Südafrikanische Fans mit Vuvuzelas in Durban (16.06.2010) kurz vor dem Spiel Südafrika gegen Uruguay

8.6.2010 | Von:
Jürgen Kalwa

Kandidatensuche - USA wollen die WM

"Eine Nation, die immer die Nummer eins sein will"

Die Amerikaner bewerben sich um die WM 2018 oder 2022. Die Stars ihrer Bewerbung: Hollywood-Figuren und Politiker. Denn ihre Fußballer eignen sich nicht. Denen fehlt noch immer eine ureigene spielerische Identität.

Werbeträger für die amerikanische Bewerbung: Brad Pitt.Werbeträger für die amerikanische Bewerbung: Brad Pitt. (© AP)

Als David Beckham vor wenigen Jahren in die USA kam, wirkte er wie eine Figur aus einem fremden Film. Fußballspieler in Amerika besitzen nicht das Kaliber von Rockstars. Und sie sind nicht mit stöckeldünnen Frauen verheiratet, die einen eigenen Schwarm von Paparazzi hinter sich herziehen und ihren Umzug nach Los Angeles fürs Fernsehen filmen lassen. Ein Mann allerdings schien von dem Glamour-Duo aus Europa keineswegs irritiert: Der Hollywood-Schauspieler Brad Pitt, der dank seiner engen Beziehungen zu Actricen wie Jennifer Aniston und Angelina Jolie zu einer der populärsten Ikonen der Boulevardpresse geworden ist und der zusammen mit Jolie eine Reihe von Kindern aus aller Welt adoptiert hat.


Der sah in David Beckham einen idealen Trainer, um seinen Sohn Maddox mit dem runden Leder vertraut zu machen. Maddox war damals fünf Jahre alt und vernarrt in Fußball. Der Kleine wurde deshalb in der David Beckham Soccer Academy in Los Angeles angemeldet. Eine Einrichtung, die nach dem Willen ihres Gründers ihren Teil an der Förderung der meistversprechenden Talente im Land der unbegrenzten Möglichkeiten beitragen soll. Pitt hoffte auf Einzelunterricht und Tipps vom Meister des Effet-Freistoßes.

Dieser Tage ist es in Kalifornien eher still um den ehemaligen Kapitän der englischen Auswahl geworden. Denn der entdeckte ziemlich schnell, dass er auf dem grünen Rasen nur wenig Wirkung verbreiten konnte. Obendrein fand er heraus, dass einer wie er im Trikot der Los Angeles Galaxy keine Chance hat, sich in das Team der Three Lions zurück zu kämpfen. So wechselte er die Winter über – in der langen Spielpause von Major League Socceer – nach Mailand (wo er sich im März an der Achillessehne verletzte und nicht mehr rechtzeitig vor der WM fit wurde).

Dafür könnte sich Brad Pitt zu einer Zugmaschine für den amerikanischen Fußball entwickeln. Nicht als Spieler, aber als Aushängeschild für die Bewerbung von U.S. Soccer für die Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Die Entscheidung fällt am 2. Dezember 2010. Pitt ließ sich soeben vom außerordentlich rührigen Bewerbungskomitee verpflichten, in dem bereits solche berühmten Männer wie der Filmregisseur Spike Lee, der ehemalige Außenminister Henry Kissinger und der scheidende kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger sitzen. Ehrenvorsitzender? Ex-Präsident Bill Clinton.

Die Begeisterung dieser und manch anderer Honoratioren für das Spiel wirkt allerdings auf den zweiten Blick eher gestellt. Denn bis heute haben es die Amerikaner trotz der wachsenden Popularität von Fußball und einer stabil wirtschaftenden Profiliga namens Major League Soccer nicht aus der zweiten Garnitur der Nationen herausgeschafft. Das Interesse an einer solchen Großveranstaltung wird nicht von einem Gefühl getragen, wie sie in Fußballstammländern existiert, wo man mit Nationalspielern und ihren Erfolgen aufwächst, die daraufhin zu Leitfiguren für ganze Generationen werden – seien es Fritz Walter oder Ferenc Puskás, Pelé oder Eusebio, Lew Jaschin oder Zinedine Zidane.

Entwicklungshelfer Fifa

Der Eifer lebt von einer anderen Wunschvorstellung: Wenn schon nicht die Kicker die Erwartungen auf Glanz und Gloria einlösen können, dann möchte man sich wenigstens als Veranstalter ins rechte Licht setzen und sich auf diese Weise auf Augenhöhe mit den Besten messen.

Tatsächlich stehen die Aussichten auf den Zuschlag für 2022 nicht schlecht. Die USA bieten achtzehn Städte auf: Atlanta, Baltimore, Boston, Dallas, Denver, Houston, Indianapolis, Kansas City, Los Angeles, Miami, Nashville, New York, Philadelphia, Phoenix, San Diego, Seattle, Tampa und Washington. Und insgesamt einundzwanzig Stadien, die allesamt bereits existieren und entweder weniger als zwanzig Jahre alt sind oder in der jüngeren Vergangenheit renoviert wurden. Das durchschnittliche Fassungsvermögen liegt bei 76.000 Zuschauern. Eine enorme Kapazität, die nach den Erfahrungen bei der WM 1994 allerdings niemanden abschrecken wird. Damals waren selbst die riesigsten Arenen ausverkauft.

Und so würde das Bewerbungskomitee den Fifa-Gewaltigen am liebsten folgende Rechnung aufmachen: Allein aus dem Verkauf von Eintrittskarten könnte man in den USA eine Milliarde Dollar an Einnahmen erwirtschaften. Niemand unter den Konkurrenten Australien, Belgien und Holland, England, Russland, Portugal und Spanien, Japan, Katar und Südkorea könnte eine solche gigantische Summe auch nur in Ansätzen einspielen.

Der neue Modus des Fifa-Exekutivkomitees, mit einer einzelnen Entscheidungsphase gleich zwei WM-Gastgeber zu bestimmen, ist allerdings von vielen Unwägbarkeiten geprägt. Zwar gilt der alte Grundsatz, wonach die WM von einem Kontinent zum anderen wandert und nicht so rasch wieder an ein Land vergeben wird, das erst jüngst den Zuschlag erhalten hat. So wäre nach dem Turnier 2014 in Brasilien die Vergabe an einen europäischen Bewerber ziemlich wahrscheinlich. Also würde in einem solchen Fall eher 2022 für die USA sprechen. Aber die Fifa spielt nebenbei immer wieder gerne Entwicklungshelfer. Man denke nur an den Zuschlag für die USA anno 1994, wo man dadurch den Energieschub für eine Profiliga erhielt. Eine ähnliche Logik sprach zuletzt für das Ausrichterland Südafrika, und sie würde 2022 zu Gunsten von Australien ausgelegt werden müssen.

Das System ist zu durchorganisiert

Davon abgesehen, jenes oft zitierte politische Kalkül, das zum Beispiel mit der Bewerbung von Chicago für die Olympischen Spiele 2016 ins Gespräch gebracht wurde, hat sich erstaunlicherweise als komplett wirkungslos erwiesen. Viele Experten rechneten im Dezember 2009 damit, dass sich die dank Barack Obama seit der Amtszeit von Präsident George W. Bush gewachsenen internationalen Sympathien bei der Vergabe in Stimmen ummünzen lassen würden. Obama flog sogar höchstpersönlich zum Abstimmungskongress nach Kopenhagen, um die IOC-Mitglieder zu bezirzen. Der Auftritt war ein Reinfall. Rio de Janeiro bekam den Zuschlag. Und das, obwohl das amerikanische Fernsehen und amerikanische Großsponsoren, die die Olympische Bewegung zu weiten Teilen finanzieren, sicher gerne eine anderes Resultat gesehen hätten.

Angesichts solcher Imponderabilien wirken Gedanken von Jürgen Klinsmann, seit 1998 in Newport Beach unweit von Los Angeles zu Hause, besonders erhellend. Der ehemalige deutsche Nationaltrainer, der vor vier Jahren ein kleines Wunder vollbracht hatte, als er eine junge Mannschaft konsequent auf eine offensive Spielweise einschwor und trotz zahlloser Misserfolge vor dem Turnier an seinem Konzept festhielt und recht behielt, hat vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Zeitschrift "Sports Illustrated"ein interessantes Problem gestreift: den Mangel an fußballerischer Identität in den Vereinigten Staaten. "Fußball überträgt die Kultur eines Landes", sagt Klinsmann. "Er reflektiert sehr viel von seinen Bewohnern. Es wird sehr interessant zu beobachten sein, wohin sich der US–Fußball im Bezug auf seine Identität entwickelt."Mit anderen Worten: Soccer nach amerikanischer Art ist eine große Packung ohne viel Inhalt. Die enthält gute Torleute, stämmige Verteidiger und laufstarke Ballschlepper, aber keine Instinktkicker, die in der Offensive das Spiel übernehmen und prägen können. Und keine Stürmer mit Abstauberqualitäten und siebtem Sinn für die Abläufe vor dem gegnerischen Tor.

Als guter und einfühlsamer Gast im Land umschifft Klinsmann bei solchen Themen gewöhnlich potenziellen Konfliktstoff und kehrt lieber den ewigen Optimisten heraus: "Es wird eine Mischung sein", fabulierte er neulich über den Charakter und Spielstil, den amerikanische Mannschaften in der Zukunft auf den Platz tragen werden. "Man hat den lateinamerikanischen Einfluss. Man hat das Rückgrat eines Universitätssystems, was sich von allem im Rest der Welt unterscheidet."

Tatsächlich hat dieses System, das bereits bei den Bambini-Kickern einhakt, ein großes Manko: Es ist durchorganisiert. Dabei wisse man doch, sagt Klinsmann, "dass die besten Spieler in der Welt aus dem unorganisierten Geschehen kommen."Aber wer soll den Amerikanern, "einer Nation, die immer Nummer eins in der Welt sein will"(Klinsmann), die Lektion und das Erfolgsrezept eines so schönen, sich freientfaltenden Spiels beibringen? Wie die Idee vermitteln, dass man nicht alles in ein Programm und pressen kann?

Kennt Bill Clinton die Abseitsregel?

Sicher nicht U.S.-Soccer-Präsident Suni Gulati, ein Einwandererkind aus dem Fußballhinterland Indien und im Hauptberuf Wirtschaftsprofessor an der Columbia Universität in New York. Der propagiert am liebsten den merkantilen amerikanischen Geist, der solche Ereignisse von der organisatorischen Seite her beseelt: "Wir haben 1994 gezeigt, dass die USA eine hervorragende Veranstaltung ausrichten kann. So wie Fußball sich entwickelt hat, wären wir in der Position, eine spektakuläre Veranstaltung auf die Beine zu stellen."Tatsächlich zeigen seine Erklärungen, dass auch die nächste WM in den USA an einer besonderen amerikanischen Krankheit leiden würde: an dem Drang, sich als Gigant im Geschäftlichen zu beweisen.

So vermied es das Bewerbungskomitee tunlichst, auch nur eines der neuen kleineren Major-League-Soccer-Stadien in das Bewerbungsbuch aufzunehmen, obwohl gerade diesen handlichen und attraktiven Arenen in Los Angeles, Denver, Chicago, Dallas, Columbus und am Stadtrand von New York mit einem Fassungsvermögen von 20.000 bis 25.000 Zuschauern den wahren Stand des amerikanischen Profifußballs spiegeln. Sie sind die neuen Heimstätten einer Bewegung, die langsam Fuß fasst. Stattdessen griff man auf die Riesenstadien der American-Football-Clubs in der NFL zurück – die Tempel einer anderen Sportart.

Von solchen Dingen lenken die Stars der Bewerbung gerne ab. So sprach Bill Clinton aus Anlass seines Engagements für die Bewerbung lieber davon, dass er bei seinen "Reisen um die Welt, von den Ascheplätzen in Lusaka in Sambia zu den Spielplätzen in Schulen überall in Amerika"im Fußball eine "transformierende Kraft"gesehen habe. Er sei beeindruckt, wie die Fifa "das Spiel als Repräsentant für positiven gesellschaftlichen Wandel"vorantreibe. Über das eigentliche Geschehen, das Spiel auf dem grünen Rasen, seine Regeln, seine taktischen Finessen und seinen Geist, verlor er kein Wort. Wahrscheinlich müsste man ihm erstmal die Abseitsregel erklären.

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