Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

21.6.2006

Presseschau vom 21.06.2006

Der Sieg der deutschen Mannschaft im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador beschäftigt die Sportpresse. Während die ausländischen Zeitungen die Stärke des Gegners als nicht sehr groß einschätzen, trifft die Leistung der deutschen Mannschaft in der inländischen Presse auf fast ungeteilte Zustimmung.

Der Sieg der deutschen Mannschaft im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador beschäftigt die Sportpresse. Während die ausländischen Zeitungen die Stärke des Gegners als nicht sehr groß einschätzen, trifft die Leistung der deutschen Mannschaft in der inländischen Presse auf fast ungeteilte Zustimmung.

Deutsches Team

Effizienz

Die deutsche Presse versucht derzeit, ihrer Begeisterung über die deutsche Nationalmannschaft und Jürgen Klinsmann Herr zu werden, und es tappt auch niemand in die Journalistenfalle, etwas zu kritisieren, wo es nichts zu kritisieren gibt. Moritz Müller-Wirth (zeit.de) fordert dazu auf, nach dem Gruppensieg einen Moment innezuhalten:
"Wer ehrlich ist – und auch jene, die den Kurs von Jürgen Klinsmann über die letzten Jahre grundsätzlich unterstützt haben, können das sein – wer also ehrlich ist, sollte gestehen, dass man ernsthaft mit einem derartigen Verlauf der Gruppenphase nicht rechnen konnte. Gegen Polen lieferte man die erste Reifeprüfung ab, diszipliniert, leidenschaftlich, erfolgreich. Gegen Ecuador hat das Team bewiesen, dass man auch ohne schön zu spielen, effektiv sein kann, dass sich etwas einstellen kann, wie Routine, ein Wort, dass eigentlich in der Klinsmannschen Spielphilosophie nicht vorgesehen ist."
Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) stimmt ein:
"Nach dem Hurrafußball im Eröffnungsspiel und dem an Leidenschaft nicht zu überbietenden Auftritt gegen Polen zeigte Jürgen Klinsmanns Mannschaft, dass sie mittlerweile eine weitere Fähigkeit besitzt: Effizienz."

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Perfekte Balance zwischen Aufwand und Ertrag

Peter Heß (FAZ) platzt vor Freude:
"Jetzt trifft sogar schon Lukas Podolski! Und Arne Friedrich verteidigt fehlerfrei! Und Robert Huth gelingt als Vertreter von Christoph Metzelder das gleiche Kunststück! In diesen Tagen gehen alle Wünsche der deutschen Mannschaft in Erfüllung, sogar die Sorgenkinder bereiten Freude. Die Party kann weitergehen. Die Mannschaft von Jürgen Klinsmann fand die perfekte Balance zwischen Aufwand und Ertrag. Engagiert, aber nicht übermotiviert, kämpferisch, aber nicht mit letztem Einsatz eine Verletzung riskierend oder wie im Fall Michael Ballack eine Gelbsperre, ging sie ihrem Beruf nach. Das 3:0 war ein Sieg der Vernunft, der Konzentration und der Moral."

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Glaube an die eigene Stärke

Markus Völker (taz) würdigt Klinsmanns Fitness-Training:
"Der Bundestrainer hat die Deutschen so widerstandsfähig gemacht, dass sie prompt alle Gegner aus dem Weg geräumt haben. Selbst gegen Ecuador schonte Klinsmann bis auf den leicht angeschlagenen Metzelder keinen Leistungsträger, und Kapitän Ballack ließ er gar durchspielen. Er traut seiner Fußballelite leichtathletische Großtaten zu. Mit diesem konditionsstarken und auch spielerisch überzeugendem Triple-Sieg in der Vorrunde hätten die wenigsten gerechnet. Kurzum: Die DFB-Elf hat sich mit Biss ins Turnier hineingespielt, sie kann sich jetzt schon mit dem üblichen Titel schmücken, dem der Turniermannschaft." Gleichzeitig blickt Völler mit Spannung auf die nächste Aufgabe: "Die Schweden werden vom DFB-Trainerstab als der stärkere Rivale im Vergleich mit England angesehen. Der umtriebige Sichter Urs Siegenthaler schwärmt von ihrer aufopfernden Laufbereitschaft."

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Ein Zwischenfazit von Mathias Schneider (Stuttgarter Zeitung):
"Die Elf hat die Pflicht erfüllt und doch mehr geleistet als Dienst nach Vorschrift. Vor allem die couragierte Art und Weise der Vorträge sorgte zum einen für jene Woge, welche die Elf nun zu tragen beginnt. Gestern donnerten bereits 'Klinsmann'-Sprechchöre durch das Rund, nach dem Spiel mochten die Zuschauer ihre Lieblinge gar nicht in die Kabine entlassen. Weitaus schwerer als all die Ehrerbietung vor dem Gang in die K.-o.-Runde wiegt freilich der Umstand, dass Klinsmanns Jungs, nach sechs Jahren ohne Sieg gegen eine große Nation nicht eben mit Selbstvertrauen in diese WM gestartet, an die eigene Stärke zu glauben beginnen. Wer nach der Partie die Protagonisten zum Gespräch bat, konnte sich hiervon aus erster Hand einen Eindruck verschaffen."

Verdient gemacht am Abbau von Vorurteilen gegen Deutsche

Ludger Schulze (SZ) erkennt den Erfolg hauptsächlich in der entfachten Stimmung als in der Tabelle:
"Costa Rica war nicht einmal im Ansatz ein ernst zu nehmender Gegner, Polen und Ecuadors 1-B-Mannschaft traten unter Verzicht auf jene Team-Mitglieder an, die man Stürmer nennt. Außer vom Costa Ricaner Paulo Wanchope (zwei Tore) ist die als Schwachpunkt deklarierte Abwehr nicht weiter behelligt worden. Erfreulich jedenfalls ist, dass nach Jahren der Qual, in denen die DFB-Auswahl in ihrem Missmut und ihrer Reserviertheit die Stimmung des Landes spiegelte, wieder ein Geist des Aufschwungs und der Freude ausgebrochen ist. Das ist Jürgen Klinsmanns Verdienst."
Michael Ashelm (FAZ) adelt Klinsmann als Impulsgeber der großen deutschen WM-Party:
"Alles, was man vorbereiten kann, hat Klinsmann vorbereitet. Es wäre nicht verwunderlich, wenn er auch die deutsche Fußballbegeisterung auf dem Weg zum erhofften Titel eingeplant hätte. Wann hat das Land zuletzt so überschwenglich mit seinen Kickern mitgefiebert? Der mutige, dynamische, druckvolle, temporeiche und riskante Einsatz der Elf ist sicher der Ausgangspunkt der allgemeinen Begeisterung. Voran ging Klinsmanns selbstbewußter Weg der politischen Unkorrektheit gegenüber dem Fußball-Establishment, welches sich darauf verlegt hat, lieber alten Heldengeschichten nachzuhängen als Änderungen einzuleiten für die Zukunft. Klinsmann hat sich jetzt schon verdient gemacht am Abbau von Vorurteilen gegen Deutsche. Womit er und sein größter Kritiker Franz Beckenbauer, der ewig gutgelaunte WM-Oberbeauftragte, sich näher sind, als sie denken mögen."

Schnelle Beine, schnelle Entschlüsse. Bissig, giftig. Weltklasse

In der Einzelkritik schwärmen die Redaktionen von Miroslav Klose, die SZ staunt:
"Gegen seine Treffer besaß Ecuador keine Einspruchsmittel, sie waren unvermeidlich. Erneut extrem energetisch und aggressiv, eine echte Plage für die Gegenseite. Klose gelingt in seiner Rolle als Mittelstürmer eine seltene Mischung: Er ist erfolgreich und trotzdem nicht egoistisch. Er setzt sich in der Torschützenliste ab und drängt trotzdem keinen seiner Mitspieler beiseite. Von ihm ist noch einiges zu erwarten."
Die FAZ stimmt ein:
"Schnelle Beine, schnelle Entschlüsse. Bissig, giftig. Weltklasse." Michael Ballack imponiert den Experten. "So kennt man ihn", lesen wir in der FAZ. "Der typische Ballack, ein Kapitän, der über lange Phasen nicht weiter auffällt, der viel unterwegs ist, aber immer wirkt, als würde er nur das Nötigste tun. Und der dann doch hin und wieder zeigt, welch großartiger Spieler er ist: Sein Paß aus dem Fußgelenk auf Klose zum 2:0 – das war Weltklasse, nicht mehr und nicht weniger." Die Berliner Zeitung flunkert angesichts des gehemmten weil Gelb fürchtenden Kapitäns: "Ballack startete eine umfassende Freundlichkeitsoffensive. Winkte vor dem Anpfiff ins Publikum, grinste beim Wimpeltausch den Schiedsrichter an, hielt sich aus den geliebten Zweikämpfen fern. Wollte keine Gelbe Karte samt Achtelfinal-Sperre riskieren. Schaffte das. Bewies, dass ein Chef kein ruppiger Rüpel sein muss. Ersetzte Grätschen durch Stellungsspiel, Klugheit, Eleganz. Zauberte nebenbei einen Lupfer aus dem Fußgelenk vor dem 2:0. Wurde für seine Leistung mit der zinnernen Bierkanne für den Spieler des Tages bestraft. Erschrak fürchterlich, als er sie überreicht bekam. Hielt jedoch die Tränen zurück."

Arne Friedrichs Learning by Doing

Ein Schulterklopfen erhält auch Torsten Frings:
"Wachsam, aufmerksam in der Rolle des Kettenhundes, der den zentralen Zugang zum Strafraum bewacht. Verzahnte Mittelfeld und Abwehr. Note eins für die Nummer 6", zensiert die FAZ. Und ein Zuckerchen für Lukas Podolski von der Berliner Zeitung: "Wurde als Gewinner der Aktion Sorgenkind ermittelt. Hatte den Vorteil, dass außer ihm keiner an der Aktion teilnahm. Hörte so lange die Anfeuerungsrufe von Jürgen Klinsmann und den Fans, bis er sich entschloss, seine Torflaute zu beenden." Und über Philipp Lahm heißt es: "Erstaunlich war allein, dass Lahm zweimal ausgespielt wurde in der ersten halben Stunde, man hatte nach den forschen Auftritten des Winzlings ja gedacht, so etwas werde nie wieder passieren."

Arne Friedrich hingegen hat nicht nur bei vielen Fans keinen Kredit (obwohl er gestern mit ein paar Sprechchören gefeiert worden ist; ein Huuuth-Nachfolger wird er aber nicht). Auch viele deutschen Journalisten rümpfen ihre Näschen. Die SZ höhnt:
"Der zuletzt schärfstens verunsicherte Friedrich brach zu einem Sololauf über die rechte Seite auf und brachte ihn auch zu Ende, ohne dem Ball weh zu tun." Doch unsere südlichen Nachbarn von der Neuen Zürcher Zeitung bewerten ihn mit Wohlwollen: "Allmählich scheint er sich zu fangen, jene Form wiederzufinden, die ihn schon unter Rudi Völler ins Nationalteam beförderte. Gegen Ecuador spielte er weitgehend fehlerfrei, meist stand er am richtigen Platz, und als die Prüfung bestanden war, sagte er, man freue sich jetzt auf den nächsten Gegner. Vermutlich wird es noch einmal eine Spur besser gehen. Denn Friedrich, das hat die Vorrunde gezeigt, ist ein Muster-Exponent des ebenso alten wie erfolgreichen Prinzips Learning by Doing."

Klose und Podolski, eine verheerende Kombination

Die NZZ ist es auch, die am schärfsten mit dem Gegner ins Gericht geht:
"Was Ecuador bot, war äusserst magere Fussballkost. Das Spiel der Südamerikaner war geprägt von etlichen individuellen Fehlern, unsicherer Ballführung, Zweikampfschwäche, Fehlpässen und dem fast völligen Fehlen von Ideen im Angriff, so es denn überhaupt einmal zu einem Vorstoss kam. Die Ecuadorianer liessen jegliche Linie in ihrem Spiel vermissen, es fehlte nicht nur ein Denker und Lenker, sondern auch die Initiative jedes einzelnen."

Der Guardian aus London lobt das deutsche Sturmduo:
"Befreiung schmückte das Gesicht von Podolski. Klose schritt zu ihm, um ihn in den Arm zu nehmen und ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Ob er es für seinen Mannschaftskameraden oder die Fernsehkameras getan hat oder nicht, die beiden haben gezeigt, dass sie zusammen ein verheerender Verbund sind."

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Der Independent traut der deutschen Mannschaft viel zu:
"Sie werden nun nicht mehr auf uninteressante Gegner wie Ecuador treffen, aber die Aussicht, ihr Ziel zu erreichen, sind nach dieser umfangreichen Leistung gestiegen. Klinsmanns Team hat als Basis das Selbstvertrauen."

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Die Times hebt Deutschland in die Gruppe der Favoriten: "Deutschland wird nicht mehr nur aufgrund ihrer erfolgreichen Geschichte gefürchtet. Klinnsmanns Team erreicht, dank dem Heimvorteil, der stetig steigenden Form und dem Besitz des Top-Torschützen eine bedrohliche Form. Der Mann der einst als 'Grinsi-Klinsi' verhöhnt wurde, bringt Deutschland das Lächeln zurück."

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Die Daily Mail hingegen nimmt den Sieg Deutschlands nicht für voll:
"Es war schon vor dem Anpfiff klar, dass Deutschland dieses Spiel ernster nahm als Ecuador. Ecuador wechselte auf fünf Positionen."

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Einheit zwischen dem Volk und seinen Spielern

Aus Italien spuckt zunächst der Corriere della Sera in unsere Suppe:
"Ein sympathisches, aber unnützes Spiel, das sie Fifa auch hätte absagen können, weil beide Mannschaften ja bereits für das Achtelfinale qualifiziert waren." Doch es folgt Anerkennung: "Jürgen Klinsmann, der nach drei Spielen vom kalifornischen Staatsbürger zum Kaiser-Anwärter befördert worden ist, setzt weiter auf seine Strategie der Erhaltung der Kräfte, mit geringfügigen Konzessionen. Das ist verständlich: Das Bild der Nation muss hochgehalten werden, 72.000 Menschen sind im Stadion und fast 900.000 in der Stadt in den Startlöchern, um in die Straßen einzufallen, falls die Nationalmannschaft weiterkommt. Also, es gibt nur noch Deutschland, es wird gefeiert, Küsse, Umarmungen und Chöre, an denen Ecuador mit der gebührenden Resignation teilnimmt."
La Repubblica aus Rom bekundet ihre Sympathie mit den feiernden Deutschen:
"Mitten auf dem Spielfeld wurde die Hochzeit zwischen den Deutschen und ihrer Mannschaft gefeiert, mit den Spielern, die ihre Runde drehten und allen rundherum, mit wehenden Fahnen – ein Patriotismus, der dieselben so sehr stört, die ihn praktizieren. Deutschland ist zum ersten Mal in der Hauptstadt angekommen, im Olympiastadion, mit dem Traum, zum letzten Spiel dorthin zurückzukehren. Und der klare Sieg über Ecuador hat es fertig gebracht, nach Monaten der Skepsis die Einheit zwischen dem Volk und seinen Spielern zu bekräftigen." Zu den Protagonisten heißt es: "Klose: Zwei Jahre Missgeschicke und jetzt wieder vier Tore, Schützenkönig der WM, nach den fünf Toren von 2002. Schneider: wieder brillant, Animateur vieler Aktionen. Ballack: immer der Anstifter des Spiels. Er hat sich diszipliniert seiner Mannschaft gewidmet, mit einem Augenblick von Egozentrik nur in der zweiten Hälfte. Der kleine Lahm: neuer deutscher Star, der, wie immer, sehr stimulierend war, aber, zweimal von schnelleren Gegnern angegriffen, zwei schreckliche Löcher provoziert hat."

Maßloses Lob von Blatter

Noch zwei irritierende Aussagen von Prominenten, die sich aber einer genauen Interpretation entziehen. Agrarminister Horst Seehofer sagt nach dem Spiel über die deutsche Elf:
"Die stehen voll im Saft. Wer die schlagen will, der braucht einen sehr guten Tag. Ich fürchte, dass die im Endspiel landen."
Und Fifa-Präsident und Fußballexperte Joseph Blatter, der beim Torwandschiessen so aussieht, als würde man einer Marionette gerade die Fäden schneiden, lobt ohne Maß:
"Die Deutschen werden getragen vom Publikum. Ich wüsste nicht, wer die aufhalten soll."

Über den Interview-Boykott Lukas Podolskis gegen die ARD, den eine Radio-Satire ausgelöst hat, lesen wir wenig; vielleicht will sich niemand zwischen die Stühle setzen; vielleicht will niemand den sensiblen Torjäger rüffeln. Die Frankfurter Rundschau jedenfalls findet die Haltung Podolskis engstirnig:
"Der WDR ist in eine überaus missliche Zwickmühle geraten. Einerseits kann er seine Programmhoheit schlecht an einen Fußballer abtreten, der wegen einer ebenso niveau- wie harmlosen Sendung die beleidigte Leberwurst gibt. Andererseits herrscht der logikfreie Ausnahmezustand Fußball-WM und gilt Poldi nicht nur, aber vor allem in Köln als Charmebolzen erster Güte, dem das Volk so ziemlich alles verzeiht. Vermutlich also auch seinen Boykott gegen die ARD."

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Frankfurter Rundschau-Interview mit Oliver Bierhoff

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Ball und Buchstabe

Ohnmacht für alle

Thomas Kistner (SZ) läßt sich die Kritik am Ticketing nicht versagen:
"Die Kraft des Fußballs wirkt berauschender denn je und legt weiter die Versuchung nahe, Unpopuläres durchzuboxen, wenn die Masse feiert. Es wird nach der WM beißende Rückblicke geben auf diese Zeit, als die größte Steuererhöhung aller Zeiten verfügt wurde, während glückstrunkene Menschen schwarzrotgoldene Fähnlein durchs Land schwenkten. Aber jetzt? Später, wir sind beschäftigt. Das bleibt das unschlagbare Erfolgsprinzip von Massenevents – die größten heißen WM und Olympia. Wie der Politik im Großen, kommt die öffentliche Betäubung den Regenten dieser Volkspartys im Kleinen entgegen. Was gab es Klagen wegen des Ticketsystems, die Personalisierung der Karten gilt als Staatsschutzprinzip: Ohne geht nicht, wer's trotzdem riskiert, wird böse scheitern. Nun läuft die WM, die Stadien sind voll. Das ist erfreulich, wobei außer Frage steht, dass eine WM in diesen Zeiten stets ausverkauft sein wird, auch wenn sie 100 statt 64 Spiele hätte und fast egal, wo sie stattfindet. Bei dieser WM aber findet grobes Foulspiel am Publikum statt. Was nur nicht auffällt, weil sich viele Fans in ihr Schicksal ergeben haben. Sie folgten getreulich den offiziellen Wegen, surften zäh im Internet und jubelten, wenn sie überhaupt Karten für irgendwas ergatterten, sie ertragen Schlange stehend den Personalisierungswahn – um festzustellen, dass sie die Trottel sind. Weil es keine effektiven Kontrollen gibt, und dafür das, was ja zu verhindern war: blühende Schwarzmärkte. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht für alle, die sich an Spielregeln halten. Aber die Veranstalter schützt zweierlei: eine alles plättende Hurra-Stimmung im Land sowie die beruhigende Tatsache, dass sich Hunderttausende, die nicht oder unter sinnlos verschärften Bedingungen zum Zuge kamen, nicht wehren werden. Denn diese Masse setzt sich aus Einzelnen zusammen, und der Einzelne ist chancenlos. Das Personalisierungskonzept ist gescheitert."

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Man kann sich reinwaschen

Bernd Müllender (taz) kritisiert die Gelbsperren:
"Holland gegen Argentinien, das klingt mindestens wie ein vorweggenommenes Halbfinale – auf dem Papier. Andere Papiere sprechen dafür, dass sich die beiden Teams, weil sie bereits für das Achtelfinale qualifiziert sind, eher zu einem Freundschaftsspiel zweier Reserve-Teams treffen als zum Topmatch einer Weltmeisterschaft. Diese Papiere sind die kuriosen Regelwerke der Fifa. Sie sehen vor, dass ein Spieler nach der zweiten gelben Karte in der Vorrunde gesperrt ist. Bei Holland droht sechs vorbelasteten Spielern diese Gefahr. Das unbedacht Groteske der tumben Regelausdenker: Nach der Vorrunde werden die Verwarnungen gestrichen. Das heißt: Man kann sich durch Nichteinsatz sogar reinwaschen."

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Gruppe G

Flächendeckend tiefes Rot

2:0 gegen Togo – Richard Leipold (FAZ) meldet Schweizer Glück:
"Mehr als 40.000 Schweizer feierten ihr Team im Stadion wie eine Heimmannschaft. In der Lautstärke war kein Unterschied zu spüren zum Auftritt der deutschen Elf in der gewaltigen Dortmunder Fußball-Kathedrale, deren Ränge an diesem Nachmittag beinahe flächendeckend in tiefes Rot getaucht waren. Hopp Schwiiz! Dieser inbrünstig intonierte Anfeuerungsruf half den Kickern nicht bloß über ihr spielerisches Tief hinweg, das vielleicht auch der unbarmherzigen Schwüle geschuldet war; das Stimmungshoch auf den Tribünen verriet auch eine Lebensfreude, die das Klischee von der Schweizer Langsamkeit des Seins korrigierte, wenigstens für neunzig Minuten." Ingo Durstewitz (FR) widmet sich der sportlichen Leistung der Schweizer: "Vielleicht gibt es doch ein, zwei andere Gründe für den schlappen Auftritt der Eidgenossen. Die mangelnde Kreativität etwa. Der Auswahl des Nachbarlandes fehlt ganz offensichtlich ein Spieler, der von der Norm des tadellosen Malochers abweicht, der einen dieser vielen vorhersehbaren Spielzüge mit einem unvorhersehbaren Pass zu etwas Außergewöhnlichem macht."

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Klischees von Korruption und Kungelei

Die Togolesen sind ein dankbarer WM-Teilnehmer für die Medien; es gab immer was zu schreiben – Richard Leipold (FAZ):
"Aus sportlichen Gründen werden die Fußballspieler aus Togo die WM bald verlassen, aber sie werden noch eine Weile in Erinnerung bleiben – als einer der kuriosesten Teilnehmer der WM-Geschichte. Die Westafrikaner haben die gerade in ihrem Land besonders festen Klischees von Korruption und Kungelei derart zuverlässig bedient, daß ihr Auftritt sich stets an der Grenze zur Satire bewegte (...). Während ein Spiel läuft, ist mit Fehlurteilen immer zu rechnen, auch bei einer Weltmeisterschaft. Aber vorher müßte unter Profis alles glattlaufen. Um diesen Anspruch zu erheben, braucht man kein Fußball-Lehrer aus Deutschland zu sein. Nach der Niederlage gegen die Schweiz beklagte Pfister den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit."

taz: Wo geht das Fifa-Geld hin?

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Gruppe H

Kollektive Alzheimer-Attacke

Nach dem 3:1 gegen Tunesien – Roland Zorn (FAZ) ist begeistert von der spanischen Nationalelf:
"Mit den vom Torwart bis zum Linksaußen erstklassig besetzten Spaniern ist mehr als bei jedem Turnier zuvor zu rechnen. Die junge Aragones-Auswahl mit ihrem wiedererstarkten Kapitän personifiziert die Vorzüge des modernen Fußballs mit schnellen Paßfolgen, hohem Tempo bei der Ballmitnahme und einer frappierenden Beweglichkeit im mitreißenden Kombinationsstrom. Eine Halbzeit brauchten die Spanier, um sich vom Rückschlag des frühen Gegentors zu erholen und ihre Sicherheit wiederzufinden. Dann kam Raul, und das eigene Spiel wurde besser, druckvoller und erfolgreicher. Der Strafraumstürmer ist zurück, und Spanien darf weiter hoffen – auf mehr Raul-Tore und den ersten Triumph bei einer Weltmeisterschaft." Ronald Reng (SZ) hingegen schreibt, dass Raul nicht zum Spiel der Spanier passe: "Der Fußball besitzt nur ein Kurzzeitgedächtnis, vielleicht das kürzeste Gedächtnis der Welt: Ein einziges Tor lässt alle vergesslich werden. Schon erinnerte sich keiner mehr, wie Raul die ganze Saison gespielt hat, wie er auch vor und nach seinem Volltreffer agierte. Im Prinzip ist solch eine kollektive Alzheimer-Attacke auch nicht ganz falsch, denn ein Stürmer existiert vor allem für solche Augenblicke. Doch Spanien lebt mehr als alle anderen Teams bei dieser WM vom Zusammenspiel seiner Offensive, von den endlosen Passstafetten. Raul, dem in der Melancholie seines erfolglosen Vereins Real Madrid die Form abhanden kam, spielt ein anderes Spiel. Er versteckt sich im Niemandsland zwischen Angriff und Mittelfeld, er lauert, um dann plötzlich hervorzustechen."

taz: über den neu entfachten Patriotismus in Spanien

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Aquaplaning

Frank Heike (FAZ) berichtet das 4:0 der Ukraine gegen Saudi-Arabien:
"Gegen einen derart schwachen Widerpart wie Saudi-Arabien genügte der Ukraine die durchschnittliche Vorstellung des verregneten Abends allemal. Das lag auch am saudischen Torwart Mabrouk Zaid. Er konnte einem leid tun. Zaid faustete, wo er fangen mußte, und versuchte zu fangen, wo er hätte fausten sollen. Das 2:0 verschuldete Zaid ganz allein, als er nach Sergej Rebrows Schuß ausrutschte und den Ball passieren ließ. Rebrow faßte sich an den Kopf – mit einem Tor aus 25 Metern hatte er selbst nicht gerechnet. Saudi-Arabien erspielte sich keine einzige Chance, weil seinem Spiel jegliche Antizipation fehlte, weil sich niemand bewegte, und weil Trainer Paqueta mit fünf Verteidigern gegen die zwei ukrainischen Angreifer spielen ließ. Es fehlte dann immer mindestens einer auf dem Weg nach vorn. Doch für eine sichere Defensive stand Paquetas Riegel-Taktik trotzdem nicht: Manchmal schien die Ukraine fast überrascht, wieviel Platz zum Kombinieren blieb. Auf einen Fehler des Gegners antwortete Blochins Team meist mit einem ebensolchen, und so entwickelte sich ein schwaches Spiel." Die SZ ist enttäuscht von den Arabern: "Für die saudischen Fußballer kann man angesichts der Leistung nur hoffen, dass die Berichte mehrerer Zeitungen stimmen. Danach hat der Präsident des Fußballverbandes von Saudi-Arabien, Prinz Sultan Bin Fahd Bin Abdulaziz, die Prämien für Runde eins bereits persönlich gezahlt. Die Freude über die Wiedergutmachung für jene Schmach von Japan 2002, als die Saudis mit 0:8 dem späteren Finalisten Deutschland unterlegen waren und mit 0:12 Toren und null Punkten hatten abreisen müssen, währte also nur ein Spiel. Die Araber wurden in voller Gänze Opfer des Hamburger Pisswetters. Das bisschen Wasser hatte auf die Wüstensöhne Saudi-Arabiens einen Effekt, als führen sie ohne Profil auf nassem Asphalt durch die Kurven – akutes Aquaplaning!"

freistösse des tages

Manny Breuckmann im Visier der Bildzeitung

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Poldis Fersenkappe-Verse

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Die miserablen Leistungen der Kommentatoren

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