Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

8.6.2010 | Von:
Guy Berger

Fans 2.0

Die Fifa will die Zeit anhalten

SMS, Facebook, Handy-Dienste, Twitter – heutige Möglichkeiten der Live-Berichterstattung sind für Medien und Fans vielfältig. Die Fifa möchte sie am liebsten alle unterbinden.

FIFA Generalsekretär Jerome Valcke spricht im Stadion von Kapstadt in ein Mobiltelefon. Für die Fans möchte die FIFA moderne Kommunikation aus dem Fußballstadion am liebsten komplett verbieten.FIFA Generalsekretär Jerome Valcke spricht im Stadion von Kapstadt in ein Mobiltelefon. Für die Fans möchte die FIFA moderne Kommunikation aus dem Fußballstadion am liebsten komplett verbieten. (© AP)

Manchmal ist es für den Regelbrecher besser, darauf zu hoffen, übersehen zu werden, als nach Erlaubnis zu fragen. Das dürfte das Nationale Südafrikanische Forum der Herausgeber (Sanef) nach einem Briefwechsel mit der Fifa denken. Darin kommt die Forderung der Sanef zum Ausdruck, zeitgemäß über die WM berichten zu dürfen. Es geht um die Erlaubnis neuer Techniken, etwa Handy-Applikationen oder Software-Programmen, die sich auf dem Mobiltelefon befinden.


Einige dieser Anwendungen verbinden den Nutzer mit mobilen Inhalten, viele Medienunternehmen schneiden Angebote speziell auf das iPhone zu. Die Sorge der Herausgeber betreffen die Richtlinien der Fifa, die:
  • jegliche Berichte untersagen, die mobile Benachrichtigungsdienste, Downloads auf mobile Geräte und MMS-Benachrichtigungen enthalten.
  • die Erlaubnis für Nachrichtenseiten verweigert, "die gedacht für mobilen Zugang oder mobile Ansicht" sind. Die einzige Ausnahme sind auf Mobilgeräte ausgerichtete WAP-Seiten, die Text und Bild beinhalten.
Im Januar schrieb die Sanef der Fifa einen Brief, in dem sie die Auflagen der Fifa kritisierte. Da sie keine Antwort erhielt, versuchte sie es im März erneut. Anfang Mai schickte die Fifa eine verspätete Antwort – und hat die bisherigen Beschränkungen noch einmal verschärft.

Nun seien nur noch Anwendungen mit "Pull-Service" erlaubt. Unter "Pull-Service" versteht die Fifa, dass es "am Nutzer selber liegt, aktiv nach dem autorisierten Inhalt" zu suchen (ihn aber nicht herunterzuladen), ohne dazu aufgefordert zu werden. Weiter heißt es: "Jede Form von Push-Services, die den Nutzer benachrichtigen, sobald es Neuigkeiten samt Bildern gibt, sind nicht erlaubt." Während sich also die früheren Beschränkungen lediglich auf mobile Endgeräte bezogen, weitet der Antwortbrief diese Begrenzungen nun auf jede Website aus und schiebt jeder Form von Push-Service einen Riegel vor.

Im Grunde geht es der Fifa darum, ihre gigantische Einnahmen, die sie durch den Verkauf von Live-Rechten an TV-Sender erhält, zu schützen. Live-Videos sind verboten – so weit, so gut. Aber in ihrem Wunsch, alles zu unterdrücken, was auch nur einer Live-Übertragung ähnelt, blockiert die Fifa nun auch noch Push-Services für Bilder.

Altertümliche Vorstellung von Massenkommunikation

Noch größere Sorgen bereitet einem die Tatsache, dass die Regel der Fifa nun auch auf dem "Push-Service" basierende Textnachrichten ausgeweitet wird. Demnach dürften Zeitungen während des Spiels keine E-Mails mehr mit Informationen über ihre neuesten WM-Beiträge verschicken.

Die Botschaft an die Verleger ist folgende: Sie dürfen Inhalte online veröffentlichen, solange diese kein Videomaterial enthalten, allerdings ist es ihnen nicht gestattet, elektronische Massenmedien für die Publikation ihrer neuen Inhalte zu nutzen. Geschweige denn, alles direkt an den Nutzer zu übermitteln. Das ist verrückt.

Diese erweiterte Einschränkung spiegelt ein höchst altertümliches Konzept von Massenkommunikation wider:
  • Der Gedanke des "Push gegen Pull" verschwimmt im Falle des iPhone, das beide Aspekte vereint.
  • Heute gibt es keinen wirklichen "Push-Pull"-Unterschied zwischen der aktiven Anmeldung für SMS-Dienste, dem initiativen Anschalten des Fernsehers, um einen Sender zu empfangen, oder (wieder initiativ) dem Einloggen auf Twitter, um zu sehen, worüber gerade gezwitschert wird.
  • Das Eingreifen der Fifa ignoriert die Tatsache, dass die meisten Nachrichtenseiten heute ihre Schlagzeilen automatisch per RSS verschicken.
  • Die Haltung bedeutet zudem, dass eine Zeitung seinen Online-Inhalt davor sperren sollte, kategorisiert zu werden, damit Neuigkeiten nicht auf "Google News" veröffentlicht werden. Tatsächlich würden die Richtlinien der Fifa sogar den Suchmaschinengiganten selbst trockenlegen.
  • Vorgestrig ist auch die Annahme der Fifa, dass Zeitungen online (unbewegte) Bilder von Menschen zeigen können, ohne dass jemand sie herunterladen würde.
Die Auflagen für Medienkommunikation durchdringen auch die Vertragsmodalitäten beim Ticketkauf. Sie verbieten es gewöhnlichen Menschen, Bürgerjournalismus zu betreiben. Die Fifa schreibt nämlich (großzügig) vor, dass man eine Kamera zu den Spielen bringen dürfe, die ausschließlich unbewegte Bilder aufnimmt (meine Güte, gibt es irgendwo noch Kameras zu kaufen, die nur unbewegte Bilder schießt?). Aber hier ist der Haken: Man darf die Bilder nur für private Zwecke machen und sie ausdrücklich nicht kommerziell vertreiben.Auch die Möglichkeit, seine Bilder auf Facebook hochzuladen, wird den Fußballfans genommen. Fürchte dich vor Sepp Blatters Zorn, falls du es wagst, deine Bilder heimlich auf dein Blog oder eine andere Seite zu stellen, am besten noch mit Google-Werbung neben deinen Uploads!Darüber hinaus klärt die Fifa die Zuschauer auf, dass sie zu den Spielen keine Videokameras, Audiorekorder oder internetfähige Computer mitbringen dürfen. Doch jedes moderne Mobiltelefon ist mit all diese Dingen ausgerüstet. Eine weitere Bestimmung bezieht sich ausdrücklich auf "mobile Geräte" und verbietet es, Audio- oder Videomitschnitte mit dem Mobiltelefon zu machen und diese – falls man das erste Verbot missachtet haben sollte – weiterzuleiten.

Die Fifa denkt in alten Mustern

Noch lästiger ist das Verbot, Fotos, Ergebnisse und sogar Texte über die Spiele live zu senden. Im Prinzip dürfen Zuschauer während der Spiele nicht über die Spiele twittern, streng genommen nicht mal eine SMS schreiben. Weshalb? Weil diese Push-Technik für die Fifa formal dasselbe ist wie Rundfunk.

Natürlich wird die Fifa nicht in der Lage sein, ihre drakonischen Einschränkungen zu kontrollieren, abgesehen von wenigen Ausnahmen. Dennoch belegen die Regeln: Die Fifa denkt in alten Mustern, sie will offenbar die Zeit anhalten. Es ist einfach nur naiv, Vorschriften für einen Informationsmangel in einem Zeitalter durchsetzen zu wollen, das ein noch nie zuvor da gewesenes Informationspotenzial besitzt – ein Potenzial, das selbst der Fifa zugute kommen würde.

Solch autoritärer Anachronismus ist allerdings kaum überraschend. Er hat seinen Ursprung in einer Institution, die im Jahr 2010 Journalisten als Bedingung für eine Akkreditierung immer noch zu dem Versprechen zwingt, sie nicht in Misskredit zu bringen.

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