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Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

23.5.2006

Presseschau vom 23.05.2006

Heute in der Presseschau: Die Zukunft von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Außerdem: Welche langfristigen Auswirkungen wird der Moggi-Skandal nach sich ziehen? Und der Jubel über Rot-Weiß Essens Wiederaufstieg in die zweite Bundesliga.

Heute in der Presseschau: Die Zukunft von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder. Außerdem: Welche langfristigen Auswirkungen wird der Moggi-Skandal nach sich ziehen? Und der Jubel über Rot-Weiß Essens Wiederaufstieg in die zweite Bundesliga.

Am Grünen Tisch

Spitzenmann aus der Fußballprovinz

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) wertet die Ankündigung Gerhard Mayer-Vorfelders, auf seine Funktionärsämter in der Uefa und der Fifa auch nach seinem Ausscheiden als DFB-Präsident nicht zu verzichten, als Affront gegen Theo Zwanziger:
"Alte Männer sind oft hartleibig, und sei es nur, um einem Rivalen eins auszuwischen. Daß Mayer-Vorfelder in einem Interview so tat, als sähe er seine Aufgabenvielfalt als Opfer für sein Land an, dürften selbst die weniger gewordenen Gefolgsleute des zuletzt wochenlang herzkranken Multifunktionärs nicht mit allerletzter Gläubigkeit nachempfinden. In Wirklichkeit sieht der einsame und von vielen als ablösungsbedürftig angesehene Funktionär seine letzten Bastionen jenseits von Deutschland, wo im Kreise von Gleichgesinnten und Gleichalten auch schon mal ein kritisches Wort über den Kollegen Zwanziger auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Zwanziger wiederum gehört zu jenen ungeduldigen, zum Aufbrausen neigenden Aufsteigern im deutschen Sport, denen vieles nicht schnell genug gehen kann. (...) Zwanzigers qua Amt gerechtfertigter Anspruch, in der Uefa oder Fifa entscheidend mitzureden, steht außer Frage. Dabei könnte der in Deutschland als Krisenmanager, Projektleiter oder findiger Kopf bewährte DFB-Spitzenmann noch an Profil gewinnen. Ein Heimspiel stünde dem alles andere als polyglotten Zwanziger im Klub der europäischen Spitzenfunktionäre, in den er erst einmal gewählt werden müßte, nicht bevor. Daß ihm aber ausgerechnet sein nationaler Präsidentenkollege schon den Eintritt in die Europaliga so lange wie möglich verwehren will, illustriert auch, daß sich der mehrmals um den Erdball gereiste 'MV' von der deutschen Fußballprovinz nie allzu weit entfernt hat."

Die Welt: Interview mit Gerhard Mayer-Vorfelder, auf das sich Roland Zorns Kommentar bezieht!
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Süddeutsche Zeitung: Matthias Sammer und Oliver Bierhoff diskutieren schon 18 Tage vor der WM, wer von ihnen nach dem Turnier den neuen Bundestrainer für den dann mutmaßlich geschassten Klinsmann suchen darf
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Die Tageszeitung: Auch wenn ihn viele gerne als Privatier sähen – Reiner Calmund ackert dampfplaudernd als Nordrhein-Westfalens WM-Botschafter
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Ball und Buchstabe

Grotesk

Unter dem Titel "Die Welt zu Gast bei Nazis" kommentiert Dietmar Bartz (tageszeitung/Seite 1) das Vorhaben von Rechtsextremen, beim Spiel Angola gegen Iran in Leipzig ihre Solidarität mit dem Holocaust-Leugner Ahmadinedschad zu demonstrieren:
"Vielleicht haben die Neonazis einen Fehler begangen. Ausgerechnet Leipzig! Es gibt wohl keine deutsche Großstadt, in der in den letzten Jahren so anhaltend so viele Demokraten gegen rechtsradikale Aufmärsche auf die Straße gegangen sind. Mehrfach haben örtlich entstandene breite Bündnisse die Demonstrationsrouten blockiert und dabei Teilnehmerzahlen bis über das Zehnfache derjenigen der Neonazis erreicht. Die Befürchtung, dass Leipzigs internationaler Ruf verdirbt, kann genauso gut ins Gegenteil umschlagen. Vielleicht gibt es keine bessere Gelegenheit, als gerade hier der Welt zu zeigen, dass ein solcher Neonazi-Aufmarsch nicht durchführbar ist. Und zwar selbst dann nicht, wenn die Verwaltungsgerichte diese Demonstration zulassen würden. Aber glaubt eigentlich jemand, dass eine Demonstration zur Leugnung des Holocausts erlaubt wird? Der Plan ist so grotesk, dass sich ein Verdacht einstellt: Vielleicht reicht den Neonazis die Aufregung, weil sie wissen, dass sie in Leipzig nicht durchkommen würden."
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Tagesspiegel: Irans Team will bei der WM nur Fußball spielen, doch längst ist der Sport Teil der politischen Debatte
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International

Berechenbare Nebengröße im Geschäft

Moggi-Skandal – Dirk Schümer (Frankfurter Allgemeine Zeitung) kann die langfristige Wirkung auf Italiens Fußball nicht erfassen:
"Der Skandal nach zehntausend abgehörten Telefonaten, der erwiesenen Dauerbeeinflussung der Serie A und dunklen Transfergeschäften der Familie Moggi läßt Zweifel aufkommen, ob und wie Italiens Fußball überhaupt noch zu retten ist. Denn perverserweise haben die Enthüllungen niemanden sonderlich überrascht. Erstmals hat aber die ganze Nation Einblick in die feinen Äderchen der Macht, in den vulgären Jargon der Mächtigen, in den schmutzigen Alltag der Manipulationen, welche die Öffentlichkeit zuerst vom 'geschminkten Fußball' sprechen ließ, danach aber vom monströsen 'Moggipoli' – was man etwa als Moggi-Gate übersetzen könnte. Mit vier Mobiltelefonen vernetzte sich der agile Eisenbahner über Jahre mit allen, die ihm in der Fußballindustrie wichtig waren. Mit Schiedsrichtern seines Vertrauens sprach er die passenden Elfmeterpfiffe, die genehmen Gelben und Roten Karten ab. Besonders elegant war der Schachzug, bei Gegnern von Juventus eine Woche vorher stets alle gelbbelasteten Spieler mit einer Karte sperren zu lassen – eine Schwächung des gegnerischen Kaders, die niemandem auffiel. Vor allem der nationale, auch für den Europapokal zuständige Schiedsrichter-Beauftragte, Pierluigi Pairetto, zog auf Befehl stets die parteiischsten Unparteiischen aus der Lostüte, wenn es um Moggis Wohl und Weh ging. Rivalen wie den Eigner von Florenz, den Schuhindustriellen Diego della Valle, konnte Moggi bequem mit falschen Pfiffen an den Rand des Abstiegs manipulieren und danach mundtot machen. (...) Ein System liegt in Trümmern, bei dem der Sport nur mehr eine berechenbare Nebengröße im Geschäft war. Was der Calcio, der ohnehin an rückläufigen Wetteinnahmen, langweiligen Spielen und leeren Stadien litt, durch diesen Skandal eingebüßt hat, läßt sich noch gar nicht übersehen."

Neue Zürcher Zeitung: Der FC Watford mit kleinen Brötchen ans große Geld – aus dem Wellental zurück in der Premier League
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Unterhaus

Abstieg abgehakt

Rot-Weiß Essens Wiederaufstieg in die Zweite Liga – Christoph Biermann (Süddeutsche Zeitung) begründet die Mischung aus Jubel und Erleichterung:
"Prima war die Atmosphäre mal wieder in Essens proletarischem Norden, wo Fußball immer mit etwas rauerem Charme daherkommt. Wer das Spiel ursprünglich mag, ist in dem in die Jahre gekommenen Stadion gut aufgehoben, denn hier stört kein modischer Schnickschnack; und nicht wenige Zuschauer dürften zu denen gehören, die man heute gerne Modernisierungsverlierer nennt. Das machte den Jubel über den Aufstieg noch inbrünstiger, und doch hatte Präsident Hempelmann recht damit, dass vor allem der Abstieg abgehakt worden sei, denn nach Jahren kontinuierlichen Fortschritts war er so etwas wie ein Schock gewesen. (...) Man kann den direkten Wiederaufstieg gar nicht hoch genug bewerten. Der Abstieg aus der zweiten Liga ist generell der schlimmste, den es im deutschen Fußball gibt. Er bringt einen solch dramatischen finanziellen Einbruch mit sich, dass die meisten Klubs daran fast zerbrechen. So betrauerte, während in Essen die Fans feierten, ein Nachbar und Mitabsteiger aus dem letzten Jahr seinen direkten Weiterabstieg in die Oberliga: Rot-Weiß Oberhausen. Auch Eintracht Trier wird vermutlich in die vierte Liga durchgereicht, nur Rot-Weiß Erfurt wird sich vermutlich so gerade noch retten."

Antithese zum totgesagten Ostfußball

Nach dem Aufstieg in die Zweite Liga blättert Ronny Blaschke (Süddeutsche Zeitung) in der Vereinschronik: "Der FC Carl Zeiss hatte es weit gebracht":
"Platz 1 in der ewigen Oberliga-Tabelle der DDR, drei Meisterschaften, vier Pokalsiege, vierunddreißig Nationalspieler. Der Weg führte bis ins Europacup-Finale, 1981, Jena scheiterte damals unter Trainer Hans Meyer an Dynamo Tiflis. Die Erinnerung an diese Zeit half den Thüringern auch, die Neunziger zu überstehen, in denen der Verein tief stürzte, sportlich wie finanziell. Jena stolperte anders als Dynamo Dresden oder der VfB Leipzig nicht über die Gier westlicher Glücksritter, es verlor sich im Wandel der Zeit. (...) Der FC Carl Zeiss von gestern hat mit dem von heute wenig gemein, er hat sich irgendwie von sich selbst emanzipiert – der Klub ist neben Energie Cottbus die Antithese zu dem vor einem Jahr noch totgesagten Ostfußball. Der Erfolg basiert auf der eigenen Nachwuchsförderung. Auch in der zweiten Liga will Präsident Rainer Zipfel, der das Flutlicht lieber zu spät als zu früh anschaltet, sparsam sein. Der Klub ist auf den Mittelstand angewiesen. 120 Sponsoren werden ein Drittel des 5,4-Millionen-Etats bereitstellen, der Rest sind Fernseheinnahmen. Die technologischen Großunternehmen Carl Zeiss und Jenoptik geben seit Jahren keinen Cent mehr. Doch der FC Carl Zeiss, einst stolzer Werksklub, wird den Namen weiter pflegen. Das Stadion wird modernisiert und ausgebaut. Auf der Gegenseite thront noch immer der graue Turm, von dem früher die Stasi über den Fußball wachte. Die uralte Anzeigetafel ist überklebt, die Uhr steht seit Jahren still. Es soll alles professioneller werden im Ernst-Abbe-Sportfeld."

freistösse des tages

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