Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

8.6.2010 | Von:
Bartholomäus Grill

Fußball WM 2010 - Südafrikas Chance

Einen Monat lang die Menschlichkeit feiern

Der Homo ludens kennt keine Hautfarbe

Seit eineinhalb Jahrzehnten berichte ich über die Region zwischen Khartum und Kapstadt, Dakar und Daressalam, und von Anfang an verfolgte ich das Fußballgeschehen auf dem Kontinent. Gelegentlich hat mich erzürnt, wie die schönste aller Sportarten politisch missbraucht wurde, und es war niederschmetternd, dass sie dem Genozid in Ruanda nichts entgegenzusetzen hatte – die Fußballer mordeten mit.

Wo immer ich hinkam, der Fußball war überall das wertvollste Kommunikationsmittel. Er überwindet Sprachbarrieren, schlägt Brücken zwischen Kulturen und versöhnt manchmal Bürgerkriegsparteien. Gelegentlich war ich froh, über Spiele oder Spieler reden zu können, um brenzlige Situationen zu entschärfen. Zum Beispiel beim Zusammentreffen mit betrunkenen Lumpensoldaten im Kongo oder mit Milizionären in Sierra Leone. Oder im Gespräch mit jugendlichen Mördern und Totschlägern, die ich in einem südafrikanischen Hochsicherheitsgefängnis besuchte. Nur ein einziges Mal hinterließ König Fußball keinerlei Wirkung. Ich war im Urwald der Zentralafrikanischen Republik auf eine Gruppe von Baka gestoßen, Ureinwohner, die wegen ihrer Kleinwüchsigkeit von kolonialen Ethnographen dem fragwürdigen Sammelbegriff "Pygmäen" zugeordnet wurden. Auf einer Lichtung starrte mich eine Schar nackter Kinder an, als wäre ich soeben vom Mond heruntergefallen. Da hockte ein weißer Mann auf einem Baumstumpf, presste einen seltsamen schwarzen Gegenstand an sein Ohr und schrie manchmal aus unerfindlichen Gründen auf. Ich hörte auf meinem Weltempfänger eine Live-Reportage aus dem Dortmunder Westfalenstadion, 30. Spieltag der Bundesligasaison 1994/95, meine Borussia gegen den VfL Bochum, 3:1 hieß es am Ende – ein Heimsieg auf dem Weg zur Meisterschaft. Ich musste das unbedingt hören. Aber wie hätte ich den Kindern erklären sollen, wer Sabine Töpperwien ist und was es mit dem BVB aus sich hat? Es gibt in ihrer Sprache kein Wort für dieses merkwürdige Spiel der Menschen, die nicht im Wald wohnen ...

Wenn irgendwo der Ball rollte, habe ich oft selber mitgekickt, auf Dorfplätzen und Schulhöfen, in Militärkasernen und Flüchtlingslagern, in Slums oder auf dem gepflegten Trainingsgelände eines Erstligavereins. Oder mit meinen Jungs, den Radium Stars aus Johannesburg. Ich begleitete Fußballhexer und besuchte Socca-Stars, fachsimpelte mit Trainern und stritt mit korrupten Vereinsbossen. Oft kam ich mir als einziges Bleichgesicht unter Tausenden schwarzen Fans wie ein Paradiesvogel vor. Als ich 1980 zum ersten Mal nach Afrika kam, überreichte ich einem kleinen Massai-Jungen einen Lederball – so halte ich es bis heute: Ein Fußball ist das allerschönste Geschenk, das man afrikanischen Kindern machen kann.

Aber wenn ein Stürmer wie Didier Drogba ein fabelhaftes Tor gelingt, nehmen selbst eingefleischte Rassisten nicht mehr war, ob er schwarz oder weiß ist. Der Homo ludens, der spielende Mensch, kennt keine Hautfarbe, er spielt als Gleicher unter Gleichen. Ke nako!

Der Text ist ein Auszug des ersten Kapitels aus "Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert" von Bartholomäus Grill, erschienen bei Hoffmann und Campe (20 Euro).

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