Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

Presseschau vom 13.06.2006

13.6.2006
Heute in der Presseschau: Kritik an den Mannschaften Englands, Portugals und der Niederlande. Außerdem wird der 3:1-Sieg der Mexikaner gegen den Iran ergründet. Und: Zweifel an den Brasilianern.

Heute in der Presseschau: Kritik an den Mannschaften Englands, Portugals und der Niederlande. Außerdem wird der 3:1-Sieg der Mexikaner gegen den Iran ergründet. Und: Zweifel an den Brasilianern.

Ball und Buchstabe



Sklavenhalter-Mentalität

Der Brasilianer Dida hat die Chance, als erster schwarzer Torhüter den Weltmeistertitel zu erringen. Der brasilianische Bestseller-Autor ("Futebol") Alex Bellos (Tageszeitung) knüpft daran seine Hoffnung, dass Brasilien ein Stück freier werden könnte:
"1958 war Brasilien das erste multirassische Team, das die WM gewann. Der einzige andere WM-Gewinner mit einer Vielfalt an Farben ist Frankreich (1998). Doch in Frankreichs Fall lag es an der künstlichen Immigration aus den Ex-Kolonien, nicht an der Rassenmischung. Brasilien hat den Ruf der Rassentoleranz, oft verknüpft mit der Pro-Rassenmischung-These, die in den 1930ern von dem Soziologen Gilberto Freyre verbreitet wurde. Und das ist vermutlich eines der größten Missverständnisse. Es stimmt, dass die Rassenfrage in Brasilien sich stark von jener in den USA oder Europa unterscheidet. Dass die afrobrasilianische Kultur viel stärker akzeptiert und gefeiert wird als die afroamerikanische Kultur in den USA. Demokratie ist das trotzdem nicht. Statistiken bringen das zutage. Schwarze verdienen in Brasilien viel weniger als Weiße, und zwar 50 Prozent laut einem UNO-Bericht. Afrobrasilianer stellen fast die Hälfte von Brasiliens 180 Millionen Einwohnern, aber 63 Prozent der Armen. Das Fehlen gleicher Chancen ist offensichtlich, wenn man durch eine beliebige Stadt fährt. Je ärmer, desto schwärzer. Vor allem schockiert die Ausbeutung von Hausmädchen durch die Mittelklasse. Besserverdienende Familien sind fast alle weiß und haben schwarze Hausmädchen. Diese Hausmädchen arbeiten fast rund um die Uhr für wenig mehr als den Mindestlohn. In der Regel dürfen sie nicht an einem Tisch mit den Weißen essen. Sie leben in winzigen, fensterlosen Bereichen im hinteren Teil des Hauses. Ganz so, als sei die Sklaverei nie abgeschafft worden. Sie wurde selbstverständlich abgeschafft. 1888, das ist mehr als ein Jahrhundert her. Aber das war später als in jedem anderen Land im Westen. Die weiße Elite hat sich eine Sklavenhalter-Mentalität bewahrt, das soziopolitische Profil des Landes hat sich seit der Kolonialzeit dementsprechend kaum verändert. (...) Wenn Brasilien die WM 2006 gewinnt, wird Ronaldinho als Anführer in den Klub der Allergrößten aufsteigen, zur Rechten Pelés, Garrinchas und Maradonas. Aber wenn Brasilien mit einem schwarzen Torhüter den Pokal gewinnt, macht es einen echten Schritt in Richtung echter Rassendemokratie. Pelé war Rollenmodell für alle Schwarzen. Dida kann den nächsten Durchbruch bringen. Nicht nur für Brasilien, sondern auch für die ganze Welt. Und eines Tages wird ein schwarzer Trainer die WM gewinnen."
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Tageszeitung: Fußballverbände in Afrika sind von Korruption und Vetternwirtschaft befallen, siehe Togo. Doch die Söldnerriege weißer Fußballtrainer spielt munter mit beim Ausverkauf afrikanischer Mannschaften
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Tageszeitung: Der togoische Oppositionelle Sese Rekuah Ayeva über den Fußball-Verband seiner Heimat und den richtigen Trainer
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Prozentfußball

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bemäkelt die 1:0-Siege Englands, Hollands und – besonders – Portugals:
"Die besten Kicker dieser drei Länder verfolgen auf ihrer Deutschlandtournee nur ein Ziel: den Titelgewinn. Der Weg dorthin ist lang, die Hitze derzeit groß, so daß die Spieler zu Beginn des Turniers das tun, was sie in ihren Spitzenklubs bei den Duellen mit Außenseitern auch zu tun pflegen: Sie sparen Kraft, verdichten ihre Konzentration auf das Nötigste und bringen einen knappen Vorsprung mehr oder weniger sicher über die Zeit. Heraus kommt genau der Prozentfußball, der den Betrachtern berechnend, kühl und emotionsarm vorkommt. Die atmosphärisch heiß aufgeladene Warm-up-Phase in den Punktspielen fördert eben jene Punktspielmentalität zutage, die den Profis über die Saison eingetrichtert wird. Am zuschauerfeindlichsten haben die Portugiesen den Spagat zwischen der nötigen Gewinnpflicht und der Vermeidung unnötiger Kollateralschäden hinbekommen. Sie schossen ihr Siegtor gegen die nicht weiter aufmuckenden Angolaner derart früh, daß sie ihr Energieprogramm danach schon auf Schongang umschalten konnten. Die Pfiffe des Publikums, das in festlicher Erwartung gekommen war, nahmen die Portugiesen lächelnd und billigend in Kauf. (...) Was tun auf der Seite der Konsumenten? Vielleicht mal den Biergarten vorziehen und auf die Knock-out-Runde warten. Spätestens vom Achtelfinale an heißt es dann, die oder wir; wer dann nicht die Bremse lockert, wird sowieso überholt und abgehängt - im höchsten Tempo."
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Frankfurter Rundschau: Zur WM herrscht in der umstrittenen Sportwettbranche in Deutschland eine Art Waffenstillstand – aber das große Geschäft wird für die Anbieter dennoch ausbleiben
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Telepolis: Lückenlose Ticket-Kontrolle gescheitert
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Gruppe B



Gruppenbildungen

Jörg Marwedel (Süddeutsche Zeitung) befasst sich mit dem Innenleben der Schweden:
"Außerhalb des Teams wird nun auch über etwas diskutiert, was womöglich viel gravierender ist als ein Dissens über lange Bälle. Manche schwedische Beobachter mutmaßen, der Teamgeist habe generell gelitten während der vergangenen sechs Jahre, in denen bei Europa- und Weltmeisterschaften gerade mal zwei Siege in zwölf Spielen heraussprangen. Der Teamgeist galt immer als die große Stärke der Skandinavier, deren Gemeinschaft sich mancher so idyllisch vorstellte wie einst das Lindgren-Dörfchen Bullerbü. Das stimmte so absolut natürlich nie, eine Profimannschaft ist nun mal keine Idylle. Aber der Zusammenhalt war doch eine Stärke, die oft sogar fehlende Kreativität kompensierte. Die Turbulenzen nach dem Fehlstart in diese WM scheinen die Skeptiker zu bestätigen. Von Gruppenbildungen ist die Rede."

Gruppe C



Streitlustig

Van Persie lästert über Robben – Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) diagnostiziert das Holland-Syndrom:
"Puh. Es ist jetzt also wieder so weit: Holland streitet. Es ist ja eine seltsame Art von Todessehnsucht, die dieser Fußball in sich trägt; immer wenn ein Titelgewinn bedrohlich näher rückt, muss man sich schnell einen Streit einfallen lassen. Die legendäre 1990er-Mannschaft war ebenso streitlustig wie die Generation darauf, in der die Surinam-Fraktion um Kluivert, Seedorf und Davids, den Torwart van der Sar nicht beim Jubeln dabei haben wollte. Es war keine gute Nachricht für den Rest der Welt, dass die aktuelle Elf jetzt als die friedliebendste seit Erfindung der Tulpenzwiebel angekündigt wurde. Denn wenn Holland sich lieb hat, ist es schwer zu schlagen, und als Gewährsmann des neuen Waffenstillstandes galt Teamchef Marco van Basten, dem die Kampfhandlungen von 1990 noch so prägend in Erinnerung sind, dass er die Veteranen Kluivert, Seedorf und Davids aus seinem WM-Kader ausgeladen und durch Pazifisten ersetzt hat. Und jetzt das: van Persie versus Robben." Sven Flohr (Welt) erachtet die Kritik van Persies als Kleinigkeit: "Zwar gelten van Persie und Robben nicht als Freunde, dennoch waren sie am Tag danach bemüht, den ersten Riß in der niederländischen WM-Harmonie zu kitten. Der Rechtsaußen wollte seine Kritik als konstruktiv verstanden haben, der Linksaußen nahm die ausgestreckte Hand entgegen und verzieh dem Konkurrenten. Er habe es bestimmt nicht böse gemeint. Vielleicht hatte Robben am Morgen ja schon gehört, daß der große Johan Cruyff den Streit für nichtig erklärt hatte. Und was er sagt, ist rund um Amsterdam immer noch Gesetz."
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Gruppe D



Heimatliga-Auswahlteam

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) ergründet den 3:1-Erfolg der Mexikaner über Iran:
"Die Kraft des Kollektivs und der Kontinuität: Solche Heimatliga-Auswahlteams, aus Spielern, deren Namen in Europa kaum einer kennt, eröffnen die Möglichkeit des langen Einspielens und Abstimmens, die europäischen Trainern zumeist fehlt. Die Mexikaner haben sich mehr als acht Wochen lang auf die WM vorbereiten können. Die Liga machte so lange Pause. Der schnauzbärtige Trainer Ricardo La Volpe, ein Argentinier, der sonst eher aussieht wie der Finsterling aus einem Karl-May-Film an einem besonders schlechten Tag, rang sich nach dem Sieg ein Lächeln ab und dankte pflichtschuldigst 'den Präsidenten und Klubbesitzern dafür, daß wir uns so lange auf die WM vorbereiten durften'."

Flaneur im Sturm

Andreas Burkert (Süddeutsche Zeitung) findet einen Grund für die Niederlage des Irans:
"Kein WM-Team erlaubt sich einen 37-jährigen Flaneur im Sturm, wie dies Trainer Ivankovic stur mit Kapitän Ali Daei durchzieht. Der frühere Bundesligaprofi ist weder Anspielstation noch wirkungsvolle Vorhut im von läuferischem Aufwand gestützten 4-4-2-System. Der alte Mann mit dem Schnäuzer stand 90 Minuten auf dem Feld, viel lief er nicht, und irgendwann konnten die Kameraden diesen Nachteil nicht mehr ausgleichen in der Hitze. Möglicherweise löst sich ein Problem der Iraner nun von selbst: Daei hat sich am Rücken verletzt."

Wiebke Hollersen (Berliner Zeitung) hat denselben Eindruck:
"Am riesigsten und steifsten wirkte Ali Daei. Der Kapitän der Iraner ist immer noch 1,92 Meter groß, seine Positionsbezeichnung lautet immer noch: Stürmer, er füllt sie nur nicht mehr aus."

Die Frankfurter Rundschau geht einen Schritt weiter und fordert, dass der Routinier auf die Bank gesetzt wird:
"Einig waren sich die Beobachter ob der Leistung des ohnehin umstrittenen einstigen Bundesligaspielers. Der Veteran des iranischen Fußballs hat seinen Zenit längst überschritten. Der Kapitän muss von Bord."
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Gruppe D



Zunehmende Erwartungen

Thomas Klemm (Frankfurter Allgemeine Zeitung) erklärt den Missmut über die Portugiesen, die Angola 1:0 bezwingen:
"Es ist ihr guter Ruf, an dem die Nationalmannschaft zu leiden hat, wenn sie sich schmucklos ins Ziel schleppt. Als 'Brasilien Europas' wird die europäische Selecção gerne bezeichnet, und weil die Ballkünstler aus Lusitanien in den vergangenen sechs Jahren nicht nur schön, sondern auch ziemlich erfolgreich spielten, sind die Erwartungen zunehmend größer geworden."

Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) wagt einen Vergleich zwischen Fernando Meira und Werner Liebrich:
"Für Abwehrspieler ist die Mittellinie schon lange keine Grenze ihres Arbeitsbereiches mehr, Vorstöße ins Territorium des Gegners gehören eigentlich sogar fest zur Spielweise der Defensivleute von heute. Aber Fernando Meira scheute das Übertreten der Mittellinie, als würde ein Werner-Liebrich-Gedächtnispreis vergeben. Dem knorrigen Verteidiger des deutschen Weltmeisters von 1954 hatte Sepp Herberger einst nämlich streng eingeschärft, bloß nicht in des Gegners Hälfte aufzutauchen, und der portugiesische Abwehrspieler hielt sich mehr als fünf Jahrzehnte später immer noch daran."

In großer Form

Ralf Itzel (Berliner Zeitung) ist es eine Freude, Luis Figo zuzuschauen:
"Zwar endete die Partie mit langweiliger Ergebnisverwaltung, aber den Iberern blieb neben den Punkten die Erkenntnis, dass sich Luis Figo in großer Form befindet. Vor einem Jahr bei Real Madrid aussortiert, hat er sich nun bei Inter Mailand gefangen und geht sichtlich motiviert in sein letztes großes Turnier. Er ersetzte im offensiven Mittelfeld den angeschlagenen Deco. Immer wenn er sich die Kugel schnappte, gewann Portugals Spiel an Klarheit."
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Viva Colonia

Angola-Rufe hallten durch das ganze Stadion – Daniel Theweleit bekommt Gänsehaut (Tageszeitung):
"'Orgulho' – stolz war das von den Angolanern meist gebrauchte Wort nach der Partie, und es war angemessen wie selten. Wenn man ein neutrales Publikum, das zunächst aus Langeweile über ein wenig berauschendes Fußballspiel 'Viva Colonia' und 'Kölle Alaaf' singt, wirklich hinter sich bringt, ist das schon allerhand. Schließlich setzt sich das angolanische Team weitgehend aus Spielern unterklassiger Klubs in Europa sowie aus in Angola kickenden Akteuren zusammen."
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Gruppe F



Satt?

Peter Heß (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bezweifelt die Göttlichkeit der Brasilianer im Allgemeinen und die Ronaldos im Besonderen (für den wir den Spitznamen "Obelix" vorschlagen):
"Kann Brasiliens beste Auswahl den Anspruch erfüllen, perfekt zu sein? Im Zweifelsfall nicht. Wer in Deutschland ein brasilianisches Spektakel erwartet, der hat die WM 1994 vergessen und den Werdegang des Nationaltrainers Parreira verdrängt. Der heute 63 Jahre alte Coach führte damals in den Vereinigten Staaten sein Team mit einer ausgeprägten Defensivtaktik zum Titel. Nicht, daß spielerische Begabung Parreira suspekt wäre, aber er hat nun mal nie professionell Fußball gespielt und seine Laufbahn als Konditionstrainer begonnen. Die Dungas oder Emersons dieser Fußballwelt stehen ihm näher als die Ronaldinhos und Kakas. Die Partien würden durch Intensität und Ausdauer gewonnen. In dieser Hinsicht hatten Teams, die Parreira betreute, noch nie Defizite, diesmal könnte das anders sein. Die Außenverteidiger Roberto Carlos und Cafu sind in die Jahre gekommen. Dazu leisten die Offensivspieler Ronaldinho und Adriano genausowenig Defensivarbeit wie Ronaldo, der zudem den Nachweis seiner körperlichen Topform noch erbringen muß. Brasilien könnte bei Ballverlusten gegen starke, schnell und mutig konternde Gegner ein Abstimmungsproblem in der Rückwärtsbewegung bekommen. Zudem sind einige Spieler satt geworden. Ronaldo, zum Beispiel, empfindet mittlerweile jeden Zweifel an seinen Fähigkeiten als Majestätsbeleidigung. Pele bezeichnete er als Dummkopf. Die Legende hatte es gewagt, ihn zu kritisieren. Von den Fans seines Klubs Real Madrid forderte Ronaldo, ihn mehr zu lieben, weil er sonst nicht länger dort Fußball spielen könne. Immerhin hat er Staatspräsident Lula da Silva großmütig verziehen, daß er öffentlich fragte, ob Ronaldo nun zu fett sei oder nicht. Aber der Angreifer ließ erst Gnade walten, nachdem sich Lula per Fax entschuldigt hatte."
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Berliner Zeitung: Kroatien will der Übermacht der Brasilianer mit einer Kontertaktik begegnen
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Gruppe G



Es werden noch einmal Wunder von ihm erwartet

Ralf Itzel (Financial Times Deutschland) freut sich auf die Abschiedstour Zinedine Zidanes:
"Jetzt kann man ihn nochmal live beobachten, den genialsten Fußballer seit Maradona, den elegantesten seit Beckenbauer, den teuersten der Geschichte. Er ist eine Ikone, und die Nostalgie der Bewunderer, angetrieben durch das nahe Adieu, verklärt seine Heldentaten zusätzlich. Und so werden noch einmal Wunder von ihm erwartet. Er ist immer noch für Kostbarkeiten gut, vielleicht vier, fünf pro Halbzeit. Aber die gesamte Partie bestimmen wie früher? Das kann er wohl nicht mehr. Man wird bei dieser WM einen anderen Zidane sehen. Nicht mehr jeder Spielzug läuft jetzt über ihn; des öfteren lässt er sich den Ball schon weiter hinten geben, weil vorne zu viel Betrieb ist und er sich nicht mehr so vom Gegner lösen kann; Dribblings wagt er weniger. Der Kapitän ist jetzt auch auf andere Art wertvoll für die Mannschaft. An einem wie ihm, der alles erlebt hat, richten sich die Kollegen auf in den schwierigen Momenten. Die wird es geben bei diesem Turnier, auch für ihn. Wie schön, dass er nochmal dabei ist."

Gescheiterter Revolutionär

Christian Eichler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) schildert die Wende in der Strategie des französischen Trainers:
"Raymond Domenech hat sich für Barthez als WM-Torwart entschieden und damit gegen den zuletzt besseren Gregory Coupet, der vor Wut aus dem Trainingslager abreisen wollte und nur mit Mühe von einem Eklat abgehalten werden konnte. Man kann diesen Vorgang leicht als Kapitulation des früheren Idealisten Domenech interpretieren, der sich, ganz die klassische Geschichte des gescheiterten Revolutionärs, mit den Figuren und Strukturen, die er einst ändern wollte, arrangiert hat. Tenor: Die Alten haben ihn kleingekriegt, den fröhlich angetretenen Innovator. (...) Nun hoffen viele Franzosen auf den 23jährigen Franck Ribery, der bei drei Einwechslungen in den Vorbereitungsspielen als mutiger Tempodribbler begeisterte und dem viele eine WM-Rolle in der Startelf wünschen und nicht nur eine als Joker. Endlich ein neuer Impuls für das erstarrte französische Angriffsspiel, als Ersatz für Zidane? Domenech winkt ab: Ribery müsse noch warten. Was so viel heißt wie: bis nach der WM; bis nach Zidane. Denn den einst weltbesten Spieler, den er zurückgewann fürs Team, kann Domenech nicht auf die Bank setzen, ohne sich selbst zu demontieren. Der Mann, der antrat, das Team zu verjüngen, klammert sich nun an den großen Alten."

Jahrfünft der Einmaligkeit?

Die Neue Zürcher Zeitung blickt gespannt auf den Einstand ihrer "Nati":
"Über den Schweizer Fussball wölbt sich ein Spannungsbogen. Zwischen 2004 und 2008 nimmt das Nationalteam an drei grossen Turnieren teil - eine Konstellation, die einmalig oder zumindest aussergewöhnlich ist. Trainer Köbi Kuhn, der Architekt des Projekts, liegt gegenüber dem 2003 entworfenen Bauplan zeitlich im Vorsprung. (...) Was wohl geschähe, würde das Schweizer Team in Deutschland kalt geduscht? Die Gewissheit, als Gastgeber an der EM 2008 dabei zu sein, mag Planungssicherheit vermitteln; und die Vorstellung, Kuhn werde Ende Juni nicht mehr fest im Sattel sitzen, scheint derzeit recht abenteuerlich. Doch ist eine Mannschaft einmal gescheitert, betritt sie einen Weg mit gar vielen Unwägbarkeiten. Dem Frieden bedingungslos zu trauen, ist selten klug. Die kühnsten Träume in Ehren – die Achtelfinal-Qualifikation bedeutete für die Schweiz einen grossen Erfolg. Will die SFV- Auswahl die Grenzen weiter nach oben verschieben, muss sie allerspätestens im Viertelfinal einen 'Grossen' besiegen – was ihr seit 1993 und dem 1:0 gegen Italien nie mehr gelungen ist. Erst das Ende dieser Serie würde spürbar machen, dass sich im Jahrfünft 2004-2008 aus Schweizer Sicht eine Situation der Einmaligkeit verbirgt."
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Gruppe G



Knorrig

Gregor Derichs (Frankfurter Allgemeine Zeitung) stellt die Arbeit des südkoreanischen Trainers vor:
"Die Arbeit mit seiner neuen Mannschaft gefällt ihm. Fast nichts mehr erinnert Dick Advocaat an seine vorletzte Trainerstation, obwohl er wieder in Gladbach ist. Allerdings nicht in Mönchengladbach, sondern in Bergisch Gladbach. 'Die Arbeit in Korea ist für einen Trainer einfacher als bei einer europäischen Mannschaft. Die Spieler sind sehr diszipliniert', sagt Advocaat. In Europa hingegen sei es eine Lieblingsbeschäftigung der Spieler in Vereins- und Nationalmannschaften, ständig mit dem Trainer zu diskutieren, 'in Korea folgen sie dem Trainer und machen ihren Job'. Diesen Gehorsam schätzt der Mann. Bei seinem nicht einmal sechs Monate dauernden Gastspiel als Trainer von Borussia Mönchengladbach lernte Advocaat diesen von ihm kritisierten Wesenszug der Profis, ihren Coach zu hinterfragen, zur Genüge kennen. Der Holländer, den sie in der Heimat den 'kleinen General' nennen, trat mit einem Erziehungsauftrag im November 2004 an. 'Man muß mit Fußballprofis sprechen wie zu Kindern, sie müssen machen, was ich sage. Wenn nicht, dann kriegen sie ein Problem. Ich bin ein Disziplinmann', warnte er. Im April 2005 war das Regiment der strikten Richtlinien beendet. (...) Die Koreaner fragen sich, ob Dirk Nicolaas Advocaat wirklich ein Landsmann von Guus Hiddink sei. Der weltläufige, freundliche und redselige Hiddink hatte im Lande des Mitgastgebers der WM 2002 einen Heldenstatus erlangt, als er das südkoreanische Team in das Halbfinale führte. Hiddink wurde zum Liebling der Massen. Er ist vom Charakter und Wesen der Gegenentwurf zum knorrigen, oft verbissen wirkenden Advocaat."

Gruppe H



Er verkrampft vor lauter Wille
Ronald Reng (Tageszeitung) schreibt über den Hintergrund der dauerhaften Formschwäche Ráuls:
"Real Madrids Verpflichtung von Ronaldo vor vier Jahren nahm ihm seinen natürlichen Platz. Ronaldo braucht Raum und den Pass in die Tiefe, dann rollt er. Rául, eigentlich ein klassischer, lauernder Strafraumstürmer, musste sich für ihn aus der ersten Reihe zurückziehen, später krallte sich der Misserfolg Real, ein Trainer nach dem anderen hantierte an der Taktik herum und schob Raúl hin und her, bis ins linke Mittelfeld. Ronaldo aber behielt immer seine Position, Ronaldo, der feiern ging und die Arbeit scheinbar nicht so wichtig nahm. Raúl hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, man könnte auch sagen, er ist nachtragend. Seine Abneigung gegen Ronaldo ist ein offenes Geheimnis. Aber er hat nie vehement dagegen protestiert, dass er für Ronaldo geopfert wurde. Raúl hat sich in die Rolle des Staatsmannes des spanischen Fußballs drängen lassen, er fühlt sich bei Real für alles verantwortlich – er traut sich nicht mehr, zuerst an sich selbst zu denken. Er glaubt, er müsse immer für die Mannschaft einstehen. In einem Verein, der seit drei Jahren täglich für seinen Misserfolg unter Beschuss steht, ist das eine Position, die einen zerdrücken muss. In seiner Unbedingtheit, die alte Form zurückzuholen, scheint es ein Hindernis zu sein: Er verkrampft vor lauter Wille."
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