eigene Karriere zugunsten der Familie auf unbestimmte Zeit ruhenzulassen und auch auf die Signale des eigenen Körpers zu hören, das ist für viele Traditionalisten mindestens so schwer zu verstehen wie das Neue, das Klinsmann vor zwei Jahren mit nach Deutschland gebracht hat. (...) Der Schatten, den Klinsmann mit seinem Rückzug nach Kalifornien hinterläßt, ist lang. Die Standfestigkeit und die Courage, die ihn in den Auseinandersetzungen mit den Meistern des Populismus aus der Bundesliga und vom Boulevard auszeichneten, muß sein fachlich erstklassiger, aber öffentlich noch schwach konturierter Nachfolger erst beweisen."
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Höhepunkte der Polemik gegen Klinsmann vor der WM
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Spiegel Online: Dokumentation der "Maul-Fouls gegen Klinsmann"
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Sueddeutsche.de: Klinsi-Schlagzeilen in Bild (Fotostrecke)
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Frankfurter Rundschau: Stimmen über Klinsmanns Rücktritt
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Tagesspiegel: Interview mit Uli Hoeneß: "Dass er aufhört, das ist eine mittlere Katastrophe"
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Süddeutsche Zeitung-Magazin: Ein viel beachtetes und damals sehr umstrittenes Interview mit Klinsmann aus dem Juni 2005
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"Ich denke, dass die Kritik des DFB auch ein Grund ist"

Bernhard Peters, der zunächst belächelte Hockeytrainer, im "Tageszeitung"-Interview über Klinsmanns Rücktritt
"taz: Hatten Sie damals, als Sie mit dem DFB in Verhandlung standen, den Eindruck, dass der DFB so verkrustet ist, wie er oft dargestellt wird?
Peters: Nein, das ist überzogen dargestellt. Es gibt auch dort solche und solche. Es ist ja wichtig, die gute Tradition des Fußball-Bundes aufrechtzuerhalten, aber man muss innovativ denken und die Entwicklungen, die im internationalen Fußball passieren, mitgehen. Dazu waren etliche im Präsidium noch nicht bereit.
taz: Gerade Ihre Einstellung als Sportdirektor wäre ein revolutionärer Schritt gewesen. Woran ist er gescheitert?
Peters: Wir haben versucht, unser Konzept und unsere Inhalte darzustellen, aber man hat sich für den bekannten Fußballkopf entschieden, weil man Angst hatte vor der Öffentlichkeit. Außerdem wurde die Stellenbeschreibung eines modernen Sportdirektors, was die Aufgaben in Führungs-, Management- und Strukturverbesserung angeht, nicht gut genug mit dem Präsidium kommuniziert. Das war sicher auch ein Fehler von Oliver Bierhoff, Jürgen Klinsmann und von mir.
taz: Sind die Verhandlungen mit dem DFB Ihrerseits endgültig abgeschlossen?
Peters: Nein. Es wird noch Gespräche über eine Beratertätigkeit geben, nur der Verhandlungstermin steht noch nicht fest.
taz: Sehen Sie auch in der Bundesliga die Möglichkeit, dass sich die Vereine an den neuen Ideen bereichern?
Peters: Einige Bundesligisten arbeiten bereits sehr gut und differenziert, andere noch nicht. Auch wenn es viele Bundesligisten nicht zugeben wollen, glaube ich, dass – angestoßen durch die Symbolfigur Klinsmann – ein Nachdenken eingesetzt hat und dass, was Umfang, Intensität, Differenzierung, Individualisierung, Trainerspezialisten angeht, eine neue Zeitrechnung begonnen hat.
taz: Glauben Sie, dass es wirklich nur familiäre Gründe waren, die Klinsmann bewogen haben aufzuhören? Oder war es der Gegenwind vor der WM?
Peters: Beides, glaube ich.
taz: Muss sich der DFB also Mitschuld eingestehen? War die Kritik zu stark?
Peters: Das hat für einen großen emotionalen Druck gesorgt. Ich denke, dass das jetzt auch ein Grund ist, warum er nicht mehr mitmachen will.
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Zweiter Mann

Ludger Schulze (Süddeutsche Zeitung) hebt Joachim Löw aus dem Schatten:
"Kritiker führen gegen Löw vor allem zwei Argumente an: zu wenig Erfahrung als Chef, zu wenig Autorität bei den Spielern als bisheriger Assistent. Dagegen ist zu halten, dass Klinsmann bei seinem Arbeitsantritt 0,0 Prozent Trainererfahrung besaß, Löw aber bereits in der Bundesliga, der Türkei und in Österreich verantwortlich wie erfolgreich gearbeitet hat. Klinsmanns fanatische Energie und die Züge rücksichtslosen Egoismus' mögen Löw zwar fehlen, seine charakterliche Integrität, sein gewinnendes Auftreten und seine enorme Fachkompetenz aber werden dazu den Ausgleich schaffen. Und die Theorie des Einmal-Assi-immer-Assi ist einfach nur Quatsch: Sepp Herberger und Helmut Schön waren ursprünglich auch jeweils zweiter Mann. Später wurden sie Weltmeister."

Berliner Zeitung: Löws Trainerkarriere und sein Verhältnis zu Gerhard Mayer-Vorfelder, der ihn schon mal entließ
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Tagesspiegel: Löw war unter Jürgen Klinsmann mehr als ein Assistent, jetzt hat er die ganze Verantwortung
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Porträt Löws
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youtube-Video: Best of Miroslav Klose
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Ball und Buchstabe



Trash Talker

Joachim Mölter (Süddeutsche Zeitung) kommentiert Marco Materazzis Beleidigungen im WM-Finale:
"In amerikanischen Profiligen ist der Trash Talk über das Stadium hinweg, das man als Affekt bezeichnen könnte – die Provokation wird gezielt eingesetzt, in entscheidenden Phasen, gegen entscheidende Spieler. Genau das werfen die Franzosen den Italienern vor: dass sie Zidane von Beginn des Finales an provozierten. Und genau wussten, was sie zu tun hatten. Zinédine Zidane hat fünf Jahre in Italien gespielt; er hat in dieser Zeit fünf rote Karten gesehen wegen seines Jähzorns. Zwei seiner ehemaligen Mitspieler liefen am Sonntag für Italien auf, Gianluca Zambrotta und Alessandro Del Piero. Aber alle Italiener kannten ihn und seine Reizbarkeit. Frankreichs Trainer Domenech unterstellte offen, dass Materazzi gezielt auf Zidanes Platzverweis hingearbeitet habe. In Amerika gibt es ja solche Profis, deren Aufgabe nur darin besteht, das Spiel des Gegners zu zerstören, auf welche Weise auch immer."

Größter Triumphzug der Geschichte

Birgit Schönau (Süddeutsche Zeitung) schreibt über den Römer Empfang der Weltmeister:
"Erinnert sich noch jemand an Forza Afrika? Vor vier Wochen waren ein paar Römer auf die Idee gekommen, bei der WM Ghana, Angola, Togo, Tunesien und die Elfenbeinküste zu unterstützen. Bloß nicht die eigene Nationalmannschaft mit fünf Juventus- und Milan-Spielern, angeführt vom ehemaligen Juve-Coach Marcello Lippi. Also, man kann jetzt ganz offiziell feststellen: Forza Afrika ist nicht mehr. Irgendwo zwischen Achtel- und Viertelfinale verlorengegangen, wahrscheinlich aber viel, viel früher. Als diese Juventini und Milanisti nämlich aus Germania zurück in Rom ankamen, da war das wie Weihnachten, Ostern und das antike Wolfsfest Luperkalien zusammen. Der größte Triumphzug der Geschichte, nicht einmal Cäsar hatte nach seinem Siegen über die Gallier so viele Menschen zusammengebracht."

Hoffentlich werden wir den Deutschen eines Tages ähnlich sein

Die spanische Zeitung Marca bewundert das gastgebende Deutschland:
"Eine Weltmeisterschaft in der ersten Person zu erleben läßt Dich in den Genuß unvergesslicher Momente kommen, die auf dem kleinen Bildschirm weit entfernt bleiben: zu sehen, wie ein Volk wie das deutsche sich über seinen dritten Platz freut, auf die Straßen von Berlin springt und dadurch eine der großen Hauptstädte der Welt kollabiert, obwohl ihr Ehrgeiz war, Weltmeister zu werden. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie das Finale erreicht hätten. Auf jeden Fall hätte die Feier nicht größer sein können als das, was ich gesehen habe: Menschen, die sich in ihrer kollektiven Ekstase geradezu auf die Straßen warfen, bengalische Lichter, lange Autokorsos, die mit Pfiffen ihren Triumph feierten ... Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was in Spanien passiert wäre, wenn wir Dritter geworden wären, aber auf jeden Fall hätten wir aus dem Sieg nicht so eine Hingabe rausgeholt. Wahrscheinlich würden wir, wenn wir im Halbfinale verlieren würden, gleich sagen, daß es eine Niederlage war, und daß man ins Finale hätte kommen können. Ich weiß nur, daß Deutschland durchaus auf das Höchste hinaus wollte und den dritten Platz feierte wie einen Triumph über alle. Davon sollten wir lernen! Niemand rieb Ballack seine schlechte Partie gegen die Italiener unter die Nase, und keiner erinnerte mehr daran, daß Klinsmann in den USA lebt und das ein Problem für die Mannschaftsführung darstellt, niemand machte irgendjemandem Vorwürfe, man feierte einfach nur das Fest des Fußballs. Denn das ist, was hier einen Monat lang gelebt worden ist: ein wahres Fußballfest. Ein Land, das König Fußball ergeben ist und alles daran setzt, daß seine Besucher sich an seiner liebsten Leidenschaft mitfreuen. Ich hatte das Glück, beim Finale der letzten WM dabei zu sein, und muß sagen, die Deutschen haben die Japaner und die Koreaner mit beachtlicher Tordifferenz geschlagen. Und ich sage es noch einmal: Uns schlagen sie auch, indem sie sich mit ihrer Mannschaft freuen. Hoffentlich werden wir ihnen eines Tages ähnlich sein."

Im Ausland ist man auf mich aufmerksam geworden

Urs Siegenthaler im Frankfurter Rundschau-Interview über seine Arbeit als Taktikexperte und die (ehemaligen) Defizite deutscher Nationalspieler
FR: Viele Bundesligisten behaupten, sie würden vieles von dem, was bei der Nationalmannschaft praktiziert wird, längst machen.
Siegenthaler: Wenn ich meiner Frau erkläre, ich gehe seit 20 Jahren zum Musikunterricht, dann kauft sie mir irgendwann ein Klavier und sagt: "Dann spiel mir mal was vor!" Dann antworte ich, das und jenes kann ich nicht. Dann fragt sie: "Ja, was hast du denn 20 Jahre lang gemacht?" Ich höre immer: Das machen wir schon, das ist nicht neu. Dann kann ich nur entgegnen: Und warum haben wir solche Trainingsübungen wie in Genf machen müssen? Das haben wir gesehen: einfachstes Taktiktraining für die Innenverteidiger. Rein- und rausrücken, verschieben im Verbund. Das sah aus wie ein Abc-Kurs für Fußballprofis. Die Trainer – allen voran Joachim Löw – haben alles im Detail auch mit mir besprochen: Wir haben uns an der Realität orientiert. Wenn ich nicht gut Englisch kann, muss ich einfach anfangen: "Ich gehe zur Schule" / "I go to school". Da kann ich drauf aufbauen und dann weitere Sätze in Englisch bilden. Wir hatten keine kleinen Kinder vor uns, die noch nie gegen den Ball getreten haben. Aber es galt, das versteckte Können und Talent zu wecken. Es macht mich stolz, dass Per Mertesacker und Christoph Metzelder am Ende der WM die besten Zweikampfwerte aller Abwehrspieler hatten und zu den besten deutschen Spielern zählten.
FR: Die Bundesliga erweckt nicht den Eindruck, als sei sie offen für Entwicklungen.
Siegenthaler: Es braucht Kompetenz und Offenheit. Man muss sich selbst hinterfragen und auch selbst mal den Spiegel vors Gesicht halten. Dann erlangt man auch eine soziale Kompetenz. Wenn man die nicht hat, dann sagt man: "Das ist mir alles bekannt." Dann kommt man aber nicht vorwärts. In der Wirtschaft ist eine andere Vorgehensweise und Denkensart undenkbar.
FR: Haben Sie Anrufe von Bundesligatrainern erhalten?
Siegenthaler: Nein. Es gibt aber Anfragen aus dem Ausland. Dort ist man auf mich aufmerksam geworden.
FR: Sie würden weiter gerne im deutschen Fußball arbeiten, um bei der EM 2008 den Gastgeber zu ärgern?
Siegenthaler: Wissen Sie, ich habe die Autowerkstatt eingerichtet, ich habe alles Werkzeug mir besorgt, ich habe die ersten Aufträge bekommen und durfte die ersten Autos flicken. Jetzt wäre es schön, wenn ich mit diesen auch noch mal zwei, drei Jahre fahren dürfte.
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Man hat mich als Wichtigtuer hingestellt

Pedro Gonzalez, dessen Doktorarbeit über das Konditionstraining in der Bundesliga im letzten Herbst viel Wirbel verursacht hat, sieht sich durch die WM bestätigt:
"In Sachen Fitness ist Italien hervorragend aufgestellt. Was beim DFB vor der Ära Klinsmann kaum beachtet wurde, ist dort seit langem gang und gäbe. In Italien gibt es eine spezielle Ausbildung für Fußball-Fitness-Trainer, eine Fachlizenz. Das gibt es in Deutschland nicht. Es gibt in Florenz ein nationales Fußball-Forschungsinstitut. Die Italiener haben früh erkannt, wie wichtig das Thema Fitness und Leistungsdiagnostik ist. In der Serie A hat jeder Klub mindestens einen Fitness-Trainer, eine ganze Reihe hat zwei, die großen wie AC Mailand haben sogar drei. Da hinkt die Bundesliga weit hinterher. Wie meine Untersuchung ergab, hat bei uns nur die Hälfte der Vereine einen Fitness-Coach. Hier gibt es immer noch Trainer, die glauben, einer allein kann alles trainieren: Taktik, Technik, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit. Wenn man manche reden hört, meint man, sie könnten sofort als Professor an die Uni gehen. Auch die Italiener haben im Jahr vor der Weltmeisterschaft alle sechs oder acht Wochen normierte Fitnesstests gemacht, man muß beinahe von ganzen Testbatterien reden. Was noch auffiel: Sie haben sehr stark nach individuellen Plänen trainiert, in kleinen Gruppen. Zusammen gespielt haben sie meist nur eine oder anderthalb Stunden am Tag. Zu ihrem Betreuerteam gehörten vier Fußballtrainer, zwei Fitness-Trainer, zwei Ärzte, ein Ernährungsberater und drei Physiotherapeuten. Aber der Aufwand hat sich ja gelohnt, nicht nur bei den Italienern. Die Nationen, die sich akribisch und mit wissenschaftlicher Unterstützung auf die WM vorbereitet haben, sind jedenfalls weit gekommen. Das kann kein Zufall sein. Auch einige kleinere Fußballnationen wie die Ukraine oder Ecuador waren übrigens athletisch erstaunlich gut ausgebildet. Manche haben es allerdings übertrieben. Costa Rica hatte während der WM drei Trainingseinheiten pro Tag. Das war eindeutig zuviel des Guten. Die Brasilianer haben offenbar gedacht, mit ein bißchen Ball hochhalten könnten sie Weltmeister werden. Auch die Engländer waren physisch nicht auf der Höhe. Daß die Nationalmannschaft fit war, lag vor allem an Klinsmann und an seinem Betreuerstab. Professor Kindermann, der Internist des Nationalteams, hat es doch bestätigt: Die Fitness-Werte waren vor der WM-Vorbereitung schlecht. Es muß sich ganz oben etwas ändern, im DFB und in der DFL. Die Ausbildung der Trainer muß verändert werden. Die Themen Fitness und Leistungsdiagnostik muß man neu aufrollen. Man hat mich als Wichtigtuer hingestellt, als ich meine Untersuchung vorgestellt habe. Die gleichen Leute waren es, die Klinsmann belächelt haben. Doch jetzt hat Klinsmann die Entwicklung zum Hochleistungssport hin angestoßen. Die Welle läßt sich nicht mehr aufhalten."

Weltwoche: Die WM der Westeuropäer
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Frankfurter Rundschau: WM-Geschichten der Reporter
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Drei Mal bildblog:
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Welche Bild-Kampagne?

Alle Zeitungen drucken nun Dokumentationen, aus denen hervorgeht, wer Jürgen Klinsmann in seinen zwei Jahren Amtszeit alles angemault hat; das liest man mit einer Mischung aus Schmunzeln und Kopfschütteln, Faszination und Entsetzen. Leider jedoch werden diese Stammtischtypen um Basler, Effenberg und Assauer nicht groß darunter leiden müssen. Sie werden weiter im DSF als "Experte" vorgestellt.

Die argumentierende Presse, die Klinsmann lange wohlwollend begleitete, hat in den Monaten vor der WM seinen Reformkurs nicht mehr gestützt und, bis auf Spiegel, Spiegel Online und die Frankfurter Rundschau, auch nicht mit Nachdruck gegen die unfaire Kritik verteidigt. Vermutlich eine der größten Enttäuschungen, dass sich selbst die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung von der grimmigen Anti-Klinsmann-Stimmung, die Deutschland im März und April 2006 im Griff hatte, anstecken ließen. Viele Zeitungen haben immerhin nun die Größe, auch ihre eigenen Zitate in die Sammlung "Klinsmann-Bashing" aufzunehmen – eine Abbitte.

Dass die Bild-Zeitung ihn nicht mag, damit war ja zu rechnen, und das Fernsehen interessiert so was ohnehin nicht. Als ich auf den Marler Tagen der Medienkultur im April das Podium, besetzt mit prominenten TV-Sportreportern, fragte, ob es sie als Journalisten nicht einmal reizen würde, zum Beispiel die Bild-Kampagne gegen Klinsmann zu recherchieren, zu bewerten und das Ergebnis zu senden, erhielt ich vom Premiere-Vertreter die Antwort: "Welche Bild-Kampagne? Ich kann da nichts entdecken." Tja, welche Bild-Kampagne? Guten Morgen! Von den anderen Vertretern mußte ich mir vorhalten lassen, "überkritisch" zu sein. Die ARD übrigens sendet so ein Thema, wenn überhaupt, in einem Politmagazin, auf die Sportschau braucht man da nicht zählen.

Bild und Sport Bild fallen übrigens gerade dadurch auf, daß sie den Schwarzen Peter den DFB-Funktionären zuschieben, deren Aussagen sie noch vor Wochen als Vorlage für rabiate Kritik an Klinsmann verwertet haben. Die Bild schreibt heute über Klinsmanns Rücktritt: "Ihn nervt die zum Teil kleinliche Kritik einiger DFB-Funktionäre. Eine andere Wunde ist nie verheilt. Daß der DFB seinen Hockey-Trainer Bernhard Peters als Sportdirektor abgeschmettert hatte, schmerzt bis heute." Welch Heuchelei! Bild war der größte Kritiker an der Idee, Peters zu engagieren. Meine Herren vom DFB, laßt Euch das eine Lehre sein! Laßt Euch von Bild nicht mehr in den Wald locken!

Lesen Sie die Highlights aus den freistoss-Kommentaren des letzten Jahres, in denen ich mich mit der schlichten und unsachlichen Klinsmann-Kritik auseinandergesetzt habe:
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freistoss des tages
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Die Fußball-Presseschau zur Fußball WM 2006 wird in Zusammenarbeit mit indirekter-freistoss.de erstellt. Dort können Sie auch einen E-Mail-Newsletter abonnieren und sich die Presseschau täglich in Ihr Postfach kommen lassen.