Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

14.6.2006

Presseschau vom 14.06.2006

Heute in der Presseschau: Das bevorstehende Spiel Deutschlands gegen Polen. Außerdem Jürgen Klopp macht beim ZDF eine gute Figur. Und: David Beckham im Porträt.

Heute in der Presseschau: Das bevorstehende Spiel Deutschlands gegen Polen. Außerdem Jürgen Klopp macht beim ZDF eine gute Figur. Und: David Beckham im Porträt.

Ball und Buchstabe

Verstärkung

Der Hintergrund des Spiels Deutschlands gegen Polen ist die – polnische – Herkunft der deutschen Stürmer Lukas Podolski und Miroslav Klose. Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) erhellt diese deutsche "Tradition" mit einem Exkurs:
"Neu ist dieses Phänomen von deutschen Nationalspielern mit polnischen Wurzeln nicht, und auch ihr aktuelles, sehr lebendiges Kapitel hat mit der langen Geschichte polnischer Migration nach Deutschland zu tun. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind ständig weiter Polen nach Deutschland ausgewandert. Doch weil sich die polnischen Regierungen lange Zeit sehr restriktiv zeigten, kamen in den drei Jahrzehnten zwischen 1949 und 1979 nur gut 600.000 Polen nach Deutschland, die meisten als deutsche Spätaussiedler. Dass die Zahl anschließend dramatisch stieg, hatte vor allem mit der sich ändernden Situation in Polen zu tun. Zwischen 1981 und 1983 herrschte dort Kriegsrecht, nachdem Solidarnosc das kommunistische Regime herausgefordert hatte. Auch die wirtschaftliche Situation verschärfte sich dramatisch. Als die Ausreise erleichtert wurde, verließen vor allem Leute aus der Mittelschicht das Land, Ärzte zum Beispiel, aber auch Handwerker. Zwischen 1980 und 1991 kamen insgesamt eine Million Polen nach Deutschland. Die Frage, ob ein Spieler denn nun deutsch oder polnisch sei, hat im deutschen Fußball eine lange Tradition. Dafür haben vor allem die Kicker aus den Mannschaften im Ruhrgebiet gesorgt, wohin ab dem Ende des 19. Jahrhunderts viele hunderttausend Arbeitskräfte aus ganz Osteuropa gekommen waren. So hatten etwa Fritz Szepan und Ernst Kuzorra von Schalke 04 polnische Wurzeln, ihr Verein wurde in den dreißiger Jahren sogar als 'Pollackenklub' angefeindet. (...) Die Geschichte der polnischen Verstärkung des deutschen Nationalteams dürfte langsam zu Ende gehen, denn durch eine Gesetzesänderung können seit 1990 nur noch Familienangehörige nachfolgen."
Sehr lesenswert auch die Geschichte über Ernest Wilimowski, der für die Polen bei der WM 1938 vier Tore gegen Brasilien schoss und später aus der polnischen Statistik gestrichen wurde, weil er 1940 die deutsche Staatsangehörigkeit annahm und sodann mit dem Hakenkreuz auflief
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Frankfurter Rundschau: Klose und Podolski treffen heute auf die eigene Vergangenheit
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Klose und Podolski – Polen gegen Polen
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Glosse zur Lage der Schiedsrichter
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Berliner Zeitung: Jürgen Klopp analysiert WM-Spiele im ZDF – klug, verständlich und witzig
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Deutsche Elf

Es ist gar nicht so viel, was noch fehlt

Tiefen- und Breitenstaffelung, ballorientiertes Verteidigen, kurze und enge Mannschaft – für andere Länder eine Selbstverständlichkeit, für viele Deutsche neues Zeug. Peter Heß (Frankfurter Allgemeine Zeitung) mit einer Expertise der deutschen Abwehr:
"Auslöser der Malaise ist natürlich Jürgen Klinsmann. Sein Hang zur Vorneweg-Verteidigung bringt Deutschland zwar früheren Ballbesitz, kürzere Wege zum gegnerischen Tor und damit mehr Durchschlagskraft in der Offensive. Aber überwindet der Gegner die erste Welle des Forechecking, dann hat er vergleichsweise viel Zeit und Raum, um die deutsche Viererkette auszuspielen. Außer, Klinsmanns Team ist so fein aufeinander abgestimmt, daß sich ballführende Gegner gleich einer zweiten Welle gegenübersehen. Und genau daran hapert es mitunter. Der Abstand zwischen den einzelnen Spielern ist zu groß. Am Willen fehlt es den deutschen Nationalspielern nicht. Kein Stürmer und Mittelfeldspieler ist sich nach Ballverlust zu schade, nach hinten zu laufen. In der Fachsprache heißt das: hinter den Ball zu kommen. Während die argentinische Mittelfeldreihe blind voneinander weiß, wie sich die Mitspieler bewegen, weil diese mit diesem System groß geworden sind und seit Jahren zusammenspielen, überraschen sich die Deutschen manchmal selbst. (...) Es ist gar nicht so viel, was dem deutschen Defensiv-Kollektiv noch fehlt. Und in vielen Situationen verhält es sich schon jetzt vorbildlich, vor allem dank der immensen Laufbereitschaft. Nun gilt es Automatismen zu entwickeln und die Konzentration über 90 Minuten aufrechtzuerhalten. Jetzt nervös zu werden und mit Umbaumaßnahmen auf die Abwehrlöcher zu reagieren wäre kontraproduktiv. Dann finge Klinsmann wieder von vorne an."

Feuereifer

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) schreckt vor der drastischen Rhetorik Jürgen Klinsmanns und seiner Spieler zurück
"Die deutsche Nationalmannschaft ist ziemlich debattengestählt, sie hat zum Beispiel eine Wohnsitz- und eine Torwartdebatte hinter sich, aber diese Debatte braucht sie wirklich nicht. Unter anderem ist das ja ein Sportfest, das hierzulande zur Austragung kommt, und womöglich wundert sich das Sportfest gerade, dass es nicht von Politikern, sondern von den Sportlern selbst mit einiger Schwere aufgeladen wird. Am Tag vor dem Spiel gegen Polen ist Jürgen Klinsmann vor die Presse getreten, und auch er hat einige Sätze gesagt, die martialischer klangen, als sie gemeint waren: 'Wir wissen, dass die Polen mit dem Rücken zur Wand stehen', sagte er. Er hat dann noch gesagt, dass im polnischen Umfeld 'große Aggression herrscht', dass 'da die Nerven angespannt sind' und dass er davon ausgehe, dass 'es zur Sache gehen wird, dass es richtig zur Sache gehen wird'. Dass Klinsmann derart grimmige Metaphern wählt, ist einigermaßen ungewöhnlich, aber oft begreift man über die Rhetorik mehr von einer Mannschaft, als wenn man sie spielen sieht. Klinsmann heizt das Spiel vor allem deshalb an, weil er meint, dass seine Mannschaft das braucht, und er nimmt in Kauf, dass die Sätze so klingen, wie sie klingen. Im Prinzip wird daran nichts anderes sichtbar als das, was er von seiner Mannschaft hält. Er weiß, dass sich diese Elf auch im eigenen Land nicht einfach zum Titel kombinieren kann, er weiß, dass sein riskanter Plan von offensivem, abwehrverachtendem Spiel nur aufgehen kann, wenn die Mannschaft vor lauter Feuereifer besser spielt, als sie kann."

Ein sehr aufschlussreicher und lesenswerter Spiegel-Text über das schwierige Verhältnis zwischen Klinsmann und Franz Beckenbauer:
"Erstaunlich viele Menschen im DFB sprechen von offen versteckten Aversionen zweier Alphamännchen, zwischen jenen Herren, von denen das Wohl der Nation abhängt bei dieser Weltmeisterschaft. Beckenbauer halte Klinsmann für einen Blender und seine Nationalspieler für fußlahm, so sagen sie es beim DFB. Klinsmann halte Beckenbauer für einen jener alternden Kritiker, die Jüngeren keine Erfolge gönnten, weil neue Erfolge die Erfolge von einst überlagern. Das berichtet ein Nationalspieler."
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Tageszeitung: Michael Ballacks Rolle in der Klinsmann-Taktik
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Süddeutsche Zeitung: Michael Ballack wünscht sich gegen Polen ein Spiel ohne Gegentor – und nähme dafür auch Bayern-München-hafte Langeweile in Kauf
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Zeit.de: Spielt die deutsche Elf gut? Pro und Contra
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Frankfurter Rundschau: Porträt Oliver Kahn
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Süddeutsche Zeitung: Oliver Kahn hat als Ersatztorwart eine Vorbildrolle gefunden als seelische Stütze einer jungen Mannschaft
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Berliner Zeitung: Bernd Hölzenbein über das Deutschland–Polen (WM 1974)
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Interview mit Sönke Wortmann
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Frankfurter Allgemeine Zeitung: Polens Trainer Pawel Janas versucht es mit einer Charme-Offensive bei seinen Kritikern
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Frankfurter Rundschau: Janas hat sich mit seinem Hass auf die Medien und defensiver Spieltaktik zur Zielscheibe der Kritik gemacht
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Gruppe B

Miserabel für die Presse

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bedauert seine englischen Kollegen:
"Eigentlich ist es völlig egal, ob Rooney schon im Spiel gegen die Karibik-Kicker wieder dabei ist oder erst gegen Schweden am Dienstag oder noch später. Es steht in den Sternen – und ist dort auch ganz gut aufgehoben. Aber die angewandte Waynologie erfüllt in diesen Tagen einen schönen Nebenzweck: Sie füllt das WM-interne englische Sommerloch. Eigentlich sollte man meinen, eine Weltmeisterschaft werfe genug Stoff ab. Doch gibt es kaum etwas Bewegendes oder gar Neues zu berichten nach dem eher mauen 1:0-Sieg gegen Paraguay. Es war die Art von Auftakt, die für ein WM-Team prima ist – schlecht gespielt, wenig verbraucht, drei Punkte geholt. Und miserabel für die Presse: Man kann nicht richtig jubeln, aber richtig schimpfen auch nicht – war ja schließlich ein Sieg. Nicht einmal für die Klatschspalte wirft die badische Expedition derzeit etwas ab. Victoria Beckham war außer beim Auftritt im Frankfurter Stadion bisher für die Kameras nicht zu sehen. Die Objektiv-Batterie im Park an der Lichtenthaler Allee von Baden-Baden ist auf die eine Kamera jenes schwitzenden Fotografen geschrumpft, der vor der Terrasse von Brenner's Parkhotel zum Spielerfrauen-Bereitschaftsdienst verdonnert war."

Rechnung offen

Viele deutsche Fußballanhänger und -"experten" halten David Beckham für ein Püppchen, aber keinen guten Fußballer; vermutlich haben sie das 1:5 von München verdrängt. Wolfgang Hettfleisch (Frankfurter Rundschau) räumt mit diesem Irrtum auf und betont Beckhams Qualität:
"Die wohl am meisten unterschätzte Stärke des Technikers ist sein Arbeitsethos. Mit ein Grund dafür, dass er im Team unumstritten, ja sogar beliebt ist. Aber es sind andere in dieser Mannschaft, die inzwischen die Aufmerksamkeit der Fußball-Fachwelt auf sich ziehen. Allen voran Rooney, das urenglische Arbeiterkind, die Fleisch gewordene Antithese zum global vermarktbaren Passepartout Beckham. Niemand, der seine Murmeln noch beieinander und Freude am Leben hat, würde Rooney fragen, ob er ab und an mal die Spitzenhöschen seiner Freundin Coleen McLoughlin trage. Auch der torgefährliche Mittelfeldspieler Frank Lampard und John Terry, der Weltklasse-Innenverteidiger, der mit seiner Ausstrahlung auf dem Platz so ungleich mehr von einem Anführer hat als sein Kapitän, stehen in der englischen Öffentlichkeit mehr im Mittelpunkt des Interesses als der Standard-König von der rechten Außenbahn. 'Becks' ist nicht mehr der Spice Boy. Schreiben die englischen Zeitungen heute über ihn, geht es meist um 'a man on a mission', um jemanden, der seine Bestimmung noch nicht erfüllt hat. (...) David Beckham hat noch eine Rechnung offen mit der Fußballwelt. Jetzt, da nicht mehr alle Augen auf ihn gerichtet sind, könnte endlich der Zeitpunkt gekommen sein, sie zu begleichen."
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Süddeutsche Zeitung: Leo Beenhakker, Coach von Trinidad & Tobago, glaubt an das Unmögliche – auch vor dem Spiel gegen England
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Gruppe E

Begeisternd offensiv

Von wegen Catenaccio – Jörg Marwedel (Süddeutsche Zeitung) bejubelt das 2:0 Italiens gegen Ghana:
"Totti ist Italien. Er ist der Genius in einem Volk aufbrausender Calcio-Verrückter. Und wenn das, was er bei seiner Rückkehr auf die Weltbühne zeigte, erst die von ihm taxierten 70 Prozent seines Leistungsvermögens waren, dann darf man jubeln zwischen Mailand und Palermo. Abgesehen von ein paar Auszeiten, die sich der Kapitän des AS Rom gönnte, prägte er zusammen mit dem überragenden Torschützen Andrea Pirlo und dem wendigen Stürmer Luca Toni sofort wieder das Spiel dieser begeisternd offensiven Mannschaft. Sein Beitrag: Krachende Distanzschüsse, sehenswerte Tempowechsel, blitzschnelle Pässe in den Lauf der Stürmer. Überhaupt hatte es nur wenige Schwächen in dieser harmonischen Elf gegeben. Vielleicht waren das die Außenverteidiger Grosso und Zaccardo. Auch am Scharnier zwischen Abwehr und Mittelfeld muss noch geschraubt werden. Das wurde in der ersten Halbzeit deutlich, als oft eine viel zu große Kluft zwischen den Mannschaftsteilen klaffte, und der verletzte Nahkämpfer Gattuso vermisst wurde. Es eröffnete den Afrikanern mehrere Chancen, die sie aber überhastet vergaben."

Staunen

Frank Heike (Frankfurter Allgemeine Zeitung) ergänzt und nennt die wenig überraschenden Mängel Ghanas:
"Natürlich kann eine solch weitreichende Manipulationsaffäre ein Nationalteam nicht unbelastet hinterlassen, wenn selbst Akteure aus dem Herzen der Mannschaft wie Torwart Buffon involviert sind. Insofern war das kollektive Aufatmen der Italiener verständlich. Unbeeinflußt von 'Moggi-Gate' hatte Lippi seinem Team ein kluges taktisches Gerüst verpaßt, an das es glaubte und das gegen keinesfalls schwache Ghanaer bis zum Ende beeindruckend stabil blieb. Es war dann doch die offensivere Variante mit Totti als Mann hinter den Spitzen und zunächst ohne Mauro Camoranesi, der Lippi vertraute. Auch der zuletzt angeschlagene Nesta war dabei. Das ergab ein italienisches Team mit den bekannten Qualitäten: nahezu fehlerlos in der Defensive, stark im Zweikampf, kompakt im Mittelfeld, gut im Ausnutzen der Möglichkeiten und einzigartig beim Verteidigen einer Führung. (...) Die Ghanaer zeigten bei ihren drei guten Möglichkeiten im ersten Durchgang eine derart bizarre Schußtechnik, das einzig die Fans auf den oberen Rängen bedroht waren, nicht aber das italienische Tor. Es mag ein nicht auslöschbares Klischee sein, doch seit Jahren sieht man, daß viele afrikanische Fußballer immensen Nachholbedarf in Sachen Schußtechnik haben (daß Torwart Richard Kingson bei jedem hohen Ball danebengriff, erinnerte an ein anderes Vorurteil). So brachte der gekonnte ghanaische Balltransport durchs italienische Mittelfeld zwar das Publikum zum Staunen, störte die italienische Mannschaft aber nicht weiter."

Frankfurter Rundschau: Andrea Pirlo hat gegen Ghana nicht nur mit seinem Treffer seinen Wert für Italiens Nationalteam demonstriert
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USA - Tschechien

Motivation durch Lob

Thomas Rosicky – der Mann des Spiels. Thomas Klemm (Frankfurter Allgemeine Zeitung) schildert, wie ihn sein Trainer zu solch guten Leistungen bringt:
"Karel Brückner, in seiner Heimat als 'Magier' bekannt, läßt seine technisch hochveranlagten Offensivspieler zaubern, motiviert einen einst Sensiblen wie Rosicky, indem er ihn in den höchsten Tönen lobt. Brückner bat ihn, nach der Auszeichnung zum 'Mann des Spiels' noch einen Augenblick zu verweilen, um dann vor aller Ohren zu sagen: 'Ich möchte Arsenal dazu gratulieren, so einen phantastischen Spieler verpflichtet zu haben.' Bereits zuvor hatte Brückner dem jüngsten aus seiner alternden Offensivabteilung die große Bühne bereitet, ihn ausgewechselt, damit Rosicky den wohlverdienten Sonderapplaus der 20.000 Tschechen auf den Tribünen einzig und allein genießen konnte." Thorsten Jungholt (Welt) sieht das tschechische Mittelfeld als Ganzes: "Wenn Rosicky der Kopf der Tschechen ist, ist Nedved das Herz. Er stellt sich mit seinem aggressiven, laufintensiven und fintenreichen Spiel ebenso in den Dienst des jüngeren Mitspielers wie der Rest des Mittelfelds."
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Man lebt nur einmal

Daniel Theweleit (Süddeutsche Zeitung) rückt den enttäuschenden Amerikaner Landon Donovan in den Blickpunkt:
"Es gibt Menschen, die fühlen sich nur in der Heimat wohl, und wenn man ein Kalifornier ist, passiert das vielleicht besonders leicht. Für den Zauber des historisch beladenen Fußballs vom alten Kontinent hat er jedenfalls nicht mehr viel übrig. Dass seine Entwicklung darüber irgendwann zu stagnieren droht, scheint ihm mittlerweile egal zu sein. In einem Interview hat er einst gesagt: 'Jeder sagt mir, es sei so wichtig, in Europa zu spielen. So großartig. Man müsse da spielen, um auf dem nächsten Level anzukommen. Stimmt ja. Aber: Es geht doch darum, glücklich zu sein. Man lebt nur einmal.' Wenn der Herbst kommt, wird es viele große Fußballer geben, die Landon Donovan um diese Leichtigkeit, um diese Unabhängigkeit und um das Wetter in seiner Heimat beneiden."

Thomas Kilchenstein (Frankfurter Rundschau) fragt sich, wieso die USA in Europa immer verlieren und findet in Landon Donovan ein Sinnbild:
Vielleicht steht einer wie Landon Donovan stellvertretend für diese Misere. Auch er, hochbegabt, gesegnet mit einer prima Balltechnik und Übersicht, versucht seit vielen Jahren Fuß zu fassen in Deutschland – und scheitert immer wieder. Im Alter von 17 Jahren kam Donovan, der als Kalifornier natürlich die Sonne und das Surfbrett liebt, zum ersten Mal nach Deutschland. Er galt als das größte US-amerikanische Talent und wurde prompt mit einem Vertrag bis 2008 ausgestattet. Doch der Versuch missriet ihm gehörig. Womöglich war er noch zu jung, zu unerfahren, nach zwei Jahren kehrte er auf Leihbasis nach San José zurück – und blühte in der Major Soccer League prompt auf. Mehrmals wurde er zum wertvollsten Spieler gewählt. Also versuchte er es noch einmal, im Januar 2005, inzwischen gereifter, wagte er den zweiten Versuch – und wieder endete er im Nichts."
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Gruppe F

Mauerblümchendasein abgestreift

3:1 gegen Japan – Uwe Marx (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bezweifelt, dass Australien seinen nächsten Gegner Brasilien beeindruckt hat:
"Mal abgesehen vom furiosen Finale, war es keine Vorstellung, die beim Titelverteidiger Angst und Schrecken auslösen dürfte. Angetreten mit acht Spielern aus England, ging Australien lange Zeit trotz großer Hitze zwar Premier-League-Tempo, allzu erfolgreich war das allerdings nicht. Es gab eine Reihe von Chancen, aber auch ein japanisches Tor." Marx fragt sich, warum die Japaner das Tor einfach nicht treffen: "Da war sie wieder, die japanische Schwäche im Abschluß. Sie sind flink, lauffreudig, aber sie treffen das Tor zu selten. Warum es gegen Australien trotz passabler Spielsituation und guter Ansätze nicht häufiger geklappt hat, war die eine schwer zu beantwortende Frage. Die andere: Wie konnten diese Zauderer im Testspiel gegen Deutschland gleich zweimal treffen?"

In der Frankfurter Allgemeine Zeitung heißt es über das WM-Fieber im verschneiten Australien:
"Um kurz vor ein Uhr morgens brach nach dem dramatischen 3:1 über Japan auf dem fünften Kontinent kollektiver Jubel aus. Straßen wurden blockiert, Fahnen geschwenkt, Autohupen gedrückt, Schultern geklopft und Wildfremde umarmt. Trotz der winterlichen Temperaturen nicht viel über dem Gefrierpunkt hat das Fußballfieber nach dem dramatischen 3:1 höchste Temperaturen erreicht. Tausende hatten das Match im Freien auf Großbildleinwänden in den australischen Großstädten gesehen, viele Pubs waren zum Bersten voll und nutzten die verlängerten Sperrstunden. Das vielen Australiern lange Zeit suspekte 'Rundballspiel', das neben Kricket und Rugby ein Mauerblümchendasein fristete, ist endlich erwacht."

Gruppe G

Geringschätzung abgelegt

So weit ist die Schweiz schon – Felix Reidhaar (Neue Zürcher Zeitung) weiß nicht, ob er mit dem 0:0 gegen Frankreich zufrieden sein soll:
"Ein Remis gegen die Franzosen an einer Weltmeisterschaft: Wer dies vor gut einem halben Jahrzehnt einer Schweizer Nationalauswahl angeboten hätte, wäre mit schrägem Blick betrachtet worden. Heute sind die Ansprüche, ist der Appetit mit zunehmendem Erfolg und Selbstvertrauen gestiegen und hat die internationale Gegnerschaft ihre Geringschätzung gegenüber jahrzehntelang marginalen Mannschaften aus unserem kleinen Land abgelegt. Als Team der Youngster mit erheblichem Potenzial wird Köbi Kuhns Team inzwischen weitherum ernst genommen. Jetzt ist dieses Unentschieden – und man weiss nicht so recht, ob man sich nun darüber freuen oder ärgern soll."
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Große Erwartungen

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) berichtet über das Spiel auf der Folie Zukunft gegen Vergangenheit:
"Jakob Kuhn vertraute seiner Jugendmannschaft, einem Team mit einer Reihe von Spielern knapp jenseits der Zwanzig, und der sollte die Hitze von 32 Grad im Schatten eigentlich nichts ausmachen. Sein Kollege Raymond Domenech dagegen setzte auf das letzte Hurra der 98er Alt-Weltmeister jenseits der Dreißig mit dem nationalen Superheros Zinedine Zidane vorneweg. Andererseits muteten große Teile der ersten Halbzeit so an, als drängte es gleich mehrere Franzosen in den vorzeitigen Kicker-Ruhestand. Maitre Zidane, dem eine exzellente Vorlage glückte, fiel deswegen mit seinem Go-slow-Rhythmus nicht weiter unangenehm auf. Um ihn herum bauten sich ebenfalls so manche Standbilder auf. Ein Glück für die behäbigen Franzosen, daß auch die Schweizer nicht gerade im Temporausch waren. Da die Eidgenossen außerdem von großem Respekt gegenüber den großen Namen ihres Gegners erfüllt schienen, dösten viele Zuschauer gefahrlos vor sich hin."

Andreas Burkert (Süddeutsche Zeitung) reibt sich den Schlaf aus den Augen:
"Zwischen zwei Favoriten auf den Gruppensieg entwickelte sich früh jenes zähe Strategiespiel, das sie bereits in den beiden ohne Sieger beendeten Duellen der WM-Qualifikation aufgeführt hatten. Der Herausforderer wirkte lange noch nervöser als die Franzosen. Groß sind die Erwartungen im kleinen Nachbarland, sich bei diesem Turnier womöglich endgültig emanzipieren zu können als wettbewerbsfähiger Spielpartner der Großen. Wohl mehr als 40.000 waren in die Stadt gekommen und lärmten mit ihrem unvermeidlichen Hopp Schwyz!, gut die Hälfte von ihnen besaß ein Ticket und sorgte für Heimspielatmosphäre im sehr heißen Cannstatter Brutkästle."
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Gruppe H

Land der vielen Wahrheiten

Warum lesen wir so wenig über die Ukraine, eins der spannendsten Länder unter den 32 Teilnehmernationen? Andreas Rüttenauer (Tageszeitung) befasst sich mit dem Identifikationsangebot der ukrainischen Nationalelf und ihres Trainers:
"'Alles Diebe!' Diese zwei Wörter bekam man im Sommer 2005 in Lemberg oft zu hören, wenn von der ukrainischen Obrigkeit die Rede war. Der Hass zielte vor allem auf die Abgeordneten des Parlaments. Einer von ihnen war Oleg Blochin. Der ehemalige sowjetische Fußballnationalspieler sitzt bis heute für die Sozialistische Partei im Kiewer Parlament. Noch immer wird er von den Reformern deswegen heftig kritisiert. Die Politiker aus der vorrevolutionären Zeit gelten bei vielen als korrupt. Ein Antikorruptionsgesetz hätte Blochin beinahe den Job als Trainer der Nationalmannschaft gekostet. Kein Abgeordneter, heißt es in dem Regelwerk, dürfe einer zweiten offiziellen Tätigkeit nachgehen. Zu viele Deputierte hatten sich am Staat bereichert. Blochin wollte Abgeordneter bleiben, legte kurzzeitig sein Traineramt nieder. Nachdem er erklärt hatte, er wolle ehrenamtlich Nationaltrainer sein, durfte er wieder für den Fußballverband arbeiten. Umstritten ist er bei den Reformern immer noch – auch weil er als Politiker die Westorientierung Juschtschenkos ablehnt und eine enge Anbindung der Ukraine an Moskau befürwortet. (...) Die Ukraine ist ein gespaltenes Land, ein Land, in dem es viele Wahrheiten zu geben scheint. Auch wenn die Nationalmannschaft von allen verehrt wird, so wird sie kaum die große nationale Einigung auslösen können. Das liegt auch an der Person des Trainers: Oleg Blochin."
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Frankfurter Rundschau: Blochin ist ruppig, aber erfolgreich
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Hirngespinst von Journalisten und Intellektuellen
Ronald Reng (Süddeutsche Zeitung) entlarvt den Mythos von der zersplitterten Fußballnation Spanien, der oft als Grund für das frühe Ausscheiden bei großen Turnieren herhalten muss. Spanien sei schlicht nicht besser und lange nicht so gut wie seine Vereinsmannschaften:
"Die Erfolge seiner Vereine lassen den Kontrast nur stärker erscheinen: Warum gewinnt die Nationalelf nie etwas? Spanien war einmal, 1964, Europameister, seitdem hat sich seine Auswahl als permanente Enttäuschung im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Nie kam sie bei einer Weltmeisterschaft über das Viertelfinale hinaus. Spaniens Elf wird von beinahe absoluter Erwartungslosigkeit begleitet. Man glaubt doch schon zu wissen, wie es ausgeht: Spanien ist die Schönheit, die am Ende im Staub liegt. Zu Recht? Mit jedem neuen Viertelfinal-Ende gewann das Argument mehr Kraft, Spanien könne gar keine starke Nationalelf stellen, sei es doch nicht einmal eine einige Nation. Regionen wie das Baskenland oder Katalonien gebärdeten sich autonom, da mangele es an Identifikation mit der seleccion. Tatsächlich kann im Baskenland noch immer kein Länderspiel ausgetragen werden, auch wenn die Terrorgruppe Eta nun den Waffenstillstand ausgerufen hat. Und mittlerweile veranstaltet jede Region in Spanien zweimal im Jahr ihr eigenes Pseudo-Länderspiel. Da spielt dann Katalonien gegen Paraguay oder gar die Mini-Provinz Murcia gegen Kamerun. Doch die Idee, die Leistung der Nationalelf leide unter diesem Provinzialismus, ist ein Hirngespinst von Journalisten und Intellektuellen, die den Fußball mit gesellschaftlichen Interpretationen überhöhen wollen. Die Unterstützung der Fans ist so feurig wie anderswo. (...) Die tragische spanische WM-Bilanz lässt sich auch anders betrachten: Bei den jüngsten fünf Turnieren erreichten die Teams dreimal das Viertelfinale; wie viele Länder können das von sich sagen? Es sind die prächtigen Erfolge der Vereine, die Spaniens Auswahl schlecht aussehen lassen, doch spanische Vereine verlassen sich schon wegen der historischen Verbindung zu Südamerika traditionell stark auf ausländische Stars. Ein einziger Spanier wurde je Europas Fußballer des Jahres, Luis Suárez im Jahr 1960. Man lässt sich zu leicht von ihrem Stil täuschen. Spanier behandeln den Ball mit Zuneigung, die jetzige Elf ist ein Prachtbeispiel: Mit olé! bewegt sich der Ball im Mittelfeld. Schön spielende Mannschaften sehen meist besser aus, als sie sind. Diesem Spanien etwa fehlen Kälte und ein überragender Torjäger."
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Geteilte Meinung

Elisabeth Schlammerl (Frankfurter Allgemeine Zeitung) schildert die schwierige Aufgabe, Saudi-Arabien zu trainieren:
"Fußball ist in Saudi-Arabien eine Angelegenheit der Königsfamilie. Elf Prinzen sind in Deutschland dabei, haben feine Suiten in feinen Hotels bezogen. Die Familie läßt sich die wichtigste Sportart des Landes einiges kosten, die Nationalspieler werden reichlich entlohnt. Die Angaben für die Höhe der Prämien bei dieser WM sind unterschiedlich, für das Erreichen des Achtelfinales soll es für jeden Spieler 126.000 Euro geben. Der Trainer verdient natürlich auch sehr gut. Allerdings hat sich bisher kaum einer sehr lange auf dem Posten gehalten. In elf Jahren wurden 15 Trainer entlassen. Die Qualifikation für die WM ist noch lange keine Garantie, dann auch bei der Endrunde noch auf der Bank zu sitzen. Manchmal reichen schon ein paar schlechte Testspiele aus, um sich den Zorn der ungeduldigen Königsfamilie zuzuziehen – und davongejagt zu werden. So ist es zuletzt dem Argentinier Gabriel Calderon ergangen, der Marcos Paqueta vor einem halben Jahr weichen mußte. Auch Paqueta weiß, was ihm blüht, wenn die Mannschaft nicht die Erwartungen der königlichen Familie und des stolzen Volkes erfüllt. Und die Erwartungen sind immer hoch seit dem guten Abschneiden bei der WM 1994 in den Vereinigten Staaten, als Neuling Saudi-Arabien in der Vorrunde Marokko und Belgien bezwang und ins Achtelfinale einzog. Die Meinung über Paqueta in Saudi-Arabien ist ohnehin geteilt. Zum einen, weil der 63 Jahre alte Brasilianer keine internationale Erfahrung hat. Sein größter Erfolg war der Meistertitel im vergangenen Jahr mit dem saudischen Klub Al-Hilal aus Riad, zuvor hatte er mit dem Nachwuchs in Brasilien gearbeitet. Zum anderen, weil es auch unter ihm in den Vorbereitungsspielen keine guten Resultate gab. Unentschieden gegen Schweden, Finnland und Europameister Griechenland genügen den hohen Ansprüchen in Saudi-Arabien eben nicht."

Süddeutsche Zeitung: Porträt Roger Lemerres, Trainer von Tunesien
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Frankfurter Rundschau: Ein Sieg gegen Saudi-Arabien ist Pflicht – Tunesien will im vierten Anlauf zum ersten Mal die zweite Runde eines WM-Turniers erreichen
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