Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

Presseschau vom 20.06.2006

20.6.2006
Der bittere Abschied von Zinedine Zidane beschäftigt die Sportpresse, daneben im Fokus, die Südkoreanische Mannschaft, der der Biss der frühen Jahre fehlt, Guus Hiddinks Erfolg mit Australien, spielfaule Brasilianer und eine misslungene Podolski-Satire des WDR.

Der bittere Abschied von Zinedine Zidane beschäftigt die Sportpresse, daneben im Fokus, die Südkoreanische Mannschaft, der der Biss der frühen Jahre fehlt, Guus Hiddinks Erfolg mit Australien, spielfaule Brasilianer und eine misslungene Podolski-Satire des WDR.

Deutsche Elf



Taktische Mängel

Philipp Selldorf (SZ) erläutert die Unreife Lukas Podolskis, gibt ihm aber im Zwist mit der ARD recht:
"Gegen eine satirische Reihe, die der WDR auf seiner Jugendwelle '1 Live' sendet, setzt sich Podolski zur Wehr, indem er gleich die ganze ARD in Haftung nimmt: Mit einem Interviewboykott, der für Fernsehen wie Rundfunk gilt. Der DFB unterstützt ausdrücklich die Strafaktion. Das Ganze klingt nach Nötigung, ist es auch – und doch kann man es nicht verwerflich finden. Wenn Podolski beklagt, die Reihe ziele 'unter die Gürtellinie', indem sie ihn als primitiven Dummkopf darstellt, dann hat er recht. Es ist eine armselige Sorte Komik, beleidigend und verletzend. Andere Missverständnisse um Podolski aber werden sicher noch eine Weile anhalten, denn sie sind grundsätzlicher und sportlicher Natur. Viel zu lange wurde die Frage ignoriert, was für eine Art Stürmer Lukas Podolski eigentlich ist, weil allein seine spektakulären Tore und seine speziellen Fähigkeiten im Mittelpunkt standen. Er hat einen famosen Schuss, einen sechsten Sinn für den richtigen Stand- und Startplatz und gelegentlich ein exzellentes Pass-Spiel. Aber er hat auch arge Defizite, die auf einer schlechten Erziehung in seinem Klub beruhen, was wiederum darauf zurückgeht, dass Podolski schon als Teenager in den Heiligenstatus versetzt worden ist. Die Privilegien, die ihm beim FC zufielen, die täglichen Oden der Verehrung, die ihm in Köln gewidmet wurden, haben ihn ein wenig verdorben, Allüren haben sich in sein Spiel gemischt, und so korrespondiert eine fehlgelenkte Entwicklung mit einigen natürlichen Unzulänglichkeiten: Podolski hat taktische Mängel bei der Vorneverteidigung, er läuft sich selten effektiv frei, und er bewegt sich zu wenig ohne Ball. Schwächen im Zweikampf und im Durchsetzungsvermögen kommen dazu."

Berliner Zeitung: Da kann der Poldi nicht mehr lachen – Lukas Podolski klagt gegen WDR wegen Hörfunk-Satire
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Mittelfeldgewurstel

Matti Lieske (BLZ) stellt vor dem Spiel gegen Ecuador klar:
"Fußballbegegnungen werden häufig vom Resultat her bewertet. So gesehen gilt das Match gegen Polen als der deutsche Urknall bei dieser Weltmeisterschaft, sowohl für die Fans als auch für die Mannschaft. Wer soll uns noch aufhalten auf dem Weg zum Finale, nach diesem fantastischen Match? Etwa die Highlander aus Ecuador, die nur so rasant kicken können, weil ihr Hämoglobinwert am oberen Ende der Sachenbacher-Skala rangiert? Niemals! Dass die Polen-Partie, bei nüchterner Betrachtung, bis zu Oliver Neuvilles Tor ein engagiertes, intensives, aber auch wenig inspiriertes Mittelfeldgewurstel darstellte, geht dabei völlig unter. Es ergaben sich zwar einige gute Torchancen, aber die waren fast immer Zufall oder Philipp Lahm geschuldet. Wäre es beim 0:0 gegen diesen verunsicherten Gegner von mittelmäßiger Solidität geblieben, hätte es saftige Kritik gegeben."
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Frankfurter Allgemeine Zeitung-Portrait Joachim Löw – mehr als nur ein Sprachrohr Klinsmanns
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Verteidigungsmonstrum

Timo Frasch (FAZ) nennt Stärke und Schwäche Ecuadors:
"Auf der Suche nach Erklärungen für den bisherigen Erfolg Ecuadors argumentieren die Fachleute, daß Trainer Luis Fernando Suarez über eine gewachsene Mannschaft verfüge, deren Mitglieder sich seit vielen Jahren aus der heimischen Liga kennen. Das stimmt, und das bedeutet, daß sich die Spieler in ihrem 4-4-2-System, das die Nationalmannschaft und die wichtigsten ecuadorianischen Vereine seit Jahren praktizieren, prächtig verstehen. Das bedeutet aber auch, daß die meisten Spieler an das Tempo der besten Ligen nicht gewöhnt sind. Es bedeutet, daß der Nachschub an gutem Nachwuchs nicht allzu üppig sein kann und daß die wichtigsten Spieler wie Ivan Hurtado oder Ulises de la Cruz schon jenseits der Dreißig sind. Während man jedoch bei Frankreich von Überalterung spricht, ist bei Ecuador von Routine die Rede." Erik Eggers (FTD) fügt hinzu: "Ihr zur Schau gestellte Selbstbewusstsein ist das Ergebnis eines Spielstils, die der romantisch-poetischen Ader des Trainers widerspricht. Die beiden Siege waren nicht das Resultat eines kreativen Rausches, sondern das eines Konzepts, das auch ein Fußballcomputer programmiert haben könnte. Keine andere Mannschaft bei dieser WM befolgt derart ferngesteuert das 4-4-2-System argentinischer Schule, mit dem die Nationalmannschaft schon beim Vorrunden-Aus 2002 antrat. Fast alle Spieler sind technisch stark. Dennoch wirken sie nicht als Künstler, sondern als Teil einer Taktikmaschine: Suárez´ Vorgaben werden humorlos und effizient vollstreckt. Verantwortlich für den Erfolg ist die Defensive. (...) Wie das Verteidigungsmonstrum bei Rückstand reagiert, ist noch unklar."

Tagesspiegel: Ekuadors Team ist vor dem Deutschland-Spiel entspannt und selbstbewusst
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Ball und Buchstabe



Instrument

Thomas Kistner (SZ) fordert den Videobeweis in der Entscheidung über ein Tor und wundert sich über den Widerstand der Gegner:
"Es mutet bizarr an, dass der Fußball in dieser Frage so zerrissen ist. Einerseits eine Milliardenbranche, die mit erkennbarem Vorsatz zur Ghettoisierung ihrer Konsumenten, der Fangemeinde, ansetzt. Andererseits ein letztes Traumreservat für menschliche Schwächen. Entsprechend inkonsequent wird mit dem Videobeweis verfahren, der zwar auch im Fußball längst angewendet wird, nur eben nicht dort, wo die gesamten Anstrengungen dieses Spiels ja allein hinzielen: in der Frage, ob der Ball die Torlinie überschritten hat. Es gibt Fragen, die sollten nicht Funktionären überlassen werden, sondern Fachleuten. Also nicht Leuten wie Fifa-Chef Blatter, der erst mit 39 Jahren in diesen Sport beruflich reinschnupperte, sich zu den Kernfragen aber trotzdem gern so äußert, als unterlägen sie nur seinem persönlichen Daumenzeichen. Der Ruf nach Hilfsmitteln wird von Experten erhoben, 2004 etwa regte Michel Platini die Einführung von Torrichtern an. Die Furcht vor dem unbestechlichen Auge eines Oberschiedsrichter ist eine Eigentümlichkeit des Fußballs. Sie fällt besonders auf in Zeiten, da die Schiedsrichter weltweit stärker in die Schlagzeilen geraten – mit Fehlern, die keineswegs Irrtümern entspringen und für die hierzulande der Name Hoyzer steht. Längst sind enorme Summen im Spiel. Wer da noch am Liebreiz des menschlichen Irrens festhält, ist ein Schwärmer. Oder er kalkuliert damit: Denn solange der Irrtum zum System gehört, bleibt er ein wunderbares Instrument darin."
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Süddeutsche Zeitung: Hintergrund
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Fanverarschung

Benjamin Henrichs (SZ) ärgert sich über Fanberichte:
"Die Fanberichterstattung gehört bei dieser WM, wie bei jeder WM, zu den traurigen Tiefpunkten des Programms. Es sind immer die selben öden Szenen: Da steht ein armer Reporter, umringt, geschubst von entfesselten Fußballfans, und behauptet schreiend, dass 'die Stimmung' hier bei den Fans absolut sensationell sei, und das schon in der Vorrunde! Hier geht die Post ab, hier ist der Bär los! Hier in Rio und erst recht hier in Görlitz. Der Reporter ist in Todesnot, der kreischende Fan gibt sein Bestes (denn er weiß, er ist jetzt auf Sendung), und nach ungefähr dreißig Sekunden ist die Posse vorbei. Der Fan hat seine Rolle als Pausenclown gespielt – und wir sind wieder zurück bei den bekannten Hauptdarstellern, beim knarzenden Netzer, beim säuselnden Kerner. Und wir fragen uns verzweifelt, wieso es immer noch Reporter gibt, die bei diesem Unsinn folgsam (oder sogar frohgemut) mitmachen. Und Redakteure, die Tag für Tag diesen Müll bestellen und in die Welt senden. Die Fanberichterstattung im WM-Fernsehen, wir wollen das jetzt einmal ganz fanmäßig formulieren, ist eine einzige Fanverarschung. Weil sie den Fan nur als brüllenden Statisten brauchen kann, als Fahnenschwenker und Maskenträger, nicht aber den Fan als Kenner und Liebhaber. Denn wenn man nicht die Bestie vor der Kamera mimen kann, dann hat man keine Chance im Fan-TV. Allenfalls als schöne Frau. Aber wer von uns ist das schon? Kurzum: Die Fans, die uns das Fernsehen zeigt, sind weniger Fans als fanatische Fan-Darsteller, gierig auf jene zehn Sekunden Unsterblichkeit, die ein Auftritt im Fernsehen angeblich bedeutet."

taz: Netzer und Delling sind einfach nur noch Mitleid erregend
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Berliner Zeitung: Fußball bei RTL – Kritk an Littbarski, Lob für Geissen
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taz: Bild gegen Manfred Breuckmann
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Berliner Zeitung: Die Weltmeisterschaft wird nicht nur in Schwarz-Rot-Gold gefeiert. Jeden Tag gibt es hier eine Völkerwanderung - mit Flaggen und Gesängen der Gäste
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Fankfurter Rundschau-Interview mit dem Kulturforscher Klaus Theweleit über das gemeinsame Brüllen im Stadion
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Gruppe B



Mentale Grundanforderung

Christian Eichler (FAZ) stellt den englischen Keeper vor:
"Paul Robinson hat seine Stärken eher auf der Linie. Beim Herauslaufen hat er einige Schwächen, allerdings wird er in dieser Hinsicht auch nicht sehr gefordert, denn die mächtige Innenverteidigung mit John Terry und Rio Ferdinand erspart ihm mit ihrer Kopfballstärke in den meisten Fällen das Herauslaufen bei Flanken. England kann in jedem Mannschaftsteil Weltklasseleute aufweisen, nur noch nicht im Tor. Daß Robinson das ändern könnte, trauen ihm viele zu. Wie dünn das sonstige Keeper-Angebot ist, zeigte Trainer Sven-Göran Eriksson, als er als dritten Mann hinter Robinson und James nur Scott Carson fand, der beim FC Liverpool nur dritter Torhüter ist. Die Plätze bei den vier englischen Top-Klubs sind allesamt von Ausländern besetzt (Cech bei Chelsea, van der Sar bei ManU, Reina bei Liverpool, Lehmann bei Arsenal). Deshalb fehlt englischen Torhütern meist die Champions-League-Erfahrung. Sie leiden unter dem Problem, daß internationaler Fußball einen anderen Rhythmus hat als englischer Klubfußball. Eine Stunde lang und mehr praktisch untätig die Spannung zu halten, um dann in den ein, zwei entscheidenden Szenen voll dazusein: Daß er diese mentale Grundanforderung an Weltklasse-Torhüter erfüllt, muß Robinson noch beweisen."

Gruppe C



Ganz auf die Meisterschaft konzentrieren

0:6 – was bleibt Serbien, außer Handke, Michael Martens (FAZ)?
"Zur Schmach trug auch Diego Maradona bei, ausgerechnet er. Manche Zeitungen druckten ein Foto des jubelnden Argentiniers, das staatliche Fernsehen zeigte ihn in Großaufnahme in derselben Jubelpose im Stadion. Dabei war er just vor einem Jahr, im Juni 2005, noch in Belgrad gewesen, um mit dem wahlserbischen Regisseur Emir Kusturica an Szenen für dessen Dokumentarfilm über sich zu arbeiten. Seinerzeit war Maradona von Serbiens Ministerpräsident Kostunica empfangen worden und hatte ein Hemd getragen, auf dem George Bush als Terrorist bezeichnet wurde, was in Serbien comme il faut ist. Damals sagte Maradona vieldeutig, er sei 'all die Zeit' mit den Serben gewesen – aber von diesem Mitgefühl war ein Jahr später nicht mehr viel zu sehen. Auch für die Belgrader Zeitungen wird sich das Sommerloch jetzt um so bedrohlicher ausbreiten. Denn nun gibt es nicht jene fußballerischen Aschenputtel-Geschichten zu erzählen, wie sie auch erzählt werden, wenn ein afrikanisches Land in einem internationalen Wettbewerb überraschend erfolgreich ist oder Hansa Rostock gegen einen Club aus dem nettozahlenden Bundesgebiet gewinnt. Hätten die Serben und ihr torhütender Montenegriner dagegen Erfolg gehabt, wäre in den Medien mit Sicherheit jenes Rührstück von der strukturschwachen Region oder dem vom Glück vernachlässigten Land aufbereitet worden, das von allen guten Geistern und der Industrie verlassen wurde, aber neues Selbstbewußtsein aus den Siegen der eigenen Fußballmannschaft zieht. Es wäre wieder behauptet worden, die Menschen der Region richteten sich an den Erfolgen einer Sportmannschaft auf wie früher nach den Siegen des jugoslawischen Basketballteams. Immerhin muß das Land diesen Schmu nun nicht über sich ergehen lassen, sondern darf Trost suchen in einem goldenen Verliererwort: Serbien kann sich jetzt ganz auf die Meisterschaft konzentrieren."

Machbarkeitsadvokat

Sehr lesens- und bedenkenswert! Roland Zorn (FAZ) porträtiert den pragmatischen Marco van Basten und nimmt uns ein Feindbild, den hochnäsigen Holländer:
"Die Zeiten, da holländische Fußball-Lehrer der Welt glaubten verkünden zu müssen, wie dieser Sport im Idealfall auszusehen habe, scheinen fürs erste vorbei. Nachdem diese orangene Revolution gescheitert ist und die Welt noch immer auf ein Weltmeisterteam holländischer Provenienz wartet, führen nun auch im deutschen Nachbarland die Pragmatiker und nicht mehr die Programmatiker das Wort. Daß ausgerechnet Marco van Basten zum Wortführer der Machbarkeitsadvokaten geworden ist, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, hat doch der jüngste Trainer bei der Weltmeisterschaft sein Handwerk bei Ajax, in der Eliteschmiede des zum nationalen Kulturgut erhobenen 4-3-3-Systems, erlernt. Von missionarischem Eifer aber ist dieser Bondscoach anders als viele seiner Vorgänger weit entfernt. (...) Aufgewachsen in einem Land, in dem einerseits Systemtreue gepredigt und andererseits der Fußball als Abenteuer für Freidenker empfunden wird, besitzt eine der jüngsten Turniermannschaften bei dieser WM die Fähigkeit, sich nicht zu übernehmen, niemanden zu unterschätzen und den kostbaren Sieg über die Verlockungen des Spiels zu stellen. Dazu hat van Basten seine Spieler angestiftet. Mag er auch seine Grundausbildung in der hohen Ajax-Schule absolviert haben, seinen taktischen Feinschliff erwarb der Europameister von 1988 beim AC Mailand in der Akademie des Arrigo Sacchi. In Italien ist der Angreifer von Welt auch zum Bewunderer elastisch-stabiler Abwehrstrategie geworden. Bei seiner ersten WM präsentiert van Basten dem Publikum seine Version der Elftal unter den modernen Bedingungen des Tempofußballs."

Gruppe F



Kämpfernaturen

Elisabeth Schlammerl (FAZ) würdigt die Arbeit des holländischen Trainers von Australien:
"Guus Hiddink hat ein Gespür dafür, wie er eine Mannschaft anpacken muß. In Südkorea hatte er die Spieler vor der WM 2002 zu Höchstleistungen getrieben, indem er den Konkurrenzkampf geschürt und provoziert hatte. Die zu übertriebener Freundlichkeit und Unterwürfigkeit neigenden Asiaten wehrten sich wie von Hiddink erhofft, zunächst innerhalb der Mannschaft und später auf dem Platz. Mit erstaunlicher Bissigkeit schafften sie es dann bis ins Halbfinale. In Australien hat er schnell erkannt, daß er dieses Spielchen nicht treiben muß. 'Australier sind Kämpfernaturen.' Er konnte sich gleich aufs Wesentliche konzentrieren, aufs Spielsystem. Das Niveau, auf dem die Mannschaft gegen Japan und auch gegen Brasilien gespielt hat, ist zwar überraschend hoch, aber sicher kein Wunder und weit weniger erstaunlich als die Leistung von beispielsweise Trinidad und Tobago, das mit dritt- und viertklassigen Spielern und limitierten Möglichkeiten England und Schweden das Leben schwermachte. Die meisten australischen Nationalspieler haben schließlich einen Vertrag bei europäischen Erstligaklubs, in England, Italien, der Schweiz oder Holland. Aber gegen Brasilien zeigte sich auch, was Australien von der absoluten Spitze trennt: Die Abgebrühtheit vor dem Tor."

Andreas Burkert (SZ) stimmt zu:
"Wenn es wirklich so etwas wie die Handschrift eines Trainers gibt, dann hat man sie beim Anblick der dunkelblau gekleideten Australier bestaunen können. Vor dem Turnier galten die Sorgen der Experten vor allem ihrer Abwehr: Denn ist dort nicht Craig Moore eine feste Größe, der vorige Saison sogar in Mönchengladbach durchfiel? Doch in München brillierte sie mit schlüssiger Raumaufteilung und sicherem Verschieben, so dass sich Brasilien meist in diesem Irrgarten verlief (...). Diese gut abgesicherte und dennoch offensivfreudige Mannschaft ist nun Favorit auf den zweiten Gruppenplatz."
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Brasilien, verzweifelt gesucht

Javier Cáceres (SZ) erkennt Brasilien nicht wieder:
"So viel Verzweiflung war selten bei denen, die der Legende vom schönen Spiel der Brasilianer anhängen. So wie sich Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart in Casablanca an Paris festhielten, so blieb den Ästheten im Fußball immer: Brasil. Es war einmal. Tempi passati. Nicht mehr. Nicht ein einziges Mal war ein artistisches Moment zu sehen bei dieser WM. Brasilien, verzweifelt gesucht (...).'Wichtig ist, dass wir zum Finale in Form sind', sagte Ronaldinho. Wie pragmatisch das klingt. Und wie schrecklich: aus seinem Munde." Thomas Klemm (FAZ) erläutert: "Nicht der große Fußballzauber, sondern die taktische Disziplin ist für Parreira das entscheidende Moment bei dieser Weltmeisterschaft; wie bereits 1994, als der Trainer eine keineswegs favorisierte Selecao um ihren Vorarbeiter Carlos Dunga zum ersten Titel nach 24 Jahren führte. Vor allem die Mittelfeldspieler müssen ihren Spieltrieb unterdrücken, wie es Ze Roberto vormacht, der wegen seines uneitlen Auftretens von Parreira hochgeschätzt wird."
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Anständig trainieren

Wiebke Hollersen (BLZ) empfindet die Brasilianer als arrogant:
"Also, was war los mit Brasiliens Fußballern? Zé Roberto machte sich daran, seine Verteidigungsleistung aus dem Spiel noch zu steigern. Schon besser habe man gespielt, mit mehr Bewegung im Angriff, die Mannschaft wachse, es sei heiß gewesen, und: 'Die WM fordert viel Kraft. Alle Welt ist gut trainiert.' Nun sind also auch die Brasilianer erstens zu der erstaunlichen Erkenntnis gelangt, dass die WM im Sommer stattfindet und es auch in Deutschland mehr als 20 Grad warm werden kann, und dass es, zweitens, durchaus üblich ist, für so eine Weltmeisterschaft vorher anständig zu trainieren."
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Vollkommen ebenbürtig

Christian Zaschke (SZ) über die japanische Ausgangsposition vor dem letzten Gruppenspiel:
"Einen Rückschritt hat die japanische Mannschaft in den vergangenen vier Jahren nicht gemacht. Sie war den in Europa etablierten Kroaten vollkommen ebenbürtig. Das Team vergab eine klare Torchance auf eine Weise, die man selten sieht – alles hätte ganz anders kommen können, doch so bleibt das Hauptproblem dieser Mannschaft, dass ihr jemand fehlt, der die schön vorgetragenen Angriffe zum zählbaren Abschluss bringt – ein Problem, das sie mit vielen Teams aus aller Welt teilt. Allerdings nicht mit Brasilien, dem Gegner, den es nun mit möglichst vielen Toren zu besiegen gilt." Die Welt ergänzt: "Nur hin und wieder starteten sie überfallartige Attacken. Aber Top-Stürmer Nakamura blieb ebenso wie Superstar Nakata weit unter seinen Möglichkeiten. Erschreckend vor allem, wie sie die wenigen Chance kläglich vergaben. Das machen die Spieler der Kreisklasse besser."

Gruppe G



Verhöhnt

Nur 1:1 gegen Südkorea – Peter Heß (FAZ) verurteilt den französischen Trainer Raymond Domenech:
"Vielleicht mag das Verhältnis der meisten Spieler untereinander in Ordnung sein. Sie kennen sich schließlich schon lange genug. Das französische Team gehört zu den ältesten des Turniers. Aber auch die Beziehung zum Trainer muß stimmen, um erfolgreich Fußball spielen zu können. Und in dieser Hinsicht herrscht seit Beginn der Zusammenarbeit ein Mangel. Domenech kam im Juli 2004 als Junioren-Nationaltrainer zu den Stars, er sollte den Umbruch mit jungen Spielern schaffen. Der Theaterfreund und Hobby-Astrologe versuchte mit einer unnahbaren Art seine Autorität aufzubauen: Mit gruppendynamischen Gesprächen zu nachtschlafener Zeit, mit kurzen Erklärungen, warum es jemand in die Mannschaft gebracht hat, und noch kürzeren, warum er wieder herausgeflogen ist. Die Medien verhöhnte er, indem er zugab, sich vor den öffentlichen Auftritten eine Rolle zurechtzulegen. Seine Aussagen spiegelten nicht seine wahre Meinung, sondern was er sich vorher ausgedacht habe. Wenigstens eine Journalistin nahm er immer ernst – seine Lebensgefährtin. Ihr gewährt er Exklusivinterviews und privilegierten Zugang zu seinen Spielern. (...) Französische Reporter konnten sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt den Medien in einem Punkt recht gegeben hätte."

Öffentlicher Prozess

Michael Horeni (FAZ) verachtet Domenech für die Auswechslung Zinedine Zidanes beim Stand von 1:1:
"Mit der Grande Nation fragt sich die gesamte Fußballwelt, ob diese traurige 90. Minute, in der Zinedine Zidane ausgewechselt wurde, tatsächlich der letzte Auftritt eines ihrer größten Helden gewesen sein sollte. Wenn es Frankreich nicht ins Achtelfinale schafft, war es das letzte Spiel für den gegen Togo gesperrten Fußball-Genius. Diesem Moment nicht gerecht worden zu sein wird Domenech wohl noch lange wie ein Fluch verfolgen. Eine sofortige Entlassung, sozusagen honoris causa, wäre eine zu geringe Strafe für das bittere Schlußbild, das Domenech zum möglichen Ende der Ära des großen Zidane geliefert hat. Es war ein trauriger Moment für den Fußball, nicht nur für Frankreich. Auch um den anderen galaktischen Weltstar der vergangenen Jahre steht es beim Pflichtprogramm der WM nicht viel besser. Ronaldo, wie Zidane über viele Jahre eines der Zentralgestirne des Fußballs, erlebte einen weiteren schweren Tag. Als er nach 72 Minuten den Platz für den jugendlich-frischen Robinho räumen mußte, wurde sichtbar, welch ungeheure Menge an Loyalität sein Trainer Parreira wird aufbringen müssen, um bei der WM weiter an Ronaldo festzuhalten. Die Schwerfälligkeit, mit der sich Brasilien durch die Vorrunde schleppt, trägt längst seinen Namen. Zidane raus! Ronaldo raus! Die Zeit der Galaktischen geht in diesen Tagen zu Ende." Stefan Osterhaus (NZZ) klagt über die Anmaßung Domenechs: "In Leipzig wohnten 43.000 Zuschauer einem öffentlichen Prozess bei, in dem Domenech Kläger und Richter gleichermassen war. Er senkte den Daumen, demontierte Zidane, den Weltmeister, den Europameister, den besten Mittelfeldspieler, den Frankreich je hatte. Wahrscheinlich war es sein letztes Spiel."
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Dissonanzen

Frankreich spielt, und Andreas Rüttenauer (taz) verzieht das Gesicht:
"Frankreich hatte geplant, noch ein paar großartige Konzerte zu spielen. Das Turnier in Deutschland sollte die Abschiedstournee eines Ensembles werden, von dem jeder weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist, dessen Musik aber noch in den Ohren vieler Fans nachklingen wird. Im ersten Spiel der WM haben sie den Ton nur allzu selten getroffen. Hochkonzentriert gingen sie ihren zweiten Auftritt an. Gegen Südkorea war es wieder zu sehen, jenes besondere Gespür für das Spiel. Das Orchester harmonierte, 45 Minuten lang lief das Spiel der Franzosen rund. Das Tempo war nicht hoch, es war wohl dosiert. Und dennoch war etwas anders. Die erste Geige wurde nicht mehr von Zinedine Zidane gespielt. Thierry Henry gab den Ton an. Und er war es auch, der am Ende am traurigsten darüber war, dass das Konzert trotz eines harmonischen Beginns mit vielen Dissonanzen endete." Frank Hellmann (FR) pflichtet bei: "Frankreich hat nicht nur den falschen Anführer, sondern scheint grundsätzlich fehlgeleitet; in der Personalauswahl, in der Spielweise. Es ist fatal, sich allein darauf zu verlassen, dass eine gute defensive Grundordnung und Klasseleute im Abwehrzentrum genügen, einen Vorsprung zu verwalten."
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Masochismus

Christof Kneer (SZ) stellt die Kennzeichen südkoreanischen Spiels heraus:
"Vor vier Jahren, bei der WM im eigenen Land, haben sich die südkoreanischen Fans noch nicht so irritieren lassen vom Fußball. Sie haben sich selbst gefeiert, und am Ende hat der Stadionsprecher gesagt, dass sie gewonnen hatten. Immer wenn Korea spielt, erinnert man sich an 2002, aber es ist vieles anders geworden seitdem. Das beginnt bei der Mannschaft, die eine Lightversion jener heldenhaften Vorgängerelf ist, die es vor vier Jahren bis ins Halbfinale schaffte. Es war ein dominantes Gewusel damals, aber davon ist nur noch das Gewusel übrig geblieben. Immer noch lassen sie den Ball hin- und herkreiseln, aber zehn Kreisler sind ein paar zu viel. Es gibt keinen ordnenden Fuß in dieser Elf, keinen prägenden Spieler, und sie trauen sich auch deshalb nicht mehr so viel Angriffslust zu, weil sie sich nicht mehr so auf ihre Abwehr verlassen können. Vor vier Jahren haben sie ja extra die Liga ein halbes Jahr geschlossen und die Spieler vom heiligen Hiddink kasernieren lassen, und aus der Kaserne heraus kam ein Kollektiv, in dem jeder wusste, was der Nebenmann als übernächstes macht. Diesmal kamen die Wusler aus Wolverhampton, Manchester oder Japan angereist, aber eines hat ihnen auch diesmal keiner nehmen können: jene asiatische Gabe, 90 Minuten an die eigenen Grenzen zu gehen – egal, wie hoffnungslos die Lage ist. Diese Mannschaft hat mehr noch als ihr Vorgängermodell eine Geduld, die an Masochismus grenzt."

Michael Reinsch (FAZ) :
"Die Red Devils zeigten dennoch Bescheidenheit. Als der Morgen graute, räumten sie auf der Fan-Meile die leeren Flaschen und Hamburgerschachteln in die Mülleimer und zogen zum Hauptbahnhof. Nicht die Spieler sind die roten Teufel, obwohl sie nun schon bei der dritten WM in roten Trikots antreten. Die Fans waren es, die sich Mitte der neunziger Jahre den Namen geben – in Anspielung auf die koreanischen Junioren, die bei der WM 1983 das Halbfinale erreichten und als 'rote Furien' in die Geschichte eingingen. Der frühdemokratischen Gesellschaft Südkoreas war die Farbwahl suspekt – rot hatte einen Anklang von Kommunismus und Nordkorea. Das änderte sich erst, als Verband und Mannschaft sich ihren Fans anschlossen. Mit ihrer Choreographie, ihren Gesängen und Tribünenbildern aus Pappschildern waren die Fans den Spielern wenn schon nicht voraus, so doch ebenbürtig an Engagement und Einfallsreichtum."

freistösse des tages



Mit lesenden Nationalspielern
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Warum wir nicht Beckenbauer werden wollen

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Und dem Besuch eines Extremkletteres bei der Nationalelf
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