Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

Eine Fußball-WM ist das letzte, was Südafrika braucht


7.6.2010
Trotz Wirtschaftskrise feiert die Fifa ein teures Fest auf einem armen Kontinent und auf Kosten eines Lands, das sich größten Problemen ausgesetzt sieht. Eine Fußball-WM ist das letzte, was Südafrika braucht.

Arbeiter vor dem Stadion von JohannesburgArbeiter vor dem Stadion von Johannesburg (© AP)

Als unsere Ikone Nelson Mandela im Jahr 2004 den WM-Pokal in Zürich empor reckte und für Südafrika den Auftrag entgegennahm, eine WM auszurichten, ließ sich die Welt blenden. Großteile der Öffentlichkeit und der Medien folgten der "Parteilinie" der Fifa, wonach Südafrika eine Wundernation sei, der die "Ehre" und das "Privileg" zuteil würden, eine der weltweit bedeutendsten Sportveranstaltungen auszurichten.

Mehr als 60 Prozent der Südafrikaner sind jünger als fünfundzwanzig Jahre alt, davon sind mindestens 27 Prozent arbeitslos, 67 Prozent ungebildet, zum Teil Analphabeten, und mehr als 30 Prozent mit dem HIV-Virus infiziert. Die schleichende Korruption in unseren Behörden fügt vor allem der stetig wachsenden Unterschicht großen Schaden zu. Eine Fußball-WM war das letzte, was das Land gebraucht hat.

Doch unsere Mächtigen glauben, die WM gibt uns die Chance, uns von unserem Minderwertigkeitskomplex zu befreien. Und von den Zweifeln an unserer Fähigkeit, ein solches Turnier auszutragen. Wegen der Apartheid sind wir von der Staatengemeinschaft lange als Aussätzige behandelt worden. Die Fußballweltmeisterschaft betrachtet die Regierung, die verzweifelt nach internationaler Anerkennung strebt, als Eintrittskarte in den Führungszirkel der westlichen Welt. Endlich ernst genommen werden – das will Südafrika. Der Fifa sei Dank, dass sie es uns nun ermöglicht. Angeblich.

Es ist unseren Politikern nicht in den Sinn gekommen, dass man sich Respekt auch verdienen kann, indem man Krankheit, Armut oder die globale Erderwärmung mit großem Ressourceneinsatz bekämpft. Stattdessen heißt es: Südafrika wird bereit sein für den 11. Juni 2010, koste es, was es wolle! In seinem Buch Player and Referee – conflicting intersts of the 2010 Fifa World Cup schreibt Sam Stole: "Es ist eine Tragödie, wie viel Arbeitszeit, Geld, Fähigkeiten und Energie in ein Projekt versenkt wird, das kaum mehr als eine einmonatige Fernsehshow ist."

Und in der Tat, die Kosten sind höher, als wir es uns je vorstellen konnten. Beispiele gefällig? Erstens wollten Kapstadts Politiker ihr Stadion in einem ärmeren Vorort errichten, wo Fußball Leidenschaft und Freizeitvergnügen ist. Sepp Blatter wollte aber eine Aussicht auf die Tafelberge, den Ozean und Robben Island, wo Mandela siebenundzwanzig Jahre seines Lebens verbrachte. Blatter mag idyllischen Hintergrund für sein Spektakel. Er rief den damaligen Staatspräsidenten Thabo Mbeki an, der wiederum die Bürgermeisterin von Kapstadt, Helen Zille, kontaktierte. Es gebe keine Diskussion, das Stadion müsse an der von Blatter gewünschten Stelle gebaut werden. Resultat dieses Umzugs: eine Kostenexplosion beim Bau von umgerechnet rund 200 Millionen auf rund 480 Millionen Euro.

Zweitens, in Johannesburg führte der Umbau des 70.000 Zuschauer fassenden Ellis Parks und der Bannmeile um das Stadion herum zu einer Vertreibung von von armen Immigranten, die dort lebten. Bis heute ist keine Stimme des Widerstands zu vernehmen.

Drittens wurde in Nelspruit, einer abgelegenen Stadt am Rande des Krüger National Parks, ein 50.000 Zuschauer fassendes Stadion erbaut. Auf Land, das der armen Kommune für umgerechnet 10 Cent abgekauft wurde. Dem Stadion musste eine Schule weichen, bis heute warten Schüler auf den Umzug in den versprochenen Neubau. Der Bürgermeister von Nelspruit wurde umgebracht, nachdem bekannt wurde, dass bei der Vergabe von Bauaufträgen nicht alles mit rechten Dingen zuging. Der Mörder ist bis heute nicht gefasst.

Südafrikas Politiker verschweigen die Kosten



In Durban akzeptierte die Fifa viertens das bereits existierende Stadion (55.000 Zuschauer), die Umbaumaßnahmen sollten sich auf rund 6 Millionen Euro begrenzen. Trotzdem betrieben Politiker in Durban Lobbyismus für ein neues Stadion, ein Wahrzeichen sollte es werden. Ihr Argument: Sie wollen sich für die Olympischen Spiele und Commonwealth bewerben und Durban als Sporthauptstadt Afrikas positionieren. Voriges Jahr ist ihr Wunsch erfüllt worden. Die Stadt eröffnete ein Stadion, das den Steuerzahler rund 340 Millionen Euro gekostet hat. Ein Verdienst unserer politische Elite.

Fünftens: Bei der Ausschreibung für den Bau des Johannesburger Stadions, das 94.000 Zuschauer fasst und in dem Eröffnungs- und Schlussfeier ausgetragen werden, gab es Indizien für Betrug. Die Behörden haben nach langem Zögern Aufklärung versprochen.

Wenn unsere Regierung wenigstens den Mut zur Wahrheit hätte: nämlich, dass es ihnen alleine um das Prestige geht, dieses großes Sport-Event zu veranstalten. Stattdessen täuschen sie ihre Wähler, indem sie die falsche Behauptung aufstellen, die WM löse einen Wirtschaftsaufschwung aus. Fadenscheinig reden sie von internationaler Profilierung. Die hohen und dauerhaften Kosten der WM hingegen verschweigen sie.

Südafrikas Menschen werden sich fragen, warum ihre Mägen noch leer sind



Dabei hat Südafrika teure Lasten zu schultern: Kriminalität muss bekämpft werden, das Schulsystem reformiert, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps gerettet. Zudem hat eine desaströse Bodenreform dazu geführt, dass große Gebiete brach liegen und ein Land, das vor fünfzehn Jahren noch Nahrungsmittel exportiert hat, inzwischen unter Essensmangel leidet.

Die Elektrizitätsversorgung kann die Nachfrage nicht stillen, doch für die Dauer der WM haben Land und Gastgeberstädte versprochen, mit Sonderschichten nachzuhelfen. Außerdem wurde die Fifa nervös und ordnete an, große Stromgeneratoren zu importieren und in den Stadien und Städten zu installieren. Und weil Gewalt und Verbrechen in Südafrika eskalieren, wurden 9 Millionen Euro investiert, um die 41.000 Polizisten, die an der WM im Einsatz sind, besser auszurüsten und zu trainieren. Und die Regierung wird nicht müde zu behaupten: "Wir sind bereit."

Auf der einen Seite stimmt das. Wir haben Straßen ausgebessert, neue Flughäfen gebaut, modernste Sicherheitssysteme gekauft, der Fifa zehn Stadien hingestellt, die ihre Auflage erfüllen. Doch kein Mensch spricht darüber, welchen Nutzen der südafrikanische Bürger von dieser Extravaganz ziehen soll.

Über 5 Milliarden Euro hat das Parlament genehmigt, um den drakonischen Anforderungen der Fifa gerecht zu werden. Die Verträge mit den Gastgeberstädten lassen lokale Unternehmen im Regen stehen. Gleichzeitig hat die Fifa unerhörte Bedingungen durchgesetzt: Für die Dauer der WM müssen in den Austragungsstädten alle Bauarbeiten ausgesetzt werden. Teile unserer Polizei missbraucht sie dazu, Ambush Marketing zu verhindern. Straßen müssten gesperrt, Sonderwege erschaffen werden, damit sich Mannschaften, Sponsoren und Fifa-Repräsentanten unverzüglich fortbewegen können.

An Spieltagen werden um die Stadien Bannmeilen gezogen, Geschäfte geschlossen, Logos von Unternehmen verdeckt. Veranstaltungen, die normalerweise im Juni oder Juli stattfinden, also zur touristischen Hauptsaison Südafrikas, müssen verschoben werden: traditionsreiche Pferderennen, Ausstellungen, Beach- oder Musikfestivals. Und mindestens fünfhundert Unternehmen finden sich vor Gericht, weil sie gegen die rigiden Branding-Regeln der Fifa verstoßen haben sollen.

Trainingsplätze wurden ausgebaut, damit sie exakt den Originalmaßen entsprechen – auf Kosten der Steuerzahler, versteht sich. Wie auch die Verbesserungen der Infrastruktur, Straßenbegradigungen und -beschilderungen, selbst LOC-Büros in jedem der Gastgeberstädte, inklusive freier Kost und Logis.

Die Hunderttausende von Bauarbeitern, die für die Fertigstellung gebraucht wurden, haben nun großteils ihren Job verloren. Die Weltwirtschaftskrise hat ihre Branche hart getroffen, Arbeit ist in Südafrika ohnehin schwer zu finden, gerade in diesen Zeiten.

Zwar hat die Fifa garantiert, den Gastgebern eine Stadionpacht abzutreten, die an der Zuschauerzahl orientiert ist. Doch da der Ticketverkauf nach wie vor schleppend verläuft, wie selbst die Fifa einräumt, könnte dieser Betrag viel geringer ausfallen als erwartet. Zudem sind erst etwa zwei Drittel der Hotelkapazität ausgeschöpft, da sich Reisende aus fast allen Ländern bislang zurückhalten.

Die Aussichten Südafrikas auf Gewinn sind düster. Noch mögen unsere Landsleute ihre Fußballtrikots anziehen, ihre Fahnen schwenken, tanzen und die Vuvuzelas blasen. Doch wenn sie später erwachen, werden sich die Menschen fragen, warum ihre Mägen noch leer sind und ihre Krankheiten ungeheilt.

Bald interessiert sich Blatter nicht mehr für die Probleme unseres Landes



Dann wird die Fifa-Regierung ihre Rückflüge längst gebucht haben, und Joseph Blatter wird weit weg sein und in Zürich die Alpen überblicken. Er wird aus dieser WM mehr erzielt haben als aus jedem anderen Turnier zuvor. Ein Nettogewinn von alleine einer Milliarde Fernsehgeld wird seiner sein. Sein Versprechen, Afrika eine WM geschenkt zu haben, wird er gehalten – und somit die Gegenleistung für viele Wählerstimmen erbracht haben. Diese Stimmen werden Blatter bei der nächsten Präsidentenwahl wohl nicht vergessen haben.

Und mit Gänsehaut wird Blatter wiederholen, dass er ein Afrikaner ist. Er wird sagen, dass es das beste WM-Turnier aller Zeiten gewesen ist und er sich nie von Zweifeln den Schlaf rauben gelassen hatte. Und er wird durchscheinen lassen, dass er es gegen Widerstand durchgesetzt hat, diesem armen Kontinent das Vertrauen zu schenken.

Als im Jahr 2008 die Bauarbeiter streikten, stattete ihnen Blatter einen Besuch am Stadion ab. Dort wurde er als Retter begrüßt, hielt eine leidenschaftliche Rede und bat sie, an ihre Arbeit zurückzugehen. Später sagte er den Zeitungen: "Sehen Sie, sie haben meinen Wunsch erhört und mir versprochen, weiterzuarbeiten." Hinter den Kulissen bewegte Blatter Präsident Zuma dazu, sich der Krise in Simbabwe anzunehmen. Öffentlich betete er dafür, dass Südafrikas Ikone Nelson Mandela die WM 2010 miterleben wird. Was freilich in Gottes und nicht in Blatters Hand liegt.

Doch in acht Wochen werden die Probleme dieses Entwicklungslands Blatter nicht mehr länger beschäftigen. Stattdessen wird er sich Brasilien zuwenden, dem nächsten Opfer des größten Betrugs auf Erden, der Fifa-Weltmeisterschaft 2014.


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